Efeu - Die Kulturrundschau

Echte oder erzwungene Tränen

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02.06.2017. Die NZZ erklärt, wie das iranische Kino von Repression und Zensur profitiert. Die Zeit erklärt, warum es ein Privileg der Lyrik ist, brotlos zu sein. Die SZ erfährt bei der Münchner Ausstellung "After the Fact", was die Gegenwartskunst der Propaganda entgegenzusetzen hat. Ebenfalls in der SZ erinnert Wolf Wondratschek an Zeiten, als sich Journalisten ihre Arbeit noch mit Gold aufwiegen lassen konnten. Und alle nehmen Abschied vom großen Dramatiker Tankred Dorst.

Kunst


Coco Fusco, A Room of One's Own: Women and Power in the New America. Performance. Whitney Biennial 2008. Foto: Eduardo Aparicio. Courtesy die Künstlerin und Alexander Gray Associates

Ein aktuelleres und relevanteres Thema als Propaganda kann sich Johan Schloemann (SZ) gar nicht vorstellen, weswegen er der Ausstellung "After the Fact" im Münchner Lenbachhaus zunächst einmal skeptisch gegenübersteht. Doch darin geht es weniger um tagesaktuelle Gegenpropaganda mit plumper politischer Aussage, wie Schloemann erleichtert feststellt, sondern um subtilere Strategien: "Nah dran ist da etwa der amerikanische Künstler John Miller, vom dem neben dem grotesken Setting einer Quizshow eine Reihe von Bildern zu sehen ist, die jene Momente in Reality-TV-Sendungen festhalten, in denen echte oder vermeintliche Betroffene in echte oder erzwungene Tränen ausbrechen. Die scheinbare Veredelung solch mieser Augenblicke durchs Tafelbild rührt an Tiefenschichten unserer Kultur, und zugleich denkt man daran, dass ein Reality-TV-Star jetzt im Weißen Haus sitzt."

Weiteres: Die FAZ besucht das von Jörg Friedrich entworfene neue Dresdner Kulturquartier "Kraftwerk Mitte". Besprochen werden die Wiener-Festwochen-Ausstellung "The Conundrum of Imagination" im Wiener Leopold Museum (taz) und die Ausstellung "Zwischen den Zeilen" im Sprengel-Museum in Hannover (taz).
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Musik

Am selben Tag wie "Sgt. Pepper" von den Beatles erschien auch das Debütalbum von David Bowie, erinnert Pete Paphides in The Quietus. Christoph Wagner gratuliert in der NZZ dem Schlagzeuger Pierre Favre zum 80. Geburtstag. Julian Weber gratuliert Rolling Stone Ron Wood zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album "Home Counties" von Saint Etienne (taz, The Quietus), das neue Album "Nuit Blanche" des Tarkovsky Quartets (Standard), das neue Album von Bonaparte (FR), ein Konzert von Radu Lupu (Standard), ein Dokumentarfilm über das Streichquartett Quatuor Ebène (NZZ), ein Konzert von Paul Weller (Tagesspiegel, Welt), das neue Album von Schlachthofbronx (taz) und weitere neue Popalben, darunter "I Used To Spend So Much Time Alone" von Chastity Belt (ZeitOnline).
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Stichwörter: Saint Etienne

Literatur

Lyriker fordern ein Grundeinkommen für ihren Berufsstand und höhere Lesungshonorare, berichtet Ijoma Mangold in der Zeit. Hintergrund ist das Ergebnis einer Umfrage, das die kargen wirtschaftlichen Lebensgrundlagen von Lyrikern aufdeckt. Mangold reagiert auf die Forderungen skeptisch: "Dann müsste es staatliche Institutionen geben, die entscheiden, wer offiziell als Lyriker und damit als Leistungsempfänger anerkannt wird. Gottfried Benn ging jeden Tag in seine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Natürlich hat er geklagt, seine Lyrik hat davon eher profitiert. Vielleicht ist es ja sogar ein Privileg, dass sich Lyrik nicht pekuniarisieren lässt? Für die bildenden Künste ist ihre extreme Kapitalisierbarkeit längst zu einem schleichenden Gift geworden."

Wer die Lyrik aktiv unterstützen will - hier unser Überblick über aktuelle deutsche Gedichtbände.

Der Schriftsteller Wolf Wondratschek schwärmt in einer von der SZ dokumentierten, in seinem alten Gymnasium gehaltenen Rede von den guten, alten Zeiten, als man auf journalistische Textangebote noch mit einem kecken "Das wird teuer" antworten konnte. Und er bestand auf Barauszahlung: "Ich wollte den Dreck, den Geld für mich darstellt, sehen. Wie ein Arbeiter, der freitags seine Lohntüte kriegt, Geld sehen will. Es gibt eine Anekdote, die niemand für wahr hält, die es aber ist. Ich soll von meinem Verleger für ein Manuskript nicht Geld, sondern eine Kiste Gold verlangt haben. Stimmt, habe ich."

