Efeu - Die Kulturrundschau
Hier könnte Heroisches geleistet werden
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.10.2024. Die Filmkritiker blicken mit Ramon Zürchers "Der Spatz im Kamin" in die brutalen Abgründe hinter Familienfassaden: Zürcher verheiratet Bergman mit Lynch, staunt die FAZ. Die SZ kuschelt sich in Benedikt von Peters Basler Ring lieber an Plüschtiere und echte Pferde. FAZ und FR begeben sich im Frankfurter Städel auf Entdeckungsreise durchs barocke Italien. In der SZ ermuntert uns die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk mehr ukrainische Literatur zu lesen. Und in der Zeit hätte Pianist Chilly Gonzales die Neo-Klassik lieber nicht mitbegründet.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
10.10.2024
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Film

Mit "Der Spatz im Kamin" schließt der Filmemacher Ramon Zürcher nach "Das merkwürdige Kätzchen" und "Das Mädchen und die Spinne" seine mit Silvan Zürcher begonnene "Tier-Trilogie" über Familienfassaden und -konflikte ab. Diese Filme handeln davon, "wie wir alle fortwährend in zwischenmenschlichen (und vorwiegend familiären) Beziehungen verharren, die uns nichts als Verletzungen und Schmerz bringen", schreibt Jochen Werner im Perlentaucher. Wobei die Konflikte im Laufe der Trilogie immer weiter an die Oberfläche dringen: In diesem Film nun gibt es von Anfang an keinerlei Zurückhaltung mehr, und alles, wirklich alles wird ausgesprochen. Mal mit eisigem Lächeln im maskenhaften Gesicht, immer öfter aber mit offener Aggression und geradezu sadistischer Erbarmungslosigkeit. Dies ist ein Endzeitfilm, und allen Protagonisten scheint klar zu sein, dass es nichts mehr zu retten gibt und sich Hass und Wut nicht mehr mit vorgespiegelter Harmonie übertünchen lassen." In diesen drei Filmen "geht es um einen fortschreitenden Auf- und Ausbruch: eine Fassade, die im 'Kätzchen' zu bröckeln beginnt, in der "Spinne" erste Risse bekommt und die nun im 'Spatz' endgültig in Flammen aufgeht. Es gibt Momente in diesem ungeheuer intensiven, perfekt (und hochmusikalisch!) durchkomponierten Film, in denen so etwas wie Befreiung in der Luft liegt."
Taz-Autor Ekkehard Knörer ist ganz hingerissen von diesem Uhrwerk von Film: "Es ist wirklich erstaunlich, wie Zürcher hier aufdreht. Manches an den Psychodramen, die aufgetischt werden, ist schon ziemlich drüber. Es ist ein Horrorfilm voller Brutalitäten, der Körper wie auch der Psychen, aber immer wieder auch mit ganz eigener komischer Note. Und Idyllen dazwischen. Sehr unrein, man weiß nie so ganz, was gespielt wird, welche Wendung die Beziehungen nehmen. Und welche Wendung der Film. Nur dass Ramon Zürcher (auch: Buch und Schnitt) sein tolles, mit jeder Bewegung - und wichtiger: Nicht-Bewegung - der Mienen und Körper auf Millimeterpapier arbeitendes Ensemble und jedes Detail jeder Einstellung im Griff hat, das sieht man und spürt man."
"Zürcher verheiratet Ingmar Bergman mit David Lynch zum ebenso abgründigen wie unterhaltsamen Psychogramm einer Familie, vor allem aber einer Frau, in die sich transgenerationale Traumata und Sehnsüchte eingeschrieben haben", schreibt Jens Balkenborg in der FAZ. Und "vielleicht ist die Flucht ins Fantastische, ins Genrekino wirklich der letzte Ausweg, bevor die vollständige emotionale Verkapslung einsetzt", stellt Andreas Busche im Tagesspiegel fest: "Das zögerliche Lächeln, das im Feuerschein die verhärteten Gesichtszüge von Maren Eggert umspielt, wirkt fast wie eine Erlösung."
