Im Kino
Afrokitsch mit Perkussions
Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
17.12.2024. Gelegentlich unternimmt das "König der Löwen"-Prequel "Mufasa" zwar den Versuch, sich von toxischer Heldenmännlichkeit zu distanzieren; insgesamt schlurft der von Barry Jenkins inszenierte Film jedoch eher die ausgetreten Disney-Pfade entlang. Das Ergebnis: ein weiterer lauwarmer Beitrag zur Diversifizierungsstrategie des Konzerns.
Man hat es nicht leicht als animierter Löwe in einem Disney-Film: Als der lang ersehnte Regen aus einem nahe gelegenen Rinnsal einen reißenden Fluss macht, wird Löwenjunge Mufasa von seinen Eltern getrennt. Die Flut lässt erst nach längerer Zeit wieder so weit nach, dass der Löwenjunge daran denken kann, an Land zu kommen - und eben dann nähert sich ihm eine Gruppe hungriger Alligatoren. "Mufasa: Der König der Löwen" ist der fünfte Film des König-der-Löwen-Franchises, das in den 1990er Jahren mit drei klassischen Zeichentrick-Filmen begann und seit Jon Favreaus Remake "Der König der Löwen" (2019) ein zweites Leben als fotorealistische 3D-Animation erhält.
Kurz bevor Mufasa (Stimme im Original: Aaron Pierre) von den Alligatoren verschlungen wird, rettet ihn Löwenjunge Taka (Kelvin Harrison Jr.) aus den Fluten und nimmt ihn mit zu seinen Eltern Eshe und Obasi. Weil der Vater Angst hat, Fremde aufzunehmen, wächst Mufasa bei Eshe und den anderen Löwinnen auf - und lernt, zu jagen, Fährten zu lesen und zu wittern. Doch Mufasas Glück in seiner Adoptivfamilie währt nicht lang, schon bald stoßen Eshe und er bei einem ihrer Streifzüge auf zwei ungewöhnlich große Löwen mit ungewöhnlich bleichem Fell. Als die "Außenseiter" unter ihrem Anführer (Mads Mikkelsen) wenig später das Rudel von Takas Eltern angreifen, müssen die beiden Löwenjungen fliehen.
"Mufasa" ist ein Prequel zum Vorgängerfilm. Die Geschichte wird von einer Rahmenhandlung begleitet, in der der Mandrill Rafiki (John Kani) Kiara, der Tochter Simbas und Enkeltochter Mufasas, die Erlebnisse ihres Großvaters erzählt, während ihre Eltern unterwegs sind. Wie zu erwarten wird die Flucht Mufasas und Takas für die beiden zu einer Reise zu sich selbst. Während ihnen das bedrohliche Löwenrudel, das alle anderen Rudel bereits unterworfen hat, auf den Fersen ist, stoßen die Löwin Sarabi, der Nashornvogel Zazu und schließlich Rafikis jüngeres Ich zu den beiden Löwen. Ohne Ausweg nimmt die Gemeinschaft Kurs auf das mythenumwobene, paradiesische Milele (dem Swahili-Wort für "für immer"/"Ewigkeit").
Die Ästhetik bleibt auch dieses Mal gewöhnungsbedürftig für all jene, die an 2D-Animationen früherer Jahre oder doch zumindest die Verspieltheit der Animationen der Disney-Tochter Pixar gewohnt sind. Dass die Löw_innen mit perfekt synchronisierten Lippenbewegungen sprechen und singen, kann ebenso irritieren, wie die teils mäßig gelungenen Versuche, den Tieren eine anthropomorphe Mimik zu verleihen.
Wie bei allen hausinternen Remakes von Disneyklassikern besteht auch bei "Mufasa" das zentrale Anliegen darin, den Film zu modernisieren und heutigen Seherwartungen näher zu bringen. Das bedeutet einerseits, dass die Handlung nicht länger ausschließlich von männlichen Figuren getragen wird. Mufasas Aufwachsen unter den Löwinnen des Rudels ist vor dem eher konservativen Hintergrund traditioneller Disney-Geschichten als erster Schritt weg von einer toxischen Heldenmännlichkeit zu werten.
