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Efeu - Die Kulturrundschau

Echo von komplexen Energieströmen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.04.2019. Die NZZ lernt von Jean Nouvel in Katar, wie man 7000 Tonnen Beton leicht und filigran zu einer Wüstenrose verbaut. In der Spex prangert der iranisch-kurdische Dichter Behrouz Boochani das australische Internierungslager für Flüchtlinge auf Manus Island an, wo er seit Jahren festsitzt. Die FAZ verbringt einen herrlichen Abend bei der Uraufführung von  Alexander Wustins dreißig Jahre alter Zwölfton-Oper "Der verliebte Teufel" in Moskau. Auf Zeit online ermuntert Annett Gröschner zur Wiederentdeckung der Malerin Annemirl Bauer.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2019 finden Sie hier

Architektur

Das neue, von Jean Nouvel gebaute Nationalmuseum in Doha. Foto: Iwan Baan / Ateliers Jean Nouvel


Werner Block ist für die NZZ nach Katar gereist, um das neue, von Jean Nouvel einer Wüstenrose nachempfundene Nationalmuseum in Doha zu begutachten. Was nicht ganz einfach ist: "Wer sich ein Bild machen will von diesem gigantischen Monument, das Emir Tamim bin Hamad Al Thani Ende März eröffnete, der braucht schon einen Helikopter, mindestens aber eine Drohne. Über 400 Meter dehnt sich das Nationalmuseum von Katar entlang der Corniche, der Prachtstraße von Doha. Zwischen Meer und City ist ein sandfarbenes Raumschiff eingeschwebt, eine extrem verschachtelte Struktur wie aus besten 'Star Wars'-Zeiten, mit einem Mutterschiff und 539 aneinandergedockten Scheiben und unterirdischen Gängen. Eine Raumstation voller Querverbindungen, gehalten von 7000 Tonnen Beton. Und doch wirkt dieser Bau, der nach achtzehn Jahren Planungs- und Bauzeit fertiggestellt wurde, leicht und filigran." Dazu gibts eine schöne Bilderstrecke.

Ebenfalls in der NZZ ermuntert Sabine von Fischer, sich nicht der bereits einsetzenden Bauhaus-Müdigkeit anstecken zu lassen.
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Literatur

Auf der Flucht vor dem iranischen Regime wurde der iranisch-kurdische Dichter und Journalist Behrouz Boochani 2013 von den australischen Behörden interniert. Über seine Erfahrungen im Lager schrieb er per SMS an seinen Übersetzer das Buch "No Friends But The Mountains", das in Australien mit höchsten Preisen ausgezeichnet wurde. Im Lager sitzt er noch immer. "Die Geschichte dieses Internierungslagers ist voller Gewalt und Folter", sagt Boochani im per Skype geführten Spex-Interview. "Bis jetzt sind hier zwölf Menschen gestorben, die meisten wegen der unzureichenden medizinischen Versorgung. Ich glaube, wenn das australische Volk die Wahrheit wüsste, würde es diese Art von Politik nicht zulassen. ...  Ich habe versucht, eine neue Terminologie zu finden. 'Systematische Folter' ist ein weiterer Schlüsselbegriff meines Buches. Es ist wichtig, dass wir nicht der 'offiziellen' Sprache folgen, denn die Regierung kann sich hinter diesen Konzepten und Wörtern verstecken. Und oftmals passen sich die Medien dieser Sprache an und reproduzieren sie."

