Im Kino

Alle spielen ihre Rollen

Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
05.11.2024. Ausgehend von einem Gerichtsprozess gegen einen mutmaßlichen Serienmörder entfaltet Pascal Plantes "Red Rooms" eine psychoanalytisch-detektivische Ermittlung. Der seltene Fall eines Horrorfilms, der nicht nur unsere Schaulust, unseren Blick des Bösen triggern, sondern selbst etwas wissen will.

Kelly-Anne (Juliette Gariépy) und Clementine (Laurie Babin) sind Zuschauerinnen im Gerichtssaal und verfolgen den Prozess um den "Dämon von Rosemont". Im Glaskasten: ein unscheinbarer Mann mit Midlife-Crisis-Glatze, der drei Mädchen vor laufender Kamera zu Tode gefoltert und den Livestream ins Netz gestellt haben soll. Eine lange Plansequenz eröffnet "Red Rooms". Alle spielen ihre Rollen, sind aber über die Maßen involviert, so schrecklich ist das Verbrechen. Das Publikum im Saal ist angespannt und vielleicht in sensationslüsterner Erwartung, die Staatsanwältin skizziert das Tatgeschehen, ergänzt mit einer Entschuldigung in Richtung der Geschworenen: Es sei eigentlich unverzeihlich, ihnen diese Bilder zu zeigen; sie könne seitdem nicht mehr ruhig schlafen. Der Richter sorgt routiniert für den geregelten Sitzungsablauf, wirkt aber schon weltschmerzdurchdrungen. Die Mutter eines der Opfer versucht die Fassung zu wahren.

Verrätselt bleiben nur die Hauptfigur Kelly-Anne und der Angeklagte (Maxwell McCabe-Lokos), dessen Unschuld zumindest am Anfang noch im Raum steht. Was hinter Kelly-Annes undurchdringlicher Miene vor sich geht, man weiß es nicht, und auf einer der vielen erzählerischen Ebenen dieses unerschöpflich vielschichtigen Films entfaltet "Red Rooms" so etwas wie ein Psychogramm seiner Protagonistin, das aber im Wesentlichen aus Hinweisen, Andeutungen und bewusst gesetzten Leerstellen besteht. Die zu füllen ist die Aufgabe der Zuschauer:innen. Denn in die Leere, mit der Regisseur und Autor Pascal Plante jede klare Diagnose seiner Figur überschreibt, rücken das Wissen und die Wahrnehmung der Tat durch die, die sich diese Bilder im Kino oder zu Hause anschauen, gleichsam ein. Eine derart irritierende und tatsächlich verstörendere Engführung von Figuren- und Zuschauerblick ist zumindest mir seit Pasolins "Sàlo" nicht mehr begegnet.

Die Videoaufnahme der Folter des dritten Opfers, eines dreizehnjährigen Mädchens, wurde nicht gefunden. Gefunden wurde aber ihre Zahnspange, die noch am ausgeschlagenen Kiefer hing. Die Kamera zeigt uns ein Bild davon. Aus diesen und vielen weiteren maximal schrecklichen Details, Genitalverstümmelung bei lebendigem Leib, ausgestochenen Augen, setzen sich die Foltervideos im Kopf von Zuschauerin und Zuschauer zusammen. An einer Stelle im Prozess hört man eine Tonspur durch die Tür des Gerichtssaals und hat schon genug. Später im Film werden die beiden Frauen eines der Videos sehen, im sterilen, grauen Apartment Kelly-Annes, die die sichtbar haltlose Clementine bei sich aufgenommen hat. Die Kamera zeigt ihre Gesichter, wir schauen Menschen beim Schauen zu und hören die Schreie ungefiltert. Man spürt: Es ist nicht nur radikal böse, diese Bilder zu produzieren, es ist auch radikal böse, diese Bilder anzusehen.



