Efeu - Die Kulturrundschau

Der Tanz ist in den Shifts

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20.06.2018. Offiziell wird der neue Berlinale-Chef erst am Freitag bekannt gegeben, inoffziell sind IndieWire und Tagesspiegel schon ganz glücklich mit der wahrscheinlichen Entscheidung für Carlo Chatrian, bisher Chef des Festivals von Locarno. In der taz erklärt die Choreografin Meg Stuart die Energiewende im Tanztheater. Die SZ erlebt in Paris die Befreiung der Architektur durch Junya Ishigami. Und der Standard lernt von Beyoncé und Jay-Z, dass auch Musik vor Geld stinken kann.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2018 finden Sie hier

Film

Offiziell soll die neue Berlinale-Leitung ja erst am kommenden Freitag bekannt gegeben werden. Doch seit gestern verkünden RBB und Bild: Carlo Chatrian, der Leiter des Filmfestivals Locarno, macht offenbar das Rennen - und damit, wie zuvor befürchtet, kein Funktionär aus dem Apparat, sondern tatsächlich eine cinephile Persönlichkeit. Chatrian hat als Filmkritiker angefangen, sich seine Position in Locarno über zahlreiche Retrospektiven erarbeitet und dem Festival schließlich ein neues künstlerisches Profil verliehen, wie IndieWire schreibt: "Unter seiner Leitung wurden in Locarno unter anderem Hong Sang-Soos 'Right Now, Wrong Then', Lav Diaz' 'From What is Before' und Albert Serras 'The Story of Mr. Death' mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet. Europäische Cinephile attestieren dem Festival unter Chatrain ein hohes Festivalprofil - eine Qualifikation, die er nun mit nach Berlin bringt. ... Die Herausforderungen, denen er sich nun in Berlin stellt, sind allerdings beängstigend: Nicht nur konkurriert er bei der Filmauswahl mit Cannes, sondern muss ein Programm von rund 400 internationalen und europäischen Premieren, eine ziemlich genau hinschauende Presse und eine Industrie jonglieren, die den Großteil des Festivals lieber auf dem Europäischen Filmmarkt verbringt, als sich dem Festivalprogramm selbst zu widmen."

Auch Christiane Peitz vom Tagesspiegel scheint in einer ersten Notiz sehr angetan: "Festivalbeobachter schätzen Chatrian für seine große Filmkenntnis, seine engen Kontakte zu Independent-Filmern, er soll sehr gut vernetzt sein." Und: Einen Twitter-Account befüllt Chatrian auch mit cinephilen Notizen - was für ein schöner Kontrast zur film- und gegenwartsfernen Onkeligkeit eines Dieter Kosslick. Wir warten gespannt auf Freitag bis zur offiziellen Bekanntgabe.

Weitere Artikel: In einer großen, mit wunderbaren Youtube-Fundstücken angereicherten Recherche erinnert Rajko Burchardt auf Moviepilot an die Glanzzeiten bundesdeutscher Jugendschutzzensur, als der Horrorfilm und die damals noch junge Videothekenkultur einige Wallungen hervorriefen. Ein Klassiker aus dieser Zeit: Die Fernsehreportage "Mama, Papa, Zombie" (1984), in der sich die damalige Hysterie schon bündelt:



Besprochen werden die israelische Serie "Fauda" (NZZ), Chloé Zhaos Rodeo-Milieustudie "The Rider" (Berliner Zeitung), Hanna Laura Klars Dokumentation "Ich friere auch im Sommer" über Alexandra Kluge (FR), die Gaunerinnen-Komödie "Ocean's 8" (Tagesspiegel, SZ, FAZ), restaurierte Editionen von G.W. Pabsts "Westfront 1918" und "Kameradschaft" (Tagesspiegel) und die in den 70ern spielende Serie "Caught" (FAZ).
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Bühne

"Der Körper ist kein Klavier!" ruft die Choreografin Meg Stuart, die am Freitag in Venedig mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird, und erklärt im taz-Interview mit Astrid Kaminski auch, was die Energiewende in ihrem Tanztheater ausmacht: "Mache eine Bewegung, lass dich davon bewegen, liefere dich aus. Danach drehen wir das um. Wir eignen uns die Bewegung an und dirigieren sie, wir verantworten sie. Die Art, sich zwischen dem einen und dem anderen zu bewegen, Dinge zuzulassen und sie zu formen, gestaltet den Tanz. Der Tanz ist in den Shifts, in den Bewusstseinswechseln."

