Efeu - Die Kulturrundschau
Es gibt hinter allem einen Plan
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.12.2024. Welt und taz resümieren einen Abend im Literaturhaus Leipzig, bei dem auch die Frage diskutiert wurde, wie weit Boualem Sansal rechts steht. Ganz gleich, wo ein Schriftsteller steht, er muss sich frei äußern dürfen, hielt Najem Wali fest. In Le Point berichtet Kamel Daoud indes von der Hasskampagne, der er in Algerien ausgesetzt ist: "Tausende von Menschen zu töten ist akzeptabel, während das Schreiben eines Buches zu einem Verbrechen wird." Die Zeit warnt vor: Notre Dame wird für viele Besucher ein ästhetischer Schock. Monopol lässt sich in Wien hypnotisieren von der kinetischen Kunst Liliane Lijns.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
05.12.2024
finden Sie hier
Literatur

Das Literaturhaus Leipzig hat einen Abend für Boualem Sansal abgehalten. Julia Hubernagel resümiert ihn in der taz geradezu betont sachlich, aber vollends wohl ist ihr mit Sansal offenbar nicht: Unklar sei etwa, "was der sich eigentlich hat zuschulden kommen lassen" (nicht etwa "angeblich"?). "Najem Wali glaubt, dass der Zeitpunkt für seine Verhaftung entscheidend war. Sansal habe mit seinen jüngsten Äußerungen zur Grenzziehung zwischen Algerien und Marokko den Streit zwischen Frankreich und Algerien weiter angeheizt, der aktuell über die Westsahara-Frage entbrannt ist, sagt er. Sansal ... hatte zuletzt in Frankreich ausgerechnet dem als rechtsextrem geltenden Onlineformat Frontières ein Interview gegeben. Seine seit Jahren vorgetragene Kritik am Islamismus sei für die französische Rechte ein gefundenes Fressen, sagt Wali. Und auch Alfonso del Toro erzählt, dass Sansals Freunde immer wieder in ihn drangen, doch keinen Applaus von der falschen Seite zu akzeptieren."
Auch Marc Reichwein kommt in seinem Resümee in der Welt auf die im Publikumsgespräch diskutierte Frage zu sprechen, "wie sehr Sansal als Schriftsteller politisch rechts stehe. ... Dieses Statement, das suggerierte, dass Sansal seine Verhaftung irgendwie mit provoziert haben könnte, wurde entschieden beantwortet. PEN-Mann Najem Wali sagte: Egal ob ein Schriftsteller rechts oder links stehe, ob er diplomatisch oder undiplomatisch spreche, er müsse sich frei äußern dürfen, Beifall von der falschen Seite verwirke keine Meinungsfreiheit. Saalapplaus dafür."
Außerdem: Aldo Keel erinnert in der NZZ daran, wie es dazu kam, dass Thomas Mann den Literaturnobelpreis 1929 explizit nicht für den "Zauberberg", sondern lediglich für die "Buddenbrooks" erhielt. Gerade in diesen Zeiten ist Erich Kästners "Konferenz der Tiere" wieder hochaktuell, schreibt Jens-Christian Rabe in der SZ: Es ist "nur insoweit ein Kinderbuch, als es sich die Erwachsenen von den Kindern vorlesen lassen sollten".
Besprochen werden unter anderem Tezer Özlüs "Suche nach den Spuren eines Selbstmords" (FR), Joachim Meyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (online nachgereicht von der FAZ), der zweite Teil von Reinhard Kleists Bowie-Comicbiografie (FAZ.net), Heinrich Schmidingers "Toleranz - auch eine Geschichte Europas" (NZZ), Ron Winklers Gedichtband "Unterwegs in der Verformung" (FAZ), Bruno Franks Essay "Lüge als Staatsprinzip" aus dem Jahr 1939 (SZ) und Lucy Frickes "Das Fest" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst
Die amerikanische Künstlerin Liliane Lijn gilt als eine der Pionierinnen der kinetischen Kunst - längst überfällig, dass das Wiener Mumok ihr mit der Schau "Arise Alive" eine Retrospektive ausrichtet, die Lijns Werk von den 1950er Jahren bis heute abbildet, freut sich eine nicht nur von glühenden Stromdrähten und Lichtspielen ganz "elektrisierte" Justine Konradt im Monopol-Magazin. Stets versucht die Künstlerin in ihren Experimente mit Energieübertragungen das "Immaterielle mit dem Gegenständlichen" zu verbinden: "Besonders deutlich kann man das in ihren 'Liquid Reflections' von 1968 sehen: Eine Plexiglasscheibe rotiert waagerecht um ihre eigene Achse. Die Oberfläche ist von einer dünnen Schicht Wasser benetzt, kondensierte Tröpfchen haben sich an den Rändern festgesetzt. Auf der Oberfläche befinden sich zwei Murmeln, die mitkreisen. Sie sind rollende Lupen, die beim Gegeneinanderprallen schnell ihre Dynamik und Richtung ändern. Es mag zwar ein inhaltlich reduziertes Spektakel sein, hat aber eine große, beinahe hypnotische Wirkung."
