Efeu - Die Kulturrundschau

Nicht auszuhalten, eine solche unmenschliche Perfektion

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25.04.2017. Die NZZ fragt, wie viel Sozialkompetenz der Kunstbetrieb braucht. Die taz huldigt den grellbunten Wandmalerein, mit denen Klaus Paier einst das Aachener Bürgertum entsetzte. SpOn erkennt in Angela Schanelecs neuem Film "Der traumhafte Weg", dass auch Bilder Lust aufeinander haben können. Und die SZ verneigt sich vor Uderzo, der sie die Egalité zwischen Gallier, Römer, Wildschwein und Leser lehrte.

Literatur

Asterix-Erfinder Uderzo wird heute 90 Jahre alt. Die SZ widmet ihre ganze erste Feuilletonseite dem Jubilar, bzw. dessen bekanntestem Comic. Martina Koben etwa würdigt Uderzo als "großartigen Menschenzeichner - allein die Augen, die er seinen Figuren gibt, die Kinne oder diese Nasen!" In dieser "plakativen Physis" liegt auch das Geheimnis Uderzos verborgen, meint David Steinitz, der das Geburtstagskind als Meister des Slapstick feiert: "Während die Amerikaner den Slapstick eher als künstlerisch sublimierte Aggressionslust verstanden haben, steckt in Uderzos Zeichnungen auch in der wüstesten Schlägerei der Schlüssel zur Versöhnung. Weil es ihm nicht um die Befriedigung an der Erniedrigung geht, sondern um die gute alte Egalité zwischen Gallier, Römer, Wildschwein und Leser - erfahrungsgemäß bekommt jeder mal einen faulen Fisch ins Gesicht." Alle weiteren SZ-Geburtstagsgrüße hier im Überblick. (Bild: Uderzo, 2012. Foto: Georges Biard, CC BY-SA 3.0)

In der FAZ staunt Andreas Platthaus zudem über Uderzos einst legendäre Geschwindigkeit: "Sein Wochenpensum lag bei fünf Seiten, und das will bei seiner Detailversessenheit etwas heißen." Lucas Weigelmann unterhält sich in der Welt mit dem Althistoriker Michael Sommer über die historische Korrektheit der "Asterix"-Bände.

Weiteres: Der SWR bringt einen Radioessay von Reiner Niehoff über Literaturarchive. Ziemlich scheiße findet es Wolfgang Krischke in der FAZ, dass immer mehr Buchtitel auf Kot und Kraftausdrücke zurückgreifen, um sich in der Auslage des Buchhandels zu lancieren.

Besprochen werden Achim Zons Thriller "Wer die Hunde weckt" (Freitag), Toni Morrisons "Gott, hilf dem Kind" (NZZ), die Autobiografie "Farbenblind" des Daily-Show-Moderators Trevor Noah (Tagesspiegel), Arno Franks autobiografischer Roman "So, und jetzt kommst Du" (FAZ) und ein von Petra Boden und Rüdiger Zill herausgegebener Band zur Gruppe "Poetik und Hermeneutik" (SZ).
Archiv: Literatur

Kunst





Klaus Paier: "Optische Schreie" im Ludwig Forum Aachen.

In der taz freut sich Bernd Müllender über die Ausstellung "Optische Schreie" im Aachener Ludwig Forum, die dem "plakativen Expressionismus" des Klaus Paier huldigt. In den achtziger Jahren Aachen drückte der Wandmaler der Stadt seine Anklagen gegen Atomkraft, Krieg, Autos und Unterdrückung auf: "'Das muss weg' war der Imperativ des sauberen Spießertums unter Federführung des CDU-Oberbürgermeisters Kurt Malangré. Zu provokativ für das tiefschwarze Aachen war diese grellbunte Sympathie mit Außenseitern der Gesellschaft wie Punks, Hausbesetzern, Schwulen (Paier war selbst in der Aktionsgruppe der Aachener Printenschwestern aktiv). Schweinerei, Schmierereien, igitt. Städtische Säuberungstrupps rückten an."

Sabine Breitwieser muss wegen ihres harschen Führungsstils das Salzburger Museum der Moderne verlassen. In der NZZ findet Paul Jandl zwar nicht, dass es soziale Kompetenz im Kunstbetrieb braucht, räumt aber ein, dass es "Österreichs Museumslandschaft in sich hat: Manches hochseriöse Haus wird in barocker Selbstherrlichkeit geführt. Sabine Breitwieser zählt wohl nicht zu den eitelsten Museumschefs, aber die Vermarktung des Direktoren-Ichs ist Teil des geschäftlichen Konzepts auf einem Markt, der heiß umkämpft ist."

Besprochen werden die Lucas-Cranach-Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (NZZ), Howard Kanovitz' fotorealistische Arbeiten im Ludwig Museum Koblenz (FAZ) und die die Schau der Bildhauerin Sarah Pichlkostner in der Wiener Galerie Winter (Standard).
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Stichwörter: Klaus Paier, Kunstbetrieb

Film


Der Blick auf die Körper: Szene aus Angela Schanelecs "Der traumhafte Weg"

Sehr beglückt berichtet Ekkehard Knörer auf SpOn von Angela Schanelecs neuem Film "Der traumhafte Weg", der zwei Geschichten aneinander lehnt, ohne sie im einzelnen durchzuerzählen - und dies geschieht "auf sehr sanfte Weise sehr radikal", wie der Kritiker versichert: Die Regisseurin "macht Filme, die einem das Sehen, das Denken, das Fühlen, das Hören nicht abnehmen. Oft wird sie angefeindet dafür. Wer aber Lust hat, einer anderen, freieren Logik zu folgen, einer Logik der Rhythmen und Rahmungen und Auslassungen und der Blicke auf Körper und der Lust des einen Bilds auf ein anderes, die oder der wird mit dem Film glücklich werden." Mehr zu dem Film hier und hier.