Nach seiner zweiten verunglückten Saison muss der Chef der Wiener Festwochen, Tomas Zierhofer-Kin, gehen. Im Standard zeigt Ronald Pohl erleichtert: "Tatsächlich wurde ein ebenso merkwürdiges wie unausgegorenes Experiment mit einer Vollbremsung beendet. 2017, im ersten Jahr Zierhofer-Kins, lockte man die Besucher mit kleinteiligen Denkwürdigkeiten an die städtische Peripherie. Zeitgleich ergoss sich ein monströser Schwall von Kuratorenlatein über die Gäste. Die Idee, ein adipös gewordenes Festival mit beliebigen Theoriebrocken vollzustopfen, um es dadurch schlanker zu machen, stieß von Anfang an auf Widerstand. Nicht nur Freunde des traditionellen Theaters fühlten sich unangenehm belehrt." Im Tagesspiegel sieht auch Christina Kaindl-Hönig die Festwochen zu einem "beliebig zusammengewürfeltes Kleinkunstfestival" geschrumpft.

Weiteres: In der SZ schreibt Martin Krumbholz zum Abschied der engagierten Bonner Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp.

Besprochen werden Yael Ronenes "Gutmenschen" vom Volkstheater Wien bei den Autorentagen in Berlin (Nachtkritik) und Fabrizio Pestillis Inszenierung Michail Bulgakows "Meister und Margherita" beim Origen-Festival in Chur (Nachtkritik).
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Literatur

Lilian Pfaff trägt in der NZZ historische Hintergründe und Wissenswertes zur Thomas-Mann-Villa in Los Angeles, deren Ersteigerung und Sanierung durch die Bundesregierung sowie deren Öffnung für Stipendiaten seit diesem Montag zusammen. Ihr Fazit: "Deutschland hat kein verstaubtes Kulturdenkmal erschaffen, sondern einen lebendigen Ort der Auseinandersetzung gegründet, um den relevanten Fragen des weltweiten Zusammenlebens nachzugehen." Für die SZ war Jürgen Schmieder bei der Eröffnung.

Weitere Artikel: In der Rhein-Necker Zeitung resümiert Heribert Vogt den Auftakt von Maxim Billers Heidelberger Poetikvorlesung. Im Freitag porträtiert Mladen Gladic den Jugendbuchautor Alex Wheatle. Jagoda Marinic berichtet in der Berliner Zeitung von der Literaturkonferenz "Ängst is now a Weltanschauung", die sich mit der Kaperung des Diskurses durch die Rechten befasst. Denis Scheck fügt Dorothy L. Sayers' Kriminalromane seinem Welt-Literaturkanon hinzu. In Berlin werden am Freitag mehr als 1200 Seiten und zahlreiche weitere Dokumente aus dem Nachlass von Ingeborg Bachmann versteigert, berichtet Rose-Maria Gropp in der FAZ. Annekatrin Hendel schreibt in der Berliner Zeitung zum Tod des Schriftstellers Paul Gratzik.

Besprochen werden Esther Kinskys Übersetzung von Lewis Grassic Gibbons "Lied vom Abendrot" (FR), George Saunders' "Lincoln im Bardo" (Zeit), Lavina Branistes "Null Komma Irgendwas" (Tagesspiegel), Rita Indianas "Tentakel" (FR), Elisabeth Borchers' "Nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Fragment" (NZZ), Hanno Millesis "Die vier Weltteile" (SZ) und Eduardo Rabasas "Der schwarze Gürtel" (FAZ).
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Kunst

In der Schau "Enjoy Your Life!" des einstigen Starfotografen Jürgen Teller im Fotomuseum Winterthur sieht NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico vor allem vor Augen geführt, wie eine Kunst ihre Bedeutung verliert. Geradezu zynisch findet sie Tellers "Selfreflection, in denen sich der Künstler nackt posiert und alle Ideale für bankrott erklärt: "Das Beispiel Juergen Teller ist ein Krisensymptom und zeigt, wie die zeitgenössische Fotografie als Konzeptkunst nicht nur ihren Ruf riskiert. Sie ist dabei, ihn zu verspielen: Sie verspielt ihn mit formalen Variationen über Klischees und Selbstreferenzen. Wo Message war, herrscht Manierismus."

Weiteres: Auf Hyperallergic berichtet Kealey Boyd, dass der Künstler Hamishi Farah den kleinen Sohn der Künstlerin Dana Schutz porträtiert hat, offenbar als Reaktion auf ihr Bild "Open Casket", um mit diesem extrem banalen und dezidiert nicht autorisierten Bild die Auseinandersetzung um Aneignung und Übergriff weiterzuführen. In der FAZ wirft Noemi Smolik ein Schlaglicht auf die Kunstszene in Georgien, wo der Konflikt zwischen konservativ patriarchalen Kräften und der westlich orientierten jungen Generation immer aggressiver ausgetragen werde. Soso Dumbadzes Installation "A Yellow Bus", die homophobe Ausschreitungen festhält, musste von einem Polizeiaufgebot von 200 Mann geschützt werden.  