Auch deswegen ist der deutsche Untertitel des Films, "Zeugin des Bösen", denkbar doof. Kelly-Anne ist keine Zeugin (auch wenn sie am Ende zur Verurteilung des Dämonen von Rosemont beitragen wird), sondern als Teil des Publikums Teil des Bösen, das hier verhandelt wird. "Red Rooms" legt zumindest nahe, dass auch wir Zuschauer:innen uns auf der strukturell gleichen Ebene befinden. Man könnte ja auch rausgehen oder abschalten. Macht man aber nicht, weil das Versprechen zu erfahren, wie grausam die Bilder und Töne noch werden, und die Frage, was man alles so aushält, im Raum stehen.

Kelly-Annes Motivation bleibt unklar, bei Clementine hingegen ist wenig Geheimnis. Sie identifiziert sich mit der von ihr wahrgenommenen Verlorenheit des Angeklagten, die sie mit seinen traurigen Augen verbindet. Und sie findet in ihm natürlich nur die eigene Verlorenheit wieder. Für sie ist der Dämon eine Projektionsfläche, eine rein mediale Figur letzten Endes, mit der Verurteilung verfliegt der Zauber. Um Groupie sein zu können, braucht es in diesem Fall die Überzeugung von der Unschuld des Objekts der Identifikation.

Bei Kelly-Anne verhält es sich anders, sie arbeitet als Model und ist selbst von Beruf Objekt der Blicke anderer. Eine der wenigen Momente, in denen innere Regungen von außen erkennbar und lesbar werden, ist der, in dem ihre Agentin sie darüber informiert, dass ihre Bilder von der Website eines Modelabels entfernt worden sind. Dass ihr Bild gelöscht wurde, versetzt Kelly-Anne kurz in Panik, angeschaut zu werden scheint eine existenzielle Bedeutung zu haben. Am Ende wird klar, dass die Identifikation in ihrem Fall noch einmal anders läuft. Nicht, wie bei Clementine, mit dem Täter, der keiner sein darf, sondern mit dem Opfer. Und das nicht im Sinne von Mitleid.

Im Zuge solcher psychoanalytisch-detektivischer Unternehmungen bekommen wir wie nebenbei noch einen der unheimlichsten Kinomomente der letzten Jahre aufs Auge gedrückt. Der sadistische Blick, den Torture Porn in verschiedenen, nicht zuletzt strafrechtlich relevanten Abstufungen, von der "Saw"-Reihe bis zum Snuff-Video, Zuschauerin und Zuschauer verspricht, die Nonchalance, mit der man hilflose Menschen durch einen Kamerablick betrachten kann, ohne, dass man viel spürt, der Reiz des Extremen: Alles, was der Film über dieses Verhältnis zu erzählen weiß, ist denkbar unangenehm. Dass man an das alles glaubt, liegt daran, dass die Bauweise der Sequenzen Zuschauerin und Zuschauer mit einer großer Genauigkeit ins Geschehen (das heißt hier: die Wahrnehmung der Figuren) hineinzieht; dass der Film das Publikum aber dann, wenn er es da hat, wo er es haben will, nicht Michael-Haneke-artig mit bildungsbürgerlicher Überheblichkeit und dem Hammer verdrischt, es moralisch abwertet.

Innerhalb seiner Figurenkonstellation lässt "Red Rooms" einiges über das Verhältnis von Blicksubjekt, Blickobjekt, Projektion und Gewaltfaszination spürbar werden und schubst es so weiter in Richtung Zuschauerbewusstsein. Die Faszination am Gewaltbild ist im Großen und Ganzen ungeklärt, "Terrifier 3" ist einer der erfolgreichsten Filme der laufenden Kinosaison, und Genaues möchte man da letztlich gar nicht erfahren. An diesem Punkt unterscheidet sich "Red Rooms" vom Genrekino fundamental: "Red Rooms" behauptet nichts, sondern will selbst etwas wissen.


Benjamin Moldenhauer


Red Rooms - Kanada 2023 - OT: Les chambres rouges - Regie: Pascal Plante - Darsteller: Juliette Gariépy, Laurie Babin, Elisabeth Locas, Maxwell McCabe-Lokos, Natalie Tannous - Laufzeit: 118 Minuten.
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