Weitere Artikel: Im Zeit-Gespräch mit Katja Nicodemus übt sich die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle in der hohen Kunst, Zuversicht und gute Stimmung zu verbreiten, ohne konkrete Angaben zu machen. Selin Amil wirft im Tagesspiegel Schlaglichter ins Programm des neuen Berliner Filmfestivals Dokumentale. Der Schauspieler Dragan Vujic spricht in der NZZ mit Elena Oberholzer und Matthias Venetz über seine TV-Serie "Tschugger", die nun auch in die Schweizer Kinos kommt.
Besprochen werden Bertrand Bonellos von einer Henry-James-Erzählung inspirierter Science-Fiction-Film "The Beaste" mit Léa Seydoux (Perlentaucher, FD) Javier Espadas Dokumentarfilm "Buñuel - Filmemacher des Surrealismus" (FD, FR, mehr dazu hier), Josh Margolins "Thelma" (Freitag), Michel Francos "Memory" mit Peter Sarsgaard und Jessica Chastain (Standard) sowie Amichai Lau-Lavies beim Zurich Film Festival gezeigter Dokumentarfilm "Sabbath Queen" (NZZ). Außerdem informieren SZ und Filmdienst über die Filmstarts der Woche.
Literatur
Die ukrainische Literatur wurde im Westen viel zu viele Jahrzehnte der russischen Literatur zugeordnet oder von vornherein in deren Schatten gestellt, beklagt die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk in einer Anfang Oktober im "Denkraum Ukraine", einem neuen Zentrum für interdisziplinäre Ukraine-Studien in Regensburg, gehaltenen Rede, die die SZ dokumentiert. "Auch in der sowjetischen Literaturwissenschaft dominierte die russische Literatur, während die Werke der sogenannten 'Sowjetvölker' oft als ethnografische Kuriositäten abgetan wurden. ... Sie mussten sich den ideologischen Normen unterwerfen, andernfalls drohte ihnen die physische Vernichtung. ... Die Ukraine lernt erst jetzt, sich selbst und anderen ihre Literatur, Musik, Film und bildende Kunst zu erzählen. ... Die große russische Literatur, einschließlich Saltykow-Schtschedrin, hat mich vielleicht deshalb nie angezogen, weil ich sie als Bedrohung, als Instrument meiner Entmündigung empfand. Ich bin in den Traditionen von Schewtschenko, Franko, Lessja Ukrajinka, Kotsjubynskyj, Pluzhnyk und Domontowytsch aufgewachsen - Namen, die Ihnen vorerst wahrscheinlich nichts sagen werden. Warten Sie ab, hören Sie uns einfach zu, sprechen Sie unvoreingenommen mit uns - die moderne Ukraine wird einen Weg finden, diese und andere Namen auf eine Weise zu erzählen, die Ihr Interesse wecken wird."
Außerdem: Norbert Mayer spekuliert in der Presse, wer heute den Literaturnobelpreis bekommen könnte. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schriftstellerin und Malerin Anita Albus. Außerdem wurde die Shortlist für den Österreichischen Buchpreis bekanntgegeben und Lars von Törne verkündet im Tagesspiegel die besten Comics des Quartals. Auf der Spitzenposition: "Der verkehrte Himmel" von Mikael Ross.
Besprochen werden Mircea Cărtărescus "Theodoros" (Freitag), Sibylle Bergs Gedichtband "Try Praying" (FR), Volha Hapeyevas "Samota" (taz), Finn Jobs "Damenschach" (Freitag), Christoph Peters' "Innerstädtischer Tod" (Freitag), Dietrich von Engelhardts "Goethe als Naturforscher im Urteil der Naturwissenschaft und Medizin des 19. Jahrhunderts" (NZZ) Melania Trumps "Melania: A Memoir" (Welt) und Clemens Bergers "Das Haus des flüssigen Goldes" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Zeit bringt heute ihre Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.
