Die letzte Patientin
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518431832
Gebunden, 111 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Rauchend saß sie am Küchentisch, und ein "lasziver Lebensüberdruss, wie man ihn aus Filmen der Nouvelle Vague kennt" umgab sie. Sie studierte Geschichte und Französisch. Als sie sich in einen spanischen Anarchisten verliebte, folgte sie ihm nach Barcelona. Nach jahrelangen Reisen durch die halbe Welt und unzähligen "verzweifelten Liebesversuchen", wendet sie sich der Traumaforschung zu. Eines Tages kommt eine junge Frau zu ihr in die Praxis, die nicht spricht. Erst nach Jahren werden die ersten Wörter aus ihr herausbrechen. Ist sie Opfer eines realen oder eines eingebildeten Verbrechens? Fest steht: diese Patientin wird ihr, der inzwischen an Krebs erkrankten Therapeutin, die Liebe geben, die sie an keinem Ort der Welt hatte finden können.Die Erzählerin zeichnet das Leben einer Frau nach, die 1973 in ihre Frankfurter WG kam.
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Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.01.2025
Es gibt zur Zeit auffallend viele sehr kurze Romane von Frauen, notiert Rezensentin Marie Schmidt, die einige davon in einer Sammelkritik vorstellt. Einer ist "Die letzte Patientin" von Ulrike Edschmid, die ihr auch hier wieder als "Meisterin der Reduktion" begegnet: Fast noch "schlichter" als in ihrem bekanntesten Roman "Das Verschwinden des Philipp S." scheint es der Kritikerin in dieser Geschichte zuzugehen. Sie erzählt von einer Frau, die in den Siebzigerjahren nach Ende der Franco-Diktatur ihrem spanischen Liebhaber nach Barcelona folgt, wo sie jedoch bald verlassen wird und weitere Enttäuschungen und Gewalt erfährt - bis sie selbst Therapeutin wird und von ihrer letzten Patientin mit Vaterkomplex auf dem Sterbebett begleitet wird. Wie genau sich diese beiden Romanteile und Schicksale ineinander "spiegeln", wird nicht geklärt und bleibt für die Kritikerin noch lange nach der Lektüre das Faszinosum des Romans. Auch die knappe Form, die in jedem der kurzen Kapitel dasselbe Muster durchspielt - Aufbruch, Geborgenheit, Scheitern - imponiert der Kritikerin und erinnert sie an absurde Literatur. Eine "bittere Superheldinnengeschichte", die von großem Respekt für ihre Protagonistin zeugt, so Schmidt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 10.12.2024
Rezensent Jörg Plath ist außer Atem nach dem Lesen von Ulrike Edschmids kurzem Text über zwei Frauen in Extremsituationen. Eigentlich bietet die hier verhandelte Geschichte über das rastlose, gefährdete Leben einer Trauma-Spezialistin und eine ihrer Patientinnen Stoff für zwei Romane, meint Plath. Die starke Verdichtung auf nur gut 100 Seiten führt laut Rezensent zu einer verstörenden Ruhelosigkeit, die sich auf den Leser überträgt. Dennoch findet er das Buch erstaunlich, schon weil die Autorin es wagt, in der Mitte der Geschichte die Perspektive zu wechseln, ohne den Stil zu verändern. Fesselnd, findet Plath.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 26.10.2024
Ulrike Edschmid ist ja "Spezialistin für verletzte Menschen", hält Rezensentin Judith von Sternburg fest, das zeigt sich ihr auch im neusten Roman der Autorin. Die Konstellation ist folgende: Die Erzählerin bekommt von einer Freundin die Geschichte einer anderen Frau erzählt, der Schreckliches widerfahren ist, so Sternburg, Edschmid erzählt dabei ruhig, aber immer auf das Ziel gerichtet, sich dem Grund des Ganzen zu nähern. Die beiden Frauen, die miteinander im Gespräch sind, haben sich schon in den 1970er Jahren kennengelernt, die titelgebende letzte Patientin kommt erst in der zweiten Hälfte als Patientin der Frau dazu, die Therapeutin geworden ist, erfahren wir. Sternburg findet "gute starke Bilder" für sehr starke Gefühle, genug, um von diesem Buch erschüttert zu werden.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 10.10.2024
