Efeu - Die Kulturrundschau
Rechtsprinzip der Blutrache
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14.08.2024. Hyperallergic begeistert sich für Vera Molnárs Freude an der Störung im System, die sich gerade im Centre Pompidou bewundern lässt. Die FAZ sieht erschüttert Steffi Niederzolls Dokumentarfilm über die Iranerin Reyhaneh Jabbari, die hingerichtet wurde, weil sie sich gegen ihre Vergewaltiger gewehrt hatte. In GdG erklärt Dmitri Strozew die Rolle der Lyrik bei den Protesten in Belarus vor vier Jahren. In Salzburg löst Peter Sellars' Inszenierung von Prokofjews Oper "Der Spieler" bei der SZ Begeisterung, bei der FAZ lange Zähne aus. Das Leipziger Kulturzentrum Conne Island erklärt, wie es sich anfühlt, boykottiert zu werden.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.08.2024
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Film

Äußerst beeindruckt bespricht Oliver Jungen in der FAZ Steffi Niederzolls Dokumentarfilm "Sieben Winter in Teheran" über die Geschichte der Reyhaneh Jabbari, die hingerichtet wurde, weil sie sich gegen ihren Vergewaltiger, einen Mann des Regimes, gewehrt hatte. Neu sei es "nicht, dass in diesem Fall nicht allein das atavistische islamische Rechtsprinzip der Blutrache das Problem darstellt, sondern auch der Umstand, dass das Urteil schon vor dem Prozess feststand. Und doch ist es etwas ganz anderes, all das im Film präsentiert zu bekommen", schreibt Jungen. Und schließt: "Es wird noch einmal klar in diesem Film, dass eine Veränderung in Iran nur von innen kommen kann, weshalb es doppelt tragisch ist, dass die Protestbewegung mit purer Gewalt erstickt wurde und die gegenwärtig von Iran und seinen Stellvertretern im Nahen Osten gesuchte Eskalation erfolgreich davon abzulenken scheint, wie korrupt und zynisch, aber auch wie morsch und hinfällig das iranische System ist." Der Film läuft heute Abend in der ARD und ist hier in der Mediathek zu sehen.

Der Trailer verschafft einen kleinen Einblick in den Film:
Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Andreas Hartmann die Filme des georgischen Regisseurs Ioseb "Soso" Bliadze, die im Berliner Kino Krokodil zu sehen sind. Und eine kuriose Meldung in Variety: Corey Yuen, der im Hongkong-Actionkino der Achtziger erst als Schauspieler und später dann auch (bis hin zum Hollywoodkino) als Regisseur und Choreograf tätig war, ist bereits vor zwei Jahren einer Covid-Erkrankung erlegen, wie erst jetzt - nach einem Leak seines früheren Weggefährten Jackie Chan - bekannt wurde.
Besprochen werden Fanny Liatards und Jérémy Trouilhs "Gagarin - Einmal schwerelos und zurück" (taz, FD), die Apple-Serie "Bad Monkey" mit Vince Vaughn (Welt) und die auf dem gleichnamigen Terry-Gilliam-Film basierende Apple-Serie "Time Bandits" (FAZ).
Kunst

Weitere Artikel: Wer gerade in oder bei Marseille Urlaub macht, dem empfiehlt Isa Farfan in Hyperallergic einen Abstecher ins Mucem zu einer Ausstellung über die Kultur der Nudisten: Einige Führungen durch die Ausstellung kann man sogar splitternackt genießen. Und Tina Barouti stellt in Hyperallergic die amerikanisch-tunesische Landart-Künstlerin Lita Albuquerque vor, die gerade ihre "Malibu Line" in Kalifornien nachgestellt hat, ein Werk, "das aus ultramarinblauem, pulverförmigem Pigment in einem Graben besteht, der sich über eine Länge von 21 Metern erstreckt". In der SZ freut sich Cornelius Pollmer, dass die 2022 gestohlenen Juwelen ins Grüne Gewölbe nach Dresden zurückgekehrt sind und jetzt auch besser bewacht werden.
Besprochen werden die Ausstellung "Studio Rex" im Fotozentrum C/O Berlin, mit Aufnahmen, die Assadour Keussayan in seinem Fotostudio in Marseille vor allem von Flüchtlingen und Migranten machte (monopol) und die Gustav-Metzger-Ausstellung im MKK-Tower in Frankfurt (SZ).
Literatur