Außerdem: Norbert Mayer spekuliert in der Presse, wer heute den Literaturnobelpreis bekommen könnte. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schriftstellerin und Malerin Anita Albus. Außerdem wurde die Shortlist für den Österreichischen Buchpreis bekanntgegeben und Lars von Törne verkündet im Tagesspiegel die besten Comics des Quartals. Auf der Spitzenposition: "Der verkehrte Himmel" von Mikael Ross.
Besprochen werden Mircea Cărtărescus "Theodoros" (Freitag), Sibylle Bergs Gedichtband "Try Praying" (FR), Volha Hapeyevas "Samota" (taz), Finn Jobs "Damenschach" (Freitag), Christoph Peters' "Innerstädtischer Tod" (Freitag), Dietrich von Engelhardts "Goethe als Naturforscher im Urteil der Naturwissenschaft und Medizin des 19. Jahrhunderts" (NZZ) Melania Trumps "Melania: A Memoir" (Welt) und Clemens Bergers "Das Haus des flüssigen Goldes" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Zeit bringt heute ihre Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.
Kunst

Noch bevor sich das Gastland Italien auf der Buchmesse präsentieren kann, begibt sich FAZ-Kritiker Stefan Trinks in Frankfurt auf eine Italienreise der besonderen Art: Unter dem Titel "Fantasie und Leidenschaft" zeigt das Städel nicht nur Barockzeichnungen von Carracci über Guercino bis Bernini, sondern regt auch zu großartigen Wiederentdeckungen an, freut sich Trinks - etwa Giovan Gioseffo dal Sole: "Seine um 1700 entstandene 'Madonna mit dem Kind' ist ein Meisterwerk der Modellierung von Licht und Schatten in Kohle, so sehr, dass ein beinahe weichzeichnerischer, farbiger Eindruck entsteht. Cristofano Alloris 'Studie eines Knabenkopfes mit Schirmmütze' von um 1600 in zwei verschiedenen Röteltönen bietet den Close-up ins Gesicht eines Knaben, das moderner nicht sein könnte: Die Iris funkelt in Rot, der Werkstattjunge wurde zum Role Model für viele Bildgelegenheiten." In der FR macht auch Lisa Berins überraschende Entdeckungen: "Traurig sind die Ansichten der sterbenden Elefantenkuh Hansken, von Stefano della Bella (1610-1664) gezeichnet. Hansken sollte als Geschenk nach Rom gebracht werden, starb aber 1655 in Florenz. Della Bella war vor Ort und fertigte fast schon reportagehaft das am Boden liegende Tier mit schlappem Rüssel und geöffnetem Maul, um das sich Schaulustige versammelten."

Carmela Thiele lässt sich in der taz zum Glück nicht abschrecken von dem sperrigen Titel "Key Operators - Weben und Coding als Mittel feministischer Geschichtsschreibung", den der Münchner Kunstverein für seine aktuelle Ausstellung gewählt hat. Entgangen wäre ihr sonst eine Schau, die äußerst "poetisch" dem Zusammenhang von Coding, Weben und Feminismus nachspürt: "Technik und Textilien scheinen auf ersten Blick nicht viel miteinander zu tun zu haben. Für das eine sind die Frauen zuständig, für das andere die Männer. Dabei war die Weberei lange harte Männerarbeit. Als um 1800 die Jacquard-Webstühle aufkamen, deren Metall-Lochkarten-Ketten nichts anderes waren als gestanzte Programme, wurden viele Weber und Weberinnen arbeitslos. Aus Protest warfen sie ihre Holzschuhe, ihre Sabots in die Mechanik ihrer fehlerfrei arbeitenden Konkurrenten und brachten sie damit zum Stillstand. An dieses Moment der Selbstermächtigung erinnert die Intervention 'Sabotage or Trophy' von Bea Schlingelhoff (geboren 1971). Sie platzierte Holzschuhe auf den Wänden des Kunstvereins, so dass der Eindruck entsteht, als sei auch im Kunstverein ein Akt der Sabotage im Gange."

