Efeu - Die Kulturrundschau

Das Theater ist Museum, Text-Friedhof

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25.04.2019. Das Filmbulletin bewundert den Eros des Weltanfangs in Carlos Reygadas' Film "Nuestro Tiempo". Die taz wünschte sich, Stéphane Brizés Streikende in seinem Film "En guerre" würden nicht immer nur nach oben sehen. Die Zeit lässt sich im Lemberger Café Atlas vom Psychoanalytiker Jurko Prochasko den imperialen Eros des Westens erklären. Die nachtkritik schickt den Kanon zum Teufel. Hyperallergic besucht eine Ausstellung jemenitischer Künstler in Beirut.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2019 finden Sie hier

Film

Charismatischer Streikführer: Vincent Lindon in "Streik"

In seinem Film "Streik" hat Regisseur Stéphane Brizé nur Augen für seinen Hauptdarsteller Vincent Lindon, der bei Auseinandersetzungen um die Rettung einer Autofabrik rasch an der Spitze des Arbeitskampfes landet. Brizé und Lindon haben schon häufig miteinander gearbeitet, aber hier wird das zum handfesten Problem, meint taz-Kritiker Dennis Vetter: Der Filmemacher "vergisst in diesem Film, worum es hätte gehen können: Den Streik - oder den 'Krieg', wie es im Originaltitel heißt. Der soziale Kampf, der Klassenkampf, sie treten hier zurück hinter die Glorifizierung eines Helden. ... Es ist frustrierend, wie Brizés Streikende immer wieder nach oben sehen, zu den Entscheidern, die so zum unbefriedigenden Geheimnis des Films avancieren."

Perlentaucher-Kritiker Ekkehard Knörer schaut Lindons intensivem Spiel immerhin sehr gerne zu, hat aber ebenfalls Vorbehalte, insbesondere was den halbdokumentarischen Gestus des Films betrifft: "Das Ungefähre bleibt ein Problem. Am stärksten eben doch beim Protagonisten: Vincent ist nicht (einfach) Laurent, vielmehr ist die kraftvolle und ihrerseits mitreißende Art, wie Lindon sich in die Rolle dieses Arbeiters Laurent hineinwirft, ein Schauspiel eigener Art. Das kommt zu den Energien also noch hinzu: Lindon spielt einen Mann, der in diesem Spiel zu sich selbst kommt, was auch heißt, dass er einen Schauspieler spielt, der überm Spiel die Rolle - vielleicht: fast - vergisst. Das ist Virtuosentum, das brillant gemacht ist, auch weil es sich keineswegs selbst noch einmal ausstellt. Und doch bleibt die Frage, ob die falschen Töne in einem solchen Fall nicht, und zwar notwendig, überwiegen."

Mythisches im Alltag: "Nuestro Tiempo" von Carlos Reygadas

Michael Pfister verfällt bei der Anfangssequenz zu Carlos Reygadas' "Nuestro Tiempo" in staunende Andacht und altphilologische Ekstase: Der mexikanische Filmemacher "entfaltet in den ersten zwölf Minuten eine grandiose Kosmologie", schreibt er im Filmbulletin. "In einem ausgetrockneten See spielen Gruppen von Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen Alters, necken sich, bewerfen sich mit Schlamm und sehen dabei aus, als hätte sie Prometheus selbst soeben aus feuchtem Lehm geformt. Die jüngeren Mädchen fläzen sich in ein Gummiboot, massieren einander und werden von den Jungs überfallen. Die Teenager bilden bereits eine gemischte Gruppe, probieren erste Flirts und Küsse. Nach dem Chaos und der 'breitbrüstigen Gaia', der Erde, so besingt es schon Hesiod, entstand beim Weltenanfang sogleich 'Eros, der schönste der unsterblichen Götter, der gliederlösende, der allen Göttern und Menschen den Sinn in der Brust überwältigt und ihr besonnenes Denken'." Stimmt ja alles, meint Geri Krebs in der NZZ, bleibt aber skeptisch: Zwar verfüge der Regisseur tatsächlich über "die Fähigkeit, Mythisches in alltäglichen Momenten zu erblicken und einzufangen. In 'Nuestro tiempo' fragt man sich allerdings längere Zeit, wohin die Erzählung führt, selbst nachdem man die Protagonisten kennengelernt hat."

