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20.06.2024. Die Zeit füllt mit Pussy-Riot-Gründerin Nadya Tolokonnikova in Linz Putins Asche in Glaszylinder. "Die Würde der Kunst ist unantastbar", erklärt Jonathan Meese, der in der NZZ bedingungslose Kunstfreiheit fordert. Die FAZ feiert die Kurzgeschichte, denn der Roman werde immer mehr zum "Parkplatz für langweiligen Identitätskitsch". Die Filmkritiker erkunden mit Jeff Nichols schönen Männern, warum Biker tun was Biker tun. Die nachtkritik dankt Milo Rau, dass er die saturierten Wiener aus ihrer Erstarrung geweckt hat. Und der Tagesspiegel bewundert in Hamburg die strammen Pos von William Blakes Engeln.
"Wir brauchen eine Verfassung der Kunst", die besagt, die "Würde der Kunst" ist "unantastbar", fordertJonathan Meese, der vor mehr als zehn Jahren angeklagt und freigesprochen wurde, nachdem er den Hitlergruß zeigte und den die NZZ heute zu Cancel Culture und Kunstfreiheit befragt. Heute werde alles "behindert durch eine große Ideologisierung", meint er: "Wenn man Deutschland ... mit politischem Quark füllt, dann spaltet man die Gesamtheit immer mehr, und das ist kleinkariert und zukunftslos. Natürlich darf es keine Bücher geben, die man verbietet. Es darf auch kein Wort geben, was man verbietet. Es darf auch keine Kostümierung geben, die man verbietet. Aber wir müssen in die Sachen hineingehen, in die Sachen reinkriechen, um sie neu auszubeulen, auszuloten. Gucken: Ist da noch Dreck drin?"
Mit ihrem Generationenschiff vertritt die israelische Künstlerin Yael Bartana Deutschland auf der Biennale in Venedig. Im Tagesspiegel-Gespräch gefragt, weshalb die ersten Reisenden auf ihrer "interstellaren Arche" Juden sein sollen, antwortet sie: "Wer definiert eigentlich, wer ein Jude, eine Jüdin ist? (…) Ich habe angefangen, über Identität nachzudenken, als ich Israel verließ, um im Ausland zu leben. Und als ich dann in Europa war, wurde ich plötzlich zu einer jüdischen Person. Diese Erfahrung war interessant, denn allen säkularen Israelis geht es so. Ich wollte herausfinden, was es bedeutet, Israeli zu sein, welche Systeme, Mechanismen und welche Geschichte das festlegen und ob unsere Identität besser nicht durch den Staat definiert werden sollte."
Weitere Artikel: In der NZZerzählt Philipp Meier die Geschichte hinter Cuno Amiets Gemälde "Bildnis Ferdinand Hodler vor seinem Marignano-Bild", das morgen versteigert werden soll. Ebenfalls in der NZZ berichtet Philipp Meier, dass der Erlös, den das Kunsthaus Zürich für den Verkauf von Monets Gemälde "L'homme à l'ombrelle" erhalten hat, an die Erben des jüdischen Textilunternehmers Carl Sachs geht.
"Der Roman, die große Spielwiese der literarischen Moderne, regrediert gerade immer mehr zum Parkplatz für langweiligen Identitätskitsch", schimpft Jan Wiele in der FAZ und singt ein Loblied auf die Kurzgeschichte und die Erzählung, die "in diesem Literaturfrühling und -sommer" in aktuellen Veröffentlichungen von T.C. Boyle, StephenKing, George Saunders,SašaStanišić und ClaireKeegan aufblühen. Judith von Sternburg berichtet in der FR von ArisFioretos' Poetikdozentur in Frankfurt. Gerrit Wustmann von 54booksvermisst in Deutschland die Horrorliteratur in den Buchhandlungen und den Feuilletons. Anna Nowaczyk berichtet in der FAZ von einer Veranstaltung über die KinderbuchautorinMirjamPressler, die in diesem Jahr 84 geworden wäre. Katharina Teutsch gratuliert in der FAZ dem SchriftstellerRobertMenasse zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem OlgaRavns "Meine Arbeit" (FR), Der Nisters "Von meinen Besitztümern. Jiddische Erzählungen" (NZZ), Joke van Leeuwens Kinderbuch "Ich bin hier!" (online nachgereicht von der FAZ), AlainDamasios "Die Horde im Gegenwind" (FAZ) und MareikeFallwickls "Und alle so still" (Zeit).
Und die FAZ bringt ein neues Gedicht von ChristophRansmayr:
"Die gefürchtete Nordwand des gefürchteten Berges erscheint in den Bullaugen ..."