Besprochen werden die Ausstellung "Impuls Rembrandt" im Leipziger Museum der bildenden Künste (Tsp), die Ausstellung "Caroline Bachmann: Le Rhin" in der Berliner Galerie Meyer Riegger (taz), die Noah-Davis-Retrospektive in der Kunsthalle Das Minsk in Potsdam (Zeit) und die Salomé-Ausstellung, mit der die Berliner Galerie Deschler, dem "Neuen Wilden" zum Siebzigsten gratuliert (Berliner Zeitung).
Architektur
In der FAZ resümiert Arnold Bartetzky das Desaster um den Wettbewerb für das Leipziger Einheitsdenkmal, mit dem Endergebnis des Architekturbüros ZILA scheint er, anders als Gerhard Matzig in der SZ (unser Resümee), aber ganz zufrieden. Der Idee, die Transparente und Banner von der Bevölkerung beschriften zu lassen, steht er offen gegenüber: Zwar "gab es gleich bei der Präsentation des Wettbewerbsergebnisses Diskussionen darüber, inwieweit eine interaktive Aneignung des Denkmals durch die Bevölkerung erwünscht sei und wo deren Grenzen liegen sollten. Einigkeit besteht darin, dass verfassungsfeindliche, gewaltverherrlichende und menschenverachtende Botschaften nicht zu dulden sind. Das dürfte die Notwendigkeit gelegentlicher Reinigung der Objekte nach sich ziehen. Inwieweit sie zu Trägern gesellschaftlicher Diskurse werden, wird das Leben zeigen. Genau diese Offenheit macht das Projekt interessant. Man sollte vor ihr keine Angst haben."
Bühne

Mit dem "Siegfried" und zuletzt der "Götterdämmerung" ist Benedikt von Peters Basler Ring abgeschlossen, und SZ-Kritiker Egbert Tholl scheint recht zufrieden mit der Inszenierung, in der das Ensemble "mit sängerischen Glanzleistungen prunkt" und der Regisseur "alles Mythische abräumt": "Vom Beginn der Tetralogie an arbeitet Benedikt von Peter mit Puppen, mit stummen Statisten, mit einem manchmal verwirrenden Bezugsgeflecht. Im 'Siegfried' tauchen immer wieder alle Opfer Wotans auf, riesengroß, Hunding mit einem Hammer im Kopf, Alberich als Riesenkröte, die Rheintöchter, wunderschön. Ist Fafner erledigt, gesellt sich der Rest der prächtigen Wurmpuppe zu den Opfern. In der 'Götterdämmerung' wird das Puppentheater sinnstiftender, subtiler, auch dichter. Dazu gibt es Brünnhilde in drei Lebensaltern inklusive der Idee einer fröhlichen Kindheit, Siegfried holt das Kasperltheater aus Kindertagen hervor, Plüschtiere vertreten im Kleinen, was groß auf der Bühne herumläuft, dazu zwei echte Pferde." "Redundant", findet Georg Rudiger in der NZZ die Puppenidee, lenkt sie doch vom vom musikalischen Geschehen ab.

Knapp fünf Stunden lang schickt der kanadische Regisseur Robert Lepage sieben Schauspieler in mehr als sechzig Rollen über die Berliner Schaubühne, um in seinem aktuellen Stück "Glaube, Geld, Krieg und Liebe" nichts weniger als "den Lauf der Welt" und das "Verwobensein scheinbar isolierter Gestalten" zu zeigen, staunt Peter Kümmel in der Zeit. Herausgekommen ist ein rasantes "Varieté von Plattheiten und ungeahnten Tiefen": "Geschwind werden Milieus und Kolorite heraufbeschworen und zum Blühen gebracht. Das eigentliche Wunder (und vielleicht der Fluch) dieses Theaters ist die unaufhörliche Metamorphose. Manche Szenen, vor allem am Anfang, wirken wie Schattenrisse, atmende Holzschnitte, deren geringe Wahrhaftigkeit durch Klänge (Straßenlärm, Flugzeugturbinen) beglaubigt werden muss. Aber dann kommt der Abend in Fahrt, und im Handlungsgewimmel nimmt man Silhouetten wahr, die im Vorbeihuschen einen unverwechselbaren Schliff und erstaunliches Volumen aufweisen."
