Im Kino

Faden unter die Haut

Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
13.11.2024. Das Publikum wird auch im neuen Film des Regie-Duos Veronika Franz und Severin Fiala ordentlich gefoltert. Gleichzeitig jedoch besticht "Des Teufels Bad" durch einen schmerzhaft empathischen Blick auf seine Hauptfigur, eine Bauersfrau, die im 18. Jahrhundert in der abweisenden Schönheit Österreichs die Hölle auf Erden erlebt.

Man müsste es einmal statistisch valide erheben, bis dahin bleibt der zumindest intuitive Eindruck, dass das österreichische Kino in der Disziplin Publikumsfolter wesentlich routinierter agiert und einen höheren Ausstoß hat als alle anderen nationale Filmtraditionen. Ulrich Seidl und Michael Haneke dominieren seit dreißig Jahren das Feld des diskursfreudigen Arthaus-Torture-Porn. Mit "Ich seh, ich seh" sind 2014 das Duo Veronika Franz und Severin Fiala dazugekommen, zwei weitere Regisseur:innen, die das Publikum mit chirurgischer filmischer Präzision fertigmachen.

Ihr dritter Film, "Des Teufels Bad", unterscheidet sich von den Filmen Seidls und Hanekes wie auch von den beiden Vorgängern Franz und Fialas (neben "Ich seh, ich seh" ist das der US-Horrorfilm "The Lodge") dadurch, dass er einen schmerzhaft empathischen Blick auf seine Protagonistin erzwingt; von der Zuschauerin und dem Zuschauer sowie in gewisser Weise auch von sich selbst. Somit verfährt er nicht mehr sezierend, sondern operiert, um im Bild zu bleiben, am offenen Herzen, ohne Narkose.

Agnes (Anja Plaschg) hat eine schwerste Depression, und die Welt, in der sie lebt, ist so eingerichtet, dass die Krankheit als gesunde Reaktion auf das Leben anmutet. Eine Bauernexistenz im Österreich des 18. Jahrhunderts, es ist alles eine einzige Entbehrung. Agnes hat nichts zu entscheiden, vermisst ihre eigene Familie, arbeitet sich kaputt, wird von ihrer Schwiegermutter (Maria Hofstätter) dominiert und gegängelt. Schwanger wird sie auch nicht - die Schuld der Frau, traditionellerweise. Allerdings schläft ihr Mann (David Scheid) nicht mit ihr, sondern liegt onanierend neben ihr, während sie ihm ihren Hintern zeigen muss. Das alles zu allem Unglück mit einem erzkatholischen Weltbild im Kopf, das zur lebenszerstörenden Traurigkeit und zum Schmerz noch Scham, Ausweglosigkeit und Selbstgeißelung beifügt.


Franz und Fiala deklinieren die Koordinaten und Maßgaben des Folk-Horror-Genres souverän durch. Eine Welt ohne fließend Wasser und Straßenlaternen, die Räume eng und dunkel, die Wälder und Landschaften zwar wunderschön, aber in ihrer Erhabenheit auch und vor allem abweisend. Die den Film eröffnende Einstellung auf einen Wasserfall, in den eine Mutter ihr Kind wirft, um dann endlich hingerichtet zu werden und all dem zu entkommen, ist eines der erhabensten Leinwandnaturbilder der letzten Jahre. Offizielle Religiosität vermischt sich im Folk Horror mit lokalem Aberglauben, bei einer Hinrichtung wird dann eben, die Bibel sieht es soweit ich weiß nicht vor, das Blut des Hingerichteten getrunken.

Der Ausdruck "Des Teufels Bad" ist eine in ihrer sanften Grausamkeit sehr treffende mittelalterliche Metapher für das Leiden an der Melancholie. In den Genrekoordinaten des Folk Horror entfaltet der Film das Bild eines depressiven Leidens, das zum einen als Krankheitsgeschichte und zum anderen als Leiden an der Welt in Szene gesetzt ist. Die Welt, in der die Menschen hier leben, kann zur Linderung nicht viel beitragen. Agnes bekommt einen Faden unter die Haut genäht, den soll sie hin- und herziehen, damit die Traurigkeit ausblutet. Der nächste Schritt ist folgerichtig die Selbstmedikamentierung mit Rattengift.

"Des Teufels Bad" wird getragen von ruhig-drückenden Einstellungen auf die Horror-Landschaften Österreichs, der dissonanten Musik, die die Soap-&-Skin-Sängerin Anja Plaschg (die hier in ihrer zweiten Hauptrolle zu sehen ist), selbst geschrieben hat, und ihrem Spiel, das, ähnlich wie der Film, verhalten beginnt und dann in einer Intensitätsperformance eskaliert. Das ergibt einen filmischen Verlauf, in dem die Affekte zuerst gestaut werden, um dann am Ende in einem etwa zwanzigminütigen Exzess ins Fließen gebracht zu werden. Die Beichtszene ist von einer schauspielerischen Intensität, die man nicht häufig findet, und in der das Spiel Maria Falconettis in Carl Theodor Dreyers "La Passion de Jeanne d'Arc" präsent ist. Als eine Art Urtext all jener Filmszenen, in denen Frauen, die sterben müssen, einen letzten Ausdruck finden.

Benjamin Moldenhauer

Des Teufels Bad - Österreich 2024 - Regie: Severin Fiala, Veronika Franz - Darsteller: Anja Plaschg, Maria Hofstätter, David Scheid, Tim Valerian Alberti, Natalija Baranova - Laufzeit: 121 Minuten.