Efeu - Die Kulturrundschau
Den Degen in die Luft gereckt
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08.08.2024. Der Tagesspiegel verneigt sich im dänischen Humlebæk noch einmal vor Franz Gertsch, der von einer genervten Patti Smith auch mal mit Notizen beworfen wurde. Monopol erzählt die absurde Geschichte der russischen Spionin Anna Dulzewa, die als argentinische Kunsthändlerin durch Europa reiste und deren Kinder nicht mal wussten, wer Putin ist. Die Welt applaudiert Robert Carsens genderfluide besetzter Inszenierung von Mozarts "La Clemenza di Tito" in Salzburg.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
08.08.2024
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Kunst

Ende 2022 ist der Schweizer Maler Franz Gertsch gestorben, die große Retrospektive, die derzeit unter dem Titel "Blow-Up" im Louisiana Museum im dänischen Humlebæk stattfindet, konnte er noch mitgestalten. Im Tagesspiegel verneigt sich Hilka Dirks noch einmal vor dem großen Hyperrealisten, der mit Landschaftsmalerei und Pop-Art-Collagen anfing - bis das Bild 'Huaa …!' 1969 einen Wendepunkt brachte: "Es zeigt ein Still des Antikriegsfilms 'Der Angriff der leichten Brigade': ein galoppierendes Pferd mit uniformiertem Reiter, den Degen in die Luft gereckt, werfen Mensch und Tier vor grellgrünem Hintergrund gleichermaßen den Kopf in den Nacken. Die Arbeit gilt als die erste in der Technik, die Gertsch so berühmt machte. Mit einem Dia-Projektor projizierte er Fotos auf die Leinwand, vergrößerte sie ins Überdimensionale und malte sie gewissenhaft mit kleinem Pinsel nach." Statt Filmstills malt Gertsch bald Urlaubsschnappschüsse, die Familie oder die umgebende Kunstszene: "Unter ihnen der Künstler Luciano Castelli, von dessen Lebensweise Gertsch so fasziniert war, dass er ihn immer und immer wieder auf die Leinwand bannte und Patti Smith, kurz bevor sie, vom ungefragten Fotografieren genervt, den Maler mit ihren Notizen bewirft."
Eine besonders absurde Geschichte des Gefangenenaustauschs mit Russland greift Daniel Völzke in monopol auf: Getarnt als argentinische Kunsthändlerin für die Galeria 5'14 reiste die russische Spionin Anna Dulzewa durch Europa: "Die beiden Russen Artjom und Anna Dulzew, beide 1984 geboren, lebten zehn Jahre lang als Agenten des russischen Geheimdienstes SWR unter falscher Identität in Südamerika und Slowenien, bevor sie im Dezember 2022 ... enttarnt wurden. Selbst ihre beiden Spanisch sprechenden Kinder Sophie und Daniel sollen nicht gewusst haben, dass ihre Eltern und sie selbst Russen sind. Mit 'Buenas noches' soll Wladimir Putin vergangene Woche Sophie auf dem Flughafen in Moskau begrüßt haben. Es war ihr erster Besuch in Russland, laut Kremlsprecher habe das Mädchen bei der Begegnung mit Putin nicht gewusst, wer dieser Mann überhaupt ist. Wie man nun aus gemeinsamen Recherchen von der New York Times, der BBC und dem Guardian weiß, erhielt Artjom 2013 den Auftrag, aus Uruguay nach Argentinien einzureisen, kurz danach folgte ihm Anna, Agentin mit höherem Rang als ihr Mann, aus Mexiko."
Weitere Artikel: Die Kunstsammler Karen und Christian Boros, die Teile ihrer Sammlung im Berliner Boros-Bunker zeigen, werden für ihre Verdienste um die Kunst mit dem Art-Cologne-Preis ausgezeichnet, meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel. In der FAZ erzählt Jan Brachmann die Vorgeschichte des Kirchenfensters im Greifswalder Dom Sankt Nikolai, das von Ólafur Elíasson nun neu gestaltet wurde.
Besprochen werden die Mike Kelley-Retrospektive "Ghost and Spirit" im K21 Düsseldorf (taz, mehr hier), die Ausstellung "William Blakes Universum" in der Hamburger Kunsthalle (SZ, mehr hier), die Ausstellung "Holy Fluxus" in der Berliner St. Matthäus-Kirche (FR, mehr hier), die Ausstellung "Städel Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900" im Frankfurter Städel Museum (Tsp, mehr hier) und die Ausstellung "Bis hierhin lief's noch gut", die das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe der Illustratorin Anna Haifisch widmet (taz).
