Efeu - Die Kulturrundschau

Papierverschwendung für Narzissten

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24.05.2017. Cannes will die Filmkritiker dieses Jahr nicht recht begeistern: Überambitioniert und feige, finden sie. Lieber in die heimischen Kinos gehen, meinen SZ und Zeit und empfehlen Terrence Malicks schwelgerischen Bilderreigen "Song to Song". Im monopol-magazin sprechen Gilbert & George über Kunst gegen religiösen Fundamentalismus. Die deutsche Gegenwartsliteratur glaubt nicht mehr an die Verbesserung der Welt, stellt die NZZ fest.

Kunst


Gilbert & George: Astro Star 2013, aus der Serie Scapegoating pictures © Gilbert & George

Im monopol-Interview mit Saskia Trebing spricht das Künstlerduo Gilbert & George anlässlich der in der Berliner Matthäuskirche gezeigten Bildserie "Scapegoating" über Luther, Sündenböcke und Kunst gegen religiösen Fundamentalismus: "Gilbert: Anderswo könnte man uns wahrscheinlich aufhängen. Islamistische Fundamentalisten glauben, dass sie Ungläubige umbringen können. Wir sind 'dirty people' für sie. Sie glauben, dass sie Recht und wir Unrecht haben, und das ist ein großes Problem. George: Wir sagen immer: Verbannt die Religionen! Verbrennt dieses Buch! Es sind doch alles menschgemachte Götter: ägyptische Götter, griechische Götter, Hindu-Götter, Voodoo-Götter, christliche, jüdische, islamische Götter. Sie sind alle erfunden. Das zu akzeptieren, wie wir es tun, ist tolerant."

Weiteres: In der Berliner Zeitung unterhalten sich Ingeborg Ruthe und Jochen Arntz mit dem Maler Klaus Fußmann über Kunst und Glauben. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Meisterwerke der französischen Kunst" aus dem Puschkin Museum im Herzoglichen Museum Gotha (FAZ).
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Stichwörter: Gilbert & George

Film

In Cannes steckt der Wurm drin - zumindest ist in den Berichten heute kein wirkliches Zentrum auszumachen: Jeder berichtet von etwas anderem. Tatsächlich kranke der Wettbewerb an den Überambitionen namhafter Regisseure, bestätigt Andreas Busche im Zwischenfazit im Tagesspiegel. Manch ein Film sei bloß noch "Ausdruck blanker Selbstüberschätzung. Gute Ideen finden keine Form - oder umgekehrt. ... Der Berlinale-Wettbewerb wirkt da durchlässiger für die sogenannten kleineren Arthouse-Produktionen." Weshalb man in Cannes laut Busche derzeit gut beraten sei, mit den Nebensektionen vorlieb zu nehmen. "Cannes ist feiger geworden in den letzten Jahren", bestätigt auch Rüdiger Suchsland auf Artechock (und schnappt nebenbei noch einige Gerüchte über Kosslicks Berlinale-Nachfolge auf). Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus erlebt in Cannes immerhin "ei­ne in­ter­es­san­te Span­nung zwi­schen der De­ka­denz ei­ner rund um die Uhr sich selbst fei­ern­den Film-Bub­b­le und ei­nem Ki­no, das sich auf der Lein­wand als mo­ra­li­sche An­stalt ge­riert."

Was schreibend die Anderen? Daniel Kothenschulte arbeitet sich in der FR noch an Michael Hanekes "Happy End" (mehr dazu im gestrigen Efeu) ab und hält Yorgos Lanthimos' Thriller "The Killing of a Sacred Deer" für eine ziemlich lauwarme Angelegenheit. Letzteren findet auch FAZ-Kritikerin Verena Lueken schon irgendwie recht gut. NZZ-Kritikerin Susanne Ostwald erlebt mit Naomi Kawases "Hikari" den ersten wirklich großartigen Film des Wettbewerbs (mehr dazu bei Michael Kienzl von critic.de). Tim Caspar Boehme hebt in der taz Hong Sang-Soos "The Day After" hervor (ausführlicher dazu: Till Kadritzke auf critic.de). Und Tobias Kniebe klagt in der SZ sein nachvollziehbares Leid darüber, dass er sich von den heißen Festivalpartys stets vorzeitig ins Hotelbett verabschieden muss, da in Cannes die Pressevorführungen ja so früh beginnen.