Auf ZeitOnline plädiert Jennifer Borrmann für ein kuratiertes, statt rein den Marktbedürfnissen hinterher programmiertes Kino: "Der Grat zwischen Cinephilie und Wirtschaftlichkeit ist sehr schmal. Er muss aber gewagt werden, wenn es ein besseres Kino (und -programm) geben soll. Was aber politisch nicht gewollt ist, wird in der alltäglichen Kinoarbeit nicht realisierbar sein. Deshalb müssen die Möglichkeiten und Wege, Film im Kino zu zeigen, überdacht werden."

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Barbara Wurm die Retrospektive Krzysztof Zanussi und die Hommage für Wojciech Smarzowski beim Berliner Festival FilmPolska. Nico Hoppe erklärt in der Jungle World, warum die Alt-Right ausgerechnet den bislang eher von der linken Seite rezipierten Science-Fiction-Klassiker "Matrix" für sich vereinnahmt. Im Standard-Festivalblog berichtet Dominik Kamalzadeh vom "Crossing Europe"-Festival in Linz. Dorris Dörrie (SZ) und Dani Levy (ZeitOnline) erinnern sich an die am Osterwochenende verstorbene Hannelore Elsner. Für die SZ plaudert Richard Pleuger mit den Produzenten Kevin Feige und Trinh Tran über deren Marvel-Superheldenfilm-Schwemme, von denen gerade der 22. in die Kinos kommt (sehr viele kostbare Zeilen dafür in NZZ, Tagesspiegel, Welt, ZeitOnline, SZ und FAZ). Franzöische Medien - hier France Bleu - melden den Tod des Schauspielers Jean-Pierre Mareille. Er drehte mit Philippe de Broca und Bertrand Tavernier. Zu den Höhepunkten seines Schaffens zählte Alain Corneaus Historienfilm "Die siebente Saite" aus dem Jahr 1991. Hier ein Ausschnitt:



Besprochen werden der Dokumentarfilm "Tea with Dames" mit den Schauspielerinnen Eileen Atkins, Judi Dench, Joan Plowright und Maggie Smith (Perlentaucher, Tagesspiegel), David Nawraths "Atlas" mit Rainer Bock (taz, Berliner Zeitung) und James Marshs Bankraubfilm "Ein letzter Job" mit Michael Caine (taz).
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Literatur

Im Gespräch mit der Zeit plaudert ein gut gelaunter Peter Handke über Notre Dame, Milosevic und Europa: "Ich hab gesagt: Milošević ist nicht Hitler. Der war eine tragische Figur. Der konnte nur Fehler machen. Man kann von einem Milošević nicht verlangen, dass er als der Gandhi des Balkans auftritt. Er, ein Bankier, der in New York gearbeitet hat. Es ist von einer Ahnungslosigkeit, dieses Europa! Aber vielleicht, um auf Notre-Dame zurückzukommen: Vielleicht kann man da, an diesem Verlust, spüren, wo wir zusammengehören. Dass Europa Notre-Dame ist."

Das Desinteresse unserer sonst so betroffenheitsseligen Linken an der Demokratie in der Ukraine erklärt Stephan Wackwitz mit einer These des Psychoanalytiker Jurko Prochasko, den er für eine Zeit-Reportage in Lemberg getroffen hat. Auch Deutschland sei mal ein Imperium gewesen, auch wenn man es gründlich verdrängt habe, zitiert er Prochasko. "Aber das Verdrängte sei nicht weg. Und die schwer erklärliche Nachsicht der progressiven Deutschen (die noch vor einigen Jahrzehnten dringlich für Revolution und Volkskrieg in Kambodscha, Laos und Vietnam demonstriert hatten) mit dem Machtsystem und der imperialen Ausdehnungswut Putins sei das Gespräch eines offen und gewalttätig zur Schau getragenen Imperialismus mit einem verleugneten, unbewussten, abgewehrten. Es gebe einen 'imperialen Eros', eine intuitive Einvernehmlichkeit zwischen (fantasierten oder realen) Großmächten."

Weitere Artikel: Willi Winkler schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schriftsteller Dieter Forte. Tilman Spreckelsen erinnert in der FAZ an Daniel Defoes heute vor 300 Jahren erschienenen "Robinson Crusoe". Außerdem präsentieren Deutschlandfunk Kultur, ZDF und die Zeit die besten Sachbücher des Monats. An der Spitze: Andrea Wulfs "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt".

