Efeu - Die Kulturrundschau

Ein besonders leuchtendes Furunkel

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02.09.2024. SZ und FAZ entdecken in Lars Eidingers Fotografien im K21 in Düsseldorf die Absurdität des Alltäglichen. Jenny Erpenbeck wehrt sich im Standard gegen den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der ihr "Ostdeutschtümelei" vorwirft. Der Nachtkritik werden bei Sven Holms Schönberg-Überschreibung "Ein Ermordeter aus Warschau" schwere Vorwürfe von Max Czollek und heftige Bässe um die Ohren gehauen. Die SZ hat die Nase voll vom "Dynamic Pricing" beim Konzertticket-Verkauf.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2024 finden Sie hier

Kunst

Lars Eidinger, "Montreux", 2019, C-Print. © Courtesy Lars Eidinger und Ruttkowski, 68, Köln, Düsseldorf, Paris, New York

Wer sagt, dass Schauspieler nicht auch Fotografen sein können? Wer das glaubt, wird jedenfalls im K21 in Düsseldorf eines Besseren belehrt, hält Alexander Menden in der SZ fest: Hier hat der Schauspieler Lars Eidinger in der Schau "O Mensch" zum ersten Mal seine Foto - und Videoarbeiten ausgestellt. Und die gehen weit über die Kategorie "lohnende Schnappschüsse" hinaus, findet Menden: "Denn selbst der zynischste Betrachter wird, wenn er mal vom Hype absieht und werkimmanent hinschaut, einräumen müssen, dass Lars Eidinger zunächst mal unbestreitbar einen ungewöhnlich guten Blick für Motive, für Farbkomposition, für die Verhältnisse von Gegenständen zueinander und nicht zuletzt auch für die Aura der Orte hat, die er abbildet: ein Paar Füße, das über die Kante eines Flachdachs hinausragt, welche das Bild diagonal durchschneidet. Fünf ältere Frauen, aufgereiht auf Hockern, von denen nur eine kein gestreiftes Oberteil trägt. Ein sargartig mit einer schwarzen Decke verhüllter Tisch vor einer ockerfarbenen Wand."

Freddy Langer ist in der FAZ ziemlich beeindruckt von den teilweise abgebildeten "Absurditäten und Irritationen". Am Ende wirkten "alle Bilder wie Träumen entsprungen, wie rätselhafte Botschaften, herauf gespült aus dem Unterbewusstsein. Wären sie in körnigem Schwarz-Weiß abgezogen, mit dämonisch harten Kontrasten, könnten sie einen das Fürchten lehren. Aber Lars Eidinger verzichtet auf einen solchen Effekt."

Weiteres: SZ-Kritikerin Christine Dössel und Rüdiger Schaper bestaunen die Installation "Ars Ignis. Die Poesie der Zerstörung" der spanischen Künstlerin Anna Talens, die an den Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar vor zwanzig Jahren erinnert, bei dem 50 000 Bücher zerstört wurden. Einige Werke aus der Sammlung des verstorbenen Kunstvermittlers Eberhard W. Kornfeld stehen bald in der Berner Galerie Kornfeld zur Auktion, berichtet Philipp Meier in der NZZ. Besprochen wird die Ausstellung "Biografien der Moderne. Sammelnde und ihre Werke" im Brücke-Museum in Berlin (tsp).
Archiv: Kunst