Für ihren roten Ford Escort, bedeckt mit einem gigantischen Häkeldeckchen, der an das erste Auto ihres Vaters nach dem Umzug nach Großbritannien erinnern sollte, hat die in einer indischstämmigen Sikh-Familie in Glasgow aufgewachsene Künstlerin Jasleen Kaur den Turner-Preis bekommen, ihren Auftritt in der Londoner Tate Britain nutzte sie dann aber vor allem, wie auch die anderen Nominierten, um zum Boykott gegen Israel aufzurufen, seufzt Alexander Menden in der SZ: Eine palästinensische Flagge um die Schultern drapiert, sagte sie, "die in dem von ihr unterzeichneten Brief gestellte Forderung sei keineswegs radikal: Man versuche lediglich, 'einen Konsens darüber herzustellen', dass die Verbindungen zu Organisationen 'unethisch' seien, sie 'sich an etwas beteiligen, das UN und Internationaler Gerichtshof endlich als Völkermord am palästinensischen Volk' bezeichneten. Die 'Trennung zwischen dem Ausdruck von Politik in der Galerie und der Ausübung von Politik im Leben' müsse verschwinden, so Kaur. Den Ereignissen dieses Abends nach zu urteilen forderte sie damit allerdings etwas ein, was in der Kunstwelt ohnehin längst Status quo ist."
Weitere Artikel: Mitten in Warschau wird Polens erstes queeres Museum (und damit das vierte Museum zu queerer Geschichte in Europa) eröffnen. Dessen Direktor, Krzysztof Kliszczyński, erzählt im Tagesspiegel, dass es in Polen bisher keinen Widerstand dagegen gab. Ebenfalls im Tagesspiegel freut sich Nicola Kuhn, dass Koyo Kouoh, aus Kamerun stammende Kuratorin und aktuelle Direktorin und Chefkuratorin des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt, die Hauptausstellung bei der nächsten Biennale 2026 in Venedig verantworten wird. Eine Festrede zu Ehren von Franz Herzog von Bayern als Dank für sein Mäzenatentum hatte die Kuratorin im Oktober in der Pinakothek der Moderne in München genutzt, "um dem Kulturbetrieb insbesondere in Deutschland mangelnde Empathie mit den Opfern der israelischen Kriegsführung in Gaza und im Libanon vorzuwerfen" und "den Umgang mit politischen Meinungen in der Kunstszene" zu kritisieren, so Kuhn. Nachrufe auf den im Alter von 84 Jahren verstorbenen Fotografen Michael Ruetz (unser Resümee) schreiben Kai Müller im Tagesspiegel und Freddy Langer in der FAZ.