Besprochen werden unter anderem die  Klaus Schlesingers Nachlass entdeckte Novelle "Der Verdacht" (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Rebell, Weltbürger, Erzähler" über den Schriftsteller Oskar Maria Graf in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt a.M. (taz), Jason Schwartz' "Johann der Posthume" (SZ), Kurt Steinmanns Neuübersetzung von Longos' Antikenroman "Daphnis und Chloe" (FAZ) und die Ausstellung "Homère" im Louvre in Lens (FAZ).
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Bühne

Kanon ade! Michael Wolf hat die Nase voll von den Klassikern (und auch ihrer Zertrümmerung). "Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es eine Spielzeit ganz ohne all die Toten und Totgespielten", ruft er in der nachtkritik. "Wir brauchen unseren Kanon nicht mehr. Schiller hat seine Schuldigkeit getan. Er kann gehen! Und mit ihm Lessing und Hofmannsthal und wie sie alle mal hießen. ... Das Theater ist Museum, Text-Friedhof. Heimlich verscharren sie hier den Anspruch, an diesem Ort mit dem Fremden, dem Anderen, dem Neuen konfrontiert zu werden. Für den Kanon spricht nur das Bedürfnis nach Orientierung. Kein sehr heutiges Argument. Wer nach Orientierung sucht, sollte besser mündig werden und herausfinden, was ihn selbst in seiner Zeit weiterbringt, anstatt immer nur zu lesen und zu denken, was andere ihm vor Jahrhunderten zu denken gaben."

Aulos-Spieler und Tänzerinnen, ägyptische Wandmalerei, ca 1400 v. Chr., British Museum. Foto: Wikipedia


Wie man den Klassikern gelegentlich doch noch etwas Neues abgewinnen kann, lernt James Romm (NYRB) am Barnard College, wo sich Studenten daran erinnert haben, dass die griechischen Klassiker mit Musik aufgeführt wurden, die ungeheuer populär war. Beim Lesen von Euripides' Stück "Herakles" stieß der Columbia-Doktorand Caleb Simone, ein Spezialist für alte Musik, auf einen Hinweis, dass das Stück von einem Aulos, einem antiken Rohrblattinstrument, untermalt gewesen sein muss - vor allem in der Szene, in der Herakles auf Anweisung der Göttin Hera in den Wahnsinn getrieben wird. So wurde das Stück für Simone "zum idealen Mittel für ein äußerst ehrgeiziges Vorhaben: 'die erste moderne Inszenierung einer altgriechischen Tragödie.... mit einer vollständig rekonstruierten Partitur für das ursprüngliche Instrument der Tragödie', wie seine Programmnotiz erklärt. Drei verschiedene Forschungslinien und Rekonstruktionen, von denen jede in jüngster Zeit einen Durchbruch erfuhr, schlossen sich zusammen, um die Barnard-Produktion zu schaffen. Ein Aulos, wie es im tragischen Theater verwendet wird, musste gebaut werden; Schilfrohre, die zu ihm passen würden, mussten geschnitten und geheilt werden; und es musste eine Partitur für die Chorode des Stücks komponiert werden, wobei ein System verwendet werden musste, das von einer anderen kolumbianischen Absolventin, Anna Conser, entwickelt wurde, um griechischen Text mit Noten zu verbinden. Schließlich musste ein Darsteller die Kunst des Aulosspiels meistern..."

Besprochen werden Tilmann Köhlers Inszenierung von Shakespeares "Coriolan" am Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ, SZ) und Anna Viebrocks Inszenierung von Claude Debussys Oper "Der Untergang des Hauses Usher" in Mannheim (SZ).
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Archiv: Bühne

Musik

Thomas Steinfeld begeistert sich in der SZ sehr für das Berliner Jazz-Quartett Yakou Tribe. In der NZZ porträtiert Hans Keller den brasilianischen Musiker João Bosco. Besprochen werden Beyoncés Livealbum "Homecoming" (taz), die 50 Jahre verspätete Uraufführung von Christfried Schmidts Matthäus-Passion in Berlin (FAZ), die Ausstellung "Play It Loud: Instruments of Rock & Roll" im Metropolitan Museum of Art in New York (FAZ) und das Album "Serf's Up" der Psychedelic-Rocker von Fat White Family (Presse).
Archiv: Musik
Stichwörter: Beyonce, Homecoming