Musik

Jakob Biazza hat in der SZ den Hals gestrichen voll von dem Gebaren der Quasi-Monopolisten der Konzertticketbranche, die gerade beim Oasis-Hype, bei dem sich Millionen auf im Vergleich dazu wenige Tickets stürzten, via Algorithmen in Sekundenbruchteilen die Preise in schwindelerregende Höhen schnellen ließen. Dynamic Pricing nennt sich dieses System, das das Konzept von Angebot und Nachfrage skrupellos eskalieren lässt, und dieses "Dynamic Pricing ist, vornehm ausgedrückt, ein besonders leuchtendes Furunkel am Gesäß des digitalen Kapitalismus. Unter anderem deswegen, weil sich die Online-Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen seit vielen Jahren sekundenaktuell messen lässt, um dann voll von Gier und Opportunismus und betriebswirtschaftlicher Rationalität die Preise anzupassen. Man kann nun freilich einwenden, dass dieses Gebaren einer aus Manchester stammenden Band, die ihre Arbeiterklassenherkunft stets gut sichtbar in die Auslage gepackt hat, nicht sonderlich gut steht. So wie man das auch tat, als beim weithin flanellhemdigen Working-Class-Barden Bruce Springsteen für ein paar besonders widerliche Momente Karten 5000 Dollar kosteten."

Weitere Artikel: Christian Wildhagen (NZZ) und Reinhard J. Brembeck (SZ) schreiben über Anton Bruckner, der am 4. September vor 200 Jahren geboren wurde. Stephanie Grimm resümiert in der taz die zehnte Ausgabe des Popkultur-Festivals in Berlin.

Besprochen werden ein Konzert des Baritons Georg Nigl in Salzburg (NZZ), ein Auftritt von Tokio Hotel in der Schweiz (TA), ein Konzert des Pianisten Bruce Liu in Wiesbaden (FR), Jordi Savalls beim Musikfest Berlin gezeigtes Programm über den Sklavenhandel (FAZ) und die Ausstellung "Karl Valentin und die Musik" im Buchheim Museum in Bernried (FAZ).
Archiv: Musik

Film

Zwischen Selbst- und Fremdbestimmung: Cate Blanchett in "Disclaimer"

Halbzeit in Venedig. Die Kritiker schauen "Disclaimer", eine Apple-Serie des mexikanischen Oscargewinners Alfonso Cuarón. Cate Blanchett spielt darin eine Star-Journalistin, die von einer tief in der Vergangenheit liegenden Bettgeschichte kompromittierend heimgesucht wird und sich in einem Netzwerk aus Lügen verstrickt wiederfindet. "Sie verhält sich dabei auch maximal ungeschickt, die Serie und ihre Hauptdarstellerin scheinen sich in der Qual dieses tiefen Falls geradezu zu suhlen", schreibt Tobias Kniebe in der SZ, "bis Blanchetts Figur dann endlich auch mal selbst spricht. ... Nur: Selbstbestimmter erschien sie davor, in der falschen Version, die ihr alle nur böswillig angedichtet haben - weshalb man die Sache final dann doch nicht als Triumph für den Feminismus verbuchen kann."

Der hochdekorierte "Meisterregisseur" Cuaron füllt auch für diese TV-Arbeit "die große Leinwand mühelos, und führt großartige Darsteller zu ebensolchen Leistungen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Mühelos füllt er aber auch viel zu viele Drehbuchseiten, wie es die Streaming-Dienste nun einmal so wünschen." Filmdienst-Kritikerin Felicitas Kleiner sah "ein Plädoyer dafür, Narrative zu hinterfragen, im Zweifelsfall mit Urteilen zurückhaltend zu sein und lieber auf das zu setzen, was man auf Englisch so schön den 'Benefit of the doubt' nennt."

Erotische Spannungen: "Babyface" von Halina Reijn

Um Sex und die Abgründe, in die er Menschen ziehen kann, geht es auch in dem Seitensprung-Thriller "Babyface", in dem sich eine in ihrer Ehe ausgerechnet von Antonio Banderas sexuell frustrierte Nicole Kidman in die Arme eines jungen Praktikanten flüchtet. "Die niederländische Regisseurin Halina Reijn nutzt das Genre des Erotikthrillers, um von weiblicher Selbstermächtigung zu erzählen", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Die Affäre zwischen der älteren, erfolgreichen Frau und dem jüngeren, in der Hierarchie unter ihr stehenden Mann spielt dabei auch die Debatte über Machtmissbrauch auf einer neuen Ebene durch. Kidman und Harris Dickinson gelingt es, größtmögliche erotische Spannung aufzubauen und zugleich Verletzlichkeiten offenzulegen. Sex ist für Reijn ein Stilmittel, um über all diese Themen nachzudenken, sie inszeniert das mit großem Feingefühl, zeigt ihre Darsteller so nackt, wie nur europäisches Kino das wagt, stellt sie aber nie bloß. Einem italienischen Kritiker wurde bei Kidmans Spiel zu warm, nach der Pressevorführung schrie er empört 'Porno!' in den Saal."

