Efeu - Die Kulturrundschau

Verkrallt in ihr Gegenüber

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18.07.2017. Die NZZ besteigt die Franzensfeste und bewundert von dort aus den derzeitigen Höhenflug der Südtiroler Architektur. Politisch kann man Wolfgang Mattheuer gern rehabilitieren, aber bitte nicht ästhetisch, meint die SZ, die zudem der vergifteten Atmosphäre im Münchner Haus der Kunst nachspürt. Außerdem trauern die Feuilletons um den Horror-Auteur und Pionier des modernen Zombiefilms George Romero, dessen "Dawn of the Dead" noch immer in Deutschland verboten ist.

Architektur


Festung Franzenfeste in Bozen. Foto: Markus Scherer Architekt.

Jetzt machen sich die internationalen Architekturstars mit ihren Event-Bauten auch in Südtirol breit, schimpft Roman Hollenstein in der NZZ, dabei hat die Region das überhat nicht nötig. Tatsächlich erlebe sie gerade einen "baukünstlerischen Höhenflug", meint Hollenstein, und wie elegant und expressiv Architektur in Südtirol sein kann,  zeigt ihm der Umbau der Franzensfeste durch die Architekten Markus Scherer und Walter Dietl: "Scherer, der sich zusammen mit Walter Angonese schon 2003 mit dem ingeniösen Umbau von Schloss Tirol einen Namen gemacht hatte, versuchte die Patina des in seinem Urzustand erhaltenen Baudenkmals zu wahren und 'für zukünftige Besucher erlebbar zu machen'. Entstanden ist ein stilles, mitunter fast metaphysisch anmutendes Meisterwerk, das die besten Eigenschaften der neuen Südtiroler Architektur auf höchstem künstlerischem Niveau vereint und dabei an unerwarteten Stellen mit spektakulären Einfällen überrascht." Leider, leider annonciert die NZZ auch, dass der Architekturkritiker Hollenstein die Zeitung verlässt und in Pension geht.

Für den Standard besucht Wojciech Czaja die Kölner Ditib-Zentralmoschee, die nach acht Jahren Bauzeit, Grabenkämpfen und Prozessen am Wochenende im Juni in Betrieb ging. Gebetet wird - trotz moderner Architektur - immer noch streng nach Geschlechtern getrennt.
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Stichwörter: Franzensfeste, Südtirol

Bühne

Der Theaterwissenschaftler Peter W. Marx hat sich im New Yorker Central Park die "Julius-Caesar"-Inszenierung mit einem gedoubelten Donald Trump angesehen und denkt nun in der taz über performative und politische Spielräume nach.

Besprochen werden das Jugendstück "Ouropera" am Schillertheater (Tagesspiegel), das Teatro Barocco mit Mozarts "Bastien und Bastienne" und Schuberts "Der Hochzeitsbraten" in der Bibliothek von Stift Altenburg (Standard), Philippe Boesmans' Oper "Pinocchio" beim Musikfestival in Aix-en-Provence (Standard) und die Oper "Doktor Haass" nach Ljudmila Ulitzkaja am Moskauer Helikon-Theater (FAZ).
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Stichwörter: Donald Trump

Kunst


Wolfgang Mattheuer, Der Nachbar, der will fliegen, 1984. Kunsthalle Rostock

Die große Werkschau in Kunsthalle Rostock will den DDR-Maler Wolfgang Mattheuer rehabilitieren (unser Resümee). Politisch mag das für Till Briegleb in der SZ vielleicht noch aufgehen, nicht aber ästhetisch. In seinen Augen war Mattheuers Malerei von einem solch simplen Schematismus, dass sie kaum die Zeit überdauert: "Die Straße, die in die Sonne führt, steht vielfach für Flucht und Hoffnung. Die Masken, die sich seine grob gemalten Figuren aufsetzen, sind Anklagen der Heuchelei ... Der Titel der großen Werkschau zeigt also ungewollt, warum Wolfgang Mattheuers Kunst heutzutage eher flach und historisch bedingt erscheint und keineswegs wichtiger ist als 'Richter und Baselitz', wie Eduard Beaucamp meint (pdf). Mattheuers sozialistischer Korrektur-Realismus konzentrierte sich pädagogisch auf klare Bildaussagen, wenn auch mit sehr guten Absichten. Doch damit bleibt er im Geist belehrend und vordergründig, was seine kritische Kunst wiederum mit der offiziellen Staatskunstidee des sozialistischen Realismus gemein hat. Sie ist verkrallt in ihr Gegenüber." In der FAZ bemerkt Camilla Blechen vor allem die Vielzahl der Gemälde.

Weiteres: In einer großen Reportage auf Seite 3 der SZ widmen sich Susanne Hermanski und Kia Vahland dem Münchner Haus der Kunst, um dessen Umbau seit Monaten gestritten wird: "Giftig ist auch das Klima im Haus. Geschäftsführung und Betriebsrat sprechen kaum miteinander, und wenn, dann wird es schnell laut." Besprochen wird die Ausstellung "Die Erfindung der Pressefotografie" im Deutschen Historischen Museum Berlin (FAZ).
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Archiv: Kunst
Stichwörter: Wolfgang Mattheuer

Literatur

Seit geraumer Zeit feiert das Feuilleton den 200. Todestag von Jane Austen, heute ist endlich Stichtag. Dem irischen Schriftsteller Colm Tóibín ist die aufällige Abwesenheit von Müttern in Jane Austens Romanen ins Auge gesprungen, wie er in einem Text schreibt, den die aus der London Review of Books übernimmt: "In Jane Austens Erzählprosa bilden deshalb nicht Mutter und Tochter eine verschworene Gemeinschaft, sondern die Heldin und der Leser." Im Page-99-Test von Tell widmet sich Sieglinde Geisel mit Manfred Alliés und Gabriele Kempf-Alliés Neuübersetzung von Austens "Mansfield Park", die, ebenso wie die ältere Übersetzung von Christian und Ursula Grawe, "auf interessante Weise von Jane Austens Komposition abweicht." Susanne Ostwald befasst sich in der NZZ mit den Blüten der Jane-Austen-Industrie. Beim RBB liest Eva Mattes aus "Stolz und Vorurteil". Mehr zu Jane Austen aus der literarischen Blogosphäre auf Lit21.