Besprochen werden Hussein Jinahs Essay "Als Weltbürger zu Hause in Sachsen" (taz), Marko Dinićs Debüt "Die guten Tage" (Standard), Lawrence Ferlinghettis "Little Boy" (online nachgereicht von der FAZ), Lola Randls "Der große Garten" (SZ) und William Boyds "Blinde Liebe" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Kunst

Annamirl Bauer, Diskutierende Frauen in Arles


In der Zeit ermuntert Annett Gröschner zur Wiederentdeckung der Malerin Annemirl Bauer (1939-1989), die nicht nur ein beeindruckend couragiertes Leben führte, sondern auch eine Künstlerin war, die sich vor Jahrzehnten in der DDR mit feministischen Positionen auseinandergesetzt hat, die jetzt auch im Westen aktuell sind: "Sie thematisierte die Schönheit und Vielgestaltigkeit des Weiblichen genauso wie die Gewalt, der es ausgesetzt war, ob es nun die staatliche, die strukturelle oder die männliche Gewalt war. Aber sie beschönigte auch nicht die Rollen, die Frauen spielten. Ihr Blick auf sie war nicht unkritisch. 1989 beschrieb sie in einem Interview in der Untergrundzeitschrift Bizarre Städte ihre Arbeit: 'Ich mache immer öfter Bilder in Korrespondenz zu klassischen Werken, meist in kritischer Auseinandersetzung mit ganz subtiler Frauenfeindlichkeit. Die 'drei diskutierenden Frauen in Arles' erinnern an Picassos 'Frauen von Avignon'. '"

Renate Meinhof widmet sich auf der Seite 3 der SZ den neuen Erkenntnissen zu Emil Nolde, der ein noch viel schlimmerer Antisemit gewesen sei als bisher bekannt. Im Gespräch mit ihr möchte der Historiker Bernhard Fulda, der den Nachlass Noldes mit aufgearbeitet hat, jedoch gern etwas klarstellen: "Also um moralische Verurteilung kann es überhaupt nicht gehen, oder dass man sich überlegen fühlt und sagt: Wir hätten uns anders verhalten in der Diktatur. Aber aufzufächern, hier hat der Künstler die Wahrheit gesagt, hier nicht, darum geht es. Und der historische Nolde hat uns ja viel zu sagen. Da fangen die Fragen doch erst an."

Angela Merkel übt "vorauseilenden Gehorsam gegenüber möglichen Tugendwächtern", klagt Florian Illies in der Zeit mit Blick auf die Nachricht, dass Merkel die zwei Nolde-Gemälde im Kanzleramt abhängen lässt. Und seufzt: "In einer seltsamen Zeit wie der unseren, wo die Kunst unter dem Vorwand der Ideologiefreiheit wieder selbst auf ein ideologisches Accessoire reduziert wird, fehlt vielen die Bereitschaft, sich den widersprüchlichen Konsequenzen der Autonomie der Kunst offen zu stellen."

Besprochen werden Valerio Vincenzos "Borderline", eine Ausstellung mit Fotografien von Europas verschwundenen Schlagbäumen im Lichthof des Auswärtigen Amtes in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Generation Wealth" der Fotografin Lauren Greenfield in den Hamburger Deichtorhallen (SZ).
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Film

Klaus Gysi in Andreas Goldsteins "Der Funktionär" (Bild: Edition Salzgeber)

Andreas Goldstein, Sohn von Klaus Gysi, hat mit "Der Funktionär" einen kritischen Essayfilm über seinen Vater gedreht, der von 1966 bis 1973 Kulturminister der DDR war. "Es war eine Karriere mit Brüchen", erklärt der Filmemacher im taz-Gespräch. "Wir haben heute das Bild der Funktionäre, die kompromisslos die Linie durchsetzen. Das Autoritäre darin aber täuscht über die Haltlosigkeit der Politik der letzten Jahre hinweg. Die Partei versuchte es allen recht zu machen, sie scheute den direkten Konflikt. Sie taktierte ohne eine Strategie. In diesem Sinne agierte mein Vater ganz auf der Linie der Partei." Auch Dlf Kultur hat mit dem Filmemacher gesprochen.

