Efeu - Die Kulturrundschau

Das Echo war herrlich

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10.10.2017. Robert Menasse erhält für seinen Brüssel-Roman "Die Hauptstadt" den Deutschen Buchpreis. Schön europäisch findet das der Tagesspiegel, zu politisch die FAZ. In der NZZ erklärt der türkische Schriftsteller Ahmet Altan, wie er seinem Gefängnis flieht. Als surrealistisches Meisterwerk feiert die SZ Aribert Reimanns in Berlin uraufgeführte Oper "L'Invisible". In der Berliner Zeitung betont Thomas Oberender, dass Theater keine closed Shops werden dürfen. Und die FAZ erlebt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum Tintoretto als Meister der Bewegung.

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Im Pariser Palais Galliera eröffnet morgen eine Ausstellung über die kostbaren Kleider Mariano Fortunys. Der Figaro macht es sich einfach und veröffentlicht einfach einen Artikel des Figaro aus dem Jahr 1911 neu, verfasst von Gérard d'Houville alias Marie de Heredia: "Jene lange Gandoura aus silberbedruckter Gaze schwebt wie ein Nebel, der bestimmt ist, den Eingang  einer Höhle der Götter zu verhüllen. Fortuny ist der Erfinder dieser Gold- und Silberdrucke, die er statt Stickereien benutzt, ohne den Stoff schwerer zu machen oder die kleinen Falten zu behindern, was so kostbar wirkt bei diesen leichten, durchscheinenden Stoffen."

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Stichwörter: Mariano Fortuny

Literatur

Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Robert Menasse für den im Brüsseler EU-Milieu spielenden Roman "Die Hauptstadt". Den Preisträger hat die Würdigung beinahe zu Tränen gerührt, entnehmen wir Andreas Platthaus' Online-Bericht. Zum Jubel reißt es den FAZ-Kritiker dann allerdings doch nicht hin: Schon wieder sei ein im Herbst erschienener Roman ausgezeichnet worden - als ob es im Frühjahr keine guten Bücher gebe, moniert Platthaus und zeiht die Jury mangelnder Urteilskraft: "Formbewusstsein und Sprachvirtuosität sind nichts und dafür politische Agenda alles", schreibt er.

Gerade den politischen Aspekt an dieser Jury-Entscheidung schätzt hingegen Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Sie sei "ein politisches Signal" für Europa. ...  Die EU und ihre Behörden werden durch den Roman lebensnaher, fassbarer." Im Standard porträtiert Stefan Gmünder den Preisträger.

Zum heutigen Start der Frankfurter Buchmesse erklärt Didier Eribon in der SZ, warum er die Einladung zur Eröffnung der Messe mit Ehrengast Emmanuel Macron ausgeschlagen hat: "Es ist für mich undenkbar, einer Zeremonie beizuwohnen, in deren Verlauf Macron den französischen Pavillon in Frankfurt am Main eröffnet, während jede seiner Reformen alles das bedroht, was zum Fundament einer europäischen Kultur gehört."

Zum Buchmessenstart bringen SZ und taz ihre Literaturbeilagen, die wir in den kommenden Tagen auswerten. Unter anderem unterhält sich Ulrich Gutmair in der taz mit der Autorin Sasha Marianna Salzmann über deren Debüt "Außer sich". Dirk Knipphals telefoniert sich im taz-Feuilletonaufmacher unterdessen einmal durch den Literaturbetrieb, um zu erfahren, ob die Zahl der verkauften Bücher vor allem im mittleren Auflagenbereich wirklich schrumpft. Tilman Krause wagt in der Welt einen Blick in die französische Literatur jenseits von Houellebecq. Die FAZ gibt ihren Lesern derweil einen Leitfaden für "Angeberfranzösisch" in die Hand, um beim Messen-Smalltalk brillieren zu können.

