Efeu - Die Kulturrundschau

Alle Schwundstufen der Anbetung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.05.2017. Die Welt segelt mit den deutschen Größen der Dekadenz nach Venedig. Im Freitag unterhalten sich Chris Dercon und der amerikanische Künstler Kerry James Marshall über die Selbstbestimmung schwarzer Künstler. Der Standard bekommt von Milo Rau und Robert Misik auf der Agora Schaf serviert.  Zeit Online wagt eine Attacke auf die allseits verehrte Serie "House of Cards". Die Stuttgarter Zeitung freut sich auf Dominik Grafs heute Abend gezeigten Kunst-Thriller "Am Abend aller Tage".

Kunst


"The Boat is Leaking. The Captain Lied". Foto: Delfino Sisto Legnani und Marco Cappelletti. Fondazione Prada

Als echten Coup feiert Welt-Kritiker Dirk Schümer die Ausstellung "Das sinkende Schiff" in der Fondazione Prada in Venedig, für die der Berliner Museumsmann Udo Kittelmann den großen Diskursarchitekten Alexander Kluge, die Bühnenbildnerin Anna Viebrock und den Fotografen Thomas Demand zusammenbrachte: "Wohl wegen der in Venedig allgegenwärtigen und an mancher Bar durchprobierten Verheißung des stilvollen Absaufens hat Kittelmann seine Dreierschau in den Räumlichkeiten der Fondazione Prada unter ein maritimes Motto von Shakespeare gestellt: 'The Boat is Leaking'. Und in der Tat, die drei deutschen Dekadenzgrößen haben mit großem Vergnügen nichts im Griff auf dem sinkenden Schiff."


Kerry James Marshall: "Untitled (Studio)", 2014. Metropolitan Museum of Art

Im Interview mit Chris Dercon spricht der amerikanische Maler Kerry James Marshall im Freitag über Schwarze in der kollektiven Bilddatenbank und den Stand afroamerikanischer Künstler in der Kunst: "Es gibt etwas, das uns fehlt. Und das reicht zurück bis zu den Differenzen zwischen dem Black Liberation Movement, das auf Selbstbestimmung pochte, und der Bürgerrechtsbewegung, die auf Integration setzte. Selbstbestimmung setzt Kompromisslosigkeit voraus. Man etabliert eine Struktur, die ermöglicht, dass man bekommt, was man will. Unabhängig davon, was andere denken, was dir zusteht. Diese Selbstbestimmung fehlt uns. Wir verfügen nicht über ein unabhängiges ökonomisches System. Die Museen, Galerien und Sammler - das ganze Zeug eben, das die Kunstwelt am Laufen hält."

Anlässlich ihrer Ausstellung im Frankfurter MMK erinnert sich die die Künstlerin Carolee Schneemann im Interview mit der FAZ daran, wie schwer es Künstlerinnen im New York der sechziger Jahre hatten: "Frauen waren abnorm. Man konnte vielleicht nackt für Man Ray oder Yves Klein posieren. Man gehörte nur dazu, wenn man schön war."

Mit der bereits sehr gefeierten Ausstellung in der Fondation Beyerle wird Damian Zimmermann in der taz klar, worin die Bedeutung Wolfgang Tillmans als Fotograf besteht: "Er ist nicht der Wildeste unter den Wilden und er ist nicht der Sensibelste unter den Sensiblen. Er ist weder ein begnadeter Inszenierer noch ein fantastischer Lichtsetzer. Aber er ist einer der größten Entdecker und (Neu-)Erfinder des Mediums. Und mit Sicherheit einer der Experimentierfreudigsten und -süchtigsten, der Vielseitigsten und Neugierigsten. Tillmans ist ein Fotograf, der das Sehen liebt."