Weitere Artikel: Die Mezzosopranistin Doğa Eren Birlik ist die erste trans Opernsängerin der Türkei. Im Van-Magazin erzählt sie von den Repressionen, die sie erlebt: "Es gibt viele Morde an trans Menschen. Es war schon allein schwierig für mich, als trans Frau eine Unterkunft zu finden. ... Das ist auch der Grund, warum ich nach Deutschland kommen will. Als mein Vater erfuhr, dass ich trans bin, hat er gedroht, mich mit einem Küchenmesser umzubringen. Und dann ist er in Ohnmacht gefallen." Der Tagesspiegel berichtet mit dpa von medizinischen Zwischenfällen bei der Stuttgarter Aufführung von Florentina Holtzingers Skandal-Oper "Sancta".
Besprochen werden außerdem Kata Wébers und Kornél Mundruczós Stück "Method" an der Berliner Volksbühne (Zeit) und Richard Brunels Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" an der Opéra de Lyon (FAZ).
Musik
Der zwischen Pop und Kunst fröhlich changierende Pianist Chilly Gonzales könnte die Wand raufgehen, wenn er sieht, was aus der Neo-Klassik geworden ist, die er vor 20 Jahren mit dem Album "Solo Piano" eventuell mitgegründet zu haben für sich durchaus beansprucht: gebrauchswertige Tapetenmusik für Kitsch-Playlists auf Spotify. "Ich hasse mich dafür", stöhnt er in der Zeit. "Mir gefiel die konzeptuelle Idee, mein Elektro-Hipster-Publikum mit einer Platte zu überraschen, die das Ohr gleichermaßen als 'Hinter-' und 'Vordergrundmusik', genannt 'autonome Musik', genießen konnte. ... Ich war schon immer ein Verfechter von Hintergrundmusik gewesen - eine Provokation und Herausforderung für den prätentiösen Snobismus der kulturellen Eliten." Doch ist im Zeichen der Streaming-Algorithmen "ein Großteil dieser Neoklassik nur als Hintergrundmusik zu gebrauchen, denn sie schien bei genauerer Betrachtung nichts Gehaltvolles zu offenbaren, was sie als autonome Musik auszeichnen würde." Der Algorithmus "fördert Stücke, denen es grundsätzlich an Überraschung mangelt."
Heute Abend führen der Komponist Adrian Sieber und der Cellist Jakob Haas in München ihr sinfonisches neues Werk "The Twin Paradox" auf, für das sie eng mit Google und derem Online-Kunstarchiv sowie auf Grundlager ihrer KI Google Gemini gearbeitet haben. Die KI spuckt dabei kein fertiges Werk aus, sondern gibt eher kooperative Anweisungen, nachdem man sie mit Prompts gefüttert hat, erklärt Andrian Kreye in der SZ. Dabei konnten die beiden Musiker in mehreren Monaten feststellen, "wie tief die Simulation von Musikverständnis so einer Maschine ging, die nur auf Texte zugreifen kann. ... 'Im dritten Satz hat die KI sehr genau beschrieben, dass sie Harfe will, ein Vibrafon, Holz und Blechbläser, Glissandi', erzählt Sieber. 'Sie hat die Streicher komplett weggelassen. Dann haben wir den dritten Satz einfach auch mal ohne Streicher geschrieben.'" Im Lauf der Zeit "entwickelte Haas eine Methode, die er 'metaphorisches Prompten' nennt. Ein schlichtes Beispiel aus den ersten Versuchen: 'Ich habe gesagt, schreib mir eine Melodie, die klingt wie ein Krokodil. Gemini schafft es da, Verbindungen herzustellen. Sie gab tiefe, langsame Töne vor, mit kleinen Intervallen, die ein bedrohliches Szenario mit einem schwerfälligen Tier insinuieren'."