Besprochen werden die große Henri Matisse-Retrospektive in der Fondation Beyeler, die den Tagesspiegel-Kritiker Jens Bülskämper glauben lässt, Matisse hätte "die Leuchtreklame im Alleingang erfunden" und die Mary Ellen Mark-Ausstellung "The Lives of Women" im Fotomuseum Westlicht (Standard)
Für ihren roten Ford Escort, bedeckt mit einem gigantischen Häkeldeckchen, der an das erste Auto ihres Vaters nach dem Umzug nach Großbritannien erinnern sollte, hat die in einer indischstämmigen Sikh-Familie in Glasgow aufgewachsene Künstlerin Jasleen Kaur den Turner-Preis bekommen, ihren Auftritt in der Londoner Tate Britain nutzte sie dann aber vor allem, wie auch die anderen Nominierten, um zum Boykott gegen Israel aufzurufen, seufzt Alexander Menden in der SZ: Eine palästinensische Flagge um die Schultern drapiert, sagte sie, "die in dem von ihr unterzeichneten Brief gestellte Forderung sei keineswegs radikal: Man versuche lediglich, 'einen Konsens darüber herzustellen', dass die Verbindungen zu Organisationen 'unethisch' seien, sie 'sich an etwas beteiligen, das UN und Internationaler Gerichtshof endlich als Völkermord am palästinensischen Volk' bezeichneten. Die 'Trennung zwischen dem Ausdruck von Politik in der Galerie und der Ausübung von Politik im Leben' müsse verschwinden, so Kaur. Den Ereignissen dieses Abends nach zu urteilen forderte sie damit allerdings etwas ein, was in der Kunstwelt ohnehin längst Status quo ist."
Weitere Artikel: Mitten in Warschau wird Polens erstes queeres Museum (und damit das vierte Museum zu queerer Geschichte in Europa) eröffnen. Dessen Direktor, Krzysztof Kliszczyński, erzählt im Tagesspiegel, dass es in Polen bisher keinen Widerstand dagegen gab. Ebenfalls im Tagesspiegel freut sich Nicola Kuhn, dass Koyo Kouoh, aus Kamerun stammende Kuratorin und aktuelle Direktorin und Chefkuratorin des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt, die Hauptausstellung bei der nächsten Biennale 2026 in Venedig verantworten wird. Eine Festrede zu Ehren von Franz Herzog von Bayern als Dank für sein Mäzenatentum hatte die Kuratorin im Oktober in der Pinakothek der Moderne in München genutzt, "um dem Kulturbetrieb insbesondere in Deutschland mangelnde Empathie mit den Opfern der israelischen Kriegsführung in Gaza und im Libanon vorzuwerfen" und "den Umgang mit politischen Meinungen in der Kunstszene" zu kritisieren, so Kuhn. Nachrufe auf den im Alter von 84 Jahren verstorbenen Fotografen Michael Ruetz (unser Resümee) schreiben Kai Müller im Tagesspiegel und Freddy Langer in der FAZ.
Besprochen werden die große Henri Matisse-Retrospektive in der Fondation Beyeler, die den Tagesspiegel-Kritiker Jens Bülskämper glauben lässt, Matisse hätte "die Leuchtreklame im Alleingang erfunden" und die Mary Ellen Mark-Ausstellung "The Lives of Women" im Fotomuseum Westlicht (Standard)
Film

Subversiv ist Guan Hus in der Wüste Gobi angesiedelter Film über einen kriminellen Hundefänger, der sich mit den Hunden verbrüdert, trotz "kleinen Spitzen gegen die Fortschrittsrhetorik Chinas" zwar nicht, schreibt Lukas Foerster in der Presse. Aber manchmal reicht auch einfach "eine herzenswarme - und wirklich wunderschön fotografierte - Ballade von einem Mann und einem Hund", schwärmt er. "Getragen wird 'Black Dog' weniger von der Handlung - ein Krimiplot, der mit Langs Knastvergangenheit zu tun hat, nimmt nicht viel Raum ein und verschwindet gegen Ende fast ganz - als von atmosphärisch-ausgeblichenen Breitwandbildern und dem tierischen wie menschlichen Personal. Lang vor allem ist eine tolle Hauptfigur; unter seiner breitschultrigen, wortkargen Schale kommt alsbald ein sensibler Schmerzensmann zum Vorschein."
Weitere Artikel: Dietrich Leder würdigt im Filmdienst die TV-Krimis von Lars Becker, die im "Einerlei" des ZDF-Programms hervorstechen: "Becker ist neben Dominik Graf der beste deutsche Krimi-Regisseur." Pascal Blum plaudert für den Tagesanzeiger mit Richard Gere. In Hollywood sehen derzeit alle wieder wie 20 aus, stellt Valerie Dirk im Standard fest.
