Efeu - Die Kulturrundschau

Verschobene Euphorie

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05.05.2018. Die Literaturkritiker sind sich einig: Erst muss sich die Jury für den Nobelpreis reformieren, dann kann sie auch wieder Nobelpreise verleihen. Im Tages-Anzeiger ermuntert Sarah Kenderdine, Professorin für digitale Museologie, zum Einsatz digitaler Technologien im Museum, Roland Nachtigäller vom Marta Herford fürchtet dagegen, damit zum ADHS-Patienten zu werden. Die New York Review of Books reist unterdessen mit einer Ausstellung in San Francisco zurück ins Maschinenzeitalter. Der Tagesspiegel plädiert für mehr Welttheater in Berlin. Die FAZ besucht die Buchmessen in Beirut, Bahrein und Riad.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2018 finden Sie hier

Literatur

Kein Literaturnobelpreis in diesem Jahr - damit zieht die Schwedische Akademie Konsequenzen aus dem Debakel der letzten Wochen. Wobei der Preis nur aufgeschoben ist: Der Preis für 2018 soll gemeinsam mit dem für 2019 im nächsten Jahr bekanntgegeben werden.

Völlig richtige Entscheidung, meint Dirk Knipphals in der taz: Denn in diesem Jahr "hätte jeder Preisträger den Makel gehabt, von einer diskreditierten Jury gewählt worden zu sein. Vom jetzt in die Wege geleiteten Reformprozess wünscht sich Knipphals "Selbstreinigungsmöglichkeiten in die Statuten". "Auslöser für den Skandal war die MeToo-Debatte", hält Helmut Böttiger auf ZeitOnline fest und fragt sich, "ob die verbliebenen zehn Akademiemitglieder auf Zeit spielen und die Debatten also aussitzen wollen, oder ob es zu einem wirklichen Neuanfang kommt". Sicherer ist sich da Welt-Kritiker Wieland Freund: Die Verzögerungsstrategie, den Preis einfach im nächsten Jahr zu vergeben, "werde nicht aufgehen. Die juristische Aufarbeitung des Skandals hat gerade erst begonnen und wird nicht nur in Schweden noch lange die Aufmerksamkeit auf sich ziehen." Und Roman Bucheli (NZZ) hält gar nichts davon, den Preisvergabe für 2018 nur zu verschieben: Die Akademie beweise damit "Sturheit und Überheblichkeit". Besser, schreibt er, wäre es gewesen, das Gremium hätte sich aufgelöst und den Literaturnobelreise 2018 konsequent gestrichen.

Soll auch weiterhin eine kleine Gruppe Schwedinnen und Schweden über den international wichtigsten Literaturpreis befinden? Ronal Pohl mahnt im Standard ein Umdenken an: "Der globale Zusammenschluss der Welt legt die allmähliche Ausbildung neuer Bewertungskriterien für Literatur und deren Schöpferinnen und Schöpfer dringend nahe. Das wachsende Bewusstsein von und für Diversität muss sich auch in der Galerie der mit Lorbeer Bekränzten mit größerer Deutlichkeit niederschlagen." Im FR-Gespräch macht Jo Lendle vom Hanser Verlag ein langes Gesicht: "Die ganze Buchbranche steht da wie ein Kind, das erfährt, sein Geburtstag sei aufs nächste Jahr verschoben." Und Michael Angele freut sich im Freitag schon jetzt auf die Verfilmung des Skandals, bei dem Jean-Claude Arnault, auf dessen Verhalten der ganze Skandal zurückgeht, in all seiner Geckenhaftigkeit "sich unbedingt selbst spielen müsste."

