Efeu - Die Kulturrundschau

Die kosmische Weite seines Hirns

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05.01.2021. Die Feuilletons befreien Friedrich Dürrenmatt aus den Schulbüchern und feiern den vor hundert Jahren geborenen als großen Infragesteller der Welt. Die NZZ hat allerdings noch die ein oder andere Rechnung mit ihm zu begleichen. FAZ und Welt würdigen zum neunzigsten auch Alfred Brendel als den Poeten unter den Pianisten. Der Guardian beobachtet bekümmert den Verfall brutalistischer Bauten im Norden Englands. Der Tagesspiegel erinnert an  die Lehren der Moskauer Werkstätten WChUTEMAS. Und der Standard verabschiedet sich vom Prinzip Zwischennutzung.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2021 finden Sie hier

Literatur

Friedrich Dürrenmatt in einer Aufnahme von 1989 (Bild: Elke Wetzig, CC BY-SA 3.0)

Heute vor hundert Jahren wurde Friedrich Dürrenmatt geboren. In der FR führt Otto A. Böhmer durch Leben und Werk des Schweizer Autors. In der SZ rettet Martin Ebel Dürrenmatt aus dem Sarg des Schullektüre-Kanons: Denn "Dürrenmatt ist immer noch eine Provokation. Er gehört, wie Kafka und Camus, zu den großen Infragestellern dieser Welt. Zu denen, die sich fragen, wie man in einer sinnlosen Welt sinnvoll, vernünftig, gar moralisch handeln kann." Dürrenmatts bestimmendes Thema war die "Vereinzelung und Verlorenheit des Menschen", schreibt Petra Kohse in der Berliner Zeitung.

Thomas Hürlimann nimmt es in der NZZ Dürrenmatt bis heute krumm, dass bei einer persönlichen Begegnung nicht er, sondern vor allem der Dichter sprach. Für ihn war Dürrenmatt ein in Platons Höhle gefangener Mensch, der "von außen keine Signale empfing." Seine "Kunst, all sein Reden und Dichten und Malen, war ein Abbilden der Höhle und seines Höhlen-Daseins. Dabei ging es stets auch um den Versuch des Subjekts, der Höhle zu entkommen - sinnlose Versuche. Samt und sonders zum Scheitern verurteilt." Doch "ist diese Enge zugleich das große Ganze, denn Dürrenmatt setzte den Innenraum seines Hirns mit dem Kosmos gleich. Auch der Kosmos ist ja ein Innenraum, ohne Aus- oder Eingang, und in dieser kosmischen Weite, die auch die kosmische Weite seines Hirns war, hat Dürrenmatt in einer existenziellen Sternstunde eine Parabel entdeckt, die in den ersten Entwürfen 'Mondfinsternis' und später, als Stück, 'Der Besuch der alten Dame' hieß."

Die Tragödien und Irrtümer der Welt finden bei Dürrenmatt auch immer im Körper seiner Figuren ihre Bühne, schreibt Daniele Muscionico in der NZZ: "Seine Menschen sind groß, sie sind fett, sie sind tiergleich, verformt, versehrt und verzerrt." Sein "Personal ist abartig pervers in seiner Größe und in seiner Gattungsform als Hybriden, Chimären, Doppelwesen und Zwitter. Und das hat seine guten Gründe: Die Körper seiner Figuren sind ein Widerhall und Widerschein ihrer Umgebung. Aus der Verformung der Leiber spricht die Verformung der Welt."

So wirklich zeitlose Werke sind Dürrenmatt allerdings nicht geglückt, findet FAZ-Simon Strauß: "Sein Drang zur humoristischen Wirkung, das unbedingte Eintauschen des tragischen Pathos durch die satirische Parodie wirken im Rückblick eigenartig verschmockt." Als "antiquiert" galt Dürrenmatt freilich schon in seinem letzten Lebensjahrzehnt, erinnert Gerrit Bartels im Tagesspiegel, doch hält dem entgegen: "Dürrenmatts Werk ist inhaltlich und formal enorm vielfältig. Es ist verspielt, sprengt die Gattungsgrenzen. ... Liest man Dürrenmatts Romane heute wieder, fällt auf, wie klar, nüchtern und gut sie geschrieben sind, wieviel Kraft diese Prosa hat."

Roman Bucheli schreibt in der NZZ über die nicht immer ganz harmonische Freundschaft zwischen Dürrenmatt und Max Frisch. Peter von Becker erinnert sich im Tagesspiegel traurig daran, wie Dürrenmatt ihn in den 80ern einmal sitzen ließ. Martin Ebel (SZ) und Marc Reichwein (Welt) besprechen außerdem Ulrich Webers neue Dürrenmatt-Biografie.