Blickt durch die Augen einer jungen Frau auf schöne Männer: "The Bikeriders" Mit "The Bikeriders" erweckt der US-Regisseur JeffNicholsDannyLyonslegendären, gleichnamigen Bildband aus den Sechzigern über die damals im Entstehen begriffene Bikerkultur zum Leben. "Nichols hat alte Maschinen für den Film genommen", schreibt Fritz Göttler in der SZ über die wichtigsten Darsteller des Films."Aber der Mythos wird schnell schäbig, der Traum ist kontaminiert", der Film handelt vom Niedergang einer Subkultur in die Gewalt. Und trotzdem: "Schöne Männer schöne Sachen machen lassen, das ist eine bewährte Kino-Formel." Buchstäblich einen Kostümfilm sahNZZ-Kritiker Andreas Scheiner: "Dieser Film trägt Jeans" und "natürlich Leder". Im Mittelpunkt stehen "zwei starke Kerle, starke Zweiräder und als Stützrad die Frau. Auf den ersten Blick wirkt das eher gestrig. Auf den zweiten auch. Aber gerade das macht die Sache spannend: Jeff Nichols gibt sich ganz unbeeindruckt von zeitgemäßen Erwägungen."
Maria Wiesner macht in der FAZ auf einen entscheidenden Perspektivwechsel aufmerksam: All das Bikergehabe, all die virilen Markierungen - "all das sehen wir mit den Augen der jungen Frau. So wie die Linse hier Bennys durchtrainierte Oberarme unter der geöffneten Lederweste abtastet, schauen Filme sonst auf weibliche Körper. 'The Bikeriders' aber erzählt von einer Männerwelt aus der Perspektive von Kathy." Tazlerin Arabella Wintermayer hat nach dem Film auch weiterhin nicht ganz verstanden, warum Biker tun was Biker tun - aber das ist gerade das Gute daran: Nichols macht "das besondere Flair einer Welt spürbar, die es so nicht mehr gibt, und eine Faszination erfahrbar, die doch bis heute überdauert - ohne sie in ein rationales Schema zu pressen. Denn wie das mit Faszinationen nun einmal ist: Man darf sie nicht bis zur Reizlosigkeit ergründen, möchte man sie sich erhalten."
Der Film "liefert nostalgischePferdestärken", hält Marian Wilhelm im Standard fest, "doch wie immer bei der Sehnsucht nach früheren Zeiten ist Vorsicht geboten", zumal diese "popkulturelle Spritztour durch die Mythologie der amerikanischen Gegenkultur" Leute und deren Freiheitsdrang zeigt, die "heute vielleichtTrump-Wähler wären". Ein trotz vieler Raufereien "überraschend vielschichtiges Drama" sahFreitag-Kritikerin Dobrila Kontic. Und Daniel Kothenschulte hat für die FR mit dem Regisseur gesprochen.
Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für den Freitag mit der Cutterin ThelmaSchoonmaker über deren langjährige Zusammenarbeit mit Martin Scorsese, dessen gemeinsam mit DavidHinton entstandener (und in FR und FD besprochener) Essayfilm "Made in England" über die Filme von Powell & Pressburger heute in die Kinos kommt. Kevin Gensheimer spricht für die BerlinerZeitung mit DominikGraf über den Osten, den Westen und den erstarkenden Faschismus. Hanns-Georg Rodek (FD) und André Boße (Zeit Online) schreiben zum Tod von AnoukAimée (weitere Nachrufe bereits hier).
Besprochen werden EvaTrobischs Palliativ-Drama "Ivo" (Perlentaucher, FD), die deutsche Erstaufführung von Kinji Fukasakus Yakuza-Klassiker "Battles Without Honor and Humanity" von 1973 (online nachgereicht von der FAS, FD), SahraManis auf Apple gezeigter Film "Bread & Roses" über ins Ausland geschmuggelte Aufnahmen von afghanischenFrauenimHausarrest (SZ), HansBlocks und MoritzRiesewiecks "Eternal You - Vom Ende der Endlichkeit" über das digitale Weiterleben nach dem Tod (SZ, FD), JimTaihuttus "Hardcore Never Dies" (Perlentaucher), die DVD-Ausgabe von AndrewLegges experimentellem SF-Film "Lola" (taz, mehr dazu bereits hier), die Serie "Poker Face" (FAZ). Außerdem informiert das Filmteam der SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Hier zudem der Überblick beim Filmdienst über die aktuellen Kinostarts.