Design

Für den Freitag hat Romy Straßburg die französische Modejournalistin Sophie Fontanel besucht, die sich vor einigen Jahren entschlossen hat, ihre grauen Haare nicht mehr zu färben: Auf Instagram hat sie mit diesem "going gray" ein großes Publikum gefunden. Auch ansonsten zeigt sich Fontanel auf sympathisch gelassene Weise souverän: Journalistin wollte sie werden, weil sie eine Arbeit wollte, "bei der ich frei über meine Zeit verfügen kann. Wissen Sie, Leute lieben es, zur Arbeit zu gehen. Sie mögen das morgendliche Gefühl, sich nützlich zu fühlen, einen Kaffee mit den Kollegen zu trinken, dann einen zweiten, und dann darüber zu diskutieren, wo man Mittag essen geht. Ich habe das gehasst. Ich stehe manchmal um sechs Uhr auf, um zu arbeiten, und dann lege ich mich bis mittags wieder hin. Selbst für Elle habe ich von zu Hause aus gearbeitet. Ich wollte nie Teil einer Redaktion sein."

Kleider kaufen verbinden viele mit Lust. Es kann aber auch ein Anlass zur Tristesse sein, schreibt Andrea Köhler in der NZZ: "Kleider kaufen ist auch ein Entwurf in die Zukunft. Häufig erstehen wir ein Stück nicht für die Gegenwart, sondern für 'die besondere Gelegenheit', für die wärmere Jahreszeit oder ein unbestimmtes 'Danach'. Was aber, wenn das Morgen nicht stattfindet wie geplant, wenn eine Hochzeit etwa ins Wasser fällt und die ungetragenen Kleider im Schrank zum Stachel im Fleisch der Erinnerung werden?"
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Kunst

Rahman Taha, still aus "Mr. Ali" (2019), courtesy Diwan Al Fan


Lizzy Vartanian Collier besucht für Hyperallergic in Beirut eine Ausstellung jemenitischer Künstler. Krieg und Zerstörung sind die Themen, Film und Fotografie das am häufigsten genutzte Material: "Rahman Tahas Film 'Mr. Ali' (2019) dokumentiert die Erfahrungen des ältesten Mannes, der auf einer Farm in den Bergen des nordwestlichen Jemen arbeitet. 'Ali' beschreibt die Erfahrungen des Bauern mit dem Bürgerkrieg - jetzt und während des jemenitischen Bürgerkriegs 1994 - und wie er sein Verhältnis zur Erde verändert hat. Ebenso beschäftigt sich der Künstler Ibn Seera mit den gesellschaftlichen Veränderungen im Jemen seit den 90er Jahren. '(de)Constructed Heritage' (2019) ist eine forschungsbasierte Videoarbeit, die dem Computerbildschirm des Künstlers folgt, während er Bilder auf seinem Desktop durchläuft und Veränderungen an der traditionellen Architektur in der Hafenstadt Aden, darunter Moscheen, Schulen und Mashrabiyas, darstellt. Das Video reflektiert subtil den Wunsch, diese Wahrzeichen zu erhalten und wiederherzustellen, anstatt sie neu wieder aufzubauen. Ausgestellt in einer Stadt, die bekannt dafür ist, durch Bürgerkrieg zerstörte historische Gebäude abgerissen und durch modernistische Strukturen ersetzt zu haben, zeigt das Werk deutliche Ähnlichkeiten zwischen Aden und Beirut." (Beim Googeln der Ausstellung stellen wir fest, dass sie letztes Jahr auch in Berlin zu sehen war, mehr hier)

Die Zeit hat Tobias Timms Porträt der Künstlerin Natascha Süder Happelmann online nachgereicht, die für den deutschen Pavillon der Kunst-Biennale in Venedig verantwortlich ist. Das Ganze war nicht einfach, weil Süder Happelmann nicht spricht und ihren Kopf unter einer Steinattrappe versteckt.



Besprochen werden eine Ausstellung englischer Genremalerei in der Fondation de l'Hermitage in Lausanne (NZZ), die Ausstellung "Zukunftsräume. Kandinsky, Mondrian, Lissitzky und die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden 1919 bis 1932" im Dresdner Albertinum (Standard), die Ausstellung "Double Take" des Schweizer Künstlerduos Cortis & Sonderegger im c/o Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Flucht in die Bilder?" im Brücke-Museum Berlin (Till Briegleb diagnostiziert in der SZ auf "Duckmäusertum, Anpassung und Selbstverleugnung", aber nicht auf aktives Nazitum).
Archiv: Kunst