Besprochen werden Kazuhiro Sodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Gokogu-Schrein" (Perlentaucher, mehr dazu bereits hier), Dea Kulumbegashvilis beim Berliner Festival "Around the World in 14 Films" gezeigter Film "April" (Perlentaucher), Aaron Schimbergs "A Different Man" (Welt, FR), Nora Fingscheidts Alkoholikerinnendrama "The Outrun" mit Saoirse Ronan (FR, Zeit Online, taz, BLZ), die DVD-Ausgabe von Joachim Haslers DEFA-Film "Chronik eines Mordes" aus dem Jahr 1965 (taz), Richard Curtis' Netflix-Animationsfilm "Ein klitzekleines Weihnachtswunder" (Presse) und die beiden im Streaming abrufbaren Spionagethriller "The Agency" und "Black Doves" (taz).
Bühne
Im SZ-Interview gibt Oliver Beckmann, geschäftsführender Direktor der Münchner Kammerspiele, Einblicke in die Finanzierung seines Hauses, das pro Saison circa 33,5 Millionen Euro zur Verfügung hat: "Der größte Posten sind die Personalkosten mit 22 Millionen Euro. Darunter fallen Tarifangestellte in der Technik und Verwaltung sowie alle, die über den Normalvertrag Bühne angestellt sind, also das Ensemble oder die Dramaturgie und die Öffentlichkeitsarbeit. (…) Für die Kunst, also für das, wofür wir eigentlich da sind, geben wir von 33,5 Millionen Euro rund fünf Millionen aus. Das ist, was wir zur freien Entscheidung haben." Weitere acht Millionen Euro gehen drauf für Zinsen, Abschreibungen und Verrechnungen mit der Stadt, so Beckmann.
Weitere Artikel: Nachdem Ida Müller und Vegard Vinge bekannt gaben, nicht die Interimsintendanz an der Berliner Volksbühne zu übernehmen (unser Resümee), findet Sophia Zessnik (taz) es an der Zeit, dass Joe Chialo "auch mal Verantwortung" übernimmt: "Er sollte aktiv auf die von den Kürzungen Betroffenen zugehen und die Krise managen, statt nur zu bedauern, was er zwar nicht direkt mitverantwortet, aber immerhin entschieden hat. Gerade wirkt es nicht so, als habe er einen Plan, wie es weitergehen soll..." Das Kinder- und Jugendtheater FELD in Berlin wurde erst kürzlich mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet, nun steht es aufgrund der Kürzungen im Kulturetat vor dem Aus, meldet die taz. Ebenfalls in der taz besucht Karlotta Ehrenberg das Theaterensemble Papillons, eine von der Theatermacherin Christine Vogt geleitete Theatergruppe mit demenzkranken Menschen, die im F2 Theater im Pflegewohnheim in Berlin auftreten. Marina Davydova klagt gegen ihre Entlassung als Schauspieldirektorin bei den Salzburger Festspielen, meldet die SZ. Außerdem singt Roman Deininger in der SZ eine Hymne auf das Stuttgarter Ballett. In der nachtkritik erzählt der an der Produktion beteiligte Dramaturg Uwe Mattheiß von der Zusammenarbeit zwischen dem Nationalen Experimentaltheater "Kujtim Spahivogli" in Tirana und dem theater.punkt in Wien, die Sabine Mittereckers Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "SHADOW. (Eurydice says)" auf die Bühne gebracht haben.
Besprochen werden das Stück "Dance" der Dance Company der New Yorker Choreografin Lucinda Child, das aktuell im Rahmen der Performing Art Seasons im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wird (Tsp) und Mikael Karlssons und Royce Vavreks Opern-Inszenierung von Ingmar Bergmans Film "Fanny und Alexander" am Théâtre de la Monnaie in Brüssel (FAZ).