Michael Fassbender und Rooney Mara in Terrence Malicks "Song To Song" (Bild: Studiocanal).

Spannenderes Kino ist derzeit also offenbar tatsächlich in den heimischen Kinosälen zu erleben: Dort startet diese Woche Terrence Malicks neuer Bilderreigen "Song To Song", in dem Michael Fassbender, Rooney Mara, Ryan Gosling und Natalie Portman einander in wechselnden Konstellationen vor der Kulisse der Austiner Musikszene umkreisen. Eine Geschichte erzählt Malick auch hier nicht, schreiben die Kritiker. Stattdessen geht es wieder wild assozativ und schwelgerisch zu - wie man es von dem US-amerikanischen Auteur in den letzten Jahren gewohnt ist. Absolut beeindruckend findet David Steinitz von der SZ "die Ernsthaftigkeit, mit welcher der mittlerweile 73-jährige Malick von ersten Küssen und Liebeskummer, von Verführungskünsten und Sex erzählt." Kevin Neuroth verspricht auf ZeitOnline "ein einzigartiges Erlebnis". Ziemlich schlecht gelaunt kam dagegen FAZ-Kritiker Simon Strauss aus der Pressevorführung: Ein "vulgärmetaphysischer Druck" liege auf "Song to Song", klagt er. Für Das Filter haben sich Tim Schenkl und Alexis Waltz über den Film unterhalten.

Weiteres: Große Trauer um "James Bond"-Darsteller Roger Moore - Nachrufe schreiben unter anderem Bert Rebhandl (Standard), Frank Olbert (FR), Mikael Krogerus (Freitag), Lorenz Horn (taz), Philipp Bühler (Berliner Zeitung), Cosima Lutz (Welt) und Dirk Peitz (ZeitOnline). Die NZZ bringt dazu eine Fotostrecke. Und Tausende Mal retweetet wurde diese wunderschöne, von Marc Haynes erzählte Geschichte über Moore. Hier Moores besten One-Liner als James Bond:



Besprochen werden das Comeback von David Lynchs "Twin Peaks" (critic.de), die Serie "The Leftovers" (Freitag), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Fünf Sterne" über die Künstlerin Ines Rasting (Freitag), Jonathan Teplitzkys Biopic "Churchill" (taz) und Johnny Depps fünfter Auftritt als Piratenzausel (taz, Welt).
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Design

Im Freitext-Blog von ZeitOnline präsentiert der Schriftsteller Jochen Schmidt seine schönsten Fundstücke von "selbstreferenziellem, mimetischem Design", darunter unter anderem ein "Informationskasten eines Tennisclubs in Form eines Tennisschlägers. Das war zwar dämliches Design, aber semiotisch hochinteressant."
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Stichwörter: Jochen Schmidt

Literatur

Die deutsche Gegenwartsliteratur wendet sich in den jüngsten Jahren wieder verstärkt der Utopie und der Zukunftsspekulation zu, fällt NZZ-Kritiker Paul Jandl auf, der darüber einen schönen Überblicksartikel verfasst hat. Dabei identifiziert er ein "Paradoxon", das die literarischen Utopien kennzeichne: "Dass sie eine Freiheit der Menschen zeigen, die stets gut organisiert ist. Die deutsche Literatur hat eine umstandslose Freude daran, gerade diese Aporien aufzunehmen, sie satirisch zu unterlaufen oder zu poetisieren. Es wird mit einem Genre gespielt und fünfhundert Jahre nach Thomas Morus' 'Utopia' die Welt wenigstens in einem Punkt verbessert: An die Verbesserung der Welt durch einen Roman glaubt niemand mehr."

