Efeu - Die Kulturrundschau

Essenz eines Edens ohne Schatten

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23.09.2021. "Die exzessive politische Korrektheit hat etwas Totes in sich", schäumt Werner Herzog in der Zeit. Das liberale Freiheitsversprechen wird auch in der Kunst nicht eingelöst, muss der Tagesspiegel im Berliner HKW erkennen. Wenn Barrie Kosky die Stipendiaten der American Academy vor den "Jammer-Berlinern" warnt, freut sich der Tagesspiegel allerdings. Philipp Stölzls Verfilmung von Stefan Zweigs "Schachnovelle" entzweit die Kritiker: Besser als das Buch, jubelt die SZ, "Vorhang zu und keine Fragen offen", unkt die Welt. Früher war mehr Lametta, seufzt Zeit Online mit Blick auf den Klimakrisen-Song, den eine Gruppe ramponierter deutscher Popstars aufgenommen hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild: Jordan Strafer. PEP (Process Entanglement Procedure) Video-Still, 2019. Courtesy die Künstlerin

Mit der Erkenntnis, dass sich auch in der Kunst das "liberale Freiheitsversprechen" auflöst, wird Carlotta Wald (Tsp) in der Ausstellung "Illiberal Arts" im Berliner HKW konfrontiert. Kunst soll deshalb nicht repräsentieren, sondern als "Lebenspraxis" verstanden werden, lernt sie etwa von Bill Dietz: "Er hat im Sommer 2020 Stimmen der Black-Lives-Matter Proteste in Brooklyn, New York aufgenommen und lässt diese nun ohrenbetäubend laut vor einem Fenster des Ausstellungsraums erklingen. Während sich sämtliche Touristen auf den Spree-Booten fragen dürften, welche Demonstration in dem Regierungsviertel stattfindet, dringt zu den Besucher:innen in der Ausstellung nicht mehr als ein dumpfes Murmeln durch. Dem Künstler gelingt damit gleich zweierlei: Er verleiht den Protesten eine laute Stimme in Berlin und macht auf den Rassismus aufmerksam, der allen liberalen Demokratien, Deutschland inklusive, eingeschrieben ist. Gleichzeitig macht Diez aber auch die Grenzen sichtbar, die Museen wie das HKW produzieren. Die strikte Trennung von Innen und Außen, Kontemplation in der Ausstellung und Leben außerhalb, verbannt jede künstlerische Idee in eine symbolische Sphäre und verhindert ihren Einfluss auf die Realität."

Bild: Paul Gauguin , Eu haere ia oe (Où vas-tu ?) La Femme au fruit, Tahiti, 1893. Musée de l'Ermitage, Saint-Pétersbourg

Endlich ist die Geschichte der Moskauer "Kunst-Krösusse gründlich aufgearbeitet", freut sich Marc Zitzmann in der FAZ, nachdem die Pariser Fondation Louis Vuitton nach der großen Schtschukin-Ausstellung nun die Sammlung der Brüder Morosow zeigt - und zwar so vollständig, dass Zitzmann das Gefühl hat, ganze Säle in der Petersburger Eremitage ständen derzeit leer: "Glanzpunkte sind die Gauguin und Cézanne gewidmeten Säle. Die dreizehn Gauguins der Kollektion (von denen zehn ausgeliehen wurden) stammen bis auf das 'Café à Arles' aus der polynesischen Zeit: enigmatische Landschaftsbilder und Alltagsszenen, in denen der zivilisationsmüde Maler mit reinen, unmodulierten Farben die Essenz eines Edens ohne Schatten einzufangen sucht. Die achtzehn Cézannes (bis auf das 1933 zusammen mit van Goghs 'Nachtcafé' nach New York verkaufte 'Porträt von Frau Cézanne im Gewächshaus' allesamt zu bestaunen) decken von der frühen 'période couillarde' bis zum Spätwerk alle Schaffensphasen ab, mit Fokus auf konstruktive und synthetische Landschaften in den unverwechselbaren Blau- und Grüntönen."