Moritz Baumstieger stutzt in der SZ darüber, wie gleichförmig bis unfreiwillig komisch die an den Sound populärer Politthriller angelehnte musikalische Untermalung von ARD-Politdokus ausfällt: "Ab und zu heben sich Blasinstrumente mit der Ahnung einer aufsteigenden Melodie. Diese Fanfaren der Macht deuten damit an: Hier könnte Heroisches geleistet werden - sicher ist das in der Politik aber letztlich nie, darum brechen die Melodien bald ab und verhallen leise wie Gesetzesentwürfe in 18. Lesung im Fachausschuss."
Außerdem: Matthias Nöther erzählt in VAN von seinen Erfahrungen bei der Gründung eines Bläserensembles gegen Rechts im brandenburgischen Falkensee. Ane Hebeisen spricht für den Tages-Anzeiger mit dem Berner Kontrabassisten Mich Gerber. Und Arno Lücker kürt in VAN die zehn "nervigsten Klassik-Floskeln".
Besprochen werden ein Konzert der Einstürzenden Neubauten in Frankfurt (FR), eine Schubert-Aufnahme von Julian Prégardien (VAN), und ein postumes Album der 2021 gestorbenen Musikerin Sophie ("Noch einmal wird klar, welches Talent der Popwelt mit Sophies tragischem Tod verloren gegangen ist", seufzt Christian Schachinger im Standard).
Heute Abend führen der Komponist Adrian Sieber und der Cellist Jakob Haas in München ihr sinfonisches neues Werk "The Twin Paradox" auf, für das sie eng mit Google und derem Online-Kunstarchiv sowie auf Grundlager ihrer KI Google Gemini gearbeitet haben. Die KI spuckt dabei kein fertiges Werk aus, sondern gibt eher kooperative Anweisungen, nachdem man sie mit Prompts gefüttert hat, erklärt Andrian Kreye in der SZ. Dabei konnten die beiden Musiker in mehreren Monaten feststellen, "wie tief die Simulation von Musikverständnis so einer Maschine ging, die nur auf Texte zugreifen kann. ... 'Im dritten Satz hat die KI sehr genau beschrieben, dass sie Harfe will, ein Vibrafon, Holz und Blechbläser, Glissandi', erzählt Sieber. 'Sie hat die Streicher komplett weggelassen. Dann haben wir den dritten Satz einfach auch mal ohne Streicher geschrieben.'" Im Lauf der Zeit "entwickelte Haas eine Methode, die er 'metaphorisches Prompten' nennt. Ein schlichtes Beispiel aus den ersten Versuchen: 'Ich habe gesagt, schreib mir eine Melodie, die klingt wie ein Krokodil. Gemini schafft es da, Verbindungen herzustellen. Sie gab tiefe, langsame Töne vor, mit kleinen Intervallen, die ein bedrohliches Szenario mit einem schwerfälligen Tier insinuieren'."
Moritz Baumstieger stutzt in der SZ darüber, wie gleichförmig bis unfreiwillig komisch die an den Sound populärer Politthriller angelehnte musikalische Untermalung von ARD-Politdokus ausfällt: "Ab und zu heben sich Blasinstrumente mit der Ahnung einer aufsteigenden Melodie. Diese Fanfaren der Macht deuten damit an: Hier könnte Heroisches geleistet werden - sicher ist das in der Politik aber letztlich nie, darum brechen die Melodien bald ab und verhallen leise wie Gesetzesentwürfe in 18. Lesung im Fachausschuss."
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