Efeu - Die Kulturrundschau

In vollendeten Alexandrinern

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08.02.2017. Die Auswahl für das Berliner Theatertreffen steht, nicht dabei sind Burgtheater, Deutsches Theater und das Hamburger Schauspielhaus: Haben die großen reichen Häuser nichts mehr zu bieten?, fragt die SZ. Auch die alten weißen Männer sind nicht dabei, bemerkt der Tagesspiegel. In der NZZ erklärt Martin R. Dean: "Wahrer Stil kann auch schlicht sein." In der FAZ verteidigt Steffen Martus die Germanistik gegen ihre Kritiker und Größenfantasie.

Bühne


Auch dabei: Kay Voges' Dortmunder Inszenierung "Borderline Prozession". Bild: Birgit Hupfeld.

Die Berliner Festsspiele haben die Einladungen fürs Theatertreffen verschickt. Die Nachtkritik bringt die zehn ausgewählten Produktionen und befragt zwei Juroren. Peter Laudenbach ist in der SZ eigentlich ganz zufrieden mit der Auswahl. Vieles sei dabei, meint er, Klassiker, Gediegene Staatstheater, Stadttheater, freie Szene, politisches Theater. "Umso mehr fällt auf, wer nicht dabei ist. Kein Wiener Burgtheater und kein Deutsches Schauspielhaus Hamburg, kein Deutsches Theater Berlin, keine Eigenproduktion der Münchner Kammerspiele. Zumindest aus Sicht der Jury haben die großen, reichen Tempel, ob mit Performance-Schwerpunkt wie an den Kammerspielen oder im eher gemütlichen Oldschool-Repertoire-Modus wie in Wien und Berlin, derzeit nichts zu bieten, was es wert wäre, zu den zehn wichtigsten Produktionen des Jahrgangs zu zählen."

Im Tagesspiegel atmet Patrick Wildermann erleichtert auf: "Der fatale Trend, der gegenwärtig die Weltpolitik infiziert, spiegelt sich in der Auswahl des diesjährigen Theatertreffens zum Glück nicht wider: die Dominanz des polternden weißen Mannes über sechzig." Ein Satz, den der 1974 geborene Journalist in 17 Jahren bedauern mag. In der taz sieht Katrin Bettina Müller die Grenzen zwischen Theater, Performance, Dramentext, Stückentwicklung erfreulich aufgehoben. In der FR trifft Dirk Pilz den Regie-Shootingstar Ersan Mondtag, der mit seiner Berner Inszenierung "Die Vernichtung" nach Berlin eingeladen wurde.

In der Welt feiert Manuel Brug den Gesamtkunstwerker Nikolaus Habjan, der als Puppenspieler und -bauer, Musiktheaterregisseur, Kabarettist, Schauspieler, Stimmenimitator und Kunstpfeifer gerade die österreichischen Kulturlandschaft durchpflügt.

Besprochen werden Christoph Winklers in der Leipziger Baumwollspinnerei uraufgeführtes Tanzstück "Sheroes", das Heroismus jenseits männlicher Stereotype sucht (taz) und Christine Mielitz' anspruchsvolle "Otello"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper mit hervorragender dritter Besetzung (Standard)
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Kunst

Ingeborg Ruthe schreibt in der Berliner Zeitung zum Fünfundachtzigsten von Malerfürst Gerhard Richter: "Bei Richter entsteht Bildkunst nur aus den Mitteln und Möglichkeiten der souverän  beherrschten Malerei. Aus dem Sehen: Oberfläche und Farbe." In der NYRB beugt sich J. Hoberman über Richters "Comic Strip", der nie ausgestellt, aber technisch sehr virtuos von einem arm- und geschlechtslosen Humanoiden erzählt.

Besprochen wird Tsui Kuang-Yus Schau "Elsewhere is Nowhere" in der Kunsthalle Exnergasse (Standard).
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Stichwörter: Gerhard Richter

Musik

Das derzeit hochgelobte HipHop-Trio Migos ist nur die Spitze des Eisbergs einer neuen, aufregenden Welle von Rap-Musik aus Atlanta, schreibt Paul-Philipp Hanske in einem Überblicksartikel für die SZ. Insbesondere Young Thug ist derzeit auf einem Höhenflug: "Was die Migos zu dritt machen - einen polyfonen Hexensabbat feiern - schafft Young Thug alleine. Er setzt seine Stimme wie einen Sampler ein, beinahe jedes Wort wird anders betont, er schreit, singt, gurrt, schnattert und bellt, und das alles in verschiedenen Geschwindigkeiten und, arrogant souverän, mal im, mal gegen den Takt. Schon lange wurde die lächerliche These, dass es im Pop nichts Neues mehr gebe, nicht mehr so lässig falsifiziert." Ein weiterer Vorteil dieser Musik sei, das man ihre Texte nicht so gut versteht, räumt Hanske auch ein. Hier ein aktuelles Video:



Weiteres: Volker Lüke berichtet im Tagesspiegel vom Abschluss der Club Transmedianale mit einem Konzert von The Bug und Dylan Carson. Michael Jäger war für den Freitag beim Ultraschall Festival in Berlin, das sich schwerpunktmäßig mit der Rolle der Stimme in der Neuen Musik befasst hat.