Sehr zufrieden resümiertNachtkritikerin Gabi Hift die Wiener Festwochen, erstmals unter der Leitung von Milo Rau, der unter anderem eine Freie Republik Wien und die Gründung der Räterepublik ausrief. Das Scheitern war stets einkalkuliert, so klagte sich Rau im letzten seiner Wiener Prozesse mit dem Titel "Die Heuchelei der Gutmeinenden" gar selbst an: "Stellvertretend für die Festwochen lässt er sich für den Missbrauch von Fördergeldern zur Rechenschaft ziehen. (...) 'So', wie es gerade fünf Wochen lang praktiziert worden sei, könne man weder wirklich eine Revolution machen noch sei das Kunst - das Geld dafür sei verschwendet. Damit sind freilich wir alle gemeint: Schaffen wir, die versammelten Bürger*innen, es nicht, die Demokratie zu retten, so wie wir es bisher versuchen? ( ...) Die Jury sprach Milo Rau und damit alle Anwesenden frei. Und tatsächlich gibt die Macht, mit der die Frage: 'Aber was dann?' im Raum stand, ihr Recht: Diese fünf Wochen haben keine Lösung präsentiert, aber sie haben erstaunlich viele Menschen im saturierten Wien aus ihrer Erstarrung aufgeweckt."
Derweil zürnt FAZ-Kritiker Reinhard Kager: Barrie Kosky hat Mozarts "Cosi fan Tutte" an der Wiener Staatsoper ziemlich vergeigt, meint er: "Kosky will die 'Così' als experimentelles Spiel auf einer Theaterprobe zeigen und verheddert sich dabei in der komplexen Handlungsstruktur Lorenzo da Pontes. Da wird geturnt, gehüpft, gehampelt, was das Zeug hält, doch dabei entgleitet der Kern des Stücks, die sexistische Intrige, mit der die drei Männer die beiden Frauen in die Irre führen. Auch wenn diese bei Kosky teilweise um deren Perfidie wissen, wird nur in wenigen Szenen klar, wann sie Theater spielen und wann sie echte Emotionen empfinden. Die Grenzen zwischen Bühnengeschehen und Realität bleiben bei Kosky völlig unscharf. So landet seine gedankenlose Produktion in ärgerlich harmlosem Ulk. Nicht minder problematisch ist die musikalische Wiedergabe. Philippe Jordan am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper gelingt das Paradox, sehr flott zu dirigieren und dennoch Langeweile zu verbreiten..."
In der FAZ gratuliert Gerhard Stadelmaier der "zart grandiosen Schau- und Geisterspielerin" Ilse Ritter zum Achtzigsten, in der SZ schreibt der Dramaturg Hermann Beil. Zeit Online meldet, dass der Direktor, Regisseur und Schauspieler Gerhard Klingenberg im Alter von 95 Jahren gestorben ist.
Besprochen wird Moritz Nikolaus Kochs Inszenierung von Rocko Schamonis "Dorfpunks" am Schleswig-Holsteinischen Landestheaters (taz).
In der SZ feiert heute auch Alexander Menden das von Fumihiko Maki entworfene und nach seinem Stifter Reinhard Ernst benannte neue Privatmuseum in Wiesbaden: "Es ist das erste deutsche Museum, das ausschließlich abstrakter Kunst gewidmet ist. Und: Es wird die Stadt Wiesbaden nur einen Euro im Jahr kosten. (...) Denn ein Geschenk ist das Museum Reinhard Ernst: Mehr als 80 Millionen Euro aus dem Verkaufserlös für seine beiden Firmen hat der Stifter in den Bau gesteckt, behielt dafür aber auch die komplette Kontrolle als Bauherr ..." (Mehr hier). Das "Kirchen sind Gemeingüter" überschriebene und von namhaften ArchitektInnen unterzeichnete Manifest, das die Umnutzung von Kirchen zur gesellschaftlichen Aufgabe machen will, wurde jetzt in Berlin vorgestellt, für den Tagesspiegelberichtet Gunda Bartels.
Manuel Brug hält in der Welt spürbar wenig von der anhaltenden Kritik an TeodorCurrentzis, der sich zu Putins Krieg weiterhin nicht äußern will und gerade mit dem SWR-Symphonieorchester auf Abschiedstour ist. Aber auch ohne das SWR-Symphonieorchester "macht er einfach weiter - als freierGeist, nur sich selbst, seiner Musik und einem Publikum verpflichtet, das zum Glück selbst entscheiden kann, ob es ihn hören möchte. ... Und wenn, wie jetzt beim 'War Requiem', immer noch ein bohrender Zweifel über die 'Rechtmäßigkeit' wie 'Verhältnismäßigkeit' eines Currentzis-Konzerts bleibt, wenn man nicht weiß, ob man bedenkentragend sich doch einfangen lassen kann vom Ernst dieser Musik und ihrer exzellenten Ausführung, ob man befangen, distanziert oder emotional gerührt reagiert - diese Klänge und die Situation, sie zwingen zu einer Haltung. Oder zumindest zur genaueren Reflexion, zur Positionsbestimmung. Kann man in solchen Zeiten von Klassik mehr erwarten?"
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Besprochen werden das Debütalbum des Rappers Pashanim(Zeit) und ein Auftritt von Ice-Ts Metalband BodyCount in Zürich (NZZ).