Efeu - Die Kulturrundschau

Erfrischendes Riot-Grrrl-Ethos

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27.12.2021. Die Welt lernt von John Neumeier ein bisschen Unerschrockenheit im Sprung und in der politischen Debatte. In der SZ erzählen afghanische KünstlerInnen, wie sie aus Angst vor den Taliban ihre Werke vernichten. Außerdem erklärt die SZ am Beispiel des Kölner Doms die Sensation der Höhe. ZeitOnline rast mit "Don't Look Up" quietschvergnügt der Katastrophe entgegen. Und in der NZZ erinnern sich Musiker, wie sie bei Champagner in Moskau den Untergang der Sowjetunion erlebten.  
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2021 finden Sie hier

Bühne

John Neumeiers "Dornröschen". Foto: Kiran West / Hamburg Ballett

Manuel Brug hat sich für die Welt mit John Neumeier getroffen und vom unumstrittenen Alleinherrscher des Hamburger Balletts ein bisschen Unerschrockenheit im Kampf gegen Cancel Culture mitgeben lassen: "'Ich setzte auf ein Publikum, das mitdenkt. Wenn wir ein historisches Ballett aufführen, dann ist das Teil der Kunstgeschichte, auch in seinen Ansichten. Für die Menschen damals waren diese Stücke Unterhaltung und eine exotische Begegnung mit dem Orient, vielleicht naiv und nicht realitätsgetreu, aber respektvoll und keineswegs herabwürdigend. Und genauso muss man sie heute verstehen.' Und genau deshalb sieht John Neumeier keine Notwendigkeit, etwa die Nationaltänze und exotischen Fantasien im von einem kindlichen Weihnachtstraum handelnden 'Nussknacker' heutigem Radikal-Aktivismus anzupassen: 'Ich habe meinen 'Nussknacker' als Hommage an Petipa und das kaiserliche Ballett inszeniert. Wenn darin kein arabischer Tanz mehr möglich sein soll - in Kostümen, die an Ballette wie 'La fille du Pharaon' angelehnt sind -, dann wäre das einfach lächerlich. Ich stehe dazu und finde sie in keinster Weise diskriminierend.'"

Besprochen wird Christine Wahls Buch über die Theatertruppe Rimini Protokoll (NZZ).
Archiv: Bühne

Kunst

In der SZ versammelt David Wünschel Stimmen afghanischer Künstler, die nach der Machtübernahme der Taliban ins Ausland fliehen mussten, ihre Identität verschleiern oder nur noch in Kellern proben, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Eine Malerin etwa sagt zu ihm: "Seit ein paar Wochen sitze ich nur noch zu Hause und sorge mich um die Zukunft. Wenn wir Künstler nicht frei sind, wie sollen wir Kunstwerke erschaffen? Wie sollen wir unsere Botschaften vermitteln? Wenn wir unsere Bilder nicht ausstellen dürfen, wie sollen wir Geld verdienen? Früher habe ich viel gemalt, Kinderbücher illustriert und Schulbücher über Malerei geschrieben. Als die Taliban nach Kabul kamen, habe ich meine Gemälde verbrannt. Hätten die Taliban sie entdeckt, wäre mein Leben in Gefahr gewesen. Es hat sich angefühlt, als würde ich mich selbst verbrennen. Meine Kunst ist mein Leben. Ohne sie existiere ich nur, aber ich bin nicht lebendig."

Weiteres: Für die FAZ unterhält sich Stefan Trinks mit dem Künstler Gregor Schneider, dem die luxemburgische Kulturhauptstadt Esch eine Werkschau widmet, über die klaren Regeln der Architektur, Anwesenheiten und die Verdoppelung von Räumen. Stefan Niederwieser porträtiert im Standard das Künstlerpaar Johanna und Helmut Kand. Im Standard-Interview sprechen die Belvedere-Direktoren Stella Rollig und Wolfgang Bergmann über das wegbrechende Geschäftsmodell der großen Wiener Museen, die ihre kostspieligen Ausstellungen bisher über den Tourismus finanzierten. Die New York Times schreibt zum Tod des Malers Wayne Thiebaud.

Besprochen wird die Schau zu Brücke und Blauem Reiter im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal (FAZ).
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