Besprochen wird die Mini-Retrospektive der inzwischen 78-jährigen Ikone der feministischen Kunst Valie Export im Neuen Berliner Kunstverein (taz).
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Stichwörter: Teller, Jürgen, Georgien

Architektur

Ausstellungsansicht: Junya Ishigami: Freeing Architecture, Fondation Cartier, Paris 2018. Foto: Jean Picon


SZ-Autor Joseph Hanimann entdeckt in der Ausstellung "Freeing Architecture" in der Pariser Fondation Cartier die Arbeiten des Architekten Junya Ishigami, der sich weigert, nach Konzepten, Denkmustern oder Begriffen zu arbeiten, die eh meist schon überholt sind bevor die Architektur sie umsetzen kann: "Das einzige Grundprinzip, das er anerkennt, ist die Priorität des jeweils konkret Vorhandenen, in dem die Charakteristik des Orts, gesellschaftliche und individuelle Erwartungen, das natürliche Potenzial, die urbane oder landschaftliche Dynamik ineinander verknotet sind. Die architektonische Intervention kann dann minimalistisch sein wie beim Restaurant in einem Kunstbiotop der japanischen Provinz Tochigi, bestehend aus einem glasüberdachten Mäuerchen in einer Waldlichtung. Sie kann aber auch ganze Wälder versetzen wie im Botanical Farm Garden am selben Ort". Mehr zu Ishigami gibt es bei Dezeen.

Die Tempel in Südindien sind ja schon herrlich fantasievolle, kunterbunte Bauten, aber erst die Kirchen! Auf Hyperallergic bringt Monica Uszerowicz tolle Bilder, die vor allem von dem Fotografenpaar Haubitz und Zoche in Kerala aufgenommen wurden.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Ishigami, Junya

Musik

Angenehm genervt bespricht Christian Schachinger im Standard das am letzten Wochenende überraschend veröffentlichte gemeinsame Album der Eheleute Beyoncé und Jay-Z, die darauf, nach Jahren öffentlich kolportierter Ehekrisen, ihre große Versöhnung als "The Carters" feiern, dabei gibt es auf dieser Welt nach Schachingers Ansicht ja nun schon "genug anderen akustischen Sperrmüll. ... The Carters besingen und berappen nicht nur die Familie und die Ehe, sondern auch das Jetsetten und Influencen, die Designerklamotten, ihre Luxusimmobilien, die Freuden des Berühmtseins und dass man das Vor-Geld-Stinken nur empfehlen kann, weil arm sein oft als unangenehm empfunden wird. Kann man als Black Power sehen, geht aber auch als farbloser Eins-a-Ellbogenkapitalismus durch." Spex-Kritiker Daniel Gerhardt hat unterdessen einigermaßen Spaß an diesem Seifenopern-Kosmos. In der SZ durchdringt Jörg Häntzschel das im Louvre gedrehte Musikvideo der beiden mit kunsthistorischem Sachverstand.

Das zweite aktuelle Groß-Pop-Album stammt von Christina Aguilera, die "Liberation" mit viel Authentizitäts-Tamtam, Achtsamkeitsgedöns und Heilkristall-Romantik in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit spült: Sonderlich aufregend findet es taz-Kritikerin Julia Lorenz allerdings nicht, auch wenn sie dem Popstar zugute hält, immerhin "ein gutes, zeitgemäßes Album aufgenommen" zu haben. "Kleben bleibt allein der fade Nachgeschmack, dass Aguilera mit 'Liberation' das Narrativ nährt, eine Frau könne nur so richtig bei sich selbst sein, wenn sie abgeschminkt und achtsam ist." Immerhin, sagt Pitchfork-Kritikerin Claire Lobenfeld, ist dieses Album "eine Erinnerung daran, wie verdammt gut sie singen kann."

Weitere Artikel: Jan Brachmann schreibt in der FAZ über das Ende von Andrea Palents Intendanz der Musikfestspiele Potsdam. In der SZ-Popkolumne vermeldet Jan Kedves "das schönste schräge Pop-Album der Woche": Nämlich "Kazuashita" von Gang Gang Dance. Eine Kostprobe:



Besprochen werden das neue Album "The Tree of Forgiveness" von Songwriter-Legende John Prine, der zum Erstaunen von Standard-Kritiker Karl Fluch noch immer lebt, und das neue Album "Oil of Every Pearl's Un-Insides" von Sophie (The Quietus). Daraus ein Video:

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