Efeu - Die Kulturrundschau

Mutmaßlich Tausende von Nuancen

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27.11.2018. Jetzt ist auch noch Bernardo Bertolucci gestorben! Die Feuilletons würdigen den italienischen Filmemacher, der dem Kino "gewaltiges und gewalttätiges revolutionäres Pathos" einschrieb. Die FAZ erinnert auch an seine Tiefpunkte. Die SZ besucht zudem die große Fotoschule von Bamako. Und mit erkennbarem Genuss verreißen taz und Welt  Rameaus "Hippolyte et Aricie" an der Berliner Staatsoper. Und die FAZ gratuliert Isa Genzken zum Achtzigsten. Aber die SZ zum Siebzigsten. Und sie hat recht!
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2018 finden Sie hier

Film

Maria Schneider und Marlon Brando im "Letzten Tango"

"Das Kino war für ihn ein Instrument, engagiert an der Welt teilzuhaben", schreibt Gerhard Midding auf ZeitOnline über den gestern verstorbenen italienischen Filmemacher Bernardo Bertolucci, der dem Kino das Jahrhundertepos "1900", "Den letzten Kaiser" oder den Skandalfilm "Der letzte Tango" vermachte: Kennzeichnend für Bertoluccis Werk sei "der Widerspruch zwischen Individualität und Konformität und das transgressive Spiel mit der Sexualität." Er verstand sich auf das "teils auch theatralische Zeigen von Milieus", hält Carolin Weidner in der taz fest. "Solchen, die auf den ersten Blick begehrlich und schön anmuteten, auf den zweiten hingegen desaströs."

Fritz Göttler kommt in der SZ auf den politischen Bertolucci zu sprechen: Der Filmemacher "ist nie wirklich rausgekommen aus dem Mai '68. Mit einer Obsessivität wie bei keinem anderen Filmemacher seiner Generation kreisen seine Filme um diese Zeit und ihre Fantasien - die Lust auf Veränderung, die rasante Energie, wenn es darum geht, alte Institutionen zu zertrümmern, das gewaltige und gewalttätige revolutionäre Pathos. Aber auch: die Enge und die Engpässe, auf die diese Revolution zulaufen wird, die schreckliche kalte Restauration, die sich früh andeutet."

Verena Lueken erinnert in der FAZ an Bertoluccis Tiefpunkt, als er gemeinsam mit Marlon Brando die damals 19-jährige Schauspielerin Maria Schneider beim Dreh zu "Der letzte Tango in Paris" bei einer Sexszene mit einem Stück Butter, das unabgesprochen als Gleitmittel verwendet wurde, überrumpelte und demütigte - später erzählte die Schauspielerin, sie habe sich davon "etwas vergewaltigt" gefühlt. "Kontaminiert dieser Film und die Geschichte seiner Entstehung das Werk Bertoluccis ebenso, wie sie das Leben der Maria Schneider kontaminierten? Die Wahrnehmung jedenfalls bleibt davon nicht unberührt. Und so scheint es, als seien die besten Filme Bertoluccis jene, in denen die Frauen keine gar zu große Rolle spielten und damit in Sicherheit waren." Weitere Nachrufe in Tagesspiegel, Berliner Zeitung, NZZ, FR und Standard.

Weitere Artikel: Im Standard stellt Dominik Kamalzadeh die von Filmemachern ins Leben gerufene Initiative #KlappeAuf vor, die mit wöchentlichen Kurzfilmen via Youtube politisch und gesellschaftlich intervenieren will. Besprochen werden René Lalouxs auf BluRay veröffentlichter Animationsfilmklassiker "Der wilde Planet" (critic.de) und die Netflix-Serie "The Kominsky Method" mit Michael Douglas (NZZ).
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Kunst