Weitere Artikel: Nachdem Ida Müller und Vegard Vinge bekannt gaben, nicht die Interimsintendanz an der Berliner Volksbühne zu übernehmen (unser Resümee), findet Sophia Zessnik (taz) es an der Zeit, dass Joe Chialo "auch mal Verantwortung" übernimmt: "Er sollte aktiv auf die von den Kürzungen Betroffenen zugehen und die Krise managen, statt nur zu bedauern, was er zwar nicht direkt mitverantwortet, aber immerhin entschieden hat. Gerade wirkt es nicht so, als habe er einen Plan, wie es weitergehen soll..." Das Kinder- und Jugendtheater FELD in Berlin wurde erst kürzlich mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet, nun steht es aufgrund der Kürzungen im Kulturetat vor dem Aus, meldet die taz. Ebenfalls in der taz besucht Karlotta Ehrenberg das Theaterensemble Papillons, eine von der Theatermacherin Christine Vogt geleitete Theatergruppe mit demenzkranken Menschen, die im F2 Theater im Pflegewohnheim in Berlin auftreten. Marina Davydova klagt gegen ihre Entlassung als Schauspieldirektorin bei den Salzburger Festspielen, meldet die SZ. Außerdem singt Roman Deininger in der SZ eine Hymne auf das Stuttgarter Ballett. In der nachtkritik erzählt der an der Produktion beteiligte Dramaturg Uwe Mattheiß von der Zusammenarbeit zwischen dem Nationalen Experimentaltheater "Kujtim Spahivogli" in Tirana und dem theater.punkt in Wien, die Sabine Mittereckers Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "SHADOW. (Eurydice says)" auf die Bühne gebracht haben.
Besprochen werden das Stück "Dance" der Dance Company der New Yorker Choreografin Lucinda Child, das aktuell im Rahmen der Performing Art Seasons im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wird (Tsp) und Mikael Karlssons und Royce Vavreks Opern-Inszenierung von Ingmar Bergmans Film "Fanny und Alexander" am Théâtre de la Monnaie in Brüssel (FAZ).
Architektur
Zwei Tage vor der Wiedereröffnung von Notre Dame widmet sich die Zeit auf drei Seiten im Aufmacher des Feuilletons der gotischen Kathedrale. Hanno von Rauterberg versucht ihr Geheimnis zu ergründen - und findet eine Antwort beim damaligen Bauleiter Abt Suger, der beim Neubau der Kathedrale von St. Denis, einer der Gründungsbauten der Gotik, ganz auf Geometrie setzte: "Erst mit den Mitteln der Mathematik, davon waren Suger und seine Mitstreiter überzeugt, lässt sich erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ganz gleich, wie zufällig und chaotisch uns das Leben vorkommt, es gibt hinter allem einen Plan. Und der lässt sich nicht nur theologisch, sondern auch mathematisch ergründen und modellhaft nachbilden - mit den Formen der gotischen Kathedralen. Wer immer sie betritt, spürt etwas von dieser Rationalität: das ungeheure Gleichmaß, den strengen Rhythmus der Säulen, die unmissverständliche Ordnung der Bögen, Rippen und Gewölbe. Und erstaunlicherweise wirkt nichts daran erzwungen. Eher ist es so, als hätten die architektonischen Glieder aus freien Stücken entschieden, hier zusammenzufinden, sich zu ergänzen und zu stützen in schönster Anteilnahme."
Der Wiederaufbau orientierte sich vor allem an dem französischen Architekten Eugène Viollet-le-Duc, der Notre Dame 1844 renovierte, erinnert Hubertus Adam in der NZZ: "Restauration, so schrieb Viollet-le-Duc 1866, bedeute nicht, ein Gebäude instand zu halten, zu reparieren oder zu erneuern. 'Vielmehr bedeutet es, es in einem vollständigen Zustand wiederherzustellen, den es möglicherweise noch nicht gab.' Mit anderen Worten: Viollet-le-Duc baute mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts gotischer, als die Gotik es vermochte." So galt auch heute: "Zurück zur Gotik, zurück zu Viollet-le-Duc. Die Gewölbe wurden wiederhergestellt mit dem Kalkstein aus dem Département Val-d'Oise, den schon Viollet-le-Duc genutzt hatte, da die ursprünglichen Pariser Vorkommen ausgebeutet waren. Für den Dachstuhl und die Konstruktion des Vierungsturms kamen 2000 Eichenstämme zum Einsatz - Holz von ungefähr 60 Jahre alten Bäumen, so wie man es nach heutiger Erkenntnis schon vor 800 Jahren verwendet hat." Bei aller Kritik, für den schnellen Wiederaufbau gebührt Macron Ehre, meint Daniel Steinvorth ebenfalls in der NZZ.