Außerdem: In der Berliner Zeitung freut sich Ingeborg Ruthe über das Hannah-Höch-Konvolut, das die Berlinische Galerie von der Sparkasse erhalten hat: "Es handelt sich um acht Gemälde, 20 Collagen und 14 Zeichnungen. (…) Für die Berlinische Galerie ist das eine große Bereicherung des Sammlungsbestandes an Höch-Werken und des dokumentarischen Nachlasses, der 1979 nach Höchs letztem Willen in die Künstler-Archive des Museums kam." Für die Welt lässt sich Dorothea Zwirner in der Fondazione Prada in Mailand von Simon Fukiwaras Cartoon-Bären "Who, the Baer" Debatten über Gender, Metoo und Rassismus verhandeln. Das Dortmunder Museum Osthaus erwirbt das Gemälde "Jüngling am Scheideweg" des Expressionisten Christian Rohlfs, meldet Stefan Trinks in der FAZ.

Besprochen werden die Ausstellung "Danh Vo" in der Wiener Secession (Standard) und die Ausstellung "Posy Simmonds - Close Up" im Cartoonmuseum Basel (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Dem Wahnsinn verfallen: Oliver Masucci in "Schachnovelle"

Philipp Stölzl hat Stefan Zweigs "Schachnovelle" verfilmt. Die rätselhafte Vorlage haben Stölzl und sein Drehbuchautor Eldar Grigorian sehr selbsbewusst als formbares Material aufgefasst, schreibt Nicolas Freund in der SZ: Im Mittelpunkt des Films steht die Binnenerzählung über Dr. B.s Isolationshaft. "Das ändert natürlich den Fokus und die Aussage der Geschichte." Wo Zweigs Buch "bis zur Beliebigkeit vage bleibt, haben sich Stölzl und Grigorian für eine klarere Haltung entschieden, ohne aber die Motive und Themen der Vorlage aufzugeben. Am Ende geben sie der ganzen Geschichte noch eine dramatische Wendung, die man als Zuschauer schon geahnt hat, die aber sogar als Deutungsansatz für die Buchvorlage taugen könnte. Die Neuverfilmung der 'Schachnovelle' ist einer der seltenen Fälle, in denen es der Film geschafft hat, die Vorlage nicht nur hinter sich zu lassen, sondern sie zu übertreffen."  ZeitOnline-Kritikerin Judith Liere hingegen hält den Stoff in dieser Filmversion für soweit umgekrempelt, dass er auf dem schmalen Grat des Scheiterns balanciert. Zwar funktioniere der Fokus auf die Isolationshaft und die Tatsache, dass Dr. B hier einen vollen Namen - Josef Bartok - erhält, "erzählerisch erstaunlich gut und wahrscheinlich rettet es auch den Film - denn der ist immer dann sehenswert, wenn man Oliver Masucci beim Wahnsinnigwerden zuschauen darf." Aber "beim Rest fühlt man sich wie in einem recht simplen Kostümfilm."

"Stölzl hilft beim Begreifen, wo er kann", schreibt Elmar Krekeler in seiner lakonischen Kritik in der Welt. Am Ende ist der Stoff durcherzählt und durchgeleuchtet: "Selten sah Literaturverfilmung im deutschen Film besser aus. Selten auch ist man so satt nach Hause gegangen. Vorhang zu und keine Fragen offen." Jenni Zylka hat für die taz mit dem Regisseur gesprochen.

"Die exzessive politische Korrektheit hat etwas Totes in sich, sie tötet auch Sprache ab", sagt Werner Herzog im großen Zeit-Interview mit Ijoma Mangold über seinen Roman "Das Dämmern der Welt": "Zum Teil hat es mit akademischem Denken zu tun, weil ja auch das Epizentrum dieser Spracherneuerung und dieser politischen Korrektheit im Akademischen zu finden ist. Aber es hat sich ausgeweitet, weil es ja auch ganz offensichtlichen Problemen, die es gibt, beikommen sollte, zum Beispiel Rechte von Frauen. Die MeToo-Bewegung ist ja etwas Begrüßenswertes, sie hat ja auch ihre Erfolge gezeigt. Wenn heute ein Mann in der Filmindustrie nicht respektvoll mit einer jungen Frau am Set umgeht, ist er auf immer erledigt, der wird nie wieder auch nur eine Stunde arbeiten in der Filmindustrie. Das sind ja vorweisbare Erfolge. Oder Rassismus. Das sind Dinge, die sind unabweisbar, die sind in der Gesellschaft da und müssen bekämpft werden. Ich glaube nur, dass der Weg über diese politische Korrektheit nicht adäquat ist."