'Sie sagt in einem vernünftigen Ton,
'Es muss ja nicht unbedingt ein Burberry sein!'"
In Geschichte der Gegenwart spricht die Übersetzerin Iryna Herasimovich mit dem Lyriker und Verleger Dmitri Strozew über die besondere Rolle der Lyrik bei den Protesten in Belarus vor vier Jahren: "Die Position der Poesie wird paradoxerweise noch dadurch gestärkt, dass es in Belarus massive Publikationsprobleme gibt", erzählt Strozew. "Wer einen Roman veröffentlichen will, stößt auf große Schwierigkeiten", die Lyrik sei hingegen aufgrund ihrer knappen Form wendig gewesen, insbesondere auf Social Media: "Das haben wir in den ersten Protesttagen nach den gefälschten Wahlen genutzt. ... Aus der unmittelbaren Erfahrung geschrieben, sagten diese Texte viel über den Kontext, über unseren Zustand aus. Diese Aussagen waren einerseits Referenzflächen für die Menschen in Belarus, auf die sie ihre Erlebnisse, Eindrücke, Stimmungen, Erwartungen und Überlegungen beziehen konnten, andererseits haben sie die hochkomplexe Situation auch für Außenstehende erschlossen: Die poetischen Texte waren augenblickliche Montagen, die einen weiten Blick mit einer sehr persönlichen Offenbarung verbanden. ... Nasta Kudassava - wenn ich ihre Texte damals auf Facebook sah, öffneten sie immer etwas in mir. Oder Uladz Liankevich - er hat eine ganz neue Sprache für die traumatischen Erfahrungen im Gefängnis gefunden. Mich, der ich diese Erfahrungen auch gemacht habe, hat seine Ausdrucksweise tief beeindruckt."

Weitere Artikel: Lena Bopp erinnert in der FAZ an Franz Kafkas und Max Brods Besuche in Paris. Besprochen werden unter anderem Mario Vargas Llosas "Die große Versuchung" (online nachgereicht von der Welt), Manu Larcenets gleichnamige Comicadaption von Cormac McCarthys "Die Straße" (taz), Joshua Cohens "Die Netanjahus" (taz), Yoko Tawadas Essay "Eine Zungengymnastik für die Genderdebatte" (FR), Jessica Linds "Kleine Monster" (FAZ) und Reinhard Kaiser-Mühleckers "Brennende Felder" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

In der FAZ ist Jürgen Kesting eher genervt von den platten politischen Aussagen Nina Chruschtschowas, die die Eröffnungsrede halten durfte, und Peter Sellars', der die Oper noch dazu als "lärmiges Popspektakel" inszeniere. "Der Regisseur, sein Bühnenbildner George Tsypin und der Lichtdesigner machen die Bühne zu einem Las-Vegas-Casino der billigen Sorte, ausgestattet mit grell-leuchtenden Roulettetischen, die immer wieder, ohne einleuchtende Gründe, herauf- und heruntergefahren werden. Dazwischen irren die zeitgemäß per Mobiltelefon sich verständigenden Figuren umher. Die Klangsphäre des Werks, die grell, lustvoll dissonant und motorisch-aggressiv das 'Gesellschaftliche als das Groteske' deutlich macht, wurde von den Wiener Philharmonikern unter dem in Salzburg debütierenden Timur Zangiev mit Verve demonstriert." Dem amerikanischen Tenor Sean Panikkar, der die Titelfigur singt, kann er nicht viel abgewinnen. Judith von Sternburg fand ihn in der FR jedoch ganz hervorragend, weil er "sich die Seele aus dem Leib singen muss und das mit Bravour meistert - und mit jener Leichtigkeit, die eine Hochleistung gar nicht groß ausstellt. Erst im Nachhinein wird einem klar, dass er 132 Minuten lang fast ohne Unterlass zugange war". Besprochen wird die Aufführung auch in der taz von Regine Müller, die sich vorrangig Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Mieczysław Weinbergs letzter Oper "Der Idiot" widmet.
Weitere Artikel: Michaela Schlagenwerth annonciert in der Berliner Zeitung das Programm des Berliner Festivals Tanz im August. In der FAZ meldet Jan Brachmann den Tod des Theaterregisseurs Christof Nel.
Architektur