Weiteres: Tobias Rüther befragt in der FAZ T.C. Boyle nach dessen Twittereien.

Besprochen werden Karl Ove Knausgårds "Kämpfen" (Welt), Hans Blumenbergs "Schriften zur Literatur 1945 - 58" (Freitag), Claus Meyers "Die stillen Trabanten" (ZeitOnline), Nedim Gürsels "Der Sohn des Hauptmanns" (Tagesspiegel), die Gesamtausgabe des Kindercomicklassikers "Bizu" (Tagesspiegel), Karl-Markus Gauß' "Zwanzig Lewa oder tot.Vier Reisen" (FR), die ersten deutschen Ausgaben von Walt Whitmans "Jack Engle"-Roman (SZ) und F. Scott Fitzgeralds Erzählungsband "Für Dich würde ich sterben" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Bühne


Günter Papendell (Jason), Nicole Chevalier (Medea). Foto: Monika Rittershaus

Bestens unterhalten hat sich FAZ-Kritikerin Eleonore Büning bei der Berliner Erstaufführung von Aribert Reimanns "Medea" an der Komischen Oper: "Reimanns Klangsprache hat sich für dieses Werk abermals unerhört verdichtet: Nur das Nötigste wird gesagt und gesungen, in klaren, kurzen Sätzen, poetisch, lakonisch. Von dem, was dahinter steht - Gedanken, Begründungen, Ahnungen, Hoffnungen -, berichten eng verzahnt die solistisch aufgeteilten Orchesterstimmen aus dem Graben, kommentierend oder antizipierend."

Wolfgang Behrens bespricht auf nachtkritik Publikationen des Genres Intendanzrückblick: "Wenn schon die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht, dann muss man das halt zu Lebzeiten selbst erledigen: mit Büchern, die sich mitunter qua Gewicht und Ausstattung als Mordwaffe anbieten. Wenn man in diese Bände reinschaut, ist man indes meist nach 4 Minuten und 33 Sekunden fertig mit ihnen - es steht nix drin, und die Fotos sind - na ja. Wenn man die jeweiligen Aufführungen gesehen hat, mögen sie ja zum Erinnerungsstimulans taugen. Im Grunde aber: Papierverschwendung für Narzissten." Die Ausnahme ist natürlich Claus Peymann, meint Behrens.
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Musik

Zeit-Kritiker Christoph Dallach unterhält sich mit Irmin Schmidt, Gründungsmitglied der Krautrock-Gruppe Can, über Welterfolg, den Einfluss von Karl-Heinz Stockhausen und die moderne Technik, die das gemeinsame Musizieren überflüssig mache: "Als wir an­fin­gen mit Mu­sik, nah­men wir nur auf zwei Spu­ren auf. Man muss­te zu­hö­ren, was die an­de­ren spie­len, und sich be­wusst ein­brin­gen. Spä­ter war korrigierbar, was du ge­macht hat­test, es war auf ei­ner ei­ge­nen Spur, du konn­test es wie­der­ho­len oder an­ders mi­schen und so wei­ter. Wir ha­ben zwar wei­ter so ge­spielt wie frü­her, aber da brauch­ten die an­de­ren gar nicht da­bei zu sein. Da ist et­was verloren ge­gan­gen, das so nie wie­der zu­sam­men­kam."

Was damals zusammengekommen war, kann man hier sehen und hören:



Weiteres: Jan Paersch plaudert in der taz mit Thurston Moore. Für den Standard spricht Karl Gedlicka mit der Pianistin Diana Krall über deren neues Album.

Besprochen werden das neue Album "Roswell" von Marteria (Tagesspiegel), ein Konzert des Flötisten Emmanuel Pahud (NZZ), ein Konzert von Half Japanese (taz, Berliner Zeitung) und ein Konzert der Staatskapelle Dresden (Standard).
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