Szenenwechsel: Im literarischen Wochenendessay der FAZ berichtet Lena Bopp von der aus allen Nähten platzenden Buchmessen in Beirut, Bahrein und Riad: Während die Geschäfte für die Verleger gut laufen, sehen sie sich doch einer Zensur ausgesetzt, deren Grenzlinien äußerst diffus und entsprechend unkalkulierbar anmuten, lernt sie. "Wenn ihnen die Zensur zu unübersichtlich wird, bleiben manche zu Hause. Anderen wird die Einreise auch offiziell verboten, so wie in diesen Kriegszeiten den Verlegern aus Syrien, die nicht mehr nach Saudi-Arabien kommen dürfen. Auch Khaled Al-Maaly darf seit 2010 nicht mehr zur Buchmesse nach Riad, aber nicht, weil er Syrer wäre, sondern aus Gründen, über die er nur spekulieren kann, weil sie ihm nie jemand mitgeteilt hat. Er sei dort der größte Verleger gewesen, die Leute hätten seinen Stand gestürmt, sagt er. Aber ob das Grund genug war, ihn vor die Tür zu setzen, oder ob sich tatsächlich jemand die Mühe machte, sein Programm zu studieren, bleibt ungewiss."

Weitere Artikel: Für den Standard blickt Cornelius Hell gemeinsam mit dem Schriftsteller und Essayisten Georges-Arthur Goldschmidt auf dessen Leben zurück. In der Literarischen Welt spricht Wieland Freund mit Adam Haslett über dessen autobiografischen Roman "Stellt euch vor, ich bin fort", in dem der Autor den Suizid seines Vaters verarbeitet. Dirk Knipphals befragt in der taz die Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther nach ihren Plänen, Bibliotheken künftig auch sonntags zu öffnen. Für den Tagesspiegel traf Lars von Törne den Comiczeichner Jeff Lemire. Noemi Schneider erinnert im Dlf-Kultur-Feature an die Lyrikerin Sarah Kirsch.

Besprochen werden Liv Strömquists Comic "Der Ursprung der Liebe" (taz), Jutta von Zitzewitz' "Silent Green. Vom Krematorium zum Kulturquartier" (taz), Brit Bennetts Debüt "Die Mütter" (taz), Claudia Ahlerings und Julian Volojs Comicadaption von Annette von Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche" (FR), Silvia Bovenschens postum veröffentlichten letzten Roman "Lug & Trug & Rat & Streben" (SZ) und Bernd Wagners "Muttsch" (FAZ).
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Film


Valeria Golino in "Emma"

Urs Bühler unterhält sich für die NZZ mit der italienischen Schauspielerin und Regisseurin Valeria Golino, die gerade in Silvio Soldinis Film "Emma" eine Blinde spielt. "Und wie flirtet man ohne Blickkontakt? 'Glauben Sie mir', konstatiert die 52-jährige Italienerin mit ihrer rauchig säuselnden Stimme, 'ich kann meine Augen sehr gezielt einsetzen, werde das jetzt jedoch nicht tun. Sie sollen ja wieder aus diesem Raum kommen.'".

Besprochen werden Oskar Roehlers "HERRliche Zeiten" (FAZ, mehr dazu hier und hier), Joseph Kosinskis Actiondrama "No Way Out" (Tagesspiegel) und Eric Friedlers am Sonntag im Ersten gezeigter Dokumentarfilm "Eis am Stiel - Von Siegern und Verlierern" (FAZ).

Archiv: Film
Stichwörter: Golino, Valeria, Emma

Kunst

Im Interview mit dem Tages-Anzeiger erklärt Sarah Kenderdine, Professorin für digitale Museologie an der EPFL Lausanne, warum die digitalen Technologien ganz wunderbar ins Museum passen. Und das endet nicht mit der Digitalisierung der Museumsobjekte, diese müssen anschließend intelligent benutzbar gemacht werden: "Mit einer Methode, die wir 'data sculpting' nennen, also Datenplastik. Jede Situation erfordert einen anderen Einfall, es handelt sich also um einen echten Schöpfungsprozess. Das in den Datensätzen enthaltene Wissen muss sichtbar und nutzbar gemacht werden. ... Im Victoria Museum haben wir auf einem 360-Grad-Bildschirm das gesamte Material für die freie Benutzung des Publikums ausgebreitet. ... die Objekte auf dem Bildschirm waren durch Metadaten, also Beschreibungen und Kontexte, miteinander verbunden. Eine simple Suchmaschine gab es nicht. So konnte jeder Besucher seinen eigenen Pfad durch die Sammlung anlegen. Es war im Grunde eine riesige Kuratierungsmaschine, die jeder intuitiv bedienen konnte."

