Efeu - Die Kulturrundschau
Die Schönheit eines flüchtigen Augenblicks
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.11.2024. Die Zeitungen trauern um den Künstler Daniel Spoerri, der im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Tagesspiegel und Zeit fragen sich, wie Popkultur und Wahlniederlage von Kamela Harris zusammenhängen. Was Antigones Schwester Ismene von deren Märtyrertum hält und wie das mit heutigen Protestbewegungen zusammenhängt, lernt der Tagesspiegel bei Athena Farrokhzad und Farnaz Arabi am Theater an der Parkaue. Artechock freut sich, dass gelungene Bandenkrieg-Thriller auf dem Filmfest Mannheim-Heidelberg gezeigt werden.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
08.11.2024
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Kunst

Georg Imdahl trauert in der FAZ um den Künstler, Bildhauer und Sammler Daniel Spoerri, der im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Er hat das Stilleben noch einmal ganz neu interpretiert: "Die Begriffe von Werk und Kunst waren noch einmal in den Zeitfluss der Gegenwart geraten, als Spoerri, im Zuge von Fluxus, Objet trouvé und der Wiederentdeckung von Marcel Duchamp, eine Idee hatte, die ihn unwiderruflich in die Register der Kunstgeschichte eintragen sollte. Die Hinterlassenschaften von gemeinsamen Mahlzeiten fixierte der junge Künstler mit Kleber auf der Tischplatte, kippte sie in die Vertikale und hängte sie an die Wand. 'Fallenbilder' nannte Spoerri diese arretierten Augenblicke ausgelassener, inspirierender, glücklicher Zusammenkunft, die er alsbald auch planmäßig arrangierte."
In der SZ erinnert Peter Richter daran, welchen Einfluss das Theater auf Spoerris Kunst hatte: "Spoerri, der unter dem Namen Daniel Isaak Feinstein 1930 in Rumänien zur Welt gekommen war, der nach dem Tod des Vaters in einem Pogrom 1942 von einem Onkel in der sicheren Schweiz adoptiert wurde und zunächst klassisch ausgebildeter Balletttänzer war, war dann für eine Weile auch Regieassistent am Theater in Darmstadt. Er war also eher von den performativen Künsten geprägt, von Dingen, die sich im Hier und Jetzt entfalten. Aber Spoerri war eben offensichtlich auch von dem alten faustischen Wunschtraum getrieben, die Schönheit eines flüchtigen Augenblicks irgendwie festzuhalten. Er tat das dann denkbar buchstäblich." In der NZZ schreibt Kerstin Stremmel zum Tod Spoerris. Weitere Nachrufe in FR, Tagesspiegel und Monopol.
Andrea Pichls "Wertewirtschaft" ist die erste Sonderausstellung einer DDR-Künstlerin im Hamburger Bahnhof, und diese Ausstellung kann sich wirklich sehen lassen, versichert Tom Mustroph im Tagesspiegel: "Pichl geht es um die Piefigkeit des DDR-Dekors. 'Das waren die Gestaltungsvorlieben von Erich Mielke. Die unterschieden sich aber nicht besonders von denen des angepassten DDR-Bürgers. Wir finden die gleichen Vorhänge, die gleichen Tapeten wie in der Stasizentrale auch in den Plattenbauten', sagt sie Tagesspiegel. Das Dekor aus der Lichtenberger Stasizentrale hat sie abgezeichnet. Blumenornamente überwiegen auch hier, dazu Details aus dem Arbeitszimmer von Mielke. Besonderes Fundstück ist eine Zeichnung, in der aufgemalt ist, wie das Frühstück für ihn angerichtet werden soll: Links das Tablett mit Kaffee und Milch, zentral auf dem Teller ein Ei, links eine Serviette, rechts Messer und Löffel, oben Brot, daneben Marmelade. Sieht man vom Ei und der Serviette ab, so ähnelt die karge Komposition der Gegenstände den Essenstabletts, die in den Untersuchungshaftanstalten unter Mielkes Ägide durch die Luke geschoben wurden."
Weiteres: Nikolaus Bernau besucht für den Tagesspiegel das wiedereröffnete Museum der Dinge. Besprochen werden Ausstellung von Hans Haacke in der Frankfurter Schirn (FR) das (Tagesspiegel) und von Stefanie Heinze in der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin (Monopol).