Besprochen werden die Ausstellung über den Kunstsammler Alfred Flechtheim im Berliner Kolbe Museum (taz), die Retrospektive des griechisch-österreichischen Bildhauers Joannis Avramidis im Wiener Leopold-Museum (Standard) und die große Schau zur Reise von Zar Peter dem Großen nach Frankreich, deretwegen nun auch Putin nach Paris gekommen war (die laut Joseph Hanimann in der SZ jedoch ein nebensächliches Ereignis historisch ziemlich aufbläht).
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Bühne


Szene aus Chaya Czernowins "Infinite Now". Foto: Nationaltheater Mannheim

Schonungslos fordernd, radikal und intensiv - NZZ-Kritiker Marco Frei ist beeindruckt von Chaya Czernowins in Mannheim aufgeführter Weltkriegsoper "Infinite Now", die tief in die Abgründe der menschlichen Existenz führe: "Diese Menschen sind gebrochen, irren umher wie Untote, vom Wahnsinn gezeichnet. Nur die Musik spricht aus, was im tiefsten Inneren dieser Gepeinigten vorgeht. Sie keucht atemlos oder kratzt metallisch, wuselt geräuschhaft oder schweigt ganz, um bald in großflächigen Klangtexturen auszubrechen."

Ziemlich gewitzt findet Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller den von Milo Rau und Robert Misik konzipierten Diskussionsabend "Agora" im Schauspielhaus Wien: "In der Demokratie entscheiden alle, Wölfe wie Schafe, was es abends zu essen gibt, und es gibt dann immer Schaf." In der Presse spottet dagegen Norbert Mayer über diesen "netten, kleinen Treff für Unzufriedene aus Bobostan". In der Nachtkritik spürte Leopold Lippert ein echtes Interesse, den Standpunkt des anderen zu verstehen.

Weiteres: In der taz berichtet Gerrit Wustmann von den Attacken der AfD gegen Reza Jafaris Chaostheater in Aachen. Matthias Heine resümiert in der Welt von der Pressekonferenz des Intendanten Oliver Reese, der für das Berliner Ensemble einen Neuanfang verspricht, keinen postdramatischen Humbug und Ensembletheater
mit Repertoirebetrieb. Und Rüdiger Schaper beruhigt im Tagesspiegel die Fans Frank Castorfs: "Der scheidende Volksbühnen-Intendant bringt am 1. Dezember am BE seine Fassung von Victor Hugos 'Les Misérables' heraus."
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Literatur

Harro Zimmermann erinnert in der FR daran, welchen Unmut Günter Grass in den Sechzigern nicht nur bei Regierenden, sondern auch bei Studenten auslöste. Für die SZ unterhält sich Christoph Haas mit dem Comiczeichner Terry Moore, der in seinen Geschichten mit Vorliebe weibliche Figuren in den Mittelpunkt des Geschehens rückt.

Besprochen werden Kanae Minatos "Geständnisse" (Tagesspiegel), Claude Simons "Das Pferd" (NZZ), Tomas Espedals "Biografie Tagebuch Briefe" (FAZ) und der Briefwechsel zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung (SZ).

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Musik

Paavo Järvi übernimmt ab der Spielzeit 2019/20 die Nachfolge von Lionel Bringuier als Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters, meldet Tobias Sedlmaier in der NZZ. Eine hervorragende Lösung, meint Christian Wildhagen: "Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass das Tonhalle-Orchester ganz unmittelbar von Järvis reichen Erfahrungen mit unterschiedlichsten Ensembles (auch in der Tradition der historischen Aufführungspraxis), von seiner starken medialen Präsenz und nicht zuletzt von seiner beachtlichen internationalen Reputation profitieren wird."

Peter Hagmann berichtet von der gestrigen Pressekonferenz und lobt die Arbeit der Findungskommission. Ein Detail ist ihm noch aufgefallen: Anders als Järvis Vorgänger Bringuier, der lediglich als Chefdirigent des Orchesters geführt wird, "gilt für Paavo Järvi wieder die ehedem gültige Doppelbezeichnung als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter. Das heißt, dass Järvi nicht nur für seine eigenen Auftritte verantwortlich zeichnen, sondern auch auf das Programm insgesamt Einfluss nehmen wird." Der neue Chefdirigent versteht sich selbst als "Teamplayer", versichert er im knappen Interview mit Peter Hagmann.