Recht zwiespältig betrachtet dagegen Roland Nachtigäller, Direktor des Marta Herford, in seinem Blog die modischen multimedialen Inszenierungen in Museen und Biennalen, in denen Videos mit Theater und Kunst gemixt werden und die Genre-Grenzen sich weiter auflösen: "Wir erleben Kultur als einen ungemein anregenden, vielgesichtigen Erfahrungsraum, in dem Unterscheidungen zwischen High und Low immer weniger wichtig sind, in dem Diskurs und Schauwert in ein gemeinsames Bett steigen und Kontexte fließend werden. Aber genauso gut könnte es auch sein, dass der Erfolgsdruck das Museum mehr und mehr zum ADHS-Patienten werden lässt, hyperaktiv, rastlos auf mehreren Kanälen gleichzeitig kommunizierend und mit Aufmerksamkeitsspannen von weniger als 30 Sekunden."


Charles Sheeler: Classic Landscape, 1931. Fine Arts Museums of San Francisco

Im Blog der New York Review of Books erinnert Martin Filler an eine andere Moderne: Das Maschinenzeitalter, dem San Franciscos de Young Museum mit der Ausstellung "Cult of the Machine: Precisionism and American Art" ein Abschiedslied singt: "One of the most noteworthy aspects of Precisionist painting is its almost complete absence of human figures (although workers occasionally appear in photographs of factories and construction sites). In reality, such urban scenes of high-density city centers and busy industrial sites would have been alive with pedestrians or laborers, yet the paintings of Sheeler, Ralston Crawford, Charles Demuth, and company are eerily depopulated. In an interview for the Walker Art Center's 1960 exhibition 'The Precisionist View in American Art,' its organizer, Martin Friedman, asked Sheeler about this anomaly. The artist blandly replied that such vacancy showed 'what a beautiful world it would be if there were no people in it.'"

Weiteres: Roberta Smith spaziert für die New York Times über die Londoner Frieze. Daghild Bartels berichtet in der NZZ vom Galery Weekend in Berlin. Im Tagesspiegel schildert Simone Reber die mühseligen Versuche, die einst von den Nationalsozialisten geraubte Kunstsammlung Rudolf Mosses zu rekonstruieren. Peter Richter hat für die Seite 3 der SZ die italienische Modedesignerin Miuccia Prada besucht, die mit ihrem von Rem Kohlhaas gebauten Museum in Mailand jetzt auch eine "Schutzgöttin der Kultur" geworden ist. Besprochen wird eine Ausstellung mit deutschen Zeichnungen des neunzehnten Jahrhunderts im Landesmuseum Hannover (FAZ).

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Bühne

Berlin fehlt es an großen internationalen Produktionen, ahnt Eberhard Spreng im Tagesspiegel. Statt dessen gebe es "viel zu viele Akteure in viel zu vielen Kleinfestivals im kleinen und mittleren Bühnensegment, mit fast uniformer ästhetischer Ausrichtung und entlang von ein paar gerade herrschenden Diskursmoden Konkurrenz. Deshalb meint in Berlin jeder, mit internationalem Theater bestens versorgt zu sein, während doch ganze Segmente des Welttheaters weggebrochen sind." Kurz: Es fehlt, was Chris Dercon eigentlich an der Volksbühne machen wollte.

