Efeu - Die Kulturrundschau

Kosmologie von Mensch und Hund

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25.09.2020. Im Van Magazin sucht der Komponist Yannis Kyriakides mit Hilfe einer Computerstimme nach einer neuen musikalischen Sprache. Die Malerin Chantal Joffe erzählt in der NYRB von ihren Zeitreisen. Der FAZ-Literaturkritiker Friedrich Sieburg war ein Funktionär des Dritten Reichs und keineswegs im geistigen Widerstand, erinnert die SZ. Der Tagesspiegel lernt von KaDeWe-Model Hengameh Yaghoobifarah, wie kapitalistisch Kapitalismuskritik sein kann.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2020 finden Sie hier

Kunst

Chantal Joffe: Pictures of What I Did Not See 5, 2019. Chantal Joffe/Victoria Miro


Imogen Greenhalgh unterhält sich für die NYRB mit der Malerin Chantal Joffe - sie hat derzeit eine Ausstellung in Bristol - über das Leben während der Corona Pandemie. Joffe nutzt sie zum Arbeiten und für Zeitreisen: "Als es im vergangenen Sommer eine Hitzewelle gab, war das Schlimmste daran für mich das Gefühl, genau in diesem Moment auf diesem Planeten gefangen zu sein. Ich finde Carlo Rovellis Theorien über die Zeit sehr tröstlich. Er sagt, dass die Zeit schnell oder langsam sein kann, und ich liebe diese Vorstellung, die Vorstellung, dass die Zeit nicht linear verläuft, sondern nur vorwärts schreitet - deine Mutter, die jünger ist und in diesem Restaurant isst, das findet irgendwie immer noch irgendwo statt. Ich habe meine eigene Mutter während der Sperrstunde oft gemalt, Bilder von ihr heute und als sie jung war. Ich liebe den Gedanken, dass all das nicht verloren ist - ihre Jugend, wir als Kinder. Es ist immer noch präsent. Du kannst an der Person festhalten, die sie war... Ja, alte Fotos von ihr malen - ich habe Kisten und Kisten davon. Ich habe dieses Foto gemalt, auf dem sie uns allen auf dem Sofa vorliest. Und als ich es gemalt habe, war ich da, auf dem Bild: Es war elektrisch, wie eine Zeitreise. Deshalb liebe ich Rovellis Ideen - dass es Löcher in der Zeit gibt, in die man hineingehen kann."

Weitere Artikel: In der SZ berichtet ein entsetzter Alexander Menden vom Vorschlag eines Mitglieds des durch Corona in die Krise geratenen Londoner Museums Royal Academy of the Arts, eine Skulptur von Michelangelo zu verkaufen, um 150 Mitarbeiter vor der Entlassung zu bewahren: "In dieser Not 'an einem Klumpen Marmor festzuhalten, der die RA für die kommenden Jahre finanziell absichern könnte', sei moralisch falsch, findet der Künstler. Eine Sprecherin der RA-Präsidentin Rebecca Salter dementierte: Man plane nicht, irgendein Stück aus der Sammlung zu verkaufen." Für Menden ist die Diskussion vor allem ein Hilferuf an die Regierung. In monopol erzählt Donna Schons, wie das Städtische Museum Braunschweig das koloniale Erbe seiner ethnografischen Sammlung aufarbeitet. Brooklyn Rail bringt ein Interview mit dem kenianischen Künstler Michael Armitage, der gerade im Münchner Haus der Kunst ausstellt.

Max Beckmann - weiblich-männlich
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Max Beckmann - weiblich-männlich" in der Hamburger Kunsthalle (Welt), eine Film-Installation des Kanadiers Jeremy Shaw im Frankfurter Kunstverein (FR), Philip Grönings VR-Ausstellung "Phantom Oktoberfest - Oktoberfest Phantom"  in der Münchner Villa Stuck (monopol), eine Ausstellung der letzten Monat gestorbenen venezolanischen Künstlerin Luchita Hurtado in der New Yorker Galerie Hauser & Wirth (hyperallergic), eine Ausstellung über "Krieg und Frieden: Bilderchroniken aus der Frühzeit der Alten Eidgenossenschaft" in der Zentralbibliothek Zürich (NZZ) und eine Ausstellung mit "Tierischem" von Paul Klee im Ingelheimer Kunstforum Altes Rathaus (FAZ).
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Musik

Für VAN unterhält sich Hannah Schmidt mit dem Komponisten Yannis Kyriakides über dessen neue Arbeit, in der es um das Nicht-Wissen geht. Dafür arbeitet er "mit verschiedenen Sprachen, in denen der Text vorgelesen wird, aber von einer Computerstimme, die die jeweiligen Texte und Worte nicht richtig aussprechen kann. Meine Idee war folgende: Ich weiß noch nicht einmal, wie ich sagen soll, dass ich nichts weiß. Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was die Stimme sagt, und dem, wie sie es sagt, was dumm oder ignorant rüberkommt. Die Instrumente ahmen nach, was die Stimme sagt, sie spiegeln es - sind dabei in ihrer Art des Ausdrucks aber ganz frei. Ich will, dass sie den Phrasen eine Bedeutung in ihrer eigenen musikalischen Sprache einhauchen. ... Die fürs Englische programmierte Computerstimme dagegen kann nur versuchen, verschiedene Sprachen zu sprechen, was auch einen kolonialen Aspekt hat: Das Englische erscheint hier als Killersprache, die alle anderen Sprachen zerstört."