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden außerdem Jon Watts' Thrillerkomödie "Wolfs" mit George Clooney und Brad Pitt (Standard, Tsp), Justin Kurzels Neonazi-Thriller "The Order" (taz) und Bernhard Wengers österreichische Sozialsatire "Peacock" (Standard).

Weitab vom Lido: Andreas Busche empfiehlt im Tagesspiegel eine Reihe im Berliner Kino Arsenal mit den in den Siebzigern entstandenen Bahnhofskinofilmen von Stephanie Rothmann. Besprochen werden die vierte Staffel der Netflix-Serie "Emily in Paris" (Freitag) und die vom ZDF online gestellte Krimiserie "A Good Girls' Guide to Murder" (taz).
Archiv: Film

Literatur

Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck ärgert sich im Standard-Gespräch mit Bert Rebhandl über den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der ihr vor kurzem in der taz "Ostdeutschtümelei" in ihren international immens erfolgreichen Romanen vorgeworfen hat (unser Resümee): "Er wird persönlich und nimmt mich auch in Sippenhaft. Dabei finde ich, dass mein Buch alles andere ist als eine Verherrlichung der DDR. Zu einem guten Drittel spielt es übrigens nach der Vereinigung. Er hat als Historiker selbst ein Buch darüber geschrieben, was während des Umbruchs an Problemen aufgetreten ist. Und jetzt wirft er mir vor, dass ich die bundesdeutsche Freiheit nicht genug bejuble. Ganz abgesehen davon, dass eine literarische Figur etwas anderes ist als das Sprachrohr ihres Autors."

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Angela Schader stellt in einem "Vorwort" für den Perlentaucher die britisch-palästinensische Autorin Isabella Hammad vor, deren neuer Roman "Enter Ghost" am Beispiel zweier Schwestern innerpalästinensische Konflikte thematisiert: "Über das Verhältnis zwischen den arabischen Israeli und den Palästinensern im Westjordanland hätte man gern noch etwas mehr gelesen als die gelegentlichen Streiflichter, die Hammad dem Thema widmet. Denn schon die kurze Passage über das abschätzige Wort 'Dafawim', mit dem Erstere die Letzteren bezeichnen, ist aufschlussreich: 'Dafawim, die Bewohner des Westjordanlands, ein kollektiver Spitzname, der sich von Daffeh, Ufer, ableitet. Was das hebräische Suffix dieses Plurals, das im, über jene aussagte, die ihn benutzten, war nie Thema.' Umgekehrt sehen die Palästinenser jenseits der Grenze die in Israel Verbliebenen als Verräter - besonders diejenigen, die arabischen Grundbesitz oder Häuser an Juden verkaufen. Genau das ist nach dem Tod der Großeltern geschehen, die Tante der Mädchen hat das Haus an jüdische Käufer veräußert. Trotzdem macht Haneen, früh politisiert und moralisch unerbittlich, als Erwachsene ihr Recht auf die israelische Staatsbürgerschaft geltend: Sie ist nach Haifa zurückgekehrt und unterrichtet an der dortigen Universität. Sonia wiederum, deren Karriere als Schauspielerin in London nie recht Fahrt aufnahm, will nach dem hässlichen Ende ihrer Liebesaffäre mit einem Regisseur den Sommer wieder einmal in der sonnigen Hafenstadt verbringen. Auf schwesterlichen Trost darf sie dort allerdings nicht rechnen, denn das Verhältnis der beiden ist seit langem von Dissonanzen und Spannungen bestimmt."