Besprochen wird James Gunns neuer Weltall-Superheldenfilm "Guardians of the Galaxy Vol. 2", dessen Lust am Unsinn Dominik Kamalzadeh vom Standard sehr gefallen hat.
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Archiv: Film
Stichwörter: Angela Schanelec

Bühne

Interessant findet Judith von Sternburg in der FR, wie Amir Reza Koohestani mit seiner "Tannhäuser"-Inszenierung in Darmstadt Wagner in eine muslimische Umgebung verlegt: "Sexualfeindlichkeit und Konservatismus sind keine Alleinstellungsmerkmale christlicher Gesellschaften, die Freude an den schönen Künsten und der friedlichen Aufregung eines Gesangswettbewerbs keine Privilegien des Abendlandes. Wenn Koohestani im zweiten Akt eine muslimisch festlich gekleidete Schar auf die Bühne schickt, leuchtet das nicht nur ästhetisch ein - nicht so weit auseinander, die mittelalterliche und orientalische Mode. Es ist auch die Utopie einer wieder entspannteren (islamischen) Welt, denn geschildert und gerügt werden im 'Tannhäuser' zwar Heuchelei und Schuldgekrampfe, aber Koohestanis Umgang damit ist sanft und lebenszugewandt."

Weiteres: Im Tagesspiegel wagt Frederik Hanssen zu melden, dass die Oper Unter den Linden am 3. Oktober eröffnet werden soll und nicht teurer als 400 Millionen Euro wird: "Was für Berlin bedeutet, dass die Stadt für dieses Prestigeprojekt letztlich 200 Millionen berappen muss, statt der ursprünglichen geplanten 39 Millionen." Enttäuscht berichtet Sylvia Staude in der FR von der Eröffnung des Tanzfestival Moviementos in Wolfsburg mit dem Ballet Preljocaj, dessen Stück "La Fresque" ihr als "stilistischer und atmosphärischer Flickenteppich" erschien. In der Berliner Zeitung unterhält sich Ulrich Seidler mit dem Regisseur und Dramatiker Falk Richter, dessen neues Stück "Verräter. Die letzten Tage" am Freitag im Berliner Gorki-Theater Premiere haben wird. 

Besprochen werden Rimski-Korsakows "La Fille de Neige" an der Pariser Oper (NZZ), Janáceks "Kátja Kabanová" und Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Wiener Staatsoper (Standard), Chaya Czernowins in Gent uraufgeführtes Weltkriegsmusiktheater "Infinite Now" (FAZ), die Parodie "Tschechow in Jalta" am Wiener Theater Scala (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik


Ella Fitzgerald, live 1974. (Bild: Hans Bernhard, Ausschnitt, CC BY-SA 3.0)

Die Feuilletons liegen Ella Fitzgerald zu Füßen, die heute hundert Jahre alt geworden wäre. Sie "konnte singen wie keine Zweite", schreibt Stefan Hentz in der NZZ. "Sie ließ die Melodien aufleben im musikalischen Moment und fand immer wieder neue, verblüffende Linien durch den Wald der Harmonien." Auch Peter Ruedi von der Zeit schwärmt von Fitzgeralds Virtuosität: "Ihre Verschleifungen und dirty notes, ihre Vorhalte und Synkopen waren deshalb so wirkungsvoll, weil sie immer aus einer makellosen sängerischen Kontrolle kamen. Die Fitzgerald leistete sich in ihrer Karriere keine einzige Nachlässigkeit. Nicht auszuhalten, eine solche unmenschliche Perfektion, hätte sie diese nicht hinter dem Anschein vollkommener Schwerelosigkeit versteckt und sich bis ins hohe Alter eine Art kindliche Naivität bewahrt." Weitere Hommagen in der taz, FR und in der NMZ. Dazu passend: Ein Fitzgerald-Mix.



Weiteres: Amy Zayed plaudert für den Tagesspiegel mit der Comicband Gorillaz, die sich mit einem neuen Album an ein Comeback wagt. In der taz erzählt Stephanie Grimm die fantastische Geschichte des aus Ghana stammenden Musikers Ata Kak, der in den frühen 90ern ein erfolgloses Album aufnahm, in der Versenkung verschwand, von MP3-Blogs vor einigen Jahren wiederentdeckt, nach langen Recherchen ausfindig gemacht und nun im Rahmen einer Welttournee auch in Berlin gefeiert wurde. Hier ein Hör-Eindruck:



Besprochen werden Jim Jarmuschs Dokumentarfilm "Gimme Danger" über Iggy Pop und die Stooges (ZeitOnline), eine Zürcher Aufführung von Karlheinz Stockhausens "Stimmung" durch das Ensemble Solovoices (NZZ), ein Bach-Konzert des Cellisten Matt Haimovitz (SZ), das neue Album des Wiener Musikers Ernst Molden (taz), ein Auftritt von Joy Denalane (FR), ein Konzert des Geigers Jagdish Mistry (FR) und neue Jazzveröffentlichungen (The Quietus). Und Jan Feddersen gratuliert in der taz Barbra Streisand zum 75.
Archiv: Musik