Weitere Artikel: In einem online nachgereichten FAZ-Artikel schreibt Felix Ackermann von dem Volkslied "Kupalinka", das im belarussischen Widerstand vor allem die Frauen singen und nun auch in Polen bei einem Konzertabend aufgeführt wurde. Sinem Kılıç berichtet für ZeitOnline von den Arabic Music Days. Parker Ramsay hört sich für VAN durch verschiedene Interpretationen der Goldberg-Variationen. Arno Lücker macht sich für VAN an einen Interpretationsvergleich von Schostakowitschs Achter. Außerdem schreibt Lücker in seiner Komponistinnen-Reihe auf VAN über Erna Woll. Für die Jungle World wirft Jens Uthoff einen Blick zurück auf Techno-Magazine der 90er. Bob Dylan ist für eine Sonderausgabe zu seiner Radioshow zurückgekehrt, meldet Harry Nutt in der Berliner Zeitung. Florian Amort berichtet in der FAZ vom Festival "Klangspuren" im Tiroler Schwaz. Lena Bopp (FAZ), Stefan Brändle (FR), Eberhard Spreng (Tagesspiegel), Ueli Bernays (NZZ), Joseph Hanimann (SZ) und Reinhard Köchel (ZeitOnline) schreiben Nachrufe Juliette Gréco (weitere Nachrufe bereits hier).

Besprochen werden das klimakrisenkritische Album "Die Bredouille" der Hamburger Band Helgen (taz), eine Luxus-Neuausgabe von Prince' "Sign o' the Times" (Berliner Zeitung), das neue Album von Marilyn Manson (Presse), Vladimir Jankélévitchs Band "Zauber, Improvisation, Virtuosität" mit Texten zur Musik (FAZ) und ein Konzert des RIAS-Kammerchors mit dem Organisten Martin Baker unter Justin Doyle (FAZ, eine Aufnahme gibt es bei Dlf Kultur)

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreiben Dirk von Petersdorff und Christiane Wiesenfeldt über Udo Lindenbergs "Bis ans Ende der Welt":

Archiv: Musik

Literatur

Willi Winkler hat für die SZ nachgesehen, ob Friedrich Sieburg, der in den Fünfziger- und Sechzigerjahren das literaturkritische Aushängeschild der FAZ gewesen ist, sich in Nazi-Deutschland tatsächlich, wie oft behauptet wird, zumindest im geistigen Widerstand befunden habe. Davon könne schon wegen Sieburgs pathetischer Deutschlandbesoffenheit schon vor der Nazizeit "keine Rede sein", meint Winkler. "Sieburg war nicht nur ein Autor des Dritten Reichs, sondern sein Funktionär. Außenminister Ribbentrop beförderte ihn zum Botschaftsrat, und damit konnte er in offiziellem Auftrag in sein geliebtes Frankreich zurückkehren. Wendig, wie er war, fiel ihm das Bekenntnis zu den Nazis nicht schwer: 'Hier', erklärte er 1941 in Paris einer passenderweise 'Groupe Collaboration' genannten Versammlung, 'in Ihrer Douce France, ist mein Charakter hart geworden.' Es war schließlich Krieg, und der verlangte mehr als den Ästheten: 'Frankreich hat mich zum Kämpfer und Nationalsozialisten gemacht.'"

Weitere Artikel: Magdalena Pflock und Elias Kreuzmair schreiben für 54books "eine kurze Twitter-Literaturgeschichte". Paul Jandl (NZZ) und Wilhelm von Sternburg (FR) erinnern an den Schriftsteller Erich Maria Remarque, der heute vor 50 Jahren gestorben ist. In der FAZ gratuliert Nils Kahlefendt der Schriftstellerin Brigitte Burmeister zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Pornsak Pichetshotes und Aaron Campbells politischer Horrorcomic "Infidel" (Tagesspiegel), César Airas "Die Wunderheilungen des Doktor Aira" (SZ), Monika Marons "Artur Lanz" (Freitag) und neue Hörbücher, darunter eine Ausgabe mit zwei Hörspielen nach Erich Maria Remarque (SZ).
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Archiv: Literatur

Film

Auf den Hund gekommen: "Space Dogs"