Literatur
"Eine KI, die in Sekundenschnelle das 'Ulysses'-Manuskript von James Joyce auf Verkaufbarkeit prüfen würde, um es dann von den Lektoratsschreibtischen zu fegen, ist eine horrible Vorstellung", gruselt sich Paul Jandl in der NZZ angesichts dessen, dass Media Control den großen Verlagshäusern nächstes Jahr mit Demand-Sens ein Analysetool anbietet mit dem sich Bücher schon frühzeitig im Hinblick auf ihren Markterfolg durchleuchten lassen (mehr dazu bereits hier). "Mit voller Wucht könnten die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz ein kulturelles Segment treffen, das bisher vor allem auf seine natürlichen Ressourcen stolz war. Auf die klugen Köpfe hinter den Büchern und in den Verlagen. Werden Autoren, Lektoren und Talent-Scouts von einer Software entmachtet und entmündigt, die alles besser und schneller weiß? "
Weitere Artikel: Die Germanistin und Essayistin Hannelore Schlaffer verrät der Literarischen Welt (online nachgereicht), welche Bücher sie geprägt haben. In der FAZ gratuliert Hubert Spiegel dem Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem ein Abend in Wien mit der New Yorker Essayistin Fran Lebowitz (Standard), Marica Bodrožićs "Das Herzflorett" (Tell), Joachim Meyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (Welt) und Gabriele Tergits Reportagensammlung "Im Schnellzug nach Haifa" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik
All die Endorsements der größten Größen aus Pop und Rock von Bruce Springsteen über Billie Eilish und Beyoncé bis zu Taylor Swift haben am Ende nichts gebracht: "Der Triumph von Donald Trump ist auch eine schwere Niederlage für den Pop", stellt Gerrit Bartels im Tagesspiegel fest. Und dies beweise erneut, "dass Pop und Politik nicht so einfach zusammengehen. Pop mit seinem chamäleonhaften Charakter ist nicht wirklich steuerbar. Unschuldig war er ja sowieso noch nie." Denn "auch das Böse bemächtigt sich des Pop gern, die Rechten, die schlägernden Hooligans, die nicht nur rechtsextreme Bands hören, sondern auch Hardcore oder Hip-Hop. ... Wer weiß schon, wie viele Grönemeyer-Fans vor allem die AfD wählen?"
Wahlempfehlungen wie die von Swift haben "Harris vielleicht sogar Stimmen gekostet", merkt Eva Dinnewitzer in der Presse nach Blick auf Ergebnisse der Wahlforschung an. Aber vielleicht hat die Popkultur am Ende doch die Wahl entschieden, stellen Francesco Giammarco und Titus Blome auf Zeit Online zumindest als Frage in den Raum: "Nur eben eine Popkultur, die weniger mit Musik und Hollywood zu tun hat und mehr mit Kampfsport und Podcasts" und bei letzteren vor allem der berüchtigte Joe Rogan, dem Rede und Antwort zu stehen Harris sich zu fein war, wohingegen Trump mehrere Stunden vor dem Mikro saß. Andrian Kreye verweist in der SZ auf Patti Smiths Ansprache zu Trumps Wahlerfolg.
Weitere Artikel: Christian Schachinger freut sich im Standard auf das Impro-Festival Music Unlimited im österreichischen Wels. Besprochen werden Christine Eichels Clara-Schumann-Biografie (NZZ), das neue Album von The Cure (taz, mehr dazu bereits hier), ein Auftritt der Sopranistin Asmik Grigorian in Wien (Standard) und das neue Album des Stuttgarter Indieprojekts Levin Goes Lightly (taz).
Wahlempfehlungen wie die von Swift haben "Harris vielleicht sogar Stimmen gekostet", merkt Eva Dinnewitzer in der Presse nach Blick auf Ergebnisse der Wahlforschung an. Aber vielleicht hat die Popkultur am Ende doch die Wahl entschieden, stellen Francesco Giammarco und Titus Blome auf Zeit Online zumindest als Frage in den Raum: "Nur eben eine Popkultur, die weniger mit Musik und Hollywood zu tun hat und mehr mit Kampfsport und Podcasts" und bei letzteren vor allem der berüchtigte Joe Rogan, dem Rede und Antwort zu stehen Harris sich zu fein war, wohingegen Trump mehrere Stunden vor dem Mikro saß. Andrian Kreye verweist in der SZ auf Patti Smiths Ansprache zu Trumps Wahlerfolg.
Weitere Artikel: Christian Schachinger freut sich im Standard auf das Impro-Festival Music Unlimited im österreichischen Wels. Besprochen werden Christine Eichels Clara-Schumann-Biografie (NZZ), das neue Album von The Cure (taz, mehr dazu bereits hier), ein Auftritt der Sopranistin Asmik Grigorian in Wien (Standard) und das neue Album des Stuttgarter Indieprojekts Levin Goes Lightly (taz).
