Efeu - Die Kulturrundschau

Überirdisch fixsternhell

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.05.2015. Unbehaustheit und wunderliche Schönheit findet die Welt in einer Ausstellung mit Werken der Neuen Sachlichkeit in Venedig. Richard Prince verkauft die Instagram-Fotos anderer für 100.000 Dollar das Stück und verstößt damit nicht gegen das Urheberrecht, lernen wir aus der Washington Post. Die SZ lässt sich von der iranischen Band Arian erzählen, wie Musiker im Iran drangsaliert werden. Die taz lässt sich erklären, warum in "Citizenfour" die Originaltöne von Snowdens Laptop überspielt wurden. Die FAZ feiert Marlis Petersens "Lulu".

Kunst


Jeanne Mammen, "Schachspieler", 1929 - 1930, Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst © Jeanne Mammen

Immer wieder beeindruckt ist Welt-Korrespondent Dirk Schümer von einer Ausstellung, die - zur Zeit in Venedig, später in Kalifornien - Werke der Neuen Sachlichkeit aus dem Deutschland der Weimarer Republik präsentiert: "Ein großer Vorteil der Ausstellung: dass neben geometrisch ziselierte, bewusst fühllose Stillleben der Unbehaustheit eines Anton Räderscheidt immer auch Fotos gehängt sind. Vor allem die großartigen Industrielandschaften, Gleise und öden Straßenszenen des Albert Renger-Patzsch erzählen von einem Land, das mit wunderlicher Schönheit in sich ruht und weiter bearbeitet wird, während die Menschen den Kompass offenbar total verloren haben."

Die Geschichte geht seit einigen Tagen durch Presse und Internet: Der Künstler Richard Prince, der mit vorgefundenen Fotos arbeitet, nimmt für Instagram-Fotos, die er bei Gagosian ausgestellt hat, 100.000 Dollar pro Stück - die ursrpünglichen Fotografen wurden nicht informiert und bekommen davon nichts ab. Oft sehen Prince" Fotos genau aus wie die Originale, schreibt Jessica Contrera in einem Blog der Washington Post, "und das hat natürlich oft zu rechtlichen Problemen geführt. 2008 hat der franzöische Fotograf Patrick Cariou Prince verklagt, nachdem er Carious Fotos der Rastafari-Community in Jamaika reproduziert hatte. Cariou gewann in der ersten Instanz, aber in der Berufung stellt das Gericht fest, dass Prince keinen Copyright-Verstoß begangen habe, weil seine Werke "transformativ" seien."

Die Werke waren in New York schon im September ausgestellt worden, erläutert Libération. "Gagosian hatte die Ausstellung zu diesem Zeitpunkt der Öffentlichkeit (bewusst?) vorenthalten und reservierte die Werke für einen VIP-Verkauf. Erst bei der Frieze Art Fair in New York, Anfang Mai, ist die Geschichte neu aufgekommen."

Medienanthropologin Christiane Brosius berichtet in der FAZ von den ersten Aufräum- und Restaurationsarbeiten, die junge Künstler zur Rettung der nach dem Erdbeben in Nepal zerstörten Bauten und Kunstwerke leisten: "Die Künstlergruppen reagieren so auf die Notwendigkeit, eine aktive und verantwortungsbewusste Zivilgesellschaft aufzubauen und Selbsthilfe zu betonen, wo ein Mangel institutioneller Strukturen besteht."

Weitere Artikel: Im Perlentaucher schickt Ulf Erdmann Ziegler aus Venedig den zweiten Teil seiner Biennale-Entdeckungen. Im Standard stellt Anne Katrin Fessler den österreichischen Architekten und Designer Friedrich Kiesler vor, dessen Ideen der Ausstellungsgestaltung derzeit im Mittelpunkt einer Ausstellung in der Kunsthalle Wien stehen. Die Ausstellung "Der Tanz der Ahnen" im Martin-Gropius-Bau mit schamanistischer Kunst aus Papua-Neuguinea zählt zu den "wundervollsten Ausstellungen von ganz Berlin", schwärmt Sabine Vogel in der FR. Für den Tagesspiegel porträtiert Silke Kettelhake den gerade in der Berlinischen Galerie ausgestellten Maler Bernhard Martin und dessen "infernalische, furiose Bilderwelten", in denen "Science-Fiction-Settings und Grimm"scher Märchenwaldspuk nebeneinander Platz finden."

Besprochen werden eine Ausstellung über Hieronymus Boschs Erbe im Dresdner Kupferstichkabinett (NZZ), die Ausstellung "ImEx" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (online nachgereicht von der FAZ), die Schau "L"Età dell"Angoscia" in Rom (FAZ), eine Ausstellung über die Leipziger Verlags- und Industriegeschichte im Museum für Druckkunst (FAZ) und die Ausstellung "La grande Trieste, 1891- 1914" in Triest (SZ).
Archiv: Kunst

Musik

Mounia Meiborg (SZ) unterhält sich mit Musikern der iranischen Band Arian unter anderem darüber, wie das iranische Regime Popmusiker gängelt und Repressalien aussetzt. Hinter allem steckt die Angst vor den religiösen Hardlinern, die im Land zwar eine Minderheit bilden, aber die Macht in Händen halten und Musikhören für eine Sünde halten: Das iranische TV zeige deshalb "zum Beispiel nie Musikinstrumente. Sie spielen Musik, laden sogar Sänger ein. Aber Musikinstrumente zeigen sie nicht. Ein anderer Grund sind die Reaktionen des Publikums. Die Zuschauer reagieren bei einem Konzert natürlich heftiger auf ein mitreißendes Lied als im Kino auf einen Film oder zu Hause auf ein Buch. Tanzen dürfen sie ja nicht, aber sie schreien und klatschen."