Elsa Kremsers und Levin Peters essayistischer Doku-Spielfilm "Space Dogs" beobachtet zwei Moskauer Straßenhunde, die als Nachfahren der russischen Weltallhündin Laika perspektiviert werden, die bekanntlich bei ihrer Rückkehr aus dem All in der Atmosphäre verglühte. "Ziemlich dick aufgetragen" findet Patrick Kokoszynski von critic.de dieses Experiment mit der "im neuen Jahrtausend beliebten posthumanistischen Perspektive." Die Filmemacher " entwerfen mit Hilfe der immer wieder ins Mythische spielenden Narration Srebryakovs eine gemeinsame Kosmologie von Mensch und Hund. ... Der Hund im Weltraum als kommunistischer Cyborg: Das ist ein Thema, das von 'Space Dogs' spektakulär angerissen, aber nicht wirklich entwickelt wird." Perlentaucherin Olga Baruk sieht das Besondere an diesem Film dann auch immer in den Szenen auf der Erde, in den "auf den ersten Blick prosaischen Bildern aus unserer Gegenwart. ... Eine Wohngegend am Moskauer Stadtrand also, bei Tag, bei Nacht, in der Dämmerung. Plattenbauten, eine Tankstelle, KFZ-Werkstätten, ein leerer Marktplatz mit tristen Verkaufsständen, dazwischen eine Diskobar, aus der russische Schlagermusik dröhnt. Vor dieser Bar, so Levin Peter im Interview, hat das Filmteam die beiden Rüden entdeckt. Der eine mit struppigem Fell, schnell missmutig, Zähne fletschend. Der andere scheint jünger und kerngesund, energisch, aufgeweckt." Dlf Kultur hat mit den Filmemachern gesprochen.

Weiteres: Der Filmdienst spricht mit Katrin Gebbe über ihren neuen Film "Pelikanblut". Im Filmdienst schreibt Ralf Schenk einen Nachruf auf Michael Gwisdek (weitere Nachrufe bereits hier). Lutz Herden wirft im Freitag einen Blick zurück aufs DEFA-Jahr 1990. Unter anderem der Standard meldet, dass Lili Hinstin das Filmfestival Locarno nach nur zwei Jahren als künstlerische Leiterin wieder verlässt.

Besprochen werden Faraz Shariats postmigrantisch-queeres Drama "Futur Drei" (Berliner Zeitung, Zeit), eine von Netflix produzierte True-Crime-Doku über den Mord an Detlev Karsten Rohwedder (ZeitOnline, FAZ), Vadim Perelmans Nazidrama "Persischstunde" (Presse) und Dean Parisots Zeitreisekomödie "Bill & Ted Face the Music" mit Keanu Reeves (Perlentaucher).
Archiv: Film

Bühne

Guido Krawinkel macht für die neue musikzeitung einen Rundgang über Opernbaustellen in Deutschland. Robert Wilson erzählt im Interview mit dem Standard von seiner Inszenierung des "Dschungelbuchs", die demnächst in St. Pölten zu sehen sein soll.

Besprochen werden Christoph Marthalers Inszenierung von Dieter Roths "Das Weinen (Das Wähnen)" und Leonie Böhms "Medea", beide in Zürich (SZ), sowie das Romandebüt des Dramatikers Christoph Nußbaumeder: "Die Unverhofften" (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Design

Screenshot aus einem KaDeWe-Proespekt



Mit ihrer taz-Kolumne, in der sie Polizisten eine generelle Berufsunfähigkeit attestiert, verdient Hengameh Yaghoobifarah sicher nicht so viel Geld. Besser läuft es für sie hoffentlich als Radical-Chic-Model fürs KaDeWe, hofft Hans Monath im Tagesspiegel: "Nun schmückt die Autorin nicht nur das Schaufenster, sondern posiert auch in einem Prospekt des Luxuskaufhauses mit Kleidung, deren Preis Durchschnittsverdiener wie Polizisten eher überfordern dürfte. Unter dem Foto, das die neue KaDeWe-Werbeikone in einem Sessel zeigt, stehen konsumentenfreundlich auch die Preise: 'Ledermantel Marni, 3.900 Euro. Ankle Boots By Far 459 Euro'." Yaghoobifarah stellt die Beteiligung an der Kampagne "als subversive Aktion dar", berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. "Auf ihrem Instagram-Account schreibt sie, dass heutzutage nicht mal Luxuskaufhäuser vor kommunistischer Propaganda sicher seien." Aber Werbung bleibt es doch, denkt sich Lenz: "Der Kapitalismus lässt sich nicht so leicht austricksen."

Und noch ein anderes Radical-Chic-Plakat ziert im Moment in Berlin Plätze und U-Bahn-Stationen: Islam als Konsumoption, ein Angebot vom Zahlungsdienstleister KlarNa:

Radikalislamischer Schick auf dem Alexanderplatz. Foto: Paul Möllers
Archiv: Design