Der türkische Schriftsteller und Journalist Ahmet Altan sitzt seit mehr als einem Jahr im Gefängnis. Aber dann auch wieder nicht, wie er in der NZZ erklärt. Schließlich ist er Schriftsteller: "Wenn ich aufwache und wütender Nordwind den Herbstregen gegen mein Fenster peitscht, dann beginne ich meinen Tag in einem Hotel am Ufer der Donau, vor dessen Tor jede Nacht Fackeln entzündet werden. Wenn mich das Geflüster des Schnees weckt, der sich auf dem Sims häuft, dann finde ich mich hinter dem Fenster der Datscha, in der Doktor Schiwago Zuflucht fand. Bis heute bin ich nicht ein Mal im Gefängnis erwacht - nie. Und das ist noch nichts im Vergleich zu meinen nächtlichen Abenteuern."

Weiteres: Bernd Noack erinnert in der NZZ an das von SDS-Protesten begleitete, letzte Treffen der Gruppe '47 im oberfränkischen Waischenfeld im Jahr 1967. Und Michi Straussfeld plädiert im Zeitalter des Smartphones für eine "neue Lesekultur" in der global vernetzten Welt. Alex Rühle plaudert in der SZ mit dem Autoren/Zeichner-Gespann Didier Conrad und Jean-Yves Ferri über deren neuen Asterix-Comic, der in wenigen Tagen erscheint.

Besprochen werden Orhan Pamuks "Die rothaarige Frau" (FR), Thomas Lehrs "Schlafende Sonne" (Standard), Heinrich Bölls erstmals veröffentlichte Kriegstagebücher (Zeit), Sam Bournes Thriller "Der Präsident" (Tagesspiegel), der von Annette Wassermann herausgegebene Band "L'amour toujours, toujours l'amour? Junge französische Liebesgeschichten" (Tagesspiegel), Eliot Weinbergers Essaysammlung "Vogelgeister" (Freitag) und Tristan Garcias "Faber" (FAZ, taz).
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Bühne


Aribert Reimanns "L'Invisible" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Bernd Uhlig

Als "surrealistisches Meisterwerk" feiert Julia Spinola in der SZ die Uraufführung von Aribert Reimanns Oper "L'Invisible" an der Deutschen Oper in Berlin unter der Leitung von Donald Runnicles: "Nie zuvor ist der Komponist Aribert Reimann thematisch so direkt auf das Ende zugestürmt, nie hat er den Tod musikalisch so frontal in den Blick genommen, nie hat er ihn zum Protagonisten eines gesamten Abends gemacht wie in seinem neuesten Bühnenwerk." Für taz-Kritiker Niklaus Hablützel scheint die Oper ein "Meisterwerk ohne Vorbild": "Sie lässt nicht mitleiden, nicht trauern, sondern beobachten und vielleicht verstehen, was der Tod ist." In der Welt schreibt Manuel Brug, in der FAZ erkennt Clemens Haustein auf "kühle Pracht". In der Berliner Zeitung sieht Peter Uehling auch den belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck rehabilitiert.

In der Berliner Zeitung unterhält sich Petra Koshse mit Thomas Oberender, dem Leiter der Berliner Festspiele, über Diskussionskultur, Fremdenhass und die AfD in der Kultur. Den Vorstoß Bernd Schmidts, AfD-Wähler im Friedrichstadt-Palast nicht willkommen zu heißen, findet er idealistisch, aber problematisch: "Diese subventionierten Häuser sollen kein closed shops 'ewiger' Werte sein, ihre Bühne gehört allen und zwar genauso wie ihre Säle, und diesen Anspruch darf man nicht aufgeben. Das gilt auch für AfD-Wähler, die da eine interessante Erfahrung machen können."

Im Merkur-Blog erhebt Peter Rehberg Einwände gegen den Genderwechsel in Thomas Ostermeiers Inszenierung von Didier Eribons "Rückkehr nach Reims". Warum liest denn bitte Nina Hoss den Text des schwulen Autors? "Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Inszenierung bemüht ist, die weitgehenden Einblicke in die schwule Existenz, die Eribons Text liefert, wieder auszugleichen. Gefiltert durch Nina Hoss' Körper werden die explizit schwulen, sexuellen Passagen für das Berliner Bildungsbürgertum verdaulich."