Literatur
Tilmann Warnecke unterhält sich für den Tagesspiegel mit Anne Hetzer über das von ihr mitkuratierte, dreitägige Programm zum Thema "Coming-Out in der Literatur" im Literarischen Colloquium Berlin. Im Gespräch geht es auch darum, was spezifisch queer an der Lyrik ist: "Es ist an der Zeit, genau das herauszufinden. Wie verändert sich die allgemeine Literaturlandschaft dadurch, dass queere Lyrik und Literatur insgesamt eine größere Aufmerksamkeit bekommt?" Da "scheinen auch viele Erwartungen im Spiel zu sein: Oft wird davon ausgegangen, dass queere Autoren irgendwie über Erotik schreiben. Was ist, wenn sie über Blumen schreiben? Andererseits steckt für mich viel Kraft darin, Sexualität, Körper, Begehren, Erotik, Geschlechtsidentität zu thematisieren. Das ist eine große Stärke von queerer Literatur, und zwar eine subversive Stärke."
Außerdem: In der Literarischen Welt (online nachgereicht) präsentiert die Sängerin und Schauspielerin Ingrid Caven die Bücher, die sie geprägt haben. Der niederländische Comiczeichner Erik Kriek gibt im Tagesspiegel-Fragebogen Auskunft über sich.
Besprochen werden unter anderem Abraham Sutzkevers "Vierkantige Lettern. Gedichte 1935-1995" (taz), Nadine Olonetzkys "Wo geht das Licht hin..." (FR) und Madame Nielsens "Mein Leben unter den Großen" (FAZ).
Außerdem: In der Literarischen Welt (online nachgereicht) präsentiert die Sängerin und Schauspielerin Ingrid Caven die Bücher, die sie geprägt haben. Der niederländische Comiczeichner Erik Kriek gibt im Tagesspiegel-Fragebogen Auskunft über sich.
Besprochen werden unter anderem Abraham Sutzkevers "Vierkantige Lettern. Gedichte 1935-1995" (taz), Nadine Olonetzkys "Wo geht das Licht hin..." (FR) und Madame Nielsens "Mein Leben unter den Großen" (FAZ).
Musik
Die Agenturen melden, dass die drei Wiener Konzerte von Taylor Swift wegen akuter Terrorgefahr abgesagt wurden. Die Presse sammelt dazu Reaktionen. Robin Passon stellt in der FAZ das Symphonieorchester São Paulo vor, das Brasilien die klassische Musik näher bringt und Ende des Monats das Musikfest Berlin eröffnen wird. Jonathan Fischer spürt in der NZZ nach, wie der afrikanische Singeli-Sound den internationalen Techno prägt. Im Tagesspiegel denkt Frederik Hanssen über den Reiz des Berliner Nachwuchsfestivals Young Euro Classic nach. Ronald Pohl erinnert im Standard an die Glamrock-Welle vor 50 Jahren und verschafft sich außerdem einen Überblick über die Swift-ologie seiner Kollegen.
Besprochen werden ein Klavierabend mit Grigory Sokolov bei den Salzburger Festspielen (FAZ), ein Beethoven-Konzert des Orchesters Le Concert des Nations unter Jordi Savall bei den Salzburger Festspielen (Presse), ein neues Album von Kanye West (Standard) und ein Konzert von Orbit in Frankfurt (FR).
Besprochen werden ein Klavierabend mit Grigory Sokolov bei den Salzburger Festspielen (FAZ), ein Beethoven-Konzert des Orchesters Le Concert des Nations unter Jordi Savall bei den Salzburger Festspielen (Presse), ein neues Album von Kanye West (Standard) und ein Konzert von Orbit in Frankfurt (FR).