Weitere Artikel: Sylvia Staude berichtet in der FR vom Stadtschreiberfest zu Ehren des Schriftstellers Dinçer Güçyeter in Bergen-Enkheim. Und Marc Reichwein gibt in der Welt die besten Sachbücher des Monats bekannt. Auf Platz Eins: Michaela Krützens "Zeitverschwendung. Gammeln, Warten, Driften in Film und Literatur".

Besprochen werden Clemens Meyers "Die Projektoren" (taz), eine Neuauflage von Colson Whiteheads Debütroman "Die Intuitionistin" (Standard), Verena Dolovais "Dorf ohne Franz" (FR), Alexander Schimmelbuschs "Karma" (online nachgereicht von der FAZ), Veit Heinichens Krimi "Beifang" (Standard), Jörg Späters "Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik" (online nachgereicht von der FAZ), Ingeborg Bachmanns "Senza Casa. Autobiografische Skizzen, Notate und Tagebucheintragungen" (NZZ), Elsa Koesters "Im Land der Wölfe" (Welt) und neue Krimis, darunter Leye Adenles "Zügel der Macht" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Joachim Sartorius über Tom Schulz' "Jenenser Student; Tornister anschnallend (Ferdinand Hodler, 1908)":

"Auf dem Rücken
trage ich das Tattoo eines Haflingers
den Großvater anspannte ..."
Archiv: Literatur

Bühne

"Ein Ermordeter aus Warschau" beim Kunstfest Weimar © Candy Welz

Diese Inszenierung kennt keine Gnade - Nachtkritiker Georg Kasch ist hin- und hergerissen von Sven Holms Inszenierung "Ein Ermordeter aus Warschau" beim Kunstfest Weimar. Die Variation von Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau", einem Stück für für Sprecher, Männerchor und Orchester, geht auf das Konto von Max Czollek und Komponist Michael Wertmüller und sie fällt ein vernichtendes Urteil über die deutsche Erinnerungskultur: "Schon in seinem Buch 'Desintegriert Euch!' lautete die These, dass das deutsche 'Gedächtnistheater' um die Schoah allein der Entlastung der Deutschen von ihrer historischen Schuld dient. Jetzt treibt er das auf die Spitze, wenn er im Libretto begründet, warum wir uns so gerne mit den Überlebenden auseinandersetzen und nicht mit den Ermordeten (daher auch der Titel): Weil wir die Geschichte der Toten nicht ertragen und weil 'wir doch stets / an das Gute im Menschen glauben'." Das könnte schon alles stark sein, leider wirkt es für Kasch dann doch ein wenig gewollt, außerdem verstehe man den Text bisweilen akustisch nicht.

Weitere Artikel: Michaela Schlagenwerth resümiert in der Berliner Zeitung die alarmierende Lage vom HAU Hebbel am Ufer und anderen Tanzhäusern, deren Etat in der gegenwärtigen Version von Claudia Roths Haushaltsentwurf stark gekürzt wurde. Egbert Tholl teilt in der SZ Eindrücke vom Kunstfest Weimar, wo er unter anderem die multimediale Konzertinstallation "The Weird & The Eerie" von Michael von zur Mühlen mit Thomas Köck und Andreas Spechtl von der Band "Ja, Panik" anschaut und -hört. In der FAZ resümiert Salomé Meier das diesjährige "Züricher Theaterspektakel".

Besprochen werden Peter Atanassows Inszenierung von Goethes "Faust" mit dem Gefängnistheater AufBRUCH auf der Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide (taz), die Solo-Performance "The Voice" von Rita Mazza in den Sophiensälen Berlin und und eine Aufführung von Christos Papadopoulos Tanzstück "Mycelium" vom Ballet de l'opera de Lyon, beides im Rahmen von "Tanz im August" (taz).
Archiv: Bühne