Besprochen werden Keith Warners Inszenierung von Benjamin Brittens "Peter Grimes" an der Frankfurter Oper (Frankfurter Neue Presse, FAZ), Noah Haidles Stück "Für immer schön" am Mannheimer Nationaltheater (Rhein-Neckar-Zeitung, SZ) und Leopold von Verschuers Inszenierung von Kathrin Rögglas Stück "Normalverdiener" am Theater Bamberg (Nachtkritik).
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Kunst


Frisch restauriert: Tintorettos "Disputa". Bild: Stefano Stabile/Wikipedia, unter cc-Lizenz.

Die große Tintoretto-Schau im Kölner Wallraf-Richartz-Museum wird Maßstäbe setzen und Diskussionen, sagt Andreas Platthaus in der FAZ voraus, zeigt sich selbst aber vor allem begeistert. Dass Tintoretto ein "Meister der Bewegung" zeigt sich ihm schon im Eingangsbild "Disputa": "Der Blick geht weit in die Tiefe des Gemäldes, dann verschwimmt beim Näherkommen die figurative Form, wird zu fast autonomer Farbflächenmalerei, bis dann unmittelbar vor der Leinwand der Fokus immer zielsicherer nicht mehr auf dem in der Fluchtlinie sitzenden kleinen Jesus, sondern auf dem Gesicht des gelbgewandeten Graukopfs rechts liegt, das wie ein individuelles Porträt aus der Leinwand heraussticht. Tintoretto steuert unsere taumelnden Augen wie durch einen Bildstrudel auf diesen Punkt."

In der taz freut sich Katrin Bettina Müller über die große, bereits mehrfach gefeierte Retrospektive, die die Berlinische Galerie der Künstlerin Jeanne Mammen widmet. Ihre Zeichungen prägen mittlerweile das Bild der zwanziger und dreißiger Jahre wie sonst nur Otto Dix und George Grosz, meint Müller: "Die existenzielle Härte ist oft der Grundton ihrer Zeichnungen. Ihre Protagonistinnen sind jung, mondän, modern, emanzipiert, elegant, nicht nur in den Modezeichnungen - aber selbst dort wirken sie nie, als wäre das Leben eine einfache Angelegenheit. Erotik und Begehren sind bei ihr nie weit von einem Markt mit grausamen Konditionen entfernt."

Besprochen wird auch Thomas Feuersteins Ausstellung "Prometheus delivered" im Berliner Haus am Lützowplatz (Tagesspiegel).
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Film

Auf Facebook verabschiedet sich Terry Gilliam vom französischen Schauspieler Jean Rochefort, den er ursprünglich als seinen Don Quixote besetzen wollte. Besprochen wird Alain Gomis' "Félicité" (FAZ).
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Musik

In der taz unterhält sich Tim Caspar Boehme mit dem Avantgarde-Komponisten Alvin Lucier, der bei dieser Gelegenheit auch erklärt, wie er dazu kam, mit Raumhall zu arbeiten: "Als Schüler spielte ich in einer Blaskapelle. Wir begannen in einem Tunnel zu spielen und gingen dann hinaus aufs Football-Feld. Ich selbst war Schlagzeuger. Das Echo war herrlich, wie es sich räumlich veränderte. Ich war auch Chorleiter. Beim Proben eines Bachstücks etwa suchte ich dann stets nach dem richtigen Tempo. Wenn man in einer Kirche auftritt, muss man der Akustik wegen etwas langsamer werden. Das waren sehr konkrete Erfahrungen, nichts Theoretisches." Bei dieser Arbeit hier sitzt er sehr konkret in einem Raum:



Weiteres: In der NZZ resümiert Peter Hagmann die Biennale Musica in Venedig. Für die Welt trifft sich Michael Pilz mit den Brandon Flowers von den Killers. In der NZZ erinnert Claus Lochbihler an Thelonious Monk, der heute vor 100 Jahren geboren wurde. Hier wagt er einen Tanz:



Besprochen werden ein Konzert von Nick Cave (FR), das neue Album von Wanda (SZ) und das neue Album "Masseduction" von St. Vincent (Tagesspiegel).
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