Weitere Artikel: Anne Peter und Georg Kasch berichten im liveblog der nachtkritik vom Theatertreffen in Berlin. Patrick Wildermann trifft für den Tagesspiegel Intendant Matthias Lilienthal, dessen Vertrag für die Münchner Kammerspiele zwar nicht verlängert wird, der aber mit gleich zwei Inszenierungen - "Mittelreich" und "Trommeln in der Nacht" - zum Theatertreffen eingeladen wurde. Und Katrin Ullmann stellt die beiden Hamburger Inszenierungen vor, die zum Theatertreffen eingeladen wurden: Falk Richters Inszenierung von Jelineks "Am Königsweg" und Antú Romero Nunes' "Odyssee - eine Irrfahrt nach Homer". In der SZ berichtet Martin Krumbholz von der Eröffnung der Ruhrfestspiele mit Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" in der Inszenierung von Frank Hoffmann. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht die Schauspielerin Valery Tscheplanowa erfreulich couragiert über ihre Lieblingsregisseure Gotscheff und Castorf und ihren Start in Deutschland. In der Stuttgarter Zeitung porträtiert Nicole Golombek die Schauspielerin Julischka Eichel, die gerade in Stuttgart als Erlöserfigur in Kay Voges' Inszenierung "Das 1. Evangelium" zu sehen ist. Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder zum Tod des Schauspielers Wolfgang Völz.

Besprochen werden Mateja Kolezniks Inszenierung von Tschechows "Iwanow" am Stadttheater Klagenfurt (Standard) und Henry Purcells Oper "King Arthur" am Genfer Grand Théâtre: Regisseur Marcial Di Fonzo Bo "verzahnt Wort und Ton, so eng es eben geht, etwa mit bald ganz harmonisch wirkenden Überblendungen von Sprache und Musik wie später im romantischen Melodram. Dabei geht es jedoch nicht um (falschen) Bühnennaturalismus; vielmehr bleibt das 'Gemachte', das Inszenierte des Geschehens stets als Brechung und doppelter Boden spürbar - eine (Selbst-)Ironie, die Regisseuren aus dem deutschsprachigen Raum leider oft abgeht", lobt ein hingerissener Christian Wildhagen in der NZZ.
Archiv: Bühne

Musik

Die Sommerpartynächte können kommen: Sehr gern lässt sich jedenfalls tazler Philipp Weichenrieder von DJ Kozes neuem Album "knock knock" und dessen "wabernden Synthesizerflächen" und "subsonischen Bässen" davontragen. "Es ist ein Kosmos mit eingängigen Melodien, melancholischer Wärme, verschobener Euphorie, hypnotischer Eindringlichkeit und verschmitztem, wohlwollendem Humor." Zufrieden ist auch Daniel Gerhardt von ZeitOnline, der "ein Album ohne Prätentionen" hörte. Schwer begeistert schreibt auch Mark Richardson auf Pitchfork über das Album. Eine Klangprobe:



Juliane Liebert porträtiert in der SZ den Rapper Dimitri Chpakov alias Spongebozz, der einerseits seine jüdische Herkunft in den Vordergrund seiner Musik stellt, Kollegah und Farid Bang aber dennoch keine Vorwürfe macht: "Die Zeile war geschmacklos. Für mich persönlich: Ich habe nicht gefühlt, dass er was gegen Juden hat. Oder gegen mich als Jude. Ich dachte nur: Ist Battlerap. Sollte man vielleicht nicht rappen, muss jeder selber wissen."

Weitere Artikel: Für den Standard hat sich Ljubiša Tošić mit Nuria Schoenberg-Nono über deren Vater Arnold Schönberg unterhalten. Karl Gedlicka plaudert für den Standard mit der Sängerin Clara Luzia. Aria Nejati schreibt auf ZeitOnline über die wirren Eskapaden von Rapper Kanye West. Jesper Klein berichtet in der FAZ von den Badenweiler Musiktagen, wo ihn besonders das Spiel des Violinisten Ilya Gringolts "berauschte". Besprochen wird ein Konzert von Grigory Sokolov (Tagesspiegel).
Archiv: Musik