Weiteres: Im Tagesspiegel erinnert Christian Schröder an das vor 50 Jahren erschienene Beatles-Album "Sgt. Peppers". In der SZ porträtiert Helmut Mauró den "virtuosen und enthusiastischen" Cembalisten Jean Rondeau.

Besprochen werden ein Konzert von Pierre-Laurent Aimard und Tamara Stefanovich im Rahmen des Boulez-Schwerpunkts des Wiener Konzerthauses (Standard, NZZ), Tim Mohrs "Stirb nicht im Warteraum der Zukunft. Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer" (Freitag), das neue Album von Käptn Peng (taz), der von Detlef Diederichsen und Florian Sievers herausgegebene Band "Pop 16 - 100 Jahre produzierte Musik" (FR) und eine Compilation mit Songs von Jody Reynolds (Standard).
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Film


Kinoreife Bilder: Dominik Grafs Fernsehthriller "Am Abend aller Tage" (Bild: BR)

Heute Abend zeigt Das Erste Dominik Grafs "Am Abend aller Tage", einen gleichermaßen vom Gurlitt-Fall wie von Henry James' Novelle "Die Aspern-Schriften" inspirierten Film. Sascha Keilholz verspricht auf critic.de einen handfesten "Kunst-Thriller", Tilmann Gangloff von der Stuttgarter Zeitung erkennt in der Suche um ein Bild, das womöglich gar nicht existiert, einen "Mystery-Thriller": "Von Anfang an prägt Rätselhaftigkeit diesen Film, zumal die Musik (Sven Rossenbach und Florian van Volxem) nahelegt, dass sich was zusammenbraut; sie sorgt bis zum Schluss dafür, dass eine ominöse Atmosphäre über den Bildern schwebt. Pure Kunst ist auch die Bildgestaltung von Martin Farkas. Auf einem kleinen Bildschirm kann 'Am Abend aller Tage' unmöglich seine ganze Wirkung entfalten; im Grunde gehört der Film ins Kino." Der Film untersuche "die unzeitgemäße Zwecklosigkeit von Kunst und Liebe und verachtet souverän alle Schwundstufen der Anbetung", so Heike Hupertz in der FAZ.

Außerdem startet heute die neue Staffel der Netflix-Serie "House of Cards" - klar, dass die Serie um einen zynisch-schmierigen US-Präsidenten unter den Vorzeichen der Präsidentschaft Trumps unter einem ganz neuen Druck steht: Sie muss sich an der Realität messen lassen. Das von Kevin Spacey gespielte Polit-Aas Frank Underwood wirkt auf Sebastian Moll von der Berliner Zeitung unter diesen Umständen beinahe schon beruhigend: "Immerhin hat man es bei Underwood mit jemandem zu tun, der berechenbar ist." Adrian Daub von ZeitOnline verreißt die von Kritikern jahrelang gehypte Serie: Sie sei ja bloß eine "Schmierenkomödie", die "einen Blick hinter die Kulissen nur vorgaukelt." Und er fragt sich: "Kann es sein, dass der alles zukleisternde Zynismus, mit dem Serien wie 'House of Cards' den Politikbetrieb in Washington behandeln, dazu beigetragen hat, dass Donald Trump die Fiktion nun übertroffen hat?"

Weiteres: Im Freitag befasst sich Georg Seeßlen mit Europa im Film.

Besprochen werden das Biopic "Born to Be Blue" über Chet Baker mit Ethan Hawke (Jens Balzer beklagt sich auf ZeitOnline über arge "Künstlerfilm-Klischees"), Matti Geschonnecks Verfilmung des Romans "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (FAZ) und das "Baywatch"-Kinoremake, dem es SZ-Kritiker David Steinitz ziemlich übel nimmt, dass dabei sein "Über-Ich und Es einen Spagat aus plumpester Verführungsmechanik und gleichzeitig mitgelieferter Selbstkasteiung bewältigen" soll.
Archiv: Film