Efeu - Die Kulturrundschau

Auf erhaben unpassende Weise stimmig

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26.06.2017. Geradezu betört sind Standard, Nachtkritik und FAZ von Christoph Marthalers Münchner Bodensee-Stück "Tiefer Schweb", das in wundermilden Gesängen von der geheimen Klausurdruckkammer 55b erzählt. Wim Wenders Berliner Operndebüt mit Bizets "Perlenfischer" nehmen die Zeitungen dagegen eher wohlwollend auf. Die Jungle World porträtiert die Clubmusikerin Jlin. Die SZ verspürt auf der Vienna Biennale angesichts der digitalen Zukunft die große Angst vor dem Souveränitätsverlust.

Bühne


In der Klausurdruckkammer 55b: Christoph Marthalers "Tiefer Schweb" an den Münchner Kammerspielen.

So großartig wie absurd findet Ronald Pohl im Standard das Unterwasserlabor, das Christoph Marthaler an den Münchner Kammerspielen mit seinem Bodensee-Stück "Tiefer Schweb" eingerichtet hat: "Auf neun umgewidmeten Ausflugsdampfern harren Flüchtlinge aus und warten auf ihre 'amtliche Registrierung'. Die Vereinigte Bodenseeverwaltung tut, was in solchen Fällen wahre Wunder wirkt. Sie schiebt die ganze Angelegenheit auf die lange Bank. Ein Ausschuss ist zusammengetreten. Seine Mitglieder tun, was Marthaler-Schauspieler von allen Fortschrittsverweigerern am besten können: Sie echauffieren sich ganz unangemessen. Sie verstricken sich in stumme, nutzlose Tätigkeiten, oder sie stimmen gemeinsam wundermilde Gesänge an, nur um das Chaos in den subalternen Seelen zu bändigen."

In der Nachtkritik schwärmt Christian Rakow: "An großen Abenden ist alles auf erhaben unpassende Weise stimmig." Auch in der FAZ ist Simon Strauss begeistert: "'Tiefer Schweb' ist ein Marthaler-Abend wie er im Buche steht. Voll sanftem Witz und unbeirrbarem Hang zur Rührung." Nur SZ-Kritikerin Christine Dössel ist das allerdings zu schrullig, putizg, harmlos.



Bizets "Perlenfischer" an der Berliner Staatsoper. Foto: Donata Wenders

Wim Wenders hat mit Bizets romantischer Oper "Perlenfischer" in Berlin seine erste Oper inszeniert. Wolfgang Schreiber nimmt das Debüt in der SZ wohlwollend auf: "Eigentlich will er gar keine Geschichte erzählen, sondern nur der dramatisch makellosen Musik dienen - so das zaghaft wirkende Konzept seiner Opernregie, die auf jede Interpretation, aufs Gesamtkunstwerk, verzichtet." In der NZZ schreibt auch Georg-Friedrich Kühn sehr freundlich, aber er weiß, dass Ausflüge von Film-Regisseuren ins Opernfach selten nachhaltig sind: "Im Film bestimmt die Schnitttechnik Tempo und Rhythmus, in der Oper die Musik; und die Bühne mit ihrer Totale verlangt Vorgänge." Dass sich Wender nicht vor die Komposition drängen wollte, findet Stephan Speicher in der Beliner Zeitung zwar sympathisch aber dennoch grundfalsch: "mit dem Verzicht auf einen gestalteten Raum, auf Requisiten hat er die Sänger allein gelassen". Ähnlich sieht das Manuel Brug in der Welt. Immerhin hat Wenders taz-Autor René Hamann in die Oper gelockt. Im Tagesspiegel erkennt Frederik Hanssen ungnädig auf "exotischen Edelkitsch".

Besprochen werden Ulrike Beimpolds Inszenierung von Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt" in der Sommerarena Baden (Standard) und Dieter Wedels Collage "Luther - der Anschlag" in Bad Hersfeld (FAZ).
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Literatur

Die Welt hat Andreas Rosenfelders glühendes Plädoyer für die Lyrik online nachgereicht: "Lyrik lesen heißt, so lange auf ein paar Buchstaben zu starren, bis in ihnen ein ganzes All aufblitzt", schreibt er. "Sie setzt die oft genug leere Gegenwart des Lesenden auf einen Schlag unter Strom, denn sie handelt immer vom Moment und seiner Flüchtigkeit. Im Kopf des Lesers erzeugt sie ein synthetisches Hier und Jetzt, das wie ein flirrendes Hologramm nur für wenige Augenblicke stabil bleibt." Der Deutschlandfunk bringt dazu ein Feature von Claudia Kattanek über Poesie im Alltag. Deutschlandfunk Kultur bringt John Burnsides Berliner Rede zur Poesie. Und in München erinnerte man sich bei einem Sommerfest an die Geschichte des seit 2014 nicht mehr verliehenen Petrarca-Preises für Lyrik, berichtet Nicolas Freund in der SZ.

Frankreich wird bei seinem Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse nicht etwa das "literarische Frankreich" präsentieren, "sondern die französischsprachige Welt der Literatur", berichtet Sandra Kegel in der FAZ: "Damit hat Sinety das nationalstaatlich angelegene Gastlandkonzept so charmant wie subversiv unterwandert. Gemäß dem französischen Wort 'hôte', das sowohl Gast als auch Gastgeber bedeutet, versteht sich der Eingeladene seinerseits als Einladender."

