Im Kino

Kickende Nostalgieflashs

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
18.06.2024. Nun gibt es also auch einen Retro-Nostalgiefilm über Gabber. Die in den Niederlanden beheimatete besonders prollige Techno-Spielart fügt sich in Jim Taihuttus "Hardcore Never Dies" in eine Welt der begrenzten Horizonte.

Gabber ist Techno, nur noch mehr: härter, stumpfer, vielleicht auch ein bisschen prolliger beziehungsweise proletarischer als der Love-Parade-Mainstreamtechno. Außerdem niederländischer. Die erste genuin niederländische Subkultur war Gabber laut dem Billboard-Magazin in den 1990ern, und auch der Gabber-Retrofilm "Hardcore Never Dies" stammt aus den Niederlanden.

"Rotterdam Terror Corps" hieß einer der wichtigsten Gabber-Acts damals, im Rotterdam der 1990er spielt auch "Hardcore Never Dies". Der Siebzehnjährige Michael (Joes Brauers) bewegt sich zunächst in einer ziemlich engen Welt. Das Leben, das ihm bevorsteht, spannt sich auf zwischen der sehr kleinbürgerlichen Wohnung, in der er gemeinsam mit seinem dominanten Vater und seiner duckmäuserischen Mutter lebt; und einem Gewächshaus, in dem er Tomaten erntet - und gelegentlich mißmutige Seitenblicke auf einen älteren Kollegen wirft, der bereits 18 Jahre lang hier angestellt ist und soeben zum Vorarbeiter befördert wurde.

Zwei Auswege gibt es aus dieser sich potentiell in eine noch engere Zukunft fortsetzenden Enge. Der eine führt über die Klavierstunden, die der musikalisch begabte Michael heimlich nimmt. Elegant gleitet die Kamera bei einem Vorspiel um den Konzertflügel - das ist schon etwas anderes, Mondäneres als der zentralperspektivische Terror der Tomatenreihung im Gewächshaus. Dabei strebt Michael noch nicht einmal in die großen Konzerthäuser. Auch sein musikalischer Traum bleibt, zumindest nachdem er zu Filmbeginn von einem Bildungsschnösel zurecht gestutzt wird, kleinbürgerlich, wiewohl nicht unromantisch: auf einem Kreuzfahrtschiff würde er gerne anheuern, als Ozeanpianist.


Der andere Ausweg führt über eine vermüllte Bude, in der Michaels vom Vater des Hauses verwiesener Bruder Danny (Jim Deddes) mit dessen Freundin Pris (Rosa Stil) haust. Danny lebt den Gabber lifestyle: tagaus tagein erbarmungslos kloppender Techno, Drogen, kein Bock auf ehrliche Arbeit und Bürgerlichkeit, dafür viel Bock auf schnelles Geld und szenetypische Statussymbole wie Nike Air Max. Ein Dummschwätzer vor dem Herrn ist Danny außerdem, und insgesamt ziemlich eindeutig jemand, auf dessen Ideen man sich schon aus Prinzip nicht einlassen sollte.

Aber natürlich: Michael lässt sich trotzdem ein. Die kleinen bunten Pillen, die in diesem Film an jeder Ecke rumliegen, verschaffen ihm gleich beim ersten Rave ein kurzes, schwereloses High, danach sind die Gabber-Beats sein ständiger Begleiter. Wobei der Film auch in den Partyszenen keineswegs psychedelische Höhen erklimmt: Gabber, Ecstasy und Kokain, diese Mischung fügt sich nicht zur delirierenden, vielleicht gar utopischen Weltflucht. Vielmehr wird die Härte der sozialen Realität lediglich mit einer Prise aggressivem Größenwahnsinn angereichert. Wenn später dank eines Drogendeals die richtig fette Kohle lockt, geht es auch mal ins Edel-Sushi-Restaurant und in den Stripclub. Das ist auch schon das höchste der Gefühle.

Der Film ist im engen Academy-Format (1.375:1) fotografiert, was durchaus gut passt zum Gabber-Bumm-Bumm und den beschränkten Perspektiven des Personals auf der Leinwand. Die fehlende Breite führt außerdem dazu, dass der visuelle Fokus meist klar auf den Gesichtern liegt, erst recht, nachdem Michael es Danny gleich tut und sich, dem Szenecode entsprechend, die Haare abrasiert. Schutzlos wirkt der glattgeschorene Michael - der freilich vom Film alsbald mit allerlei gleichermaßen schwerfälligen und vorhersehbaren Drehbucheinfällen beladen wird. Die ärgerlichsten dieser Einfälle betreffen Michaels langsame Annäherung an Pris, die offensichtlich ausschließlich als dramaturgischer Brandbeschleuniger in den Film hineingeschrieben wurde. Aber auch die familiäre Dynamik bleibt küchensoziologische Konstruktion. Der erhaschte Blick Michaels auf die Mutter, wenn sie Danny heimlich ein paar Geldscheine einsteckt, der bratwurstkumpelige Versuch des Vaters, dem noch nicht ganz verlorenen Sohn den Wert des geradlinigen Familienlebens beizubringen und so weiter.

"Hardcore Never Dies" ist ein Film, der stirkt nach Schema gestrickt ist und sich ansonsten darauf verlässt, dass seine einigermaßen sorgfältig nachgebaute Neunzigerjahrewelt ausreichend Nostalgieflashs kicken wird. Zeitdiagnostisch bleibt der Film freilich erst recht stumpf. Der Aufstieg der niederländischen extremen Rechten könnte, das wird ein paar mal angedeutet, ein Kontext der Gabber-Kultur sein. Aber warum wieso weshalb? Letzten Endes sind die 1990er für "Hardcore Never Dies" doch nur Walkman und Röhrenfernseher. Eine beschränkte Perspektive, die so gesehen wieder gut passt zur dargestellten Welt und vielleicht auch zu Gabber. Ob man für all das unbedingt ins Kino gehen muss, steht auf einem anderen Blatt.

Lukas Foerster

Hardcore Never Dies - Niederlande 2023 - Regie: Jim Taihuttu - Darsteller: Joes Brauers, Jim Deddes, Jordy Dijkshoorn, Huub Smit, Rosa Stil, Bob Schwarze, Antoinette Akkerman - Laufzeit: 108 Minuten.