Besprochen werden Frank Schäfers Biografie "Henry David Thoreau. Waldgänger und Rebell" (Jungle World), Simon Strauß' "Sieben Nächte" (online nachgereicht von der Zeit), Lewis Trondheims und Nicolas Keramidas' Hommage "Mickey's Craziest Adventure", mit der sich die beiden vor den Donald-Duck- und Mickey-Mouse-Abenteuercomics der 60er Jahre verneigen (Tagesspiegel) sowie neue Bücher aus Australien von Murray Ball und Gerald Murnane (NZZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Jane Austen, Colm Toibin

Film


George A. Romero 2009 bei den Filmfestspielen in Venedig (Bild: Nicolas Genin, CC BY-SA 2.0)

Das Feuilleton erweist Horror-Auteur George A. Romero die letzte Ehre. Der Pionier des modernen Zombiefilms hat die Figur des Untoten zwar weiß Gott nicht erfunden, schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ, doch gab er "den wie unbeirrte Schlafwandler schlurfenden Gestalten ihren unermüdlichen Fresstrieb und machte sie damit zur schärfsten Waffe gegen ein kaputtes, konsumgieriges Amerika." Vor allem aber hat Romero mit seiner "Nacht der lebenden Toten" im Jahr 1968 dem Horrorfilm den gemütlichen Spinnweb- und Theaterfundus-Grusel gründlich ausgetrieben, wie Daniel Kothenschulte in der FR festhält: "In schmutzigem Schwarzweiß hatte Romero einen Handkamera-Realismus entwickelt, der die vom phantastischen Kino erwartete Künstlichkeit völlig beiseite wischte." Der Hauptdarsteller Duane Jones war im übrigen schwarz, erinnert Jenni Zylka auf ZeitOnline, und das "in einer Zeit, in der kein Schauspieler der in alle Richtungen expandierenden Traumfabrik 'einfach so' schwarz sein durfte."

Kai Müller kommt im Tagesspiegel allgemein auf den Voodoo-Mythos im Horrorfilm zu sprechen. Weitere Nachrufe in taz, SZ, Welt und FAZ. Alle Kritiker würdigen auch insbesondere Romeros zweiten "Zombie"-Film, "Dawn of the Dead" von 1978, den sie streng genommen gar nicht kennen dürften: Der Film ist in Deutschland auch für Erwachsene per staatsanwaltschaftlichem Beschluss verboten. Einen seiner letzten Auftritte in der deutschen Öffentlichkeit hatte Romero in Hasko Baumanns Pilotfolge der von arte leider nicht fortgesetzten Personality-Show "Hotel Bela":



Weiteres: Hanns-Georg Rodek (Welt), Susanne Ostwald (NZZ) und Daniel Kothenschulte (FR) nehmen Abschied von Schauspieler Martin Landau. Für seine Darstellung des Bela Lugosi in Tim Burtons Hommage an den Trash-Filmemacher Ed Wood wurde er einst mit dem Oscar ausgezeichnet:



Besprochen wird João Pedro Rodrigues' "Der Ornithologe" (SZ, unsere Kritik hier).
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Musik

Das neue Album "A Walk with Love and Death" der Melvins nimmt Standard-Kritiker Karl Fluch zum Anlass für eine umfassende Würdigung der so langlebigen wie legendären Noise-Rock-Band, die "ihre Inspiration beim Hardrock der 1970er-Jahre und bei ein paar Aussätzigen des Punk und Hardcore bezieht. Als wesentliches Merkmal galt und gilt ihr Talent, bei voller Stromstärke mit beiden Beinen auf der Bremse zu stehen. Ein Kunstgriff, der der Musik der Melvins eine mäandernde Wucht verleiht. Schnell kann jeder Trottel, langsam ist die Kunst." Hier eine Kostprobe aus dem aktuellen Album:



Sehr angetan berichtet auch Aram Lintzel in der NZZ vom neuen Album "Home Counties" von Saint Etienne, deren Retro-Eklektizismus wieder seinen ganzen Charme ausspielt. Damit gelinge der Band "ohne pompöse Gesten (...) so etwas wie die Wiederverzauberung der Welt - und natürlich der Pop-Musik." Mehr dazu auf Pitchfork - sowie eine Hörprobe:



Weiteres: In der taz resümiert Judith Poppe das Berliner "New Life"-Festival, das sich eingehend mit der Musik geflüchteter jüdischer Komponisten befasste. Taz-Kritiker Julian Weber genießt Sonne und gute Stimmung beim Jazzfestival in Kopenhagen. In einem online nachgereichten Artikel aus der FAS erkundet Daniel Haaksman das Geschäftsmodell von Popfestivals. Josef Oehrlein berichtet in der FAZ vom Klavierfestival Ruhr, bei dem das Melodram wieder aufleben durfte. Frederik Hanssen porträtiert im Tagesspiegel die Oboistin Katharina Bäuml. Karl Fluch schreibt im Standard zum Tod des Austropop-Musikers Wilfried.


Besprochen werden ein Mahler-Konzert des SWR Symphonieorchesters (FR), ein Konzert von Ryan Adams (Tagesspiegel) und ein Elgar-Programm der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim (SZ).

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