Mit seiner berühmten Biennale Rencontres de Bamako wurde Malis Hauptstadt Bamako zum Zentrum der Fotografie in Westafrika. Hier gibt es auch die Cadre de Promotion pour la formation en photographie, die wichtigste Fotografen-Schule der Region. Und wie SZ-Autor Jonathan Fischer bei seinem Besuch erfährt, blüht und gedeiht sie, weil sie Bilder der Studenten an die Agentur Getty verkauft: "Dabei genießt Mali unter Kennern einen sagenhaften Ruf: Als Heimat von Legenden wie Malick Sidibe und Seydou Keita, Porträtisten, die in den Sechzigerjahren eine eigene Bildsprache zwischen Tradition und Moderne gefunden haben. Schuldirektor Youssouf Sogodogo hat in Europa und Nordamerika ausgestellt. Trotzdem könne keiner der von ihm ausgebildeten Fotografen auf dem lokalen Markt überleben, sagt der Schuldirektor, die Konkurrenz ist groß: Hunderte Studios für Hochzeits- und Passbild-Fotos - organisiert in neun Fotografen-Vereinigungen - werben in Bamako um Kundschaft. Ein Foto kostet selten mehr als ein Häufchen Mangos, doch auch dies ist für die Malier in Krisenzeiten oft zu teuer. Wer etwa eine Straßenkreuzung von der CFP entfernt das Atelier von Abdoulaye Baby, dem ehemaligen malischen Kultusminister und Hoffotografen von Popstars wie Salif Keita besucht, kann zwischen Eiffelturm- oder Alpentapete als Hintergrund für das Familienfoto wählen."

In der taz meldet Stefan Koldehoff, dass bei den Waldbränden in Kalifornien auch Manfred Heitings einzigartige Sammlung historischer Fotobücher zerstört wurde: "Rund 36.000 Fotobücher verbrannten innerhalb von Minuten zu Asche."

Weiteres: In der FAZ überlegt Julia Bähr, an wen sich die Ausstellung "200 Frauen - Was uns bewegt" in der TU München eigentlich richtet: "Zehn Prozent männliche Besucher? Nein, das scheine ihr etwas zu optimistisch, sagt die freundliche Angestellte im Buchladen am Eingang." Stefan Trinks gratuliert in der FAZ der Künstlerin Isa Genzken zum Achtzigsten. Und das Seltsame ist: In der SZ gratuliert Catrin Lorch Isa Genzken zum Siebzigsten! Die Wikipedia aus dem Internet bestätigt die SZ. Und der Perlentaucher schließt sich selbstverständlich der Internetversion an und gratuliert ebenfalls sehr herzlich.

Besprochen werden die Fernand-Léger-Schau "New Times, New Pleasures" in der Tate Liverpool (Guardian), die "grandiose" Retrospektive zum Werk der amerikanischen Künstlerin Cady Noland im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (taz), die Gustav-Klimt-Schau in der Moritzburg in Halle ("Eine Sensation", jubelt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, Welt), Drucke des Avantgarde-Künstlers Hendrik Nicolaas Werkman im Staatlichen Museum Schwerin (Tagesspiegel).

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Stichwörter: Bamako, Fotografie

Literatur

Für die taz hat sich Katja Kullmann mit der früheren Schriftstellerin und Filmemacherin Erika Runge getroffen, deren "Bottroper Protokolle" vor fünfzig Jahren erschienen sind: "Das Buch gilt als Meilenstein der Dokumentarliteratur. Und als ein Schlüsseltext für das Verständnis derjenigen, die bis heute von allen Parteien (außer der FDP) aufs Aufdringlichste umworben werden - die sogenannten kleinen Leute. Runge geht damals ähnlich wie eine Journalistin vor: Sie schaltet das Mikrofon an und lässt andere erzählen. ... Runges 'Protokolle' erscheinen zunächst in der linken Zeitschrift Kürbiskern. Martin Walser, damals Shootingstar der Literatur, vermittelt den Kontakt zu Suhrkamp, schreibt das Vorwort. Bald mischt Runge überall mit: hält eine Rede gegen den Axel-Springer-Verlag im Zirkus Krone; schließt sich der Dortmunder Gruppe 61 für Literatur aus der Arbeitswelt an; schreibt für konkret; ist mit der Autorin Barbara Bronnen und der Filmemacherin Helke Sander befreundet." Aus den Gesprächen mit Menschen aus dem Ruhrgebiet ist 1968 auch ein hörenswertes O-Ton-Feature fürs Radio entstanden, das der WDR derzeit online vorrätig hält.

Weitere Artikel: Wilhelm von Sternburg erinnert in der FR an den vor 50 Jahren verstorbenen Schriftsteller Arnold Zweig. In der NZZ porträtiert Aldo Keel den isländischen Krimiautor Arnaldur Indridason.

