Efeu - Die Kulturrundschau

Polyvalente Konstellationen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.03.2019. Im Tagesspiegel zeigt Pophistoriker Simon Reynolds, wie die Liebe zur Musik jeden Mangel der Digitalisierung ausbügeln kann. Dezeen stellt die polnische Architektin Jadwiga Grabowska-Hawrylak vor, die für ihren Brutalismus gefeiert wurde, obwohl sie Brutalismus hasste. Die Filmkritiker begeistern sich für  Jordan Peeles Horrorfilm "Wir". Der Tagesspiegel besucht die polnische Kunstsammlerin Grazyna Kulczyk in einem Schweizer Dorf, wo sie ein Museum für ihre Sammlung feministischer Kunst eröffnet hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2019 finden Sie hier

Musik

In einem vom Tagesspiegel übersetzten Essay fragt sich Pophistoriker Simon Reynolds, wie man als Popnerd der Überfülle der legalen wie illegalen Musik-Onlinearchive überhaupt noch Herr werden kann: "Archivfieber" lautet die Selbstdiagnose mit Jacques Derrida - ein Leiden, das es auch schon in vor-digitalen Zeiten gab, aufgrund der niedrigen Kostenschwelle von Speicherplatz und privat investiertem Archivraum heutzutage allerdings voll eskalieren kann. Viele "Hörer entwickeln Taktiken, 'die Ware wieder zu verzaubern', wobei die Ware längst keine Ware mehr ist, sondern ohne Preis und deshalb zunehmend ohne Wert. Blogger stellen sich die Aufgabe, eine Woche lang nur ein Album zu hören, oder sie versuchen, das Gesamtwerk eines Künstlers in einem Rutsch durchzuhören. ... Man kann auch den Thrill des Mangels auferstehen lassen, indem man das völlig Obskure fetischisiert, sich auf die Suche nach dem absolut (und zu Recht) Vergessenen macht oder nach dem komplett Exotischen." Als Beispiel nennt Reynolds auf Musik aus den Sowjetrepubliken und afrikanischen Ländern spezialisierte Blogs.

Weitere Artikel: Fabian Kretschmer berichtet in der taz von einem #MeToo-Skandal in Südkorea: Dem Sänger Lee Seung Hyung der Megaseller-Popband Big Bang wird vorgeworfen, einen Prostitutionsring betrieben zu haben. Besprochen werden Adir Jans Album "Leyla" (taz), ein Konzert des Moka Efti Orchestras (Berliner Zeitung) und der Post-Twin-Peaks-Pop des österreichischen Black Palms Orchestras (Skug). Das aktuelle Video:


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Literatur

In Zeiten, in denen das Projekt der europäischen Einigung zusehends angegriffen wird, "scheint der Leipziger Preis zur Europäischen Verständigung umso wichtiger zu werden", berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel von der gestrigen Verleihung an die Publizisten Masha Gessen, die für ihr Buch "Die Zukunft ist Geschichte - Wie Russland die Freiheit gewann und verlor" ausgezeichnet wird.

Weitere Artikel: In seiner "Lahme Literaten"-Kolumne in der Jungle World knöpft sich Magnus Klaue Jenny Erpenbeck vor. Besprochen werden Liv Strömquists Comic "I'm every Woman" (Welt), Gunther Geltingers "Benzin" (taz), Barbara Zemans Debüt "Immerjahn" (SZ), Durs Grünbeins "Aus der Traum (Karte)" (FR), Feridun Zaimoglus "Die Geschichte der Frau" (Tagesspiegel, Zeit), Ben Rhodes' "Im Weissen Haus. Die Jahre mit Barack Obama" (NZZ), Jean-Baptiste Del Amos "Tierreich" (Freitag), Thomas Gottschalks neue Literatursendung auf dem BR (NZZ, Berliner Zeitung, Zeit, Presse) und ein postum veröffentlichter Tagebuch-Band von Michael Rutschky (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

Anarchisch allegorisch: Jordan Peeles "Get Out"

