Efeu - Die Kulturrundschau

Pling! Und noch einmal. Und wieder. Pliiing?

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24.12.2021. Joan Didion ist gestorben. Die Feuilletons trauern um die große Reporterin und Essayistin, die mit klirrend kalter Eleganz die psychosoziale Landschaften Amerikas vermaß. Wie die NZZ berichtet, zieht die Künstlerin Miriam Cahn im eskalierenden Streit um die Sammlung Bührle ihre Werke aus dem Kunsthaus Zürich ab. Artechock beobachtet, wie sich Hollywood in einem rasenden Stillstand totläuft. Der Freitag möchte mit der Dramatikerin Ewe Benbenek dem Illegitimen Gehör verschaffen. Und die FAZ hört mit Pedro Estevan und Fahmi Alqhai schon die Glöckchen erklingen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2021 finden Sie hier

Literatur

Joan Didion, 2008 (Bild: David Shankbone/CC BY-SA 3.0)

Eine traurige Nachricht zum Heiligabend: Die große Journalistin und Essayistin Joan Didion ist gestorben. Einer ihrer traurigsten Texte "Das Jahr des magischen Denkens" erzählt, wie ihr Mann Gregory Dunne zu Weihnachten 2003 starb. Auf ihre zierliche, geradezu fragile Gestalt kommen fast alle Nachrufenden zu sprechen. Dabei lasteten auf diesem Körper große Gedanken, die sie insbesondere in der New York Review of Books zu Papier brachte. "Die Frage, wie Amerika wurde, was es ist, hat Joan Didion ihr Leben lang umgetrieben", schreibt Andrea Köhler in der NZZ und erinnert daran, dass Didion den "New Journalism" mit auf den Weg brachte: "Bei Didion war die subjektive Perspektive stets von ihrer vibrierenden Nervosität, ihren Ängsten und Idiosynkrasien geprägt - Ängste und Überspanntheiten allerdings, die meist nur eine Steigerungsstufe allgemein gesellschaftlicher Stimmungslagen darstellten." Didion hat "die psychosoziale Landschaft des amerikanischen Kontinents über Jahrzehnte messerscharf analysiert."

Eine Reportage über die Hippies von San Francisco machte sie einst weltberühmt, erinnert Hannes Stein in der Welt. "Vielleicht stammte die besondere Kraft ihrer Beobachtungen daher, dass sie keineswegs als Insiderin schrieb (noch vier Jahre zuvor hatte sie bei den Präsidentschaftswahlen den erzkonservativen Barry Goldwater unterstützt); trotzdem war ihr Blick auf die Hippies, die ohne Kompass durchs Lieben trieben, nicht ohne Erbarmen. Sie selber beschrieb das Geheimnis ihres Erfolges so: 'Mein einziger Vorteil als Reporter ist, dass ich so klein bin, von meinem Temperament her so unaufdringlich und dermaßen neurotisch undeutlich, dass die Leute dazu neigen zu vergessen, dass meine Gegenwart ihren besten Interessen widerspricht. Und das tut sie immer.'"

Auf die düsteren Aspekte in ihrem Schreiben kommt Tobias Lehmkuhl im Nachruf auf Dlf Kultur zu sprechen: "Über den frühen Texten liegt eine geradezu unheimliche Stimmung, denn Didion sah in den wilden Versprechungen der 60er-Jahre, dem wirtschaftlichen Boom und der Sonnenschein-Rhetorik der Hippies schon vieles von dem angelegt, was bald kommen sollte: Der edle Irrsinn der Blumenkinder, der zur grausigen Paranoia der Manson-Familie mutierte, die Versprechen der Technik und der chemischen Industrie, mit deren Hilfe Vietnam zerbombt und entlaubt wurde."

Ihren "klirrkalten Stil erlernte sie in der härtesten Schule des amerikanischen Magazinjournalismus, in der Hölle der Uneigentlichkeit, als sie prägnante Bildunterschriften für die Vogue zu formulieren hatte", schreibt Willi Winkler in der SZ. "Oder war es noch früher? Mit fünfzehn war sie unglücklich und Hemingway verfallen, dann las sie Joseph Conrads 'Herz der Finsternis' und wusste sich zu helfen. 'Ich erinnere mich an die echte Freude, die ich empfand, als ich zum ersten Mal entdeckte, was es mit Sprache auf sich hat.'"

Außerdem: Der Schriftsteller Norbert Scheuer schreibt in der SZ über seine Wanderungen durchs Ahrtal, das immer noch schwer von der Flutkatastrophe gezeichnet ist. In der FAZ erinnert Wolfgang Klein an das politische Engagement von Heinrich und Thomas Mann, das auch heutigen Generationen als Vorbild und Ideal dienen sollte. Tilman Spreckelsen liest für die FAZ, wie Theodor Storm Weihnachten verbrachte. Die Tagesspiegel-Kritikerinnen verkünden ihre Lieblingscomics des Jahres - auf Platz 1: Steven Applebys "Dragman".

