Efeu - Die Kulturrundschau

Ruhig bleiben in Stockholm

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22.09.2020. Die NZZ setzt mit Julian Schnabel in der Krise auf die Kunst. Die FAZ weint mit Christoph Marthaler in Zürich Tränen des Glücks. In der FR erklärt Alfons Kaiser Karl Lagerfeld als "Preußen in Dandy-Gestalt". Der Tagesspiegel sondiert die Lage in der Schwedischen Akademie vor der Vergabe des Literaturnobelpreises. ZeitOnline fürchtet das große Veranstaltersterben im nächsten Jahr.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2020 finden Sie hier

Kunst

Gibt es aber nur in limitierter Edition. Julian Schnabels "Look to the Future", 2020. 

Die NZZ hat die gesamte Zeitung heute von Julian Schnabel gestalten lassen, dazu gibt es auch für die potente Leserschaft ein Plakat des Künstlers zu kaufen. Über Zoom lässt sich der amerikanische Maler von Michael Gotthelf und René Scheu befragen. Zum Stichwort Kunst und Krise etwa meint Schnabel: "Man sagt, Matisse habe neue Frauen gemalt, während die Welt in Flammen stand. Picasso hingegen hat 'Guernica' gemalt, ein Kriegsbild. Aber das hat nichts zu sagen, denn eigentlich steckt der Künstler ja immer in einer Krise. Ich fühle mich Matisse jetzt nicht näher als früher, ich liebe ihn genau gleich, und am meisten natürlich seine Chapelle du Rosaire de Vence mit den Glasfenstern und den Wandgemälden, den vierzehn Kreuzwegstationen, ein Spätwerk. Er benutzte für die Kapelle weiße Ziegel und gab ihnen einen schwarzen Anstrich. Als ich Matisse in einer Show im Museum of Modern Art zuletzt gesehen habe, habe ich zuerst das Spätwerk betrachtet, dann das Frühwerk, und ich denke, so muss es immer sein: Zuerst musst du sehen, wo sie gelandet sind, und dann erst, wie sie begonnen haben." In einem Porträt fasst Philipp Meier Schnabels Kunst in drei Motiven: "Gelebte Exzentrik, eine Prise Genie und die Arbeit am Großen."

Das Brooklyn Museum bricht mit einer ehernen Regel und will unter anderem Werke von Courbet, Corot und Lucas Cranach versteigern, um den laufenden Betrieb weiter finanzieren zu können (mehr dazu hier). In der Berliner Zeitung hält Nikolaus Bernau das für einen gravierenden Fehler: "Aus drei Gründen. Wenn Spender und Erbe - die für amerikanische Museen essentiell sind - ahnen, dass ihre guten Taten zum Spielball des Kunstmarkts werden könnten, halten sie sich aller Erfahrung nach zurück. Auch die Behauptung, irgendwelche Objekte seien 'entbehrlich', ist blanker Unsinn. Keine Museumsleitung der Welt weiß, was künftige Generationen als wichtig betrachten werden... Schließlich: In der Not verkaufen heißt billig verkaufen."

Weiteres: Bettina Maria Brosowsky sichtet staunend für die taz den Schatz, den das Sprengel Museum Hannover aus seinem Depot geborgen hat: Eine Papprolle voller Filmplakate der sowjetischen Avantgarde. Ingeborg Ruthe empfiehlt in der FR die Schau "Voll das Leben!" des Ostkreuz-Fotografen Harald Hauswald im C/O Berlin.
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Bühne

Christoph Marthalers "Weinen (Wähnen)" am Schauspielhaus Zürich. Foto: Gina Folly

"Es lebe das Marthaler-Theater!", ruft Wiebke Hüster in der FAZ nach dem Abend "Das Weinen (Das Wähnen)" am Zürcher Schauspiel, bei dem es, der Titel lässt es erahnen, viel Musik und Tränen gab: "Der Nonsens ist zwar oft witzig, aber eigentlich geht es nur um das Glück, das in Kunst gegossene Glück, das gesungene, getanzte, gespielte, dahingewitztelte Glück der Abwesenheit von Leid. O Gott, haben wir das vermisst." Nachtkritikerin Valeria Heintges ist weniger begeistert. Sie sah zuviel Bekanntes und Erwartbares und ging nach dem großes Palaver mit dem Gefühl nach Hause, dass sie "zwar Dieter-Roth-Texte gehört hat, aber in Marthalers sehr aseptischer Arbeit von Roths Kraft, seiner Energie und seinem intensiven, manischen Streben nicht mehr viel übriggeblieben ist".

