Efeu - Die Kulturrundschau

Führt Schönheit zu Weisheit?

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10.05.2017. Am Wochenende eröffnet die Biennale in Venedig. In einem ersten Bericht lobt der Standard die zentrale Schau von Christine Macel für ihre vielen Enteckungen. Der Tagesspiegel ist von Anne Imhofs "Faust" im deutschen Pavillon schier umgehauen. Der Guardian erlebt den Zauber der Kunst. In der Berliner Zeitung erklärt Kurator Martin Roth, warum er es bedauert, dass Aserbaidschan eine Diktatur ist, außer wenn er für das Land arbeitet.

Kunst


Anne Imhofs "Faust" im deutschen Pavillon auf der Biennale.

Am Wochenende eröffnet die Biennale in Venedig. Einige Zeitungen preschen vor und schicken erste Berichte. Im Standard wirft Andrea Schurian einen Blick auf die zentarle Schau, die Kuratorin Christine Macel unter dem Titel "Viva Arte Viva" als Erzählung in neun Kapiteln angelegt hat: "Es ist eine luftige, aufgeräumte Schau, gut ausgeschildert, bestens kontextuiert, kein dichtgedrängtes Best-of angesagter Starkunst, kein Achschonwiedersehen mit den üblichen Verdächtigen, die man sonst auf Großausstellungen prominent vorgesetzt bekommt. Im Gegenteil, diese Biennale - dafür vor allem gebührt der Kuratorin Lob - ist eine der Neu-, mitunter Wiederentdeckungen. Manches ähnelt Bekanntem, wie etwa die Selbstinspektionen des Syrers Marwan jenen Maria Lassnigs; die Fotos des 1980 verstorbenen Ungarn Tibor Hajas erinnern an Brus und Schwarzkogler. Der Afroamerikaner McArthur Binion, dessen abstrakte Bilder bei genauem Hinsehen Abschriften seiner Adressbücher oder Identitätsausweise sind, antwortet auf die Frage, ob der Vergleich mit Jasper Johns zulässig sei: 'Wenn er nichts dagegen hat, wunderbar.'"

Im Tagesspiegel schickt Nikola Kuhn einen ersten Bericht, vor allem Anne Imhof im deutschen Pavillon raubt ihr den Atem: "Der monumentale Raum ist rigoros entleert, nur ein gläserner Zwischenboden wurde eingezogen, auf und unter dem sich die jungen Akteure in Streetwear in Zeitlupe bewegen, mit der Faust an die Brust schlagen, miteinander ringen, Feuerspuren legen, den Kopf manisch hoch- und runterwerfen, melancholische Lieder singen. Das Publikum steht gebannt dazwischen, betrachtet das Gebaren einer wie verloren erscheinenden Generation, die in Anne Imhofs Übersetzung jedoch einen ungeheuer starken Ausdruck für die Darstellung innerer wie gesellschaftlicher Konflikte gefunden hat." Im aktuellen Heft der art widmet ihr Sandra Danicke ein ausführliches Porträt.


Phyllida Barlow: Britischer Pavillon, Biennale von Venedig, 2017. Photo: Ruth Clark. British Council.

Charlotte Higgins erzählt mit einigem Sarkasmus die Geschichte der britischen Künstlerin Phyllida Barlow, die jahrzehntelang nicht beachtet wurde und nun mit 73 Jahren auf der Biennale in Venedig den britischen Pavillon bestücken wird. Barlow kommt aus einer Familie voller Berühmtheiten (ihr Großvater war Charles Darwin, ihr Großvater der Arzt von Königin Victoria), unterrichtete jedoch ganz in aller Bescheidenheit an Kunstschulen, während die Superreichen auf dem Kunstmarkt immer teurere Werke handelten. "Im Alter von 65 Jahren hörte sie auf zu unterrichten und arbeitete noch härter an ihrer Kunst. Da geschah etwas Magisches: Ein Zauber ließ die Menschen sehen, was sie zuvor nicht erkennen konnten. Auf einmal erkannten alle, die cleveren Kuratoren und die gewieften und schlauen Galeristen, dass Barlow eine sehr gute Künstlerin war. Der Beweis, dass es sich dabei um Magie handelte: Einige der Leute, die jetzt meinten, dass ihre Arbeit sehr gut sei, kannten sie seit vielen Jahren."

In einem etwas mauen Interview mit der Berliner Zeitung verteidigt Kulturmanager Martin Roth seine Entscheidung, in Venedig den Biennale-Pavillon von Aserbaidschan zu kuratieren: "Natürlich weiß ich, dass Aserbaidschan eine autoritäre Diktatur ist. Aber man muss es nicht bei jeder Gelegenheit sagen. Mir geht es um die Menschen, die dort leben. Was ich in meinem Leben nicht akzeptieren werde, sind Redeverbote. Und ich genieße es wirklich, jeden Morgen an mein Telefon zu gehen und dort Grüße aus Chile, China und Alaska vorzufinden. Heute ist das möglich, unabhängig davon, welche politischen Verhältnisse vor Ort herrschen."