Rezensentin Katharina Teutsch sucht Ulrike Edschmid in ihrer Charlottenburger Wohnung auf, gibt aber vor allem einen Überblick über Edschmids Werkbiografie. Schließlich erfahren wir auch etwas über den neuen Roman, den die Autorin einer inzwischen verstorbenen Freundin aus Frankfurter WG-Zeiten gewidmet hat. Jene junge Luxemburgerin bewunderte Edschmid schon damals für ihren "lasziven Lebensüberdruss" und die "Rastlosigkeit", die ihr Leben prägen sollte: Zunächst brannte sie mit einem spanischen Anarchisten durch, ließ sich bald mit einem uruguyaischen Guerilla-Kämpfer ein, reiste mit einem Italiener durch das bürgerkriegsgebeutelte Guatemala oder hing mit einem kolumbianischen Guajiro ab - bis sie schließlich Psychologie in Barcelona studierte, resümiert Teutsch. Der Kritikerin eröffnet sich in diesem schmalen Buch ein Frauenleben im Umfeld der 68er-Bewegung, von Edschmid knapp, präzise und zugleich warmherzig skizziert.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 19.09.2024
Sehr angetan ist Rezensent Jan Drees von Ulrike Edschmids Werk, das möglicherweise einen autobiografischen Kern hat. Denn wie ihre Hauptfigur - die nicht die Ich-Erzählerin ist - lebte Edschmid in den 1970ern zeitweise in einer WG. Die Frau im Buch nun verliebt sich zunächst in einen Anarchisten, kommt anschließend mit einer Reihe anderer Männer zusammen, aber keine Beziehung hält. Sie selbst erträgt auf die Dauer keine Nähe. Später wird sie Psychotherapeutin und trifft auf eine weitere versehrte Figur, eine Sechzehnjährige, die traumatisiert ist und in den Therapiestunden lange gar nicht redet. Drees erfreut sich an der protokollhaften Sprache Edschmids, die sich zum Beispiel in einem exakten Blick auf verschiedene Formen der Bewegung niederschlägt. Psychologisch fein gearbeitet ist das Buch außerdem, der Kritiker fühlt sich an Arthur Schnitzler erinnert. Ein tolles, kühl und präzise konstruiertes Buch über das Brüchigwerden des Ich, so das ziemlich begeisterte Fazit von Drees.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.09.2024
Rezensent Paul Jandl ist begeistert vom neuen Roman Ulrike Edschmids, der zwei Geschichten erzählt: zum Einen die der Freundin der Ich-Erzählerin, die sich posthum ausgehend von ihren von der Erzählerin durchgesehenen Aufzeichnungen entfaltet und in die linksbewegten 1970er zurück führt; und zum anderen die Geschichte einer zunächst sprachlosen jungen Frau, die bei der Heldin der ersten Geschichte in die Therapie geht. Jandl hebt besonders Edschmids glasklare Sprache hervor, die präzise ist wie ein Uhrwerk ist und doch gerade in ihrer Präzision Zweifel an der Wirklichkeit sät. Regelrecht filmisch wird das Buch, findet Jandl, wenn es sich den linken Milieus der Vergangenheit zuwendet und nachzeichnet, wie die Freundin der Ich-Erzählerin sich in Kämpfe gegen Diktatoren stürzt, mit Zufallsbekanntschaften Beziehungen eingeht und zweimal vergewaltigt wird. Insgesamt zeigt sich Jandl beeindruckt davon, wie Edschmid, ausgehend von ihrem eigenen Leben, über das Mysterium des Menschseins schreibt und dabei auch mit den Lebenslügen der radikalen Linken abrechnet.