Fast durchweg begeistert sind die Kritker von Jordan Peeles neuem Horrorfilm "Wir". Mit der rassismuskritischen Horror-Groteske "Get Out" hatte sich der Comedian vor zwei Jahren bereits als neuer Genre-Auteur empfohlen, mit "Wir" bestätigt er das: "So intelligent wie Peele hat das Genre lange niemand mehr bedient", freut sich Andrea Diener in der online nachgereichten FAZ-Kritik über diesen Film, in dem eine schwarze Familie auf Urlaub mit einem Mal von ihren mordlustigen Ebenbildern heimgesucht wird. Filmbulletin-Kritiker Lukas Foerster sah hier nicht nur wegen des mehrfach codierten, von film- und medienhistorischen Referenzen durchzogenen Anfangsbildes "eines der ersten Highlights des Kinojahres 2019." Denn "Peele hantiert zwar mit prinzipiell vertrauten Bausteinen des Genrekinos und anderer popkultureller Zusammenhänge, er setzt sie allerdings nicht fein säuberlich zu Sinnbildern über die 'Lage der Nation' oder Ähnliches zusammen, sondern hält sie in der Schwebe, in beweglichen, polyvalenten Konstellationen. ... Selbst in sich sind die einzelnen Bestandteile des Films komplex gebaut."

Sehr schön findet Perlentaucher-Kritiker Michael Kienzl, dass Peele nach dem sehr politischen "Get Out" sich nun ganz den anarchischen Qualitäten des Genres hingibt: Zwar ist "allegorisches Potenzial durchaus angelegt: Die roten Overalls der bösen Doppelgänger erinnern an die Uniformen von Guantanomo-Häftlingen, die Gesellschaftshierarchie zwischen unten und oben ist durchaus buchstäblich zu verstehen und der zweideutige Originaltitel 'Us' legt nahe, dass es hier nicht nur um das Böse in uns, sondern auch um ein konkretes und brutal geteiltes Land geht. All dies sind letztlich aber lose Metaphern, die sich nie ganz greifen lassen. Was bleibt, ist vor allem ein blutiger Klassenkampf und die Gewissheit, dass soziale Rollen in erster Linie erlernt sind."

Und "anders als in 'Get Out' ist das Grauen kein Privileg afroamerikanischer Figuren", hält Dominik Kamalzadeh im Standard fest, der den Film vor dem Hintergrund der Geschichte schwarzer Figuren im Horrorfilm deutet. "Dennoch zielt 'Wir' vor allem darauf ab, deren noch zartes bürgerliches Selbstbewusstsein zu erschüttern." Weitere Besprechungen in NZZ, taz, Kino-Zeit, Welt und auf ZeitOnline. Für die SZ spricht Richard Pleuger mit Jordan Peele.

Weitere Artikel: Für die NZZ plaudert Urs Bühler mit dem Schauspieler John C. Reilly. In der taz empfiehlt Andreas Hartmann eine B. Traven gewidmete Filmreihe in Berlin. Auf der Medienseite der FAZ plaudert Matthias Hannemann mit dem Schauspieler Roger Clark, der die Hauptrolle im Megaseller-Computerspiel "Red Dead Redemption 2" spielt, außerhalb der Gamesszene aber kaum jemandem ein Begriff ist. Außerdem hat die Deutsche Filmakademie ihre Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2019 bekanntgegeben - Florian Henckel von Donnersmarcks "Werk ohne Autor" ist nicht darunter.

Besprochen werden Tilman Singers Kunsthorrorfilm "Luz" (Perlentaucher), Jan Bonnys NSU-Film "Wintermärchen" (SZ, Welt, mehr dazu hier), die auf Heimmedien veröffentlichte Adaption von Nic Pizzolattos Kriminalroman "Galveston" (taz) und der Nazi-Trashfilm "Iron Sky: The Coming Race", der ND-Kritiker Benjamin Moldenhauer so absolut gar nicht gefallen hat.
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Archiv: Film

Architektur

Sonnenbaden in der Wohnanlage Grunwaldzki-Platz in Wroclaw. Foto: Chris Niedenthal