Weiteres: Für Intellectures spricht Thomas Hummitzsch mit der Übersetzerin Uda Strätlin über Reinhard Kleists Comicadaption von Aldous Huxleys "Schöne neue Welt", die auf ihrer Übersetzung basiert. Besprochen werden unter anderem Wolfgang Welts "Die Pannschüppe" mit verstreuten Schriften des Autors (taz), ggs Comic "Wie Dinge sind" (Tagesspiegel) und Christine Wunnickes "Die Dame mit der bemalten Hand" (NZZ).
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Architektur

Dorman Long tower in Teesside. Bild Simon Philipps aus dem genannten Band "Brutal North"

Der Guardian bringt fantastische Bilder aus dem Bildband "Brutal North", in dem der Fotograf Simon Philipps vor dem drohenden Abriss brutalistischer Bauten im Norden Englands warnt: "Ein Mix aus Mismanagement und genereller Geringschätzung brutalischer Architektur führt ihm zufolge zu unnötiger Zerstörung. Ein sich verändernder Geschmack, schrumpfende Budgets in den Kommunen und ein abfälliger Blick auf Betonbauten haben bei vielen Gebäuden nötige Reparaturen verhindert."

Im Tagesspiegel erinnert Bernhard Schulz an die Moskauer Werkstätten WChUTEMAS, die 1920 von Lenin ins Leben gerufen wurde und die sich ganz wie das Dessauer Bauhaus der Erneuerung der Lebensgestaltung verpflichtet hatten, wie auch die Historikerin Historikerin Anna Bokov in ihrem voluminösen Band "Avant-garde as method" zeige: "'Raum, nicht Stein, ist das Material der Architektur', verkündete Nikolai Ladowski, der 1941 verstorbene Architekt, einer der einflussreichsten Lehrer der Werkstätten. Von ihm ist fast nur ein einziges gebautes Werk erhalten: das Eingangsgebäude zur Metro-Station 'Rotes Tor' in Moskau. Im Unterricht ließ er Gipsmodelle formen, die die Einflüsse von Schwerkraft und Bewegung sichtbar machen sollten. Nichts Baubares entstand dabei, sondern eine Annäherung an das, was 'Raum' als das Nicht-Sichtbare der Architektur sein kann."
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Kunst

Überhaupt nicht begeistert ist Ivona Jelcic im Standard vom Prinzip Zwischennutzung, das von Stadtentwicklern und Kreativen gern als Win-Win-Lösung für beide Seiten gepriesen wird: "Mithilfe von Kreativen kann die Attraktivität ganzer Stadtviertel gesteigert werden. Die temporären Nutzer haben auch etwas davon, nämlich leistbare Räumlichkeiten, wo sonst zum Teil gähnende Leere herrschen würde. Trotzdem ist das Thema für die Wiener Stadtsoziologin Katharina Hammer ein 'komplexes Spannungsfeld": Denn gerade in Wien lasse sich beobachten, dass 'das Grundproblem für kleinere Kulturinitiativen durch Zwischennutzungsprojekte nicht gelöst wird'. Oftmals werde es viel eher verschärft, weil 'in den meisten Fällen nur ein kurzfristiges Interesse dahintersteht'. Soll heißen: Sind die Preise erst einmal gestiegen, 'kommen die Kleinen nirgends mehr unter'."

Landesmuseum Baden-Württemberg
In der FAZ erinnert sich der Kunsthistoriker Horst Bredekamp an die Ausstellung "Eiszeit: Kunst und Kultur" 2010 im Kunstgebäude Stuttgart, in der zum ersten Mal die zum Teil vierzigtausend Jahre alten Artefakte der Schwäbischen Alp sah: "Es war atemraubend, etwa dem mindestens 32000 Jahre alten, heute in Stuttgart bewahrten Löwenkopf aus der Vogelherd-Höhle gegenüberzutreten, der in seiner präzisen Gestaltung des Kopfes, den eingravierten Falten, dem angedeuteten Blick und allgemein der Mischung zwischen Nachahmung und Abstraktion wie ein Objekt der frühen Moderne wirkte."