Wie es im Inneren aussehen wird, wissen bisher nur die zahlreichen Bauarbeiter und Archäologen und wenige exklusive Gäste, weiß Gero von Randow in der Zeit. Ein paar Fotos kursieren aber doch und lassen erkennen: "Die Kathedrale wird sehr ungewohnt aussehen. Nicht nur die Brandflecken, sondern die gesamte Patina der Jahrhunderte, die das Gotteshaus so düster erscheinen ließen, sind einem lichten Farbenspiel gewichen. Der blonde Kalkstein des Pariser Beckens leuchtet wieder, die hinreißenden Wandmalereien und Verzierungen, vor dem Brand noch von schwarzbraunen Schichten bedeckt, erstrahlen in knallbunten Farben. 'Das wird für viele Besucher ein ästhetischer Schock', sagt Maryvonne de Saint Pulgent, deren 2023 erschienenes Buch La Gloire de Notre-Dame schon jetzt als Standardwerk gilt. Auch die Bilder und anderen Kunstschätze, von den Zeiten eingetrübt, aber überraschend wenig vom Feuer oder Ruß beschädigt, konnten wieder aufgefrischt werden."
Der Wiederaufbau orientierte sich vor allem an dem französischen Architekten Eugène Viollet-le-Duc, der Notre Dame 1844 renovierte, erinnert Hubertus Adam in der NZZ: "Restauration, so schrieb Viollet-le-Duc 1866, bedeute nicht, ein Gebäude instand zu halten, zu reparieren oder zu erneuern. 'Vielmehr bedeutet es, es in einem vollständigen Zustand wiederherzustellen, den es möglicherweise noch nicht gab.' Mit anderen Worten: Viollet-le-Duc baute mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts gotischer, als die Gotik es vermochte." So galt auch heute: "Zurück zur Gotik, zurück zu Viollet-le-Duc. Die Gewölbe wurden wiederhergestellt mit dem Kalkstein aus dem Département Val-d'Oise, den schon Viollet-le-Duc genutzt hatte, da die ursprünglichen Pariser Vorkommen ausgebeutet waren. Für den Dachstuhl und die Konstruktion des Vierungsturms kamen 2000 Eichenstämme zum Einsatz - Holz von ungefähr 60 Jahre alten Bäumen, so wie man es nach heutiger Erkenntnis schon vor 800 Jahren verwendet hat." Bei aller Kritik, für den schnellen Wiederaufbau gebührt Macron Ehre, meint Daniel Steinvorth ebenfalls in der NZZ.
Wie es im Inneren aussehen wird, wissen bisher nur die zahlreichen Bauarbeiter und Archäologen und wenige exklusive Gäste, weiß Gero von Randow in der Zeit. Ein paar Fotos kursieren aber doch und lassen erkennen: "Die Kathedrale wird sehr ungewohnt aussehen. Nicht nur die Brandflecken, sondern die gesamte Patina der Jahrhunderte, die das Gotteshaus so düster erscheinen ließen, sind einem lichten Farbenspiel gewichen. Der blonde Kalkstein des Pariser Beckens leuchtet wieder, die hinreißenden Wandmalereien und Verzierungen, vor dem Brand noch von schwarzbraunen Schichten bedeckt, erstrahlen in knallbunten Farben. 'Das wird für viele Besucher ein ästhetischer Schock', sagt Maryvonne de Saint Pulgent, deren 2023 erschienenes Buch La Gloire de Notre-Dame schon jetzt als Standardwerk gilt. Auch die Bilder und anderen Kunstschätze, von den Zeiten eingetrübt, aber überraschend wenig vom Feuer oder Ruß beschädigt, konnten wieder aufgefrischt werden."
Musik
"Sollte auch in der klassischen Musik eine Nulltoleranzpolitik herrschen", fragt sich Christina Rietz in der Zeit angesichts des Comebacks von John Eliot Gardiner nach der Ohrfeigenaffäre vor einem Jahr. "Aus Sicht des Publikums scheint der Fall klar zu sein, es hat keine Moral, es hat nur Geschmack: Auf Gardiner will man auch jetzt keinesfalls verzichten. Die Elbphilharmonie ist ausverkauft." Aber "gibt es das: Dirigieren auf Bewährung? Kann John Eliot Gardiner mit 82 Jahren lernen, seine Musiker nicht unter Druck zu setzen, zu beleidigen oder zu beschämen? Hat er sich im Griff, jetzt, wo auf seinem Hamburger Auftritt so ein gigantischer Druck lastet?"