Besprochen werden Peter Stamms "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" (Tell-Review), Jennifer Clements "Gun Love" und Gabriel Tallents "Mein Ein und Alles" (Zeit), Andreas Maiers Kolumnenbuch "Was wir waren" (Tagesspiegel), Karl-Heinz Otts "Und jeden Morgen das Meer" (NZZ), Gerald Murnanes "Grenzbezirke" (SZund die von Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki zusammengestellte Gedichtsammlung "Die Morgendämmerung der Welt" mit Gedichten von Sinti und Roma (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne

Staatsoper? Friedrichstadt-Palast? Rameaus "Hippolyte et Aricie". Foto: Karl und Monika Forster

Das kommt dabei heraus, wenn Oper nur Zielgruppen im Blick hat, ächzt Niklaus Hablützelin der taz über Rameaus "Hippolyte et Aricie" als Teil der Barocktage 2018 an der Berliner Staatsoper: Tolles Design, Inhalt und Form katastrophal. Besonders traurig findet Hablützel das, weil Simon Rattle dirigierte, und auch auf der Bühne hervorragende SängerInnen standen: "Aber es nützte nichts, weil das Freiburger Barockorchester niemals verstehen wird, was ein universaler Musiker wie Simon Rattle spielen möchte. Das Freiburger Barockorchester ist eine Marke, die garantiert immer gleich klingt, völlig egal, welches Stück gerade gespielt wird. Sägend scharfe Geigen, fett angeschwollene Akzente, knallhart stampfende Rhythmen. Rattle dagegen liebt Rameau und möchte den unglaublichen, melodischen und harmonischen Reichtum dieser Musik entfalten in mutmaßlich Tausenden von Nuancen des Tempos und Klangs im symbiotischen Zusammenspiel mit den Singstimmen. Er zwang deshalb das Orchester, die verkaufsfördernden Routinen abzulegen, und landete im blanken Chaos." In der Welt findet Manuel Brug dagegen die Musik "vollendet", aber das Lichtdesign von Olafur Eliasson völlig verfunzelt: "Der träge, konfuse, uneinheitliche, nichts erzählende oder erhellende Bilderreigen gleicht einer schlechten Friedrichstadt-Palast-Revue, der man den Stecker gezogen hat."

Weiteres: Die Nachtkritik holt aus ihrem Archiv Georg Kaschs Besprechung der Ausstellung "Mein Kamerad - die Diva" über Theater an der Front im Ersten Weltkrieg, die vor vier Jahren im Schwulen Museum in Berlin gezeigt wurde und jetzt im Museum Meiningen zu sehen ist.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung von Horváths "Italienischer Nacht" an der Berliner Schaubühne (SZ), René Jacobs' Fassung von Händels "Teseo" am Theater an der Wien (SZ), Barrie Koskys Inszenierung von Leonard Bernsteins "Candide" an der Komischen Oper Berlin (FAZ), Puccinis "La Bohème" mit Dirigentin Speranza Scappucci in der Staatsoper (Standard).
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Musik

Geradezu irritierend findet es Zeit-Rezensent Florian Zinnecker, mit welchem Aufwand die neuen Aufnahmen von Igor Levit ("Life") und Daniil Trifonow ("Destination Rachmaninow: Departure") als Aspekte biografischer Narrative der beiden Interpreten vermarktet werden - das hat es in der Klassik zuvor noch nicht gegeben: "Wie die beiden Oeuvres zu verstehen sind, das geben die Labels den Hörern und Käufern gleich mit an die Hand, in nie gekannter Deutlichkeit: Hier darf die Musik bitte nicht einfach nur Musik sein, hier muss sie Teil einer großen Geschichte werden." Was im Falle Trifinow zu einem ausgewachsenen, aufwändigen Musikfilm geführt hat, in dem sich der Pianist auch als Schauspieler versucht: "Am Ende gibt es nur einen einzigen Grund, warum das Spektakel irritiert: Bei vielen anderen Pianisten muss man die Qualität behaupten. Hier kann man einfach nur zuhören."



Besprochen werden weitere neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine von Christoph Spering geleitete Aufnahme von sechs Bach-Choralkantaten (SZ).
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