Efeu - Die Kulturrundschau
Vogelperspektive auf die fragile Welt
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2024. Samantha Harveys Roman "Orbital" gewinnt den Booker Prize: "der ultimative Kommentar zu unserer Gegenwart", findet der Tagesspiegel. Maxim Biller bescheinigt der literarischen Israel-Boykottbewegung um Sally Rooney in der Zeit eine handfeste Psychose. Die Welt schüttelt den Kopf angesichts politischen "Architektur-Bashings". Der Perlentaucher ist schwer beeindruckt von Veronika Franz' und Severin Fialas Folk-Horrorfilm "Des Teufels Bad". SZ und NZZ trauern um den Schlagzeuger Roy Haynes, der in den frühen Fünfzigern sein Metier revolutionierte.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.11.2024
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Literatur

Die Autorin begreift ihren Roman "als eine Form des Nature Writing über die Schönheit des Weltalls", schreibt Erwin Uhrmann in der Presse. "Sie schaut dabei in der Vogelperspektive auf die fragile Welt, changiert zwischen der Innenperspektive der Raumstation und dem schier unbeschreiblichen Blick nach draußen."
Für Maxim Biller (Zeit) grenzt der Furor, mit dem eine von Sally Rooney angeführte "Armada von tausend Schriftstellern" bekundet, "den israelischen Buchmarkt wie eine hochinfektiöse Leprastation zu meiden" fast schon an eine Psychose. "Wie sonst ließe sich erklären, dass sie ausgerechnet den live gefilmten Pogromporno in der Negevwüste dafür nutzten, die Auslöschung des einzigen jüdischen Staats auf der Welt seit 2.000 Jahren zu fordern - statt der Entwaffnung der Hamas zum Beispiel? ... Da die tapferen Tausend dann auch noch erklärten, 'dass dies der größte Krieg gegen Kinder in diesem Jahrhundert ist', zeigte ihre extreme Verwirrung. Wären sie bei Sinnen gewesen, hätten sie auf ihrer internen Kindermord-Hitliste bestimmt nicht das viel grausamere, massivere Töten von Kindern in Syrien, im Sudan, im Sindschar-Gebirge und in der Ukraine weggelassen. Kam hier also die alte antisemitische Ritualmordlüge bei meinen sonst so klugen Kollegen hoch, das mittelalterliche QAnon-Märchen vom christlichen Kinderblut, das die Juden angeblich für ihre Matzes brauchten?"
Besprochen werden unter anderem Mircea Cărtărescus "Theodoros" (taz), Liv Strömquists Comic "Das Orakel spricht" (taz) sowie Neuübersetzungen von Curzio Malapartes "Die Haut" und Elsa Morantes "La Storia" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Architektur
Angesichts des kürzlichen "Bauhaus-Bashings" aus der AfD und dem erbitterten Kampf der "Initiative Schlossaneignung" gegen die historistische Rekonstruktion des Berliner Schlosses (unser Resümee), blickt Dankwart Guratzsch in der Welt zurück auf die Anfänge der beiden Architekturstile. Er zeigt: Bauhaus und Historismus sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich gegenseitig, sie versinnbildlichen so die "Doppelgestalt der Moderne". Es sei unsinnig, das eine ohne das andere denken zu wollen, so Guratzsch: "Bauhaus-Bashing und Historismus-Schelte entstammen derselben Motivation: Konkurrenten und konkurrierende Bauauffassungen sollen aus dem Weg geräumt werden. Das gilt auch für die jüngste Initiative 'Schlossaneignung', die das kaum in Betrieb gegangene Humboldt-Forum in Berlin am liebsten wieder abreißen würde, den strahlend neuen Bau zumindest aber mit Eingriffen in die Fassade zur künstlichen Ruine herunterstufen möchte."
Film

Perlentaucher Benjamin Moldenhauer findet Veronika Franz' und Severin Fialas mit den Mitteln des Folk-Horror arbeitendes, im 18. Jahrhundert in Österreich angesiedeltes, Depressionsdrama "Des Teufels Bad" sehr beeindruckend. Der Film "erzwingt einen schmerzhaft empathischen Blick auf seine Protagonistin", gespielt von der Indiemusikerin Anja Plaschg, die auch die Musik komponiert hat. Das Regieduo "dekliniert die Koordinaten und Maßgaben des Folk-Horror-Genres souverän durch. Eine Welt ohne fließend Wasser und Straßenlaternen, die Räume eng und dunkel, die Wälder und Landschaften zwar wunderschön, aber in ihrer Erhabenheit auch und vor allem abweisend. Die den Film eröffnende Einstellung auf einen Wasserfall, in den eine Mutter ihr Kind wirft, um dann endlich hingerichtet zu werden und all dem zu entkommen, ist eines der erhabensten Leinwandnaturbilder der letzten Jahre. Offizielle Religiosität vermischt sich im Folk Horror mit lokalem Aberglauben, bei einer Hinrichtung wird dann eben, die Bibel sieht es soweit ich weiß nicht vor, das Blut des Hingerichteten getrunken." Weitere Kritiken in Welt und SZ.