Weitere Artikel: Margret Köhler spricht im Filmdienst mit dem Drehbuchautor Anders Thomas Jensen über dessen (im Tagesspiegel besprochenes) U-Boot-Drama "Helden der Wahrscheinlichkeit". Anne Küper empfiehlt uns auf critic.de eine Filmreihe im Berliner Kino Arsenal zu Ehren des legendären Filmvermittlers Amos Vogel. Sonja Thomaser wirft für die FR einen Blick auf die Diskussionen, ob James Bond künftig von einer Frau gespielt werden sollte. Für Artechock liefert Rüdiger Suchsland Podcasts vom Filmfestival San Sebastián.

Besprochen werden David Wnendts "The Sunlit Night" (Standard, FR), das "Sopranos"-Prequel "The Many Saints of Newark" (FR)  und die auf Disney+ gezeigte Zeichentrickserie "Star Wars - Visions", für die japanische Animationskünstler sich der Weltraumsaga annehmen (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

Die Zeit hat ihre Besprechung zu Adrian Marthalers Zürcher Bühnenprojekt "Addio Amor", in dem sich SchauspielerInnen um die achtzig mit dem Alter auseinandersetzen, online nachgereicht. So "wie das Fruchtwasser einen Embryo" umhüllen Jeffrey Arlo Brown im Van-Magazin die Klänge, die er bei Andreas Homokis Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" im Opernhaus Zürich, bei der 3. Sinfonie von Gustav Mahler unter der Leitung von Paavo Järvi in der Tonhalle Zürich und bei einer Georg-Friedrich-Haas-Uraufführung beim Kammerorchester Basel zu hören bekam.

Besprochen werden Rainer Prudenz' "Der Titel - Reise nach Davos" an der Frankfurter Kammeroper (FR), Nis-Momme Stockmanns "Das Imperium des Schönen" am Hans Otto Theater in Potsdam (Tagesspiegel), Thomas Ostermeiers Ödipus-Inszenierung an der Schaubühne (SZ) und Karin Beiers Inszenierung von Ian McEwans Roman "Kindeswohl" am Schauspielhaus Hamburg (FAZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

In der American Academy in Berlin haben die Stipendiaten im Elevator Pitch ihre literarischen Projekte vorgestellt: Tolles "literarisches Speed-Dating" nennt das Christiane Peitz im Tagesspiegel. Auch hätte sich Peitz zur Begrüßung der Stipendiaten keinen besseren Redner vorstellen können als den Opernregisseur Barrie Kosky: "Berlin, erklärt er, sei ein Ort der spektakulären Visionen und der schrecklichen Provinzialität, voller Schätze, die die Jammer-Berliner oft gar nicht wahrnehmen, voller Diskussionen über Multikulti und das Andere, während die Stadt ihrer eigenen Diversität viel zu wenig Rechnung trägt." Vielversprechend scheinen Peitz auch die Themen der zwölf Stipendiatinnen: "Migration, Diskriminierung, Geschichtsbrüche und -kontinuitäten, Kolonialzeit, die immer gefährdete Demokratie, und vor allem Rassismus - die Themen und Vorhaben zielen ins Herz der Gegenwart."