Mateja Meded erkundigt sich für die Welt bei dem Filmemacher Philipp Eichholtz, wie man in Deutschland Filme abseits der Filmförderung, aber immerhin doch mit Achtungs- und manchmal auch mit finanziellem Erfolg dreht. Antwort: Sparsame Lebenskosten, auf Rückstellung einstellen, Privatkredite - und wenn ZDF-Redaktionen zwar Interesse bekunden, der Film aber im mehrjährigen Gremium-Limbo unterzugehen droht, einfach auf eigene Faust loslegen. Trotzdem hat Eichholtz sich von der Filmförderung nicht völlig verabschiedet: "Es wäre gut, einen Fonds für Filmemacher einzurichten, die schneller und spontaner arbeiten wollen und nicht die ganz großen Gelder für ihre Visionen benötigen. Alles zwischen 100.000 und 200.000 Euro würde helfen."  Dazu passend: Ein aktuelles BR-Radiofeature von Markus Metz darüber, wie man Filme ohne Förderung und mit niedrigem Budget bewältigt.

Besprochen werden Ali Abisis "Border", in dem laut Perlentaucher-Kritiker Nikolaus Perneczky "nie gesehene Geschlechtsteile blumengleich aufblühen", Martin Baers "Der illegale Film" (Perlentaucher, taz), Paul Danos Regiedebüt "Wildlife" (Standard), eine Reihe zum Filmland Australien im Filmmuseum in Wien (Standard), Andrey Paounovs Dokumentarfilm "Christo - Walking on Water" (Tagesspiegel), Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds "Les Dames" (NZZ), Elizabeth Chai Vasarhelyis und Jimmy Chins "Free Solo" (NZZ), Neil Marshalls Comicadaption "Hellboy - Call of Darkness" (taz), David Dietls Dokumentarfilm "Berlin Bouncer" (SZ), James Kents Adaption von Rhidian Brooks' gleichnamigem Roman "Niemandsland" (SZ) und die Netflix-Serie "Quicksand" (FAZ).
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Musik

"Die Rap-Szene hat sich keinen Millimeter in eine positive Richtung bewegt", lautet das Fazit des in Israel geborenen, in Deutschland aufgewachsenen Rappers Ben Salomo ein Jahr nach der Echo-Kontroverse um Kollegah und Farid Bang. Ohnehin war die Debatte zu sehr auf Details zuspitzt, sagt Salomo im Tagesspiegel-Interview: "Es wurde viel zu wenig auf andere Künstler geschaut und vor allem zu wenig darauf, wie sie sich abseits der Bühne etwa in den sozialen Netzwerken verhalten. Wenn dort zum Beispiel Verschwörungstheorien und alte antisemitische Mythen verbreitet werden oder Israel ständig dämonisiert wird."

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline beleuchtet Daniel Gerhardt die amerikanische Kontroverse um den Rapper Lil Nas X, dessen mit allerlei Country- und Americana versetztes Album "Old Town Road" gerade aus den Billboard-Countrycharts geflogen ist. Frederik Hanssen berichtet im Tagesspiegel vom Intonations-Kammermusikfestival in Berlin.  Das Berghain ist nach Ansicht des einflussreichen britischen DJ Mag noch nicht einmal mehr Deutschlands bester Club, erfahren wir in der Welt von Harald Peters: Die Krone hierzulande trägt jetzt das Bootshaus in Köln. Besprochen werden Irmin Schmidts "5 Klavierstücke" (NZZ) und das neue Album von Kehlani (SZ).
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Bühne

Szene aus Alexander Wustins Oper "Der verliebte Teufel" am Stanislawski-Theater in Moskau. Foto: S. Rodionov


Kerstin Holm besuchte für die FAZ die Uraufführung von Alexander Wustins dreißig Jahre altem als Zwölfton-Oper komponierten Faustdrama "Der verliebte Teufel" am Stanislawski-Theater in Moskau. Warum es so lange gedauert hat, erfahren wir nicht, aber der Spätzünder war ein Riesenerfolg, schreibt sie, selbst ganz hingerissen. Musikalisch getragen werde die Oper "von einem Instrumentalsatz, der von Strawinsky und Xenakis gleichermaßen inspiriert ist. Der reich timbrierte Schlagapparat intoniert vielschichtige, immer wieder synkopisch oder durch Pausen strukturierte Kaskaden, gleichsam als Echo von komplexen Energieströmen und Gewalterfahrung. Wustins Solovokalpartien sind trotz Serialität sangbar, sie erlauben sich Motiv- und Intervallsprungwiederholungen und sogar traditionelle Formen. ... Orgelartige Passagen des Synthesizers, die in die Celesta entschweben, grundieren den Geistersound, sprechendes Blechgestöhn, Sirenen- und Zugflötenglissandi sowie eine Windmaschine setzen ihm Glanzlichter auf."