Besprochen werden unter anderem Mieko Kawakamis "Heaven" (Standard), Haruki Murakamis "Gesammelte T-Shirts" (Dlf Kultur), Damon Galguts mit dem Booker Prize ausgezeichneter Roman "Das Versprechen" (online nachgereicht von der FAZ), Ulrike Draesners "doggerland" (taz), Stefan Schomanns "Auf der Suche nach den wilden Pferden" (taz), Jean-Philippe Toussaints "Die Gefühle" (Tsp), zwei Baudelaire-Ausstellungen in Paris (FAZ) und Robert Darntons "Pirating and Publishing. The Book Trade in the Age of Enlightenment" (FAZ).
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Kunst

René Magritte: L'Esprit de géométrie, 1937. The Estate of Magritte / Kunstahlle Mannheim

Klar, Geburt und Mutterschaft gehen zu Weihnachten immer, aber Stefan Trinks versichert in der I, dass die Ausstellung "Mutter" in der Kunsthalle Mannheim auch darüberhinaus absolut sehenswert ist: "Die ältesten Artefakte der Menschheit sind bekanntlich aus Bein geschnitzte oder aus Ton geformte Abbilder von Frauen, darunter viele Schwangere. Die Fruchtbarkeit verkörpernde Venus von Willendorf ist zwar nicht in Mannheim zu sehen, dafür zahllose Kykladenidole und präkolumbische Mutterfiguren von 1000 vor Christus. Mit dem Beginn menschlicher Darstellung fällt aber auch der Anfang einer seither immer wieder geübten Differenz zwischen dem Gesehenen und dem Gefühlten zusammen: Aus dem Bauch einer der präkolumbischen Figurinen ragt der lebensnah gestaltete Kopf eines Kindes, der Leib der Gebärenden selbst ist jedoch abstrahiert wie eine Figur von Henry Moore."

In der NZZ berichtet David Vonplon, dass die Künstlerin Miriam Cahn ihre Werke aus dem Kunsthaus Zürich abziehen will. Hintergrund ist der Streit um die Bührle-Sammlung, deren Präsident Alexander Jolle gerade erklärt hat, "dass nicht jedes Rechtsgeschäft, das ein jüdischer Emigrant während des Zweiten Weltkriegs getätigt habe, 'primär einmal als verfolgungsbedingt erzwungen betrachtet werden kann'. Vielmehr habe es damals auch 'einen ordentlichen Handel' gegeben. Auch das müsse berücksichtigt werden. Für Cahn war mit diesen Aussagen des Stiftungspräsidenten der Bührle-Sammlung das Mass voll. 'Ich Jüdin denke nicht daran, den üblen Inhalt dieser Bemerkungen von Herrn Jolles zu entschlüsseln - erkläre Antisemiten niemals ihren Antisemitismus!', heißt es im offenen Brief der Künstlerin, über den das jüdische Wochenmagazin tachles berichtet hat." In einem Kommentar findet Thomas Ribi ebenfalls in der NZZ den eskalierenden Streit von allen Seiten unwürdig: "Und es ist ein Affront gegen die Öffentlichkeit, die dem Bau des neuen Kunsthauses zugestimmt hat." Im Interview mit dem DlfKultur äußert sich Cahn dazu noch einmal sehr pointiert.

Besprochen werden die Schau "BioMedien" im ZKM in Karlsruhe (FR) und die Ausstellung "Whose Expression?" über Kirchner & Co im kolonialen Kontext im Brücke-Museum in Berlin (Tsp).
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Film

Von Arved Birnbaums Tod im Oktober nahm das Feuilleton kaum Notiz. Vielleicht auch, weil der Schauspieler mit der markanten Erscheinung eher von Regisseuren geschätzt wurde und viel fürs Fernsehen gearbeitet hat. Immerhin: Das von Filmemachern betriebene Magazin Revolver veröffentlicht nun einen unter den Eindrücken dieses plötzlichen Verlustes geführten, sehr rührenden Mailwechsel, in dem zahlreiche Filmemacher ihre Fassungslosigkeit über diese Nachricht und ihre Bewunderung für Birnbaum zum Ausdruck bringen. "Im Grunde hatte ich, glaube ich, einen deutschen Schauspieler, einen Typen wie ihn immer gesucht", schreibt etwa Dominik Graf. "Einer, der spielen kann, dass er dir dein Auto repariert und gleichzeitig ein Philosoph ist - oder manchmal fast ein Dämon, einer, der wie kaum ein anderer Elend und Lustbarkeiten in der deutschen Beamten-Bürokratie lässig kommentieren kann."

Und Sandra Ehlermann schreibt: "Keine Angst vor Grenzüberschreitungen im Spiel, aber immer - immer - immer - klar, konstruktiv, kreativ, vertrauensvoll und VERSPIELT in der gemeinsamen Arbeit. Ich war auf Arved gestoßen, als ich für einen Low Budget Film als Regieassistentin das Casting für die Nebenrollen machte. Er hatte dem Regisseur ein VHS-Band mit einigen wenigen Schnipseln kleiner Fernsehfilmauftritte vorbeigebracht, wir schauten es uns an - ich fand ihn in diesen klitzekleinen Momenten biltzlebendig."