Mit seinem Sequel zu seinem längst als heilige Kuh der Filmgeschichte gehandelten "Gladiator" hat sich Ridley Scott im Alter von 86 Jahren nach Ansicht der meisten Filmkritiker (FAZ, Tsp, FR, taz) keinen Gefallen getan. Man kann dem Treiben mit etwas weniger Andachtshaltung auch sehr viel Freude abgewinnen, findet Perlentaucher Kamil Moll: Die Gladiatorenkämpfe etwa produzieren keine Star-Körper mehr, sondern sind "ein indifferent wuselnder Rummel voller Sehenswürdigkeiten: Wilde, durch Pfeile in Erregung gebrachte Paviane stürzen sich mit tödlichen Nackenbissen auf die Kämpfer, ein römischer Legionär reitet auf einem monströs überproportionierten Nashorn durch die Arena, die schließlich mit Wasser geflutet wird, damit darin inmitten von Haien die Schlacht von Salamis nachgespielt werden kann. Spätrömische Dekadenz feiert Ridley Scott in farbsatten Bildern als eine Komödie des Spektakels und der Lächerlichkeit - von niemandem besser verkörpert als von Denzel Washington in der Rolle eines mit Ketten behangenen Sklavenhalters, der als einziger Schauspieler des Films das Prinzip des Durcharbeitens des Originals als Farce verstanden zu haben scheint. Mit 86 Jahren kümmert sich Scott nicht mehr um Ruf und Nachlassverwaltung, er wirft lieber einen seiner respektiertesten Filme den Hühnern zum Fraß vor."
Weitere Artikel: Felix Knorr befasst sich für den Filmdienst mit der Stopmotion-Knetwelt von "Wallace & Gromit". Besprochen werden Yuval Abrahams und Basel Adras palästinensischer Dokumentarfilm "No Other Land" (FR), Christoph Weinerts Dokumentarfilm "I Dance, But My Heart Is Crying" über das jüdische Musikleben im Berlin während des Nationalsozialismus (Welt), Mohammad Rasoulofs "The Seed of the Sacred Fig", der bei uns erst im Dezember startet (NZZ), Dirk Kummers ARD-Film "Ungeschminkt" über eine trans Frau (FAZ) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Bad Sisters" (taz). Außerdem geben SZ und Filmdienst einen Überblick über die Kinostarts der Woche.
Kunst

Aufgrund eines "aufwendigen Vergabesystems" können auch international unbekannte Fotografen beim Fotografie-Wettbewerb Prix Pictet gewinnen, erklärt Hannes Hintermeier in der FAZ. Außerdem werden auch "Langzeitarbeiten" miteinbezogen, kann er in der Pinakothek der Moderne in München feststellen, "so ist die Serie der indischen Gewinnerin Gauri Gill seit 1999 im ländlichen Rajasthan entstanden. Grobkörnige, schwarz-weiße Dokumente des täglichen Kampfes gegen Klima und Armut. Ein Enkel am Sterbebett seines Großvaters, der zum Gerippe abgemagert ist; ein Mädchen, das sich seiner selbst bewusst wird beim Blick in einen Taschenspiegel." Auch "Alltagsfotografie findet den Weg ins Museum. Wobei Dokumentarfotografie weit gefasst wird. Sie funktioniert laut Kunze auch als 'inneres Dokument', wie die weiß gerahmten Bilder der Ukrainerin Gera Artemova zeigten. Diese richtet den Blick inmitten des Krieges nicht auf Zerstörung und Tod, sondern auf die Innenwelt ihrer Familie - das auf einem Bett liegende Kind in einem Lichtkegel, das Geäst eines Baumes, Hände."
Außerdem: Dorothea Zwirner führt in der FAZ durch das Leben der Mäzenin Helene Kröller-Müller: Werke ihrer Sammlung sind in der Ausstellung "Searching for Meaning" im Kröller-Müller Museum im niederländischen Otterlo zu sehen. Philipp Meier berichtet in der NZZ von neuesten Studienergebnissen, die zeigen: Das Gehirn wird durch Originalkunstwerke zehnmal mehr stimuliert als durch Kopien.