Hier sieht man sie bei einem Auftritt 2008 vor Publikum:



Außerdem: Jens Uthoff und Julian Weber unterhalten sich in der taz mit Katja Lucker und Christian Morin über deren Arbeit für das Berliner Festivals Pop-Kultur. Franziska Buhre berichtet in der taz vom Moers Festival, wo sie in der "Minimal-Brachial-Musik" von Colin Stetson "die Bewegungen im Erdinnern" zu hören meint. Katja Schwemmers plaudert in der Berliner Zeitung mit Disco"s Elder Statesman Giorgio Moroder. Christian Werthschulte empfiehlt in der taz den Kölnern den Auftritt von Arthur Russell am 01. Juni. Die Töchter von B.B. King haben eine Obduzierung des verstorbenen Blues-Musikers beantragt: Sie glauben, sein Manager habe ihn vergiftet - eine These, die Welt-Redakteur Michael Pilz popstarwürdig findet.

Besprochen werden das Jazzalbum "The Epic" von Kamasi Washington (ZeitOnline, Hörproben hier und hier) und das neue "Faith No More"-Album (FR).
Archiv: Musik

Literatur

Nach Dirk Knipphals von der taz ist auch Ina Hartwig für die SZ nach Georgien geflogen, um sich vor Ort das Kulturleben des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse 2018 anzusehen. Was die Literatur betrifft, ist sie dabei auf einige Hürden gestoßen, die es in den kommenden drei Jahren bis zum großen Auftritt in Deutschland noch zu überwinden gilt. Etwa bei den Versuchen, georgische Literatur an die deutschen Verlage zu vermitteln: "Die Sprache erweist sich als ernstes Problem: Wie soll man Bücher prüfen, die man nicht versteht? Englischsprachige Inhaltsangaben reichen kaum aus, um den Reiz eines literarischen Werks zu ermessen. ... Ein großer Jammer ist ferner, dass eine echte Literaturkritik in Georgien nicht zu existieren scheint (genauso wenig wie eine seriöse Presse); sie könnte, übersetzt, immerhin Orientierung bieten."

Besprochen werden Barbara Lehmanns Tschetschenien-Roman "Eine Liebe in den Zeiten des Krieges" (NZZ), David Foster Wallace" "Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache" (Zeit), Andrea Hiratas "Der Träumer" (FR) und Germaine Tillions "Die gestohlene Unschuld" (SZ, FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Film

Zum DVD-Start von Laura Poitras" Snowden-Doku "Citizenfour" (unsere Kritik) hat sich Christoph Strobel vom Freitag mit Soundtechniker Alexander Buck unterhalten, der den Ton des Films gemischt und zum Teil auch aus Sicherheitsgründen bearbeitet hat, wie er gesteht: Es wurden "alle Originaltöne, die Snowden auf seinem Laptop tippt, durch Tippgeräusche des Foley-Machers ersetzt. Das Team hatte festgestellt, dass es auch für Laien gar nicht so schwer ist, herauszuhören, was da getippt wurde."

Besprochen werden das an Filme von David Lynch erinnernde Regiedebüt "Lost River" des Schauspielers Ryan Gosling (Berliner Zeitung) und Gil Kenans Remake von "Poltergeist" (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Bühne

Die Kritik ist sich einig: Dmitri Tcherniakovs von Kiril Petrenko dirigierte "Lulu"-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper zählt nicht gerade zu den "starken Arbeiten" des Regisseurs", wie etwa Wolfgang Schreiber in der SZ schreibt: "Unfassbar: Tcherniakow macht aus dem textlastigen Gesellschaftstohuwabohu hilfloses Stehtheater mit seiner Menschenschar in Glaskästen." An denen sich Marlis Petersen in der Titelrolle überdies noch eine blutige Nase zuzog, wie wir von Eleonore Büning in der FAZ erfahren. Auch, aber nicht nur deshalb hält sie das mit den Glaswänden auf der Bühne für keine gute Idee. Umso ergriffener geht sie vor Petersens im zusehends blutbeklecksten Kleid auf die Knie: "Sie strahlt auch in dieser Produktion wieder so überirdisch fixsternhell, sie bewegt sich so akrobatisch-flexibel, sie singt so rotglühend, kristallklar, gestenstark, dass alle anderen Figuren rundherum vergleichsweise bleich oder grau wirken. Petersen verleiht Lulu so etwas wie eine dreidimensionale Menschenwürde. Sie ist kein Püppchen, nicht nur Spielball der Männerphantasien, vielmehr ein Charakter mit vielen Facetten." In der Presse sieht Wilhelm Sinkovicz das genau wie seine Kollegen. (Foto: Marlis Petersen als Lulu, (c) Bayerische Staatsoper/Hösl)

Weitere Artikel: Bei Mitarbeitern, Schauspielern und Regisseuren der Volksbühne herrscht einhellig miese Laune, was den von Tim Renner lancierten Intendantenwechsel am Haus betrifft, bringen Kerstin Krupp und Susanne Lenz für die Berliner Zeitung in Erfahrung. Frankreich diskutiert darüber, wie man nicht-weiße Schauspieler besser ins Theater integrieren könne, berichtet Joseph Hanimann in der SZ: "So überdurchschnittlich oft ein Schwarzer auf der Straße von der Polizei kontrolliert werde, so überdurchschnittlich selten werde ihm auf dem Theater eine Hauptrolle angeboten, sagt [Regisseur] Nordey."

Besprochen werden der Tanzabend "Spannweiten" des Hessischen Staatsballetts (FR), Claus Guths "Rosenkavalier"-Inszenierung in Frankfurt (FR) und Yael Ronens "Das Kohlhaas-Prinzip" am Maxim-Gorki-Theater in Berlin (SZ, mehr).
Archiv: Bühne