Weiteres: Andrea Gnam erkundet in der NZZ, wie Bilder blinder Fotografen unsere Wahrnehmung schulen: "Sie führen uns ein Bildverständnis vor Augen, das von der körperlichen Erfahrung der Bewegung und der Akustik ausgeht sowie von der Intensität des inneren Erlebens." Bilder der Fotografin Sonia Soberats zeigt das Lens Blog der NY Times. Ebenfalls in der NZZ erinnert Markus Bauer an den in Rumänien geradezu kultisch verherten Nationalkünstler Brancusi.

Besprochen werden drei Ausstellungen zur Fotografin Sibylle Bergemann in Berlin (Monopol).
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Bühne


Ein Tenor, der tanzen kann: Matthias Klink und David Moore in Demis Volpis "Death in Venice". Foto: Oper Stuttgart

Opulent, klug und durchdacht findet Judith von Sternburg in der FR Demis Volpis auf den Tanz setzende Inszenierung von Benjamin Brittens Thomas-Mann-Oper "Tod in Venedig": "Der Alptraum, in den Volpis Aschenbach in der von der Cholera bereits umwehten Lagunenstadt gerät, ist tatsächlich weit entfernt von der klassischen schwarzen Melancholie, in die er gewohnheitsmäßig eingetaucht wird. Und weil nicht jeder Opernsänger so beweglich ist wie der großartige Matthias Klink, ein starker Aschenbach mit einer gewaltigen, beredten, fast zu jugendlichen Charakterstimme. Dieser Mann setzt sich gegen den Tod sehr wohl zur Wehr und er kann tanzen, wie man einen Tenor nicht oft hat tanzen sehen."

Als großen Wurf preist auch Marco Frei in der NZZ die Inszenierung, insbesondere wegen ihrer "luzid-fragilen Klangsinnlichkeit" und Gewagtheit: "Es ist der schmale Grat zwischen Tabu und Norm, den Volpi aufzeigt und bisweilen kühn ausreizt. Mit nackten Oberkörpern hopsen Jünglinge über die Bühne, nur in Unterhose gekleidet. Volpi stellt sie aus, zelebriert und inszeniert ihre Körperlichkeit." In den Stuttgarter Nachrichten ist Susanne Benda fasziniert: "Als habe Volpi die Antwort verinnerlicht, die sich Gustav Aschenbach auf seine Frage 'Führt Schönheit zu Weisheit?' selbst gibt: 'Ja, durch die Sinne.'"

Weiteres: SZ-Kritikerin Christine Dössel verspürt zum Auftakt des Berliner Theatertreffens Endzeit-, vielleicht aber auch Umbruchsstimmung, erlebt einen weisen Castorf, Ensembletheater at its best und mit Kay Voges Superbombastisches in Schöneweide: "Enjoy Complexity!". Gute Stimmung meldet Erik K. Franzen in der FR vom diskursfreudigen und neu gegenderten "Festival für junge Regie" an den Münchner Kammerspielen. In der taz porträtiert Sascha Ehlert den jungen Berliner Autor Bonn Park, der mit seinem Stück "Das Knurren der Milchstraße" zum Stückemarkt des Theatetreffen eingeladen ist. In der FAZ interessiert sich Kerstin Holm für die ukrainischen Beiträge beim Heidelberger Stückemarkt.

Besprochen wird Hans Werner Henzes Oper "Elegie für junge Liebende" im Theater an der Wien (die sich laut Helmut Mauró in der SZ vom schaurig-schönes Alpenmärchen zum sadomasochistische Hörspiel steigert).
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Literatur

Für die taz trifft sich Philipp Fritz mit Juri Andruchowytsch, der für eine Lesung in Hessen war. Dabei rückt der ukrainische Schriftsteller auch einige Äußerungen gerade, die ihn heute, nach dem Krim-Konflikt, als Sympathisanten Russlands erscheinen lassen könnten. Er sei missverstanden worden, sagt er. "Ein Teil der Ukrainer wolle keine stärkere Westbindung Kiews. Aber Probleme, die daraus folgten, müssten innerukrainisch gelöst werden, er sei keineswegs ein Befürworter einer russischen Einmischung, sagt er. Ganz im Gegenteil, er ist ein scharfer Kritiker der Politik des Kreml. 2005 war er zuletzt in Russland, er fühlt sich nicht mehr wohl dort, die autoritäre Politik Wladimir Putins schreckt ihn ab. 2014, mit der Annexion der Krim, kam der Bruch mit ehemaligen Weggefährten. 'Dass einige russische Intellektuelle Dankesbriefe an Putin wegen der 'Rückführung russischer Erde' schreiben, nehme ich ihnen übel.'"