Musik
Andrian Kreye schreibt in der SZ zum Tod des Jazzschlagzeugers Roy Haynes. Dieser hatte in den frühen Fünfzigern im Dienst von Charlie Parker (und auch Charles Mingus, Bud Powell, Thelonious Monk, Dizzy Gillespie und Miles Davis) sein Metier revolutioniert: "Anstatt auf dem Hi-Hat und der Basstrommel den Takt vorzugeben, ... löste er die Metren auf und verteilte sie vom Hi-Hat aus auf die Becken. Das erzeugte einen Fluss, über dem vor allem die Bläser ihre Hochspannungsleitungen von den Tanzböden der Nachkriegsjahre in eine Zukunft legen konnten, in der bald schon alles möglich war. Das war purer Zeitgeist am Schlagzeugset. Modern Jazz war der Soundtrack für die neuen Freiheiten des Wirtschaftswunders und die Subversion der aufkeimenden Bürgerrechtsbewegung. Die Werke der Dichter der Beatnik-Jahre wie Allen Ginsberg oder Gregory Corso, die Maler des abstrakten Expressionismus wie Jackson Pollock und Willem de Kooning fanden in Roy Haynes' aufgelösten Rhythmen mit den scharfen Akzenten auf Snare- und Basstrommel ihre akustischen Widerparts."
"Haynes spielte stilsicher zur rechten Zeit", schreibt Ueli Bernays in der NZZ. "An der Seite der Sängerin Sarah Vaughan pflegte er Sparsamkeit und Eleganz. Für Miles Davis ließ er sich zu avantgardistischen Sound-Experimenten verführen; die Coolness von Stan Getz oder Gary Burton kontrastierte er mit zuweilen bombastisch-virtuosen Solos. Legendär ist auch die Piano-Trio-Aufnahme 'Now He Sings, Now He Sobs' (1962), wo Haynes im Austausch mit Chick Corea und dem Bassisten Miroslav Vitous durch elektrisierende Geistesgegenwart glänzte. ... Seine Brillanz blieb stets transparent, die Mitmusiker wurden nie mit Lärm übertönt. Alert und gewitzt setzte er Akzente unter ihre Melodien oder jonglierte mit ihren rhythmischen Figuren, um Schneisen und Pausen für pointierte perkussive Statements zu nutzen."
Weitere Artikel: Viktoria Kirner spricht für den Standard mit Martina Brunner, der Co-Chefin der Vienna Club Commission, über die Lage der Wiener Clubs. Eine Studie über Obszönitäten im Pop hat Hiphop zum Klassenbesten ernannt, meldet Christian Schachinger im Standard. Bernhard Heckler befasst sich in der SZ mit dem Linkin-Park-Comeback. Besprochen werden ein Frankfurter Bruckner-Abend mit Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern (FR) und Safis Album "Groteske" (taz).
"Haynes spielte stilsicher zur rechten Zeit", schreibt Ueli Bernays in der NZZ. "An der Seite der Sängerin Sarah Vaughan pflegte er Sparsamkeit und Eleganz. Für Miles Davis ließ er sich zu avantgardistischen Sound-Experimenten verführen; die Coolness von Stan Getz oder Gary Burton kontrastierte er mit zuweilen bombastisch-virtuosen Solos. Legendär ist auch die Piano-Trio-Aufnahme 'Now He Sings, Now He Sobs' (1962), wo Haynes im Austausch mit Chick Corea und dem Bassisten Miroslav Vitous durch elektrisierende Geistesgegenwart glänzte. ... Seine Brillanz blieb stets transparent, die Mitmusiker wurden nie mit Lärm übertönt. Alert und gewitzt setzte er Akzente unter ihre Melodien oder jonglierte mit ihren rhythmischen Figuren, um Schneisen und Pausen für pointierte perkussive Statements zu nutzen."
Weitere Artikel: Viktoria Kirner spricht für den Standard mit Martina Brunner, der Co-Chefin der Vienna Club Commission, über die Lage der Wiener Clubs. Eine Studie über Obszönitäten im Pop hat Hiphop zum Klassenbesten ernannt, meldet Christian Schachinger im Standard. Bernhard Heckler befasst sich in der SZ mit dem Linkin-Park-Comeback. Besprochen werden ein Frankfurter Bruckner-Abend mit Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern (FR) und Safis Album "Groteske" (taz).
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