Bridget Cogley stellt auf Dezeen die 2008 gestorbene polnische Architektin Jadwiga Grabowska-Hawrylak vor, die gerade vom Center for Architecture in New York mit einer Retrospektive gewürdigt wird. In Polen ist sie berühmt für ihren Beitrag zum Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Wrocławs (Breslaus). Dabei gabs allerdings ein paar Missverständnisse: "Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein maßstabsgetreues Modell der Wohnanlage Grunwaldzki-Platz, die sie 1973 in Wrocław fertigstellte. Der Komplex ist eines der bekanntesten Werke von Grabowska-Hawrylak, sie wurde dafür 1974 als erste Frau mit dem renommiertesten Architekturpreis Polens, dem Ehrenpreis der Vereinigung Polnischer Architekten (SARP), ausgezeichnet. Die Ausstellung hebt im Modell einen der vielen Türme des Projekts hervor, die auf vorgefertigtem Beton und geschwungenen Terrassen basierten. Der Komplex - in Wrocław allgemein als 'Manhattan' oder Sedesowce bezeichnet - war jedoch ursprünglich als weiß konzipiert wurden. Dies wurde nie umgesetzt und so wurde er schnell mit dem brutalistischen Baustil in Verbindung gebracht, was Grabowska-Hawrylak stark missfiel. 'Diese Gebäude gelten als eines der besten Beispiele für Brutalismus in Polen, aber Jadwiga Grabowska-Hawrylak hasste Brutalismus', erklärt Kurator Duda Dezeen bei der Eröffnung der Ausstellung am 28. Februar 2019. 'Sie wollte nur, dass es geschmeidig und glatt ist', fuhr er fort. "Dieser Beton war als weißer Beton entworfen worden und mit Pflanzen bedeckt."
Archiv: Architektur

Bühne

In der nachtkritik streiten Martin Krumbholz und Sascha Westphal, mit welchen Erwartungen man als Kritiker am besten in eine Aufführung geht.

Besprochen werden Henzes "Der Prinz von Homburg" in der Inszenierung von Cornelius Meister und Stephan Kimmig an der Stuttgarter Staatsoper (nmz), Georges Aperghis Oper "L' avis de tempète" am Staatstheater Mainz (nmz), Dimiter Gotscheffs Hamburger Inszenierung von Peter Handkes "Immer noch Sturm" an der Volksbühne Berlin (Berliner Zeitung) und die Uraufführung von Nino Haratischwilis "Die zweite Frau" in Zürich (FAZ).
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Stichwörter: Handke, Peter

Kunst

Ruprecht von Kaufmann: PORTRAIT A., 2017

Benno Schirrmeister (taz) kommt ganz begeistert aus einer Ausstellung mit Ölporträts von Flüchtlingen des Malers Ruprecht von Kaufmann im Bremer Roselius-Haus. Der Gründer dieses Hauses, der Kaufmann Ludwig Roselius (1874-1943), war nämlich "ein Vollblut-und-Boden-Chauvinist" und ein Rassist, der nur deutsche Kunst sammelte. Aber so leicht lässt sich Kunst halt nicht vereinnahmen, lernt Schirrmeister: "Manchmal scheinen zeitgenössische und alte Kunst regelrecht zu interagieren: Das Porträt von A., ein junger Mann, keine 30 wird er sein, skeptisch und voll Trauer, begegnet den goldgrundierten Tafeln einer um 1490 entstandenen Johannes-Legende, die Enthauptung, und das Gastmahl des Herodes. Aus Palmyra stammt A., geflüchtet ist er, als der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach." Mehr dazu auch im Weser-Kurier.

Im Tagesspiegel stellt Lorina Speder die polnische Kunstsammlerin Grazyna Kulczyk vor, die gerade in der Schweiz ein privates Museum für ihre Sammlung eröffnet hat: das Muzeum Susch. Der Unternehmungsgeist und die "stets perfekt" sitzende Frisur irritieren die deutsche Kritikerin zwar etwas, aber immerhin: feministische Kunst! "Die erste Ausstellung 'A Woman looking at Men looking at Women' beschäftigt sich mit Klischees des Feminismus und zeigt ebenso streitbare wie berührende Arbeiten etwa von Magdalena Abakanowicz, der Österreicherin Renate Bertlmann, Louise Bourgeois, Geta Bratescu oder der jüngst verstorbenen Carolee Schneemann. 'Ich möchte Frauen unterstützen', sagt Kulczyk über ihre Aufgabe als Sammlerin und Leiterin des Muzeum Susch. Dass sie das Projekt in ein kleines Dorf bringe, baue zusätzlich eine intime Atmosphäre zum Betrachten ihrer Sammlung auf."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung zum Leben des Archäologen und Sammlers Ludwig Pollak im Museo di Scultura Antica Giovanni Barracco und im Museo Ebraico in Rom (FAZ) sowie die Ausstellung "Tizian und die Renaissance in Venedig" im Frankfurter Städelmuseum (SZ).
Archiv: Kunst