Weiteres: Nicht die Städte werden gentrifiziert, sondern die Menschen, lernt Egbert Tholl von Thomas Melles Immobiliendrama "Die Lage", das Tina Lanik am Schauspiel Stuttgart uraufgeführt hat. Dennoch bleibt Tholl in der SZ etwas enttäuscht zurück: "Schreiben kann Melle natürlich. Aber hier kann er sich nicht so recht entscheiden zwischen Analyse und Irrsinn. Und so bleibt die Analyse vage und der Irrsinn meist milde." Besprochen werden auch Reinald Grebes Krisenstück "Einmeterfünfzig" im Dresdner Staatsschauspiel (taz), Shakespeares "Sturm" am Staatstheater Kassel (FR) und Barrie Koskys Inszenierung von Mussorgskis "Boris Godunow" am Zürcher Opernhaus (FAZ).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Marthaler, Christoph

Literatur

Im Tagesspiegel wärmt sich Gerrit Bartels schon mal für den Literaturnobelpreis 2020 auf, der am 8. Oktober bekanntgegeben wird. Wenn man sich an all die Turbulenzen erinnert, die in den letzten Jahren rund um die Schwedische Akademie herrschten, ist in diesem Jahr ja bislang alles still. Ob dieses Jahr eine Entscheidung im Konsens fallen wird? "Wenn es dann ein Autor wie David Grossman wird, was ja mal angezeigt wäre, eine Autorin wie Marilynne Robinson oder eine Lyrikerin wie Anne Carson, dürfte es vorerst weiter ruhig bleiben in Stockholm."

Weiteres: Die Berliner Zeitung spricht mit der Schriftstellerin Deborah Feldman über Maria Schraders Erfolg bei den Emmys, wo die lose auf Feldmans gleichnamigem Buch basierte Serie "Unorthox" ausgezeichnet wurde. Marc Reichwein erinnert in den "Actionszenen der Weltliteratur" daran, wie sich Thomas Wolfe einmal auf dem Oktoberfest prügelte.

Besprochen werden unter anderem Heinz Budes, Bettina Munks und Karin Wielands Hausbesetzerroman "Aufprall" (online nachgereicht von der Zeit), Gertrud Leuteneggers "Späte Gäste" (Tagesspiegel), Sjóns Romantrilogie "CoDex 1962" (FR), Marcel Beyers Gedichtband "Dämonenräumdienst" (SZ) und Robert Harris' neuer, gerade auf Englisch erschienener Thriller "V2" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Design

Manuel Almeida Vergara unterhält sich für die FR mit Alfons Kaiser, der bei Recherchen für seine Biografie über Karl Lagerfeld auf Dokumente gestoßen ist, die belegen, dass die Eltern des Modedesigners beide NSDAP-Mitglieder waren. Insbesondere die Mutter sei anfangs glühende Anhängerin des Nationalsozialismus gewesen. Einschlägige Medien machen daraus bereits Sensationen, doch "das geht über jedes Maß hinaus. Sippenhaft habe ich gewiss nicht gefordert. Erst einmal geht es um die bloßen Tatsachen und ihren historischen Zusammenhang." Aber Lagerfeld war auch "sehr verbunden mit den Prinzipien seiner Mutter, die hinter ihrer nationalsozialistischen Begeisterung steckten: Fleiß, Pflichtbewusstsein, Treue, Ordnung, Sauberkeit. Für diese sogenannten Sekundärtugenden war er durchaus bekannt. ... Lagerfeld war ein Preuße in Dandy-Gestalt."
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Film

In Europa läuft Christopher Nolans "Tenet", der derzeitige Hoffnungsträger in Sachen Kinobranche, den Umständen entsprechend gut, in den wichtigen Märkten USA und China hingegen geht die Auswertung merklich zäher vonstatten, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel. Schon wackeln wieder Blockbuster-Termine und werden Streaminglösungen erwogen, um wenigstens die Kosten für die vorproduzierten Filme wieder einzuholen. "Die Verleiher haben gut reden, wenn sie die Kinos zu Geduld ermahnen. Sie können es sich noch am ehesten leisten, mit langfristigen Einnahmen zu planen. Die Kinos aber verfügen weder über die Zeit noch die finanziellen Ressourcen, um im Sparbetrieb zu operieren. Die Zukunft der Branche beruht auf gegenseitigem Vertrauen: der Studios und Verleiher in ein Geschäftsmodell, das auf längerfristige Auswertung denn auf schnellen Umsätzen beruht - selbst für flächendeckende Blockbuster. Und des Publikums, das das Kino wieder als sicheren Ort entdecken muss."

