Im Kino

Kurzer Text, langer Stillstand

Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann
09.10.2024. Bertrand Bonellos "The Beast" ist die Verfilmung einer äußerst sonderbaren, in Autorenfilmerkreisen erstaunlich beliebten, Henry-James-Erzählung. Die neue Version schwelgt in Clubkultur und lässt eine KI mit der Stimme Xavier Dolans sprechen, überzeugt aber vor allem dank einer herausragenden Léa Seydoux in der Hauptrolle.

Von den Werken des Autors Henry James, der unter den Romanciers der vorletzten Jahrhundertwende ein Experte für die komplizierten und die extra-komplizierten Beziehungen ist (wer sich für die Literatur des späten 19. Jahrhunderts interessiert, weiß, dass das etwas heißen will), ist "The Beast in the Jungle" eines der seltsamsten. Ein vergleichsweise kurzer Text über einen langen Stillstand; eine unterkühlte Erzählung, die mit einer dramatischen Geste endet; eine Geschichte von Anmaßung, Hoffnung, Erwartung und Irrglauben - Empfindungen, die bei James nicht nur in dieser Erzählung tödliche Konsequenzen haben, weshalb er sich besonders gerne mit ihnen befasst hat.

Die Verfilmbarkeit von "The Beast" ist nicht evident, anders als etwa die der sehr bekannten James-Erzählung "The Turn of the Screw" (vielfach adaptiert, zuletzt als Netflix-Serie "The Haunting of Bly Manor", 2020) oder die des Romans "The Portrait of a Lady" (ebenfalls mehrfach adaptiert, u.a. in einer Version mit Nicole Kidman und John Malkovich, 1996). Zu wenig passiert, zu viel wird gewartet und zu viel gesprochen, und wenn trotzdem das Wichtigste ungesagt bleibt (das ist bei James so üblich), ist der Effekt lange nicht so beunruhigend oder beklemmend wie in anderen Texten des Autors. Umso überraschender ist es, dass 120 Jahre nach der Erstveröffentlichung mit Patric Chiha und Bertrand Bonello gleich zwei interessante Regisseure eine Adaption von "The Beast" vorgestellt haben, und auffallend ist zudem, dass diese Adaptionen einige wesentliche Parameter teilen.

Zu diesen Parametern gehört der Club als Location, aber auch als Ort außerhalb der Zeit und als Schauplatz der Zeitreisen, an dem die Dekaden interferieren, die Kulissen und Kostüme entsprechend wechseln, an dem sich dem Lauf der Zeit für eine Weile entkommen lässt, in dem aber auch eine Epoche, ein Moment kristallisieren können. Sowohl Chiha als auch Bonello sind Regisseure mit ausgeprägter Affinität zur Clubkultur, was zugleich bedeutet: zu Musik, Mode, Tanz, Self-Fashioning, zu verschiedenen Bewusstseinszuständen und einer Figurenbehandlung, die nur bedingt psychologisch ist. Nächtlichkeit ist ein wiederkehrendes Moment beider Filmografien, Trance- und andere Zustände, ebenso das Begehren sowie die teils verstörenden Formen, in denen es sich artikuliert; und wenn der Club zu all diesen Elementen eine enge Beziehung unterhält, demonstrieren beide Werkbiografien auch, dass sie sich in andere Settings und Zusammenhänge (Chiha: das Bordell, die Bühne; Bonello: das Bordell, das Kaufhaus, der Stadtraum) übertragen lassen.


Im Gegensatz zu Chiha, der in "La Bête dans le jungle" letztlich eine einzige, lange Reise in die verträumte Nacht inszeniert, an deren Ende ein hartes Erwachen steht, hat Bonello seine Adaption "The Beast" als steten Wechsel zwischen Genres, Locations und Zeitebenen angelegt. Aus der Zukunft des Jahres 2044, in der alle Lebenszusammenhänge von einer benevolenten KI kontrolliert werden (sie spricht dabei mit der Stimme von Xavier Dolan), in die jüngere Vergangenheit des Sommers 2014 und der Morde im kalifornischen Isla Vista sowie in die fernere Vergangenheit eines Jahres 1914, in dem der Erste Weltkrieg weit weg scheint, dafür aber die Seine über die Ufer tritt und auf einmal das Zentrum von Paris unter Wasser steht. (Die im Film eingeblendeten, völlig irreal anmutenden Schwarzweiß-Fotos dokumentieren eine historische Flutkatastrophe von 1910, bei der infolge von Fehleinschätzungen und verspäteten Schutzmaßnahmen der Pegel des Flusses um acht Meter anstieg und Paris wochenlang überschwemmt war.)

Das Wasser ist ein Motiv, das die drei Zeitebenen in Bonellos Film verbindet. Zu den anderen gehören, neben der isolierten Figur inmitten einer Feier oder eines Clubs: die Prognosen, die in "The Beast" mal von Wahrsagerinnen, mal von einem Algorithmus formuliert werden; die insistente Todesahnung; das Bild im Bild; wandernde Objekte (Messer, Puppen); der Besuch einer Taube, die als Unheilsbringerin auf einmal in geschlossenen Räumen auftaucht; die Nahaufnahmen der Gesichter von Léa Seydoux (Gabrielle) und Georges MacKay (Louis); sowie, als ein Element, das direkt der literarischen Vorlage entnommen ist, der wiederholte Rekurs auf die Ahnung einer Katastrophe, die vielleicht schon stattgefunden hat, vielleicht aber noch kommen wird.

Die Angstlust in Erwartung dieses Moments kann als das primum movens in der Erzählung von James bezeichnet werden. Wenn sie sich dort bewahrheitet, ist die Irritation umso größer, als dies auf unerwartete Weise geschieht, während Bonello die Katastrophe letztlich sehr konventionell fasst und sie dem jeweiligen Genre (Drama, Horror, Sci-Fi) entsprechend konkretisiert. Überhaupt erweist sich "The Beast" bei genauerer Betrachtung als ein Film mit einer simplen Botschaft (Gefühle sind wichtig) und einer simplen Figurenkonzeption (manche Figuren wollen nicht auf ihre Gefühle verzichten). Dass er zwischen den Zeiten, Objekten, Markern, zwischen den Wiederholungen, den erratischen Handlungen der Figuren und einigen Suspense-Phasen dennoch einen gewissen Sog entfaltet, hat neben der Kameraführung von Josée Deshaies (verantwortlich für die Bildgestaltung in fast allen Filmen von Bertrand Bonello) viel mit dem somnambulen Spiel von Léa Seydoux zu tun, deren unerschrockene Auswahl von Rollen und Regisseuren ein ums andere Mal zu bewundern ist.

Stefanie Diekmann

The Beast - Freankreich 2023 - OT: La bête - Regie: Bertrand Bonello - Darsteller: Léa Seydoux, George MacKay, Guslagie Malanda, Dasha Nekrasova, Martin Scali, Elina Löwensohn - Laufzeit: 146 Minuten.