Design
Body Positivy in der Modewelt? Die war einmal - und dann im wesentlichen sowieso nur Kosmetik, mit der sich der Betrieb aufbrezelte. Der Trend auf den Laufstegen geht nun wieder eindeutig Richtung "Heroin Chic", schreibt Carolina Schwarz in der taz und verweist auf den Inclusivity Report der Vogue Business. "Die Hüftknochen müssen sichtbar, die Bäuche konkav sein, die Haut muss blass, die Haare müssen strähnig sein. ... Kritik und Shitstorms bleiben nach den Fashionweeks aus. Der Druck von außen, dass es körperliche Diversität auf den Laufstegen braucht, fehlt." Ein "wichtiger Grund, der den Trend zum Dünnsein beschleunigt: Ozempic und Wegovy. ... Die Spritzen sind auch dank einer enormen medialen Präsenz längst Normalität geworden."
Besprochen wird die Hermes-Ausstellung in der Lichthalle Maag (TA).
Besprochen wird die Hermes-Ausstellung in der Lichthalle Maag (TA).
Bühne

Weiteres: Christian Stückel leitet auch 2030 wieder die Oberammergauer Passionsspiele, wie die FR nach langen Diskussionen verkündet. Besprochen wird "Archiv der Sehnsüchte", basierend auf Deniz Utlus Roman "Die Ungehaltenen", das Hakan Savaş Mican am Staatstheater Hannover inszeniert hat (taz).
Film

Rüdiger Suchsland freut sich in seiner wöchentlichen Artechock-Kolumne, dass beim Filmfestival Mannheim-Heidelberg heute und an den folgenden Tagen Christoph Hochhäuslers neuer, auf französisch gedrehter Bandenkrieg-Thriller "Der Tod wird kommen" zu sehen ist: "Prachtvolles, poetisch-kluges Kino! Der Film zieht einen im Nu in Bann. ... Neben der ungewöhnlichen Figur einer weiblichen Killerin (eine Entdeckung: Sophie Verbeek) inmitten der Männerwelt glänzt dieser ausgezeichnete Film durch magnetische Inszenierung, lakonische 'hard boiled' Dialoge und Reinhold Vorschneiders so stylische wie genaue Bildgestaltung. Auf so einen wunderbaren Genrefilm hat man seit Jahren im deutschen Kino gewartet. Und dass die Schauspieler keine Deutschen sind, macht etwas mit dem Film und mit Hochhäuslers Kino, das ich selbst noch nicht ganz fassen kann, und ich werde ihn mir schon deshalb nochmal ansehen: Alles ist sofort glaubwürdiger, körperlicher, erdenschwerer."

Robert Zwarg resümiert für die Jungle World das Dok.Fest in Leipzig, bei dem vor allem der mit dem Hauptpreis ausgezeichnete "La Jetée, the Fifth Shot" von Dominique Cabrera eine Entdeckung war. Der Film spielt im Titel aus gutem Grund auf Chris Markers Klassiker des Experimentalfilms an: In dessen fünfter Einstellung "ist eine Familie mit dem Rücken zur Kamera an einem Geländer mit Blick auf das Rollfeld des Flughafens Orly zu sehen." Der Cousin der Filmemacherin "glaubt, sich und seine Eltern auf dem Bild wiederzuerkennen. Mit diesem Zufall beginnt für Cabrera eine detektivische Suche, die sich zart und beharrlich wie eine Spirale durch die Geschichte ihrer Familie und das Werk Chris Markers bewegt und dabei nicht zuletzt ein dichtes Zeitdokument Frankreichs Anfang der Sechzigerjahre entstehen lässt. Dass am Anfang eine unwillkürliche Erinnerung steht, die in die Kindheit führt, bringt Cabrera nicht zufällig mit Marcel Prousts berühmter Kindheitserinnerung an das Feingebäck Madeleine in Verbindung."
Weitere Artikel: Marcus Stiglegger widmet sich im Filmdienst der neuen Schnittfassung von Tinto Brass' bislang Ruine gebliebenem Monumentalfilm "Caligula" (hier unsere Kritik, dort die von Artechock). Axel Timo Purr berichtet auf Artechock vom Jugenddokumentarfilmfestival Doxs Ruhr. Dunja Bialas empfiehlt hier auf Artechock Filme aus dem Rumänischen Filmfestival in München und dort welche aus der 30. Ausgabe der Münchner Frauenfilmreihe Bimovie. Martina Knoben schreibt in der SZ einen Nachruf auf den DDR-Dokumentarfilmer Walter Heynowski.
Besprochen werden André Schäfers "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" (Artechock, mehr dazu hier), Pascal Plantes Thriller "Red Rooms" (Artechock, unsere Kritik), Eileen Byrnes "Marianengraben" (online nachgereicht von der FAZ), Thomas Nappers "Die Witwe Clicquot" (Artechock), Filip Posivacs "Tony, Shelly und das magische Licht" (Artechock) und Mo Harawes "The Village Next to Paradise" (Standard).
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