Weiteres: Der Guardian annonciert die bevorstehenden Kultur-Highlights, darunter, wenn alles gut läuft, eine Francis-Bacon-Ausstellung in der Royal Academy. In Lensculture feiert Joanna L. Cresswell in einem üppig bebilderten Text den Bildband "White Sky" der kalifornischen Fotografin Mimi Plumb. Ebenfalls auf lensculture ist hin und weg Liz Sales von den ikonischen Bildern, auf denen der Fotograf und Filmemacher Jeremy Snell ghanaische Kinder im Volta-Stausee in Szene setzt.
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Design

Zumindest online und via Katalog kann man durch die Ausstellung "About Time: Fashion & Duration" des ans New Yorker Metropolitan Museum of Art angeschlossenen Costume Institutes schlendern, schreibt Katharina J. Cichosch in der taz. Im Fokus der Ausstellung steht "die Kontinuität des Wechsels" in der Mode. Zu sehen sind "geradezu Gegenentwürfe zu ästhetischer Zeitlosigkeit: Jedes ausgewählte Stück kennzeichnet einen hochspezifischen Entstehungszeitpunkt, eine präzise Markierung im Raum-Zeit-Kontinuum", wodurch sich interessante Gegenüberstellungen und Erkenntnisse ergeben, so dass es etwa eine Generation braucht, um vom Überdruss zum Revival zu kommen, "bis die ehemals abstoßenden, lächerlich geglaubten Formen, Farben und Sentiments wieder mit ihrer ursprünglichen Begehrlichkeit aufgeladen werden können. ... Denn auf die verführerische Kraft einer zeitlichen Dringlichkeit setzen ja inzwischen ganze Branchen." Die Met hat einen viertelstündigen Videogang durch die Ausstellung online gestellt:



Erfreut nimmt tazlerin Brigitte Werneburg zur Kenntnis, dass H&M derzeit nicht nur bei den Verpackungsmaterialien an der eigenen Ökobilanz arbeitet, sondern auch mit der Membership-Marke "Singular Society", die der Konzern gerade in Stockholm testet: Ein Abomodell soll hier Überproduktion und Sinnlos-Shopping einen Riegel vorschieben.
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Film

Besprochen werden Eugene Ashes im Harlem der 60er spielendes Melodram "Sylvie" (SZ), George C Wolfes "Ma Rainey's Black Bottom" (Tagesspiegel), die dritte Staffel der Krimiserie "Wilder" (NZZ) sowie Thomas Medicus' Doppel-Biografie über Heinrich und Götz George (FAZ).
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Stichwörter: 60er

Bühne

In der Nachtkritik erkennt Wolfgang Behrens, wie fatal Fantum im Kritikergeschäft sein kann. Ebenfalls in der Nachtkritik bedankt sich Andrea Heinz für die Belehrung durch das Michael Maertens' Performance "Die Maschine in mir" im Burgtheater. Im Standard hofft Ronald Pohl  auf eine Neueinschätzung von Heiner Müllers Werk.
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Musik

Der Pianist Alfred Brendel wird heute 90 Jahre alt. Manuel Brug würdigt in der Welt einen in Vergessenheit zu geraten drohenden Künstler, der 2008 sein letztes Konzert gegeben hat und seitdem vor allem als Musikgelehrter auftritt: Doch "sein klingendes, in der Fülle der Plattenwohlstandsjahre ausuferndes Erbe scheint einigermaßen entschwunden." Auch im Beethovenjahr erinnerte man sich kaum an ihn, dabei "hat er als Erster überhaupt das gesamte Beethoven-Klavierwerk und dann noch zweimal alle 32 Sonaten eingespielt." Dass man sich kaum an ihn erinnert, mag mit seiner zurückhaltenden Art zusammenhängen, "weil er sein Publikum nicht mit Tastenmagie behexte, sondern mit Demut und interpretatorischer Tiefe berührte. Weil er nie extrem spielte, aber immer mit dem richtigen Maß."

Immer wieder war es Brendel gelungen, "die Entgrenzung guter Musik von einem bloßen Klangverlauf zu jener emotionalen Wahrheit, die die Summe der Einzeltöne übersteigt, unmittelbar erlebbar zu machen", schwärmt Gerald Felber in der FAZ: "Poetisch inspiriert, behandelt er das Klavier weniger wie ein amputiertes Orchester, sondern eher als eine gleichsam jugendliche Keimform großer Klangtotalen, in der alle Möglichkeiten vorhanden sind, ohne dass sie jedes Mal explizit ausgespielt werden müssen: Utopie statt Reduktion." Wilhelm Sinkovicz würdigt Brendel in der Presse als großen Schubert-Interpreten. Hier eine alte Aufnahme mit einer Einführung durch Brendel:



Weiteres: Nicolas Freund schreibt in der SZ zum Tod des Gitarristen Alexi Laiho. Harry Nutt (FR), Willi Winkler (SZ), Edo Reents (FAZ) und Johannes Schneider (ZeitOnline) schreiben Nachrufe auf den Sänger Gerry Marsden.

Besprochen werden Raphael Pichons Aufnahmen von Bachs Motetten (SZ) und Louis Philippes "Thunderclouds" - "ein tolles Album, das uns bittersüß durch einen grauen Winter helfen wird", schwärmt tazler Alex Bechberger. Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Brendel, Alfred