Weiteres: Für den Tagesspiegel hat Tobias Lehmukuhl den jungen, ambitionierten Verlag Das kulturelle Gedächtnis besucht. Deutschlandfunk bringt ein Feature von Ulrike Migdal über die Dichterin Ilse Weber.

Besprochen werden Cixin Lius chinesischer Science-Fiction-Roman "Die drei Sonnen" (taz), Oleg Jurjews "Unbekannte Briefe" (NZZ) und Anne Garrétas "Sphinx" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

Bereits zur Berlinale reagierte die Kritik eher mit Befremden und Ablehnung auf Volker Schlöndorffs lose Max-Frisch-Adaption "Rückkehr nach Montauk". Die Geschichte um einen von Stellan Skarsgard gespielten, alternden Macho, der auf vielen Hochzeiten tanzt und in diesem Gestrüpp des Begehrens nicht nur selbst auf der Strecke bleibt, wird auch zum Kinostart kein Kritikerhit mehr. "Diese Heldenreise führt an kein Ziel", gähnt Jenni Zylka im Tagesspiegel vernehmlich angesichts des "viel zu sauberen, motivisch schwachen Reigens von Klischees". Mit Hauptdarsteller Skarsgard wird Nicolas Freund von der SZ nicht warm: Den im Film verhandelten Konflikt nimmt er ihm nicht ab. Wenn überhaupt, dann rettet Nina Hoss den Film, meint Tilman Krause in der Welt, er sieht sie als "eine der großen Leidenden der Leinwand, als legitime Nachfahrin der Bergner oder Garbo. Voller Valeurs jedenfalls, die die seelische Reduziertheit der meisten Frauen im deutschen Film von heute weit in den Schatten stellt."

Weiteres: Sehr beeindruckend findet Matthias Dell bei ZeitOnline die auf Netflix gezeigte Serie "Dear White People", die den Rassismus an einer amerikanischen Elite-Universität thematisiert. Im zweiten Beitrag seiner Filmdienst-Essayreihe "Die Zukunft des Kinos" befasst sich Patrick Holzapfel mit der Ideologie des Kinos. Für Variety erzählt Maureen Ryan in einem fantastisch bebilderten und aufbereiteten Feature die Geschichte, wie David Lynch Twin Peaks ersann. Im Blog des Standard aspektiert Theresia Heimerl die religiösen Dimensionen von Superheldenstoffen. Für die SZ spricht Martina Knoben mit Georg Stefan Troller, dem das Münchner DOK.fest eine Retrospektive (mehr dazu hier) widmet. Besprochen wird Monja Arts "Siebzehn" (Freitag).
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Musik

17 Jahre nach "Pop" lässt Wolfgang Voigt mit seinem Ambienttrance-Projekt GAS das Album "Narkopop" folgen. Wirklich weg gewesen ist er allerdings nicht, erklärt er im großen FR-Interview gegenüber Max Dax. Er habe sich nur in erster Linie in Projekten betätigt, die eher der Neuen Musik zuzurechnen sind. Für GAS, erklärt er weiter, verbindet er symphonische Klangkörper mit musikalischen Aspekten von Techno: "Diese Elemente kombiniere ich, ich lasse sie umtanzen und eine Symbiose eingehen. ... Ich arbeite also eher wie ein modelierender Künstler, der einen rohen Lehmklumpen - sprich: mein Audio-File - praktisch auf sein Tableau wirft und dann anfängt, über verbindliche Beatstrukturen frei zu modellieren und zu deformieren. So entsteht auch diese Verdichtung, das Öffnen und Schließen, das Pulsieren der Songs."

Weiteres: Für die Welt porträtiert Stefan Krulle den maskiert auftretenden Pianisten Lambert. Hannah Lühmann berichtet in der Welt von ihrem Treffen mit dem Sänger Julian Pollina. Für die NZZ wirft Thomas Schacher einen Blick in die kommende Saison des Zürcher Kammerorchesters. In der FAZ berichten Josef Oehrlein von den Wittener Tagen für neue Kammermusik.

Besprochen werden ein Konzert des Museumsorchesters mit der Geigerin Viktoria Mullova (FR), ein Konzert der Geigerin Kopatchinskaja (Tagesspiegel), das neue Album der Gorillaz (Freitag) und das neue Album "Atlas" von Od Beolder (NZZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Gas, Wolfgang Voigt, Ambient