Im Kino
Komplett neu gebaut
Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
04.11.2024. Tinto Brass, der Regisseur des Originalfilms, will mit "Caligula: The Ultimate Cut" nichts zu tun haben. Die neue Version des legendären Historienfilmflops aus dem Jahr 1979, montiert von Filmarchivar Thomas Negovan, überzeugt gleichwohl durch Stringenz, Opulenz und jede Menge Transgression.
"Caligula" zählt zu den großen, mythenumwobenen Trainwrecks der Kinogeschichte. Mit dem Penthouse-Herausgeber Bob Guccione und dem zwischen Politik und Psychotronik oszillierenden italienischen Sex- und Experimentalfilmregisseur Tinto Brass fanden sich zwei ungewöhnliche Bettgenossen zusammen, um jenseits des Studiosystems und nach einem Drehbuch des Schriftstellers Gore Vidal einen der aufwendigsten Monumentalfilme der ausgehenden 70er-Jahre auf die Leinwand zu bringen. Was folgte, war eine schier endlose Kaskade von Personalwechseln und Distanzierungen. Brass hatte anderes mit dem Stoff im Sinn als Vidal, der rasch beschloss, mit dem entstehenden Film nichts mehr zu tun haben zu wollen. Aber auch Brass konnte seine Vision nicht umsetzen, war an Schnitt und Postproduktion nicht mehr beteiligt und erkannte das Endergebnis kaum wieder. Was auch daran lag, dass Produzent Guccione selbst zur Kamera griff, eine Reihe gar nicht mal so guter Hardcore-Pornosequenzen nachdrehte und diese relativ willkürlich in den Torso von Brass' opulentem Film hineinschneiden ließ.
Ob Editor oder Soundtrackkomponist, am Ende wollte kaum einer der am Dreh Beteiligten noch viel mit "Caligula" zu tun haben, und wäre sie nicht unleugbar vor der Kamera zu sehen, hätte vermutlich auch die hochkarätige Schauspielerriege um Peter O'Toole, John Gielgud und Helen Mirren jede Verbindung zum Film gern abgestritten. Hauptdarsteller Malcolm McDowell wiederum, dessen manische Spielfreude sich in jeder Schnittfassung auf das Publikum überträgt, musste ein halbes Jahrhundert lang mit dem Wissen leben, dass eine der besten Performances seiner Karriere nie in Gänze zur Geltung kam.
Mit dem "Ultimate Cut" des Filmarchivars Thomas Negovan kommt nun, 45 Jahre nach der Uraufführung, eine Neufassung in die deutschen Kinos, die wohl präzedenzlos ist in der Filmgeschichte. Aus fast 100 Stunden verschollen geglaubten 35mm-Rohmaterial montierte Negovan eine komplett neue Version des Films, in der, wenn man den Vorspanntiteln Glauben schenkt, nicht eine einzige Sekunde des Materials der ursprünglichen Kinofassung enthalten ist. Diese Information, ob zutreffend oder nicht, führt insofern in die Irre, als zentrale Szenenfolgen der älteren Schnittfassungen auch im neuen Cut erhalten bleiben. Deutlich spürbar, insbesondere im Tonfall, ist allerdings, dass Negovan dabei auf alternatives Material, neue Kameraperspektiven, Einstellugsgrößen, Schnittfolgen zurückgriff und den Film somit tatsächlich Sequenz für Sequenz komplett neu baute.

Ein Director's Cut entsteht dabei dezidiert nicht, und der 91-jährige Regisseur Tinto Brass empfindet im Gegensatz zu Hauptdarsteller McDowell keinerlei Genugtuung angesichts dieser Neukonstruktion seines bereits vor Jahrzehnten enterbten Films. Kein Wunder, denn darum, seine Vision von "Caligula" zu rekonstruieren, ging es bei diesem "Ultimate Cut" nie. Eher handelt es sich um eine Annäherung an so etwas wie einen "Writer's Cut", der zurück zu Gore Vidals Drehbuch geht, um das Material auf dessen Grundlage neu zu strukturieren. Das sei allerdings, gibt McDowell heute zu bedenken, damals schon ziemlich schlecht gewesen - ein hack job, getragen lediglich vom großen Namen des prominenten Intellektuellen. Ist es also am Ende vielleicht einfach eine ganz neue Kategorie, die Negovan hier in die Kinogeschichte einführt? Ein Archivist's Cut eines historischen Kinospielfilms, entstanden aus einer freien Neusichtung Dutzender Stunden gefilmten Materials?
Solche Schlagwörter nähern sich dem Charakter dieser Neuinterpretation bestenfalls an, treffen sie aber vermutlich immer noch besser als der gewählte Untertitel "The Ultimate Cut". Denn ultimativ kann an der viereinhalb Dekaden später zusammengestellten Phantasmagorie eines am damaligen Projekt Unbeteiligten natürlich nichts sein - wessen ultimative Vision sollte hier zu bestaunen sein, wenn der Regisseur als einziger noch Lebender aus dem zerstrittenen Triumvirat Brass/Vidal/Guccione mit Klage droht ob der Verwendung seines Namens im Zusammenhang mit dieser Neufassung? Aber natürlich muss hier auch nichts ultimativ sein, und dass "Caligula: The Ultimate Cut" ein großes Kinoerlebnis ist, steht außer Frage.
Wer mit der alten Kinofassung vertraut ist und sich vielleicht schon vor vielen Jahren in das Zerschossene, Auseinanderfallende von "Caligula" verliebt hat, der vermisst diese Struppigkeit in der deutlich geradlinigeren, kohärenteren neuen Schnittfassung vielleicht sogar. Aber sie bringt dafür zum Vorschein, was "Caligula" schon damals auch hätte sein können: die sehr europäische, gegenkulturelle Vision eines aufwendigen Monumentalfilms, opulent in Szene gesetzt, aber gleichzeitig vor keiner Transgression zurückschreckend. Denn zahm ist der Film auch in dieser Version keineswegs geworden - allerdings verweisen die verbleibenden, teils überaus expliziten Bilder von Sex, Gewalt und sexueller Gewalt nun eher auf Pasolinis "Salò" als auf die Hochglanzpornografie, für die Guccione und Penthouse stehen.
Überhaupt erweist sich "Caligula" auch als einer der großen Versuche des europäischen Exploitation-Historienkinos, über den Faschismus zu sprechen - in einer schönen Koinzidenz kommt er nun eben dann wieder in die Kinos, wenn mit Francis Ford Coppolas "Megalopolis" ein weiteres, jetzt schon zu einem Schicksal als film maudit verdammtes, zutiefst ambitioniertes und gleichzeitig ganz und gar idiosynkratisches Monumentalfilmprojekt zeitgenössische politische Verwerfungen mit dem Untergang des Römischen Reiches zusammendenkt. "Caligula - The Ultimate Cut" und "Megalopolis" könnten durchaus das "Barbenheimer"-Double Feature des Herbstes 2024 abgeben, sofern man den kommerziellen Erfolg aus der Gleichung herausnimmt.
Jochen Werner
Caligula: The Ultimate Cut - Regie: Tinto Brass - Schnitt: Thomas Negovan - Darsteller: Malcolm McDowell, Helen Mirren, Teresa Ann Savoy, Peter O'Toole, John Gielgud u.a. - Laufzeit: 178 Minuten.
Kommentieren