Weiteres: In der NZZ schreibt der Schriftsteller Alain Claude Sulzer über seine Büchervernarrtheit. Christina Dongowski befasst sich im Auftakt einer neuen FAZ-Reihe über Jane Austen mit den Nebenfiguren im Werk der britischen Schriftstellerin.

Besprochen werden Joseph Hanimanns "Der Unzeitgenosse: Charles Péguy - Rebell gegen die Herrschaft des Neuen" (NZZ), Simone Meiers "Fleisch" (NZZ), Uwe Kopfs "Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe" (Tagesspiegel), Saleem Haddads "Guapa" (FR), Karl Ove Knausgårds "Kämpfen" (FR), J.D. Vance' "Hillbilly-Elegie" (ZeitOnline) und Donna Leons "Stille Wasser" (Welt).
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Bühne

In Berlin starb gestern 91-jährig der Dramatiker Tankred Dorst. Im Tagesspiegel schreibt Peter von Becker im Nachruf: "Pathos-Stoffe, Krieg und Frieden, Liebe und Tod, waren ihm vertraut, doch alle Pathetik blieb ihm fern. Er besaß die Kunst, die laut Brecht die größte ist: das Schwere leicht zu machen. Auch in Person. Tankred Dorst hatte die Anmut eines sanften Riesen, er war eine Erscheinung, mit seinem mächtigen, noch im Alter füllig weißen Lockenhaupt und dem massigen, doch graziösen Körper."

Mit Dorst verliert Deutschland seinen "Dichterfürsten", schreibt Christine Dössel in der SZ: "Wenn es einen Motor gibt in Tankred Dorsts rastlosem Schaffen, dann ist es diese unerschöpfliche Neugier, die ihn auszeichnete und jung hielt. Er war immer mit mindestens drei Projekten gleichzeitig beschäftigt, wissend: 'Was einen lebendig hält, ist die Arbeit.'"

Auch Andreas Rossmann hebt in der FAZ Dorsts beeindruckende Vielseitigkeit hervor: "Parabel und Farce, Spiel mit der Gegenwart und der Geschichte, Märchen und Mythos, Romanze und Religion: Kein deutscher Dramatiker der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wechselt so selbstverständlich die Genres und spricht in so verschiedenen Ichs, Sprech- und Sprachmasken." Weitere Nachrufe in FR, NZZ und taz.

Weiteres: In der NZZ zieht Martin Lhotzky ein enttäuschtes Zwischenfazit der Wiener Festwochen. In der taz informiert Katja Kollmann über möglicherweise vorgeschobene Ermittlungen gegen den russischen Theater- und Kinoregisseur Kirill Serebrennikow wegen Veruntreuung.

Besprochen werden Ivo van Hoves Adaption von Luchino Viscontis "Obsession" bei den Wiener Festwochen (Standard, Presse, SZ), das Tanzstück "Jaguar" von Marlene Monteiro Freitas und Andreas Merk im Berliner HAU (taz) und Frank Castorfs Stück "Ein schwaches Herz" nach Fjodor M. Dostojewski und Michail A. Bulgakow an der Berliner Volksbühne (nachtkritik).
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Film

Sollte man als filminteressierter Mensch dem iranischen Regime im Grunde nicht sogar dankbar sein? Diesen Eindruck könnte man jedenfalls fast gewinnen, wenn man liest, wie Urs Bühler in der NZZ in seinen Artikel über das 3. Iranische Filmfestival in Zürich einsteigt: "Mitunter erblüht die Kunst unter schwierigsten Bedingungen besonders reichhaltig. So ist inmitten einer von Zensur und Verboten gesteuerten Kulturlandschaft, wo vom Skript bis zur Freigabe für ausländische Festivals alles bewilligungspflichtig ist, in Iran eine höchst lebendige Filmszene entstanden. Deren Früchte haben der Branche in den letzten Jahren hochkarätige Festivalerfolge und weltweite Bewunderung beschert."

Derweil widmet sich in Berlin eine vom Filmkritiker Frédéric Jaeger kuratierte Filmreihe iranischen Regisseurinnen, darunter insbesondere Tahmineh Milani, "die oft als die feministische Filmemacherin Irans schlechthin bezeichnet wird", wie Sarah Pepin in der Berliner Zeitung informiert.

Weiteres: In der SZ ärgert sich Philipp Stadelmaier über gefühlige "Mensch und Natur"-Dokus mit globalem Appeal, die ihre Sujets auf "kulturelle Stereotype und Gefühlskitsch reduzieren".

Besprochen werden Matti Geschonnecks Verfilmung von Eugen Ruges Bestseller "In Zeiten des abnehmenden Lichts" mit Bruno Ganz (Tagesspiegel) und Ry Russo-Youngs Teenie-Thriller "Before I Fall" (FR, Tagesspiegel, unsere Kritik hier). Didi Hallervorden genießt derweil den Sommer.
Archiv: Film
Stichwörter: Iranisches Kino