Film

Oz Perkins' mit Nicolas Cage besetzter, zwischen Serienkillerfilm und Teufel-Horror changierender "Longlegs", dem eine sagenhafte PR-Kampagne vorausgegangen war, beschäftigt die Feuilletons. Perlentaucher Kamil Moll jedenfalls ist überaus angetan: In Perkins' Werk scheint "ein eher ironisch verspieltes Verhältnis zur eigenen Arbeit im Genre Einzug zu halten. Eine notwendige Brechung, denn zu sehr ächzten seine Filme bislang, bei aller handwerklichen Könnerschaft, unter der weihevollen Betonung von raunender Atmosphäre und ziselierter Bildgestaltung." Außerdem ist dies wohl Cages "beseelteste Performance seit Langem - eine Rolle zwischen gekonnt ausgespieltem Schrecken und würdevoll zugelassener Lächerlichkeit, deren Inspiration sich nicht aus dem Manierismenrepertoire ikonischer Serienkillerfiguren speist, sondern ganz die idiosynkratische Schöpfung des Schauspielers zu sein scheint. Möglicherweise ist es dieses Wechselspiel von lustvoller Popekstase und konzentrierter Intelligenz, das aktuellen Horrorfilmen auch sonst zuletzt des Öfteren fehlte."
tazler Jens Balkenborg findet diesen "eigensinnigen Horrorhybrid ... als Effektkino und popkulturelle Diskursfläche" durchaus interessant, weiß aber angesichts einer "gewissen campiness" dann doch nicht, ob er mit oder über diesen Film lachen soll. Dafür klingt der Film aber ganz fantastisch: "Untermalt von dem mal offensiv mit Dissonanzen an den Nerven sägenden, mal unterschwellig von Autonomer sensorischer Meridianreaktion (ASMR) affizierten Sounddesign von Eugenio Battaglia bersten auch triviale Momente vor Spannung und hauen einen einige gezielt gesetzte Jumpscares aus dem Kinosessel: eine formal elaborierte Reizüberflutung in einer Dunkelheit in unheilvollen Räumen." Weitere Besprechungen in Jungle World, Tagesspiegel und SZ.

Bei Marjane Satrapis episodischem Ensemblefilm "Paris Paradies" gerät Perlentaucher Robert Wagner ins Gähnen angesichts dessen, "wie halbgar er bleibt. Dass er lediglich kurze, makabre Geschichten von der Ile-de-France ansammelt und uns am Ende kaum mehr als ein paar gelungene Scherze und einige genregerechte Tropen über wiedergewonnenen Lebensmut anzubieten hat. Dazu passt auch, wie anonym Paris bleibt. ... Die Stadt und ihre Menschen bleiben erschreckend nichtssagend und egal - den exakt gleichen Blick aus der Luxuswohnung von Marie-Cerises Familie etwa hat Mikhaël Hers in 'Les Passagers de la nuit' ("Passagiere der Nacht", 2022) vor Kurzem deutlich interessanter verwendet. Beklemmend wirkt diese Anonymität aber auch nicht. ... Ein Film, der sich mit zu wenig begnügt."
Im Mittelpunkt des Films steht die Operndiva Giovanna, schreibt Andreas Kilb von der FAZ. "Dass sie von Monica Bellucci gespielt wird, wirkt wie ein Versprechen. Seit ihrem kurzen Auftritt bei James Bond ('Spectre') und ihrer Tour de Force bei Emir Kusturica ('On the Milky Road') hat Bellucci wenig Glück mit ihren Kinorollen gehabt, sodass die Krise ihrer Filmfigur fast wie ein Spiegel ihrer eigenen Situation erscheint. ... Man würde gern sehen, wie das Drama sich zuspitzt, aber an diesem Punkt schlägt die Form des Ensemblefilms zu. ... Jede dieser Episoden hat ihr eigenes Gewicht, aber in 'Paris Paradies' geben sie sich nicht gegenseitig Halt wie bei Altman oder Haggis, sondern stehen einander im Weg."
Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte freut sich in der FR auf die Locarno-Retrospektive, die in diesem Jahr dem Studio Columbia Pictures gewidmet ist (mehr dazu bereits hier). Andrea Spalinger schreibt in der NZZ über den indischen Schauspieler Shah Rukh Khan, der in Locarno für sein Lebenswerk geehrt wird. Ebenfalls in der NZZ ist Andreas Scheiner derweil der Ansicht, dass sich das Filmfestival in Locarno ein bisschen zu sehr auf seinem Ruhm ausruht. Besprochen wird Viggo Mortensens Westen "The Dead Don't Hurt" (taz, FR, Freitag, Tsp, mehr dazu bereits hier). SZ und Filmdienst geben außerdem einen Überblick die Kinostarts der Woche.