Spider-Man, Matrix - es ist mal wieder Sequelzeit im Hollywoodkino, stöhnt Rüdiger Suchsland auf Artechock. Und dann unterwandern die neuen Filme mit ihren waghalsigen Plotkonstruktionen, die die eigene Existenz rechtfertigen sollen, auch noch die vorangegangenen Filme ihrer jeweiligen Reihen. Hollywood "nimmt seine bisherigen Schöpfungen nicht mehr ernst. ... Unübersehbar, dass sich Hollywood totläuft, dass den Drehbuchautoren nichts mehr einfällt, dass das immer schnellere, immer kompliziertere Erzählen inzwischen durchdreht und in einen rasenden Stillstand mündet. Also keinen meditativen Stillstand, sondern einen destruktiven. Der vermaledeite Serienboom tut ein Übriges: Die Filme verlernen zunehmend das dramatische Erzählen, das Erzählen in Höhepunkten. Stattdessen Epik aller Orten: Und dann und dann und dann."

Außerdem: Für den Filmdienst führt Lukas Foerster durch das Kino des japanischen Filmemachers Ryūsuke Hamaguchis, dessen aktueller "Drive My Car" die Filmkritik gerade sehr begeistert (aktuelle Besprechungen in SZ, Artechock, Standard und Welt, weitere Kritiken in unserem Resümee). 2021 war das Jahr von Chloé Zhao, schreibt Andrey Arnold in der Presse.

Besprochen werden Joel Coens "The Tragedy of Macbeth" (Artechock, weitere Kritiken hier), Adam McKays Netflix-Komödie "Don't Look Up" mit Jennifer Lawrence und Leonardo DiCaprio (taz), Maggie Gyllenhaals "The Lost Daughter" nach einem Roman von Elena Ferrante (SZ), Lana Wachowskis neuer "Matrix"-Film (ZeitOnline, mehr dazu hier), Graham Swifts Liebesdrama "Ein Festtag" (Welt), die Amazon-Serie "Sex Zimmer, Küche, Bad" (FAZ) und das "Sisi"-Remake von RTL (NZZ).
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Archiv: Film

Bühne

Eva Marburg stellt im Freitag die Künstlerin Ewe Benbenek vor, die in diesem Jahr den Mülheimer Dramatikpreis erhalten hat. Ihr Stück "Der Tragödienbastard" beschreibt, wie sich das Illegitime Bahn brechen kann: "Vor allem aber wirft der Text die Frage auf, ob es aus den abgetrampelten Erzählpfaden der Biografien mit sogenanntem Migrationshintergrund überhaupt ein Entrinnen geben kann. Wie kann ich von mir erzählen, fragt der 'Bastard', ohne dass ich mich erklären muss, ohne dass das Gegenüber sagt: 'Was du sprichst, was du da sprichst, das verstehen wir nicht.' Oder, wie kann ich von mir erzählen, ohne diese 'schöne, migrantisch-authentische Story' zu werden, die sich gut verkaufen lässt und deshalb Geld in die 'Kulturkassen" spült?'"

Weiteres: Im Van-Magazin besingt Albrecht Thiemann die neue Operetten-Herrlichkeit, die bekanntlich in trüben Zeiten besonders blüht. Besprochen werden die "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Bei nassem Schnee" nach Dostojewski und Ayn Rand am Staatstheater Hannover (Nachtkritik).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Benbenek, Ewe

Musik

Mit den Altmusik-Stars Pedro Estevan und Fahmi Alqhai versenkt sich FAZ-Kritiker Gerald Felber in die Anmut eines einzelnen Klang: "Pling! Und noch einmal. Und wieder. Pliiing?! - Erstaunlich, wie man sich in den Klang eines einsamen Schellenglöckchens hineinbohren kann." Estevan und Alqhai sind derzeit bei der andalusischen Accademia del piacere tätig, die sich in einen verwunschenen Aufnahmeort zurückgezogen hat: "Die maurisch inspirierten Kacheln in der Sockelzone wie der fröhlich aufstiebende Engelsreigen an der Decke, eine beflügelte Amorettenschar in Diensten der Ecclesia Catholica, sind zwar sanft angekaut vom Zahn der Zeit, aber gerade dadurch von einer melancholisch heiteren Feierlichkeit, in der man ganz gern über Vergangenes wie Zukünftiges nachdenken mag. Passgenau auch zur Musik des hier eingespielten (und am Vorabend schon erfolgreich öffentlich präsentierten) Programms, in dem sich weltlich sinnenfrohe Töne neben innig-religiösen Verzückungen finden." Ein kleiner Eindruck:



Im Standard spricht Daniel Barenboim über seine Pläne für das Wiener Neujahrskonzert. Christiane Wiesenfeldt schreibt in der FAZ zum Tod des Dirigenten George Alexander Albrecht. Wolfgang Sandner gratuliert in der FAZ dem Jazzgitarristen John Scofield zum 70. Geburtstag. In der Pop-Anthologie der FAZ schreibt Jan Wiele über "Fairytale of New York" von den Pogues.

Besprochen werden Paul McCartneys Band "Lyrics" (Intellectures) und ein neues Album des James Brandon Lewis Quartets (FR),
Archiv: Musik