Auch in Frankreich grassiert eine Debatte über Blackfacing. Studenten forderten die Absetzung einer Inszenierung der "Schutzflehenden" von Aischylos an der Sorbonne, weil der Chor in schwarzen Masken auftritt . Das sei rassistisch, protestieren Studierende (mehr in efeu vom 29.3.19). Man fordert eine Art Umerziehungsmaßnahme in Form eines Kolloquiums über "Blackfacing" in Frankreich. Eine Gruppe von Autoren und Theaterleuten veröffentlicht wie in Frankreich üblich eine Petition in Le Monde gegen derartige Ansinnen. Zur Gruppe zählen einige sehr prominente Namen, darunter Hélène Cixous, Arnaud Desplechin, Ariane Mnouchkine, Wajdi Mouawad, die sich dem Regisseur der Aufführung, Philippe Brunet, anschließen: "'Das Theater ist Ort der Metamorphosen, nicht Zuflucht der Identitäten.' In einem Satz fasst Brunet die Herausforderung dieser Kunst - aller Kunst - zusammen: Sich als jemand anders fühlen als man selbst, durch Personen, Geschichten, und sich so mit der Menschheit verbinden.' Der Schauspieler spielt auf einer Bühne, dass er jemand anderes sei, vor einem Publikum, das ihn spielerisch als jemand anderen sehen will."

Wie man besonders idiotisch mit solchen Fragen umgeht, zeigt ein Fall in Ungarn: An der Ungarischen Staatsoper läuft seit gut einem Jahr eine Inszenierung von Gershwins "Porgy und Bess" mit weißen Sängern. Gershwin soll das verboten haben, seine Erben forderten daher jetzt die Absetzung der Oper, berichtet die NZZ. "Um in dem drohenden Rechtsstreit die eigenen Chancen zu verbessern, forderte [Intendant Szilveszter] Okovacs die an der Aufführung mitwirkenden Darsteller auf, sich schriftlich als 'Afro-Amerikaner' zu bekennen. In ungarischen Medienberichten war von starkem Druck auf die Sänger die Rede."

Weitere Artikel: Nach ersten Enthüllungen im Falter berichtet auch Stefan Weiss im Standard von unhaltbaren Zuständen an der Wiener Ballettakademie: Dort sollen Mädchen "misshandelt, gemobbt und psychisch gedemütigt" worden sein. In Gespräch mit Helmut Ploebst setzen sich die Tanzhistorikerin Andrea Amort und der ehemalige Staatsballetttänzer Gregor Hatala für eine umfassende Reform der Tänzerausbildung ein. Ebenfalls im Standard bilanziert Margarete Affenzeller Karin Bergmanns Intendanz am Wiener Burgtheater. Die FAZ dokumentiert Daniel Kehlmanns Laudatio auf den US-Theaterautor Ayad Akthar, der mit dem Erwin-Piscator-Preis ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Christof Loys Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" in Amsterdam (nmz), Katie Mitchells Inszenierung von George Benjamins Oper "Lessons in Love and Violence" an der Staatsoper Hamburg (nmz), Jürgen Kuttners und Tom Kühnels Agitprop-Show "Die Umsiedlerin" nach Heiner Müller am Deutschen Theater Berlin (FR), Rolando Villazóns Inszenierung von Rameaus Barockoper "Platée" an der Semperoper (FAZ) und Anna Bergmanns Inszenierung von "Broken Circle" am Staatstheater Karlsruhe (FR, SZ).
Archiv: Bühne