Musik
Das linke Leipziger Kulturzentrum Conne Island, das wegen seiner israelfreundlichen Position wohl der "antideutschen" Strömung zuzurechnen ist, wandte sich Ende letzter Woche mit einem Alarmruf an die Öffentlichkeit. Im Conne Island werden auch Rockkonzerte abgehalten, aber zahlreiche Bands haben seit dem 7. Oktober abgesagt. Das Kulturzentrum nennt die Bands High Vis, Lust for Youth, Rotten Mind, Slow Pulp, Life Force, Pkew Pkew Pkew, Lovefoxy, Elias Mazian, Byron Yeates, Truth Cult, Coffin, TR/ST, Jen Razavi, The Chats. "Das Vorgehen des Boykotts bleibt dabei stets dasselbe", schreiben die Macher von Conne Island. "Sobald ein Act in unseren Lineups auftaucht wird dieser (meist über Social Media) kontaktiert und über die schon genannten Narrative 'in Kenntnis gesetzt'. Die Nachrichten, die dabei kursieren werden meist einfach per copy+paste weiterverbreitet und enthalten neben diversen Falschaussagen auch scheinbare Quellenverweise, die allerdings meist auf die ursprünglichen Boykottseiten verweisen, die die gleichen Unwahrheiten widerspiegeln. Begleitet wird dies von mehr oder weniger subtilen Einschüchterungen und Drohungen, dass die Acts mit Absagen an anderen Orten zu rechnen haben. ... So berichtete uns eine Künstlerin von massiven Bedrohungen nach der Ankündigung ihrer Show bei uns. Einer anderen Künstlerin hingegen wurden nach dem Auftritt im Conne Island weitere Shows ihrer Tour abgesagt und sie kurzerhand vom Line Up gestrichen." Hier kann man also sozusagen in der Praxis mitverfolgen, wie jener Boykott funktioniert, dessen Rechtfertigung vor einigen Jahren von den Autoren des "Weltoffen"-Papiers als eine zu ermöglichende Position verteidigt wurde. Hinzu kommt aber laut Conne Island noch der sogenannte "Silent Boycott", der gegenüber Conne Island also nicht ausgesprochen wird: "Hier können wir nur vermuten, wieviele Shows deshalb nicht bei uns stattfinden konnten. ... Aber wir können eines sagen: es macht sich bemerkbar und bringt das Conne Island nicht nur in finanzielle Schwierigkeiten."
Die Leipziger Volkszeitung berichtete, der Artikel lässt sich mit einiger Mühe hier nachlesen.
Weiteres: Ljubiša Tošić spricht im Standard mit dem Dirigenten Heinz Ferlesch, der morgen in der österreichischen Basilika St. Florian gemeinsam mit dem Chor Ad Libitum und dem Originalklangorchester Barucco Bachs h-Moll-Messe aufführt. Schlimm findet es Stefan Weiss im Standard, wie sich österreichische Politiker aus PR-Gründen an Swifties ranwanzen. Besprochen wird das Album "This Is How Tomorrow Moves" der britischen Sängerin Beabadoobee (Standard).
Die Leipziger Volkszeitung berichtete, der Artikel lässt sich mit einiger Mühe hier nachlesen.
Weiteres: Ljubiša Tošić spricht im Standard mit dem Dirigenten Heinz Ferlesch, der morgen in der österreichischen Basilika St. Florian gemeinsam mit dem Chor Ad Libitum und dem Originalklangorchester Barucco Bachs h-Moll-Messe aufführt. Schlimm findet es Stefan Weiss im Standard, wie sich österreichische Politiker aus PR-Gründen an Swifties ranwanzen. Besprochen wird das Album "This Is How Tomorrow Moves" der britischen Sängerin Beabadoobee (Standard).
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