Die Agenturen melden, dass die deutsche Synchronlegende Rainer Brandt gestorben ist. Auf sein Konto gehen das am laufenden Meter Sprüche klopfende "Schnodderdeutsch" und die Methode, jeden Moment zu nutzen, um den Figuren etwas in den Mund zu legen, obwohl sie im Original gar nichts gesagt haben. Mit der Synchronisation von "Die 2" verhalf er der eher mauen britischen Serie in Deutschland zu einem riesigen Erfolg und sich selbst zum Durchbruch. Hier ein Best-Of:
Architektur
In der FAZ gratuliert Matthias Alexander dem japanischen Architekten Kengo Kuma zum Siebzigsten: "In seinen stärksten Entwürfen macht er die Konstruktion zum suggestiven, geradezu skulpturalen Gestaltungselement, in dem Komplexität und Ruhe zusammenfinden. Kuma greift dabei wo immer möglich auf das Wissen lokaler Handwerker zurück, das sich in Japan viel stärker als in den meisten anderen Ländern des sogenannten Westens erhalten hat."
Bühne

Sehr zufrieden ist Manuel Brug in der Welt mit Robert Carsens Inszenierung von Mozarts "La Clemenza di Tito" bei den Salzburger Festspielen, bei der Carsen die beiden Kastratenrollen des Sesto und seines Freundes Annio genderfluid besetzt: "Er lässt offen, ob es lesbische Frauen oder mädchenhafte Männer sind. In der Gestaltung der sonoren Anna Tetruashvili mit ihrem kürzeren Haar wirkt der Annio jedoch durchaus männlich. Ist Sesto jedoch eine gleichgeschlechtlich Liebende, die ausgerechnet Vitellia begehrt, die sich einzig nach der Macht und dem Thron des Titus verzehrt, wirkt die Intrigengeschichte aus der römischen Kaiserzeit einerseits glaubwürdiger. Und die reife Cecilia Bartoli muss, andererseits, keinen pubertierenden Buben spielen, sondern kann die Tragik einer fehlgeleiteten Frau durch die Trauer ihres Gesangs wunderbar ausspielen. ... Carsen liefert seinem Star mit seinem ruhigen, zeitgenössischen Tableau eines nüchternen Senatssaales im heutigen Rom die ideale Hintergrundfolie für eine kluge, abgeklärte und doch leidenschaftliche Charakterstudie, die sich erstaunlich stimmig in das weitgefächerte Bartoli-Rollensortiment einfügt."
In der Zeit macht Christine Lemke-Matwey im diesjährigen Programm der Salzburger Festspiele mit Blick auf Mieczysław Weinbergs Oper "Der Idiot" (nach Dostojewski), Richard Strauss' "Konversationsstück für Musik" Capriccio und Mozarts Opera seria "La clemenza di Tito" eine Kontinuität aus: Alle Stücke verbindet ihre Endzeitlichkeit: "Alle drei sind späte, letzte Stücke. ... Außerdem aber, und das ist das Spannende, plädiert jedes auf seine Weise dafür, dass es in Zeiten, die augenscheinlich nicht danach sind, mehr als legitim ist, nämlich notwendig, auch das Ästhetische zu verhandeln, nicht nur das Politische. Die Freiheit, sich über künstlerische Fragen Rechenschaft abzulegen, ist der Humus, auf dem alles andere stattfindet."
Weiteres: Eines der weiteren Highlights der Salzburger Festspiele ist für den Zeit-Kritiker Peter Kümmel die Lesung aus den Briefen von Alexej Nawalny, den er hier als "großen Satiriker" kennenlernt: "Sie lesen sich, als wollten sie das Regime zur Weißglut bringen durch ihre zutrauliche, Schweijk-artige Gutmütigkeit: Die Folterhaft wird zum spannenden Experiment umgedeutet, zur Zeitreise in einem persönlichen Raumschiff, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen dürfe. In jedem Wort wird klar, dass Nawalny sich nicht brechen lassen wird." Ebenfalls in der Zeit singt Peter Kümmel eine Hymne auf Philipp Hochmair, den aktuellen "Jedermann". Besprochen wird die Ausstellung "Mensch Wagner" im Neubau des Bayreuther Richard Wagner Museums (FR).
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