"Die Leute sollen das Programm ja gucken", sagt Tobias Feilen, Leiter der Redaktion Musik und Theater im ZDF, im VAN-Gespräch mit Hartmut Welscher über das in aller Regel doch eher unterkuratiert anmutende Klassikprogramm des Senders, das sich auch durch eine gewisse Industrienähe auszeichnet. "Dazu ist es nötig, dass Personen auf der Bühne stehen, die unser Publikum kennt. Der Echo hat seinerzeit allein schon über seinen Markenwert für einen Einschaltimpuls gesorgt. Soweit ist der Opus noch nicht, dazu ist der Preis zu jung. Da ist es schon sehr stark vonnöten, dass wir dafür sorgen, dass unser Publikum namens- und gesichtsbekannte Menschen auf der Bühne wiederfindet.
Weitere Artikel: James C. Taylor spricht für VAN mit Semyon Bychkov über die Geschichte der Tschechischen Philharmonie. Robert Schumanns Liederzyklus "Frauenliebe und Leben" stellt VAN-Autorin Anna Schors mit seinem doch eher etwas angestaubten Frauenbild vor einige Herausforderungen. Bernhard Uske resümiert in der FR das "Happy New Ears"-Festival in Frankfurt. Christian Staas erinnert in der Zeit an John Coltranes vor sechzig Jahren eingespieltes Album "A Love Supreme", eine der "bedeutendsten Musikaufnahmen des 20. Jahrhunderts" und, so "schreibt sein Biograf Peter Kemper, eines der wenigen Kunstwerke, die, ähnlich wie Bachs Matthäus-Passion oder die Sixtinische Kapelle, selbst einer spirituellen Erfahrung gleichkämen".
Besprochen werden eine 70 CDs umfassende Werkschau Udo Jürgens, dem "größten Chansonnier der deutschen Sprache" (Welt) und ein Reclamband mit Songtexten von Die Ärzte (Zeit).
"Die Leute sollen das Programm ja gucken", sagt Tobias Feilen, Leiter der Redaktion Musik und Theater im ZDF, im VAN-Gespräch mit Hartmut Welscher über das in aller Regel doch eher unterkuratiert anmutende Klassikprogramm des Senders, das sich auch durch eine gewisse Industrienähe auszeichnet. "Dazu ist es nötig, dass Personen auf der Bühne stehen, die unser Publikum kennt. Der Echo hat seinerzeit allein schon über seinen Markenwert für einen Einschaltimpuls gesorgt. Soweit ist der Opus noch nicht, dazu ist der Preis zu jung. Da ist es schon sehr stark vonnöten, dass wir dafür sorgen, dass unser Publikum namens- und gesichtsbekannte Menschen auf der Bühne wiederfindet.
Weitere Artikel: James C. Taylor spricht für VAN mit Semyon Bychkov über die Geschichte der Tschechischen Philharmonie. Robert Schumanns Liederzyklus "Frauenliebe und Leben" stellt VAN-Autorin Anna Schors mit seinem doch eher etwas angestaubten Frauenbild vor einige Herausforderungen. Bernhard Uske resümiert in der FR das "Happy New Ears"-Festival in Frankfurt. Christian Staas erinnert in der Zeit an John Coltranes vor sechzig Jahren eingespieltes Album "A Love Supreme", eine der "bedeutendsten Musikaufnahmen des 20. Jahrhunderts" und, so "schreibt sein Biograf Peter Kemper, eines der wenigen Kunstwerke, die, ähnlich wie Bachs Matthäus-Passion oder die Sixtinische Kapelle, selbst einer spirituellen Erfahrung gleichkämen".
Besprochen werden eine 70 CDs umfassende Werkschau Udo Jürgens, dem "größten Chansonnier der deutschen Sprache" (Welt) und ein Reclamband mit Songtexten von Die Ärzte (Zeit).
Kommentieren