Besprochen werden unter anderem Alina Bronskys "Barbara stirbt nicht" (FR), Arne Zanks Comic "Die Vögel" (Intellectures), Angelika Klüssendorfs "Vierundreißigster September" (Tagesspiegel), Peter Hamms "Die Welt  verdient keinen Weltuntergang" mit Aufsätzen und Kritiken (Zeit), Georg Kleins "Bruder aller Bilder" (SZ) und Norbert Gstreins "Der zweite Jakob" (FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Bis zum Jahr 2028 und mit einem Budget von 200 Millionen Euro soll das Schloss Schwarzburg in Thüringen, das einst in Hitlers Auftrag von Herman Giesler komplett entkernt und in der DDR kaum restauriert wurde, schrittweise wieder nutzbar gemacht werden, berichtet Matthias Alexander in der FAZ. Das Weimaraner Architekturbüro Tectum Hille Kobelt hat bereits mit einigen Räumen im Haupthaus begonnen: "Man entschied sich dafür, alle Zeitschichten gleichrangig zu restaurieren und zu präsentieren, die Reste einer Stuckdecke ebenso wie die verblasste Wandbemalung aus dem 19. Jahrhundert und Kritzeleien von Jugendlichen, die zu DDR-Zeiten in das Schloss eingedrungen waren. Die Bruchsteinmauern tragen Spuren der Stemmeisen, mit denen einst die Zwangsarbeiter dem Gebäude zu Leibe rückten, an einer anderen Stellen sind Klinker zu sehen, mit denen ein Durchgang zugemauert wurde. Die Teile ergeben das auratische Erlebnis eines Raumes, in dem der Schrecken der jüngeren Historie in einem eigenartigen Gleichgewicht der Epochen aufgehoben ist."

Einen überwältigenden Mix aus Erhabenheit und Kitsch bekommt im Guardian Oliver Wainwright im Cosmic House des Architekturkritikers Charles Jencks geboten: "Dieses beeindruckende Reihenendhaus aus den 1840er Jahren ist zu einer wundersamen, unverdaulichen Kakophonie aus kosmischer Symbolik, klassischen Referenzen und architektonischen Witzen geworden."
Archiv: Architektur

Musik

Eine Gruppe deutscher Popstars trällert einen alten Song von Rio Reiser, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. Darin zeigt sich Johannes Schneider im ZeitOnline-Kommentar vor allem, wie ramponiert der Status des Stars als solchem heute mittlerweile ist: Früher war irgendwie mehr Lametta, wenn unnahbare Stars von oben herab gute Ansichten unter ihr Publikum brachten. "Einer Bobgeldofisierung des nationalen Diskurses steht nicht nur entgegen, dass es mit Blick auf die Klimakrise mehr individuellen Einsatz des Publikums bräuchte, als einen Song zu hören." Und "letztlich ist das Verhältnis der Menschen, die durch große Botschaften erreicht werden sollen, zu den Sprecherinnen auch zu komplex, vielschichtig und reif, als dass irgendein Effekt zu erwarten wäre. ... Das alles nimmt der Sache die Wucht: Der Star von heute ist Dienstleister für ein bestimmtes Lebensgefühl in einem bestimmten Moment. Was er darüber hinaus 'so denkt', 'spürt', 'fühlt', ist bestenfalls vernachlässigenswert, schlimmstenfalls ärgerlich."

Weitere Artikel: Die FAZ hat Jürgen Kesting Geburtstagsgrüße zum Achtzigsten von Anna Tomowa-Sintow online nachgereicht. In der Berliner Zeitung gratuliert Harry Nutt Wolfgang Petry zum 70. Geburtstag. Joachim Hentschel schreibt in der SZ zum Tod des Cabaret-Voltaire-Musikers Richard H. Kirk. Arno Lücker widmet sich in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen in dieser Woche Clemence de Grandval.



Besprochen werden der Konzertfilm "Oasis: Knebworth 1996" (SZ), Bob Dylans Konzertfilm "Shadow Kingdom" (NZZ), das Beach-Boys-Boxset "Feel Flows" (Standard), die Wiederveröffentlichung von Ozzy Osbournes "No More Tears" (Pitchfork) und Injury Reserves "By the Time I Get to Phoenix" (Pitchfork). Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Popstars, Klimakrise