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann verneigt sich in der NZZ vor dem Künstler und Filmemacher Julian Schnabel, dessen Filme er nicht als Nebenprodukte eines künstlerischen Schaffens, sondern als genuine Meisterwerke feiert: Schnabel widersetze sich jeder an Rubriken orientierten Einsortierung künstlerischen Daseins. Er "ist zu frei, zu lebendig, wie ja eben auch seine Filme gemeinsam haben, dass sie alle auf andere Weise eine Feier der Freiheit und der Widerspenstigkeit sind." Schnabels "stetige Suche nach Wahrhaftigkeit bedeutet natürlich auch die Abkehr von festgefahrenen Bildkonventionen. In 'Before Night Falls' forderte Schnabel manchmal den Kameramann Memo Rosas dazu auf, beim Filmen nicht durchs Okular zu blicken. Die Folge davon ist, dass die Figuren nicht in gleicher Weise 'ins Bild gesetzt' scheinen wie üblich, etwas wirkt irritierend vital."

Außerdem: Vadim Perelman spricht in der Berliner Zeitung über seinen Film "Persischstunden". Rosa von Praunheim mutmaßt im Gespräch mit der Berliner Zeitung, ob Hitler womöglich eine Klemmschwester war - ein Thema, über das von Praunheim einen Film drehen will. Dax Werner denkt auf 54books über die "Form der Selbstgenügsamkeit und des kulturellen Mittelwegs" nach, die den deutschen Sonntagabend-Evergreen "Tatort" auszeichnet. In der Berliner Zeitung gratuliert Anja Reich Maria Schrader zum Emmy für die Serie "Unorthodox". Auf ZeitOnline würdigt Anke Sterneborg die preisgekrönte Filmemacherin.

Und der wunderbare Schauspieler Michael Lonsdale, bekannt aus unendlich vielen Filmen seit den Fünfzigern und ein Liebling von Luis Bunuel, ist im Alter von 89 Jahren gestorben, meldet Le Point. Hier eine Szene aus dem "Phantom der Freiheit" von 1974. Geduld bis Minute 1.10':

Archiv: Film

Musik

Weite Teile des Kulturbetriebs suchen und finden derzeit Formen, die ein öffentliches Beisammensein oft mehr schlecht als recht wieder gestatten. Derzeit in die Röhre schauen allerdings die Veranstalter von Popkonzerten, schreibt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline. Für diese gebe es "weiterhin keine gesicherten Rückkehrszenarien." Auch in Aussicht gestellte Hilfsprogramme lindern die Not nur milde: "Beantragen können Unternehmen die Gelder des 'Neustart-Kultur'-Programms projektbezogen. Damit es seine Wirkung entfalten kann, muss es also auch wieder Veranstaltungsmöglichkeiten geben." Pessimistisch äußert sich daher die BookerinJulia Gudzent: "Nach jetzigem Stand erwarte ich nächstes Jahr ein großes Club- und Veranstaltersterben."

Dass in der oft auch als Standortfaktor beschworenen Clubkultur schon vor der Krise bei weitem nicht alles zum Besten stand, haben Toni Buletti und Konstantin Nowotny für die Jungle World recherchiert: "Knapp 1,5 Milliarden Euro wurden einer von der Clubcommission, einem Gesamtverband der Berliner Clubs, durchgeführten Studie zufolge allein im Nachtleben der Hauptstadt 2017 umgesetzt. ... Während mehr Körper und Kapital denn je zu den Bässen strömen, kämpfen trotzdem jedes Jahr etliche Läden ums Überleben. Die Einnahmen reichen oft kaum für eine angemessene Bezahlung der Angestellten und die Raummiete."

Robin Ticciati, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, zeigt sich im Tagesspiegel-Gespräch zuversichtlich, dass es auch mal wieder besser weitergehen wird: "Die Coronakrise könnte ein Katalysator sein. ... Im Idealfall gibt es vielleicht weniger Gastspiele, dafür aber mit mutigeren Programmen. Weil auch die Veranstalter verstanden haben, dass es kein Zurück geben darf zum viel zu heiß laufenden, übersättigten Klassik-Markt vor der Pandemie."

Weitere Artikel: Für die taz hat Robert Mießner Milica Djordjevićs Proben für das Musikfest Berlin besucht. Der frühere Musikredakteur Wolfgang Martin erklärt im Gespräch mit der Berliner Zeitung, wie seinerzeit Westmusik ins DDR-Radio kam - erst durch Mitschnitte, dann durch Aufnahmen von Schallplatten, schließlich durch gezielte Einkäufe bei Shoppingtouren im Westen. In der FAZ resümiert Victor Sattler das Reeperbahnfestival. Im Nachtstudio des BR denkt Jens Balzer über Songs gegen das Alleinesein und Einsamkeit nach.

Besprochen werden Igor Levits Abschluss seines Beethovenzyklus (Berliner Zeitung) und neue Wiederveröffentlichungen, darunter ein Best-Of von Slade (SZ).
Archiv: Musik