Weiteres: Kathrina Schipkowski und Nico Schnurr haben sich für die Nordausgabe der taz im "Goldenen Handschuh" umgesehen, welche Spuren der Hype um Heinz Strunks Roman in der Hamburger Kiezkneipe hinterlassen hat. Sarah Pines schreibt in der NZZ über den Sehnsuchtsort Schweiz in der Literatenwelt: "Die Schweiz hat Ovomaltine, Sauerampfer und Kletterseile, sie macht gesund und lebendig - warum eigentlich ist sie zum Sterben schön?" In der FR erinnert Christian Seidl an Pearl S. Buck, die vor 125 Jahren geboren wurde. Der Bayerische Rundfunk besucht Ror Wolf, der 85 Jahre alt wird. Auf Zeit online stellt Richard Diesing die deutsche Hörspielszene vor, die im Internet höchst alive and kicking ist.

Besprochen werden Martin Beckers Ruhrgebiets-Roman "Marschmusik" (Jungle World), James Rayburns Thriller "Sie werden dich finden" (Welt), der dritte, "Fletcher Hanks' bizarrer Comickunst" gewidmete Band der Reihe "Perlen der Comicgeschichte" (Tagesspiegel), eine Gesamtausgabe des dichterischen Werks von Debora Vogel (NZZ), und der von Vanessa Hannesschläger herausgegebene Briefwechsel zwischen Ernst Jandl und Ian Hamilton Finlay (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Marcus Roloff über Hans Thills "-münde":

"Möwen hatten alle Bullaugen und am Restorang
die Panoramascheiben zerpickt der Südost
..."
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Film

Denis Vetter schreibt in der Jungle World über die Filme von Bo Widerberg, die das FIlmkollektiv Frankfurt in einer Kinoreihe wieder entdeckt hat. In der SZ schreibt Rainer Gansera über Reinhard Hauff, dem das Filmfest München eine Hommage widmet. Besprochen wird Philippe Van Leeuws "Innen Leben" (taz).
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Archiv: Film

Musik

In der Jungle World porträtiert Philipp Rhensius die Musikerin Jlin, die mit ihrem Album "Black Origami" mit die derzeit interessanteste Clubmusik mache. Das Album vereine "alles, was das von Erwartungsdruck und Like-Gesellschaft perforierte Ich des 21. Jahrhunderts mit Hang zur akustischen Reizüberflutung ruhigstellt: Hyperschnelle Hihats, die wie Helikopter durch den Raum fliegen, scharf geschnittene, abgehackte Vocalsamples, Subbässe, die den Bauch wärmen, und tribalistische Percussions. ... Das Vertiefen in die von Rhythmus dominierten Stücke ist eine akustische Tour de Force, das Betreten eines Labyrinths, das in jedem Moment weitere Abzweigungen produziert." Dazu ein ziemlich fantastisches Video:


Mit dem Album "Impassable Fears" der experimentellen Metalband Gravetemple bereist Christian Schachinger vom Standard das "Dröhnland der waidwund grunzenden Agonie", wo er von "den Feinheiten des Düdeldüs und Umgreifens" gottlob verschont bleibt und stattdessen "in nächtlichen Exerzitien im lichtscheuen Duracell-Land das menschliche Leid an sich" erforscht - hier eine Hörporbe für die Hartgesottenen.

Weiteres: In der Frankfurter Pop-Anthologie bezieht Jan Wiele Peter Igelhoffs "Dieses Lied hat keinen Text" von 1940 auf "Soul To Squeeze" der Red Hot Chili Peppers.

Besprochen der Auftritt der Fehlfarben in der Berliner Volksbühne (Berliner Zeitung), das neue Album von Rapper Vince Staples (Welt), ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Robin Ticciati (Tagesspiegel), das Hannoveraner Konzert von Guns'n'Roses (taz), ein Konzert des BR-Symphonieorchesters unter Kent Nagano (SZ) und online nachgereicht Siegbert Rampes Biografie über den vor 250 Jahren gestorbenen Komponisten Georg Philipp Telemann (NZZ, FAZ).
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Kunst



"Hello, Robot". Ausstellungsansicht. Vienna Biennale.

Auf der Vienna Biennale unter dem Titel "Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft" spürte Bernd Graff in der SZ bei allem Nachdenken über Künstliche Intelligenz, Cyborgs und Drohnen, Humanität und Selbstoptimierung vor allem eine große Angst vor dem Verlust der eigenen Bedeutung und der Souveränität: "Entsprechend zeigen die Wiener Ausstellungen also weniger die autark handelnden Maschinen als vielmehr ihre irritierende Wirkung auf die ihnen ausgesetzten Menschen. Sie dokumentieren ästhetische Verarbeitungsversuche von Verunsicherung und struktureller Überforderung durch eine (über-)mächtige Technik. So steht diese Biennale gewissermaßen unter dem Diktum des späten Martin Heidegger: 'Das Große des zu Denkenden ist zu groß.'"

Weiteres: Zum hundertfünfzigsten Geburtstag von Käthe Kollwitz sorgt sich Nicola Kuhn im Tagesspiegel um die Zukunft ihres Berliner Museums.
Archiv: Kunst