Auch dieses Mal verläuft die Modernisierung in erster Linie über die SchauspielerInnen, die den Figuren in der Originalfassung ihre Stimmen leihen. Anders als beim 2D-Animationsfilm von 1994 ist die Besetzung nicht länger mehrheitlich weiß. Wie viel besser es ist, dass nunmehr schwarze amerikanische und europäische SchauspielerInnen einer Geschichte, die in einem fiktiven Teil Afrikas angesiedelt ist, ihre Stimme verleihen, aber afrikanische SchauspielerInnen immer noch auf Nebenrollen beschränkt bleiben, wäre zu diskutieren. Das gleiche gilt für den Afrokitsch mit Perkussions in der Musik der Disney-Stammmusiker David Metzger und Nicholas Britell.
Aber letztlich geht es Disney ohnehin mehr um popkulturelle Quervermarktung als um die scheinbare Authentizität einer fiktiven Handlung - entsprechend ist es in dieser Logik wichtiger, dass Beyoncé Kiaras Mutter Nala spricht. Als Regisseur wurde Barry Jenkins eingespannt, was als erste Regiearbeit nach "Moonlight" (2016) und "If Beale Street Could Talk" (2018) eine durchaus überraschende Entscheidung des Regisseurs ist.
"Mufasa" setzt, was die Handlung angeht, auf die bewährte Mischung aus emotionaler Klaviatur und archetypischer Heldengeschichte. Die lustigen Nebenfiguren, die die Disney-Filme fast schon rituell prägen, sind allerdings auf ein Minimum reduziert. Ähnlich wie beim Vorgänger kommt auch bei "Mufasa" selten wirklich Spannung auf, der Film plätschert eher vor sich hin, als wirklich Begeisterung auszulösen. Bei "Der König der Löwen" hat das Disney nicht geschadet, trotz mäßiger Kritiken spielte der Film etwa das Siebenfache seines Produktionsbudgets von 250 Millionen Dollar ein und löste damit "Die Eiskönigin" als erfolgreichster animierter Film ab.
Disneys marktgetriebene Diversifizierungsstrategie, die der Konzern Ende der 1990er Jahre halbherzig mit "Mulan" begann, wirkt in den neueren 2D-animierten Filmen mit weiblichen Hauptfiguren deutlich überzeugender. Aber weder "Raya und der letzte Drache" noch "Encanto" (beide 2021) noch "Wish" (2023) hatten auch nur annähernd den kommerziellen Erfolg der "König der Löwen"-Neuverfilmung. Selbst die beiden Filme der "Vaiana"-Reihe konnten nur etwa das Vierfache bis Fünffache ihres Budgets einspielen.
Auch "Mufasa" setzt auf Sicherheit: bewährte Nebenfiguren wie die Meerkatze Timon und Warzenschwein Pumbaa (gesprochen wie im Vorgänger von Billy Eichner und Seth Rogen) tauchen auf, die Haldung schlurft, wie so oft bei Disney, eher märchenhaft-vage als allegorisch ausgetretene Pfade entlang, dazu die jedes Ohrwurms unverdächtigen Songs vom unterdessen bei Mainstream-Musicals nahezu unvermeidlichen Lin-Manuel Miranda. Alles in allem verwaltet "Mufasa: Der König der Löwen" das Disney'sche Formelkino für einen weiteren Film und vermeidet jede filmische Innovation, in der Hoffnung auf einen ähnlichen Publikumserfolg wie der Vorgänger.
Fabian Tietke
Mufasa: The Lion King - USA 2024 - Regie: Barry Jenkins - Sprecher (Original): Aaron Pierre, Kelvin Harrison Jr., Tiffany Boone, Kagiso Lediga, Preston Nyman, Mads MIkkelsen, John Kani, Blue Ivy Carter, Seth Rogen, Billy Eichner, Beyoncé Knowles-Carter - Laufzeit: 120 Minuten.
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