Besprochen werden ein Konzert des Berner Symphonieorchesters unter Mario Venzago (NZZ), ein Soloalbum der Soulsängerin Brandy Butler (NZZ), ein Konzert von Il Giardino Armonico und Giovanni Antonini (NZZ),
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Literatur

Felix Philipp Ingolds harsche Kritik an der literarischen Stillosigkeit (hier unser Resümee) bleibt in der NZZ mit zwei Repliken nicht unwidersprochen. Der Schriftsteller Martin R. Dean plädiert für den individuell zu findenden Stil als Echolot: "Wer sich um einen hohen Stil bemüht, gerät in Gefahr, eine hohle, inhaltsleere Prosa zu fabrizieren. Stil ist keine Invariante, sondern der Niederschlag jener Form, die die Sprache unter dem Diktat der Wahrhaftigkeit erzählerischer Erfahrung annimmt. Wahrer Stil kann auch schlicht sein, wenn es das Erzählte will." Der Verleger Dirk Vaihinger unterdessen plädiert für literarische Glaubwürdigkeit, die erst mit einem, zur Not auch der Alltagssprache angepassten, Stil erzielt werde: "Das sinnliche Erleben entsteht nicht allein durch schwierigen Stil und den korrekten Gebrauch des Dativs, und schon gar nicht durch die peinlich gewahrte Distanz zum banalen Gerede der verachteten Masse. Sondern vor allem dadurch, dass die Gestaltung ihrem Gegenstand entspricht. ... Auch Ingold würde die Brauen lüpfen, wenn in einem Roman ein Imbissbetreiber in Seebach seinen Kunden in vollendeten Alexandrinern fragt, ob Süperdöner mit oder ohne scharf."

Sehr genervt reagiert in der FAZ der Literaturwissenschaftler Steffen Martus auf Martin Doerrys mehrseitiges Abwatschen seines akademischen Fachs im aktuellen Spiegel. Darin scheine "es einmal, als verriete die Germanistik die Literatur an populäre Medien. Dann aber wünscht man sich wieder, sie möge ihre traditionellen Gegenstände hinter sich lassen, den 'Jargon der Populisten' entlarven, 'in den Medien' gegen 'völkische' Parolen antreten oder sich der 'durchfiktionalisierten Welt' insgesamt widmen. ... Bei der Klage über den Zustand der Germanistik ist zudem eine eigentümliche Größenphantasie im Spiel: das Verlangen nach einer dominanten Person, nach einer Stimme, die über die Grenzen der Disziplin geachtet wird, nach Welterklärung und Allzuständigkeit."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt die Schriftstellerin Katerina Poladjan über ihre Flucht aus der Sowjetunion nach West-Berlin.

Besprochen werden Franzobels "Das Floß der Medusa" (Tagesspiegel), Hanya Yanagiharas "Ein wenig Leben" (Freitag), das von Christian M. Hanna und Friederike Reents herausgegebene "Benn-Handbuch" (Freitag), John le Carrés Memoiren "Taubentunnel" (NZZ, unsere Besprechung hier), Martin Mosebachs "Mogador" (NZZ); Katie Kitamuras "Trennung" (ZeitOnline), Hamid Sulaimans Comic "Freedom Hospital" (SZ) und Heike-Melba Fendels "Zehn Tage im Februar" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unsereraktuellen Bücherschau.
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Film

Für die SZ spricht Anke Sterneborg mit dem Berlinale-Jurypräsidenten Paul Verhoeven, der als alter Kinoprovokateur auf "kontroverse Filme" im Wettbewerb hofft, sowie "auf Ideen, die ich noch nicht gesehen habe, ethisch oder unmoralisch, ganz egal".

Weiteres: Der hochgeschätzte Jan Schulz-Ojala verabschiedet sich in den Ruhestand, im Tagesspiegel blickt er auf sein schönes glückliches Filmkritikerleben zurück und schenkt uns zum Abschied seine "Filme für immer". Matthias Dell sichtet für den Freitag neue Filme, die sich mit der Geschichte der DDR befassen, darunter Jochen Hicks "Der Ost-Komplex" und Robert Thalheims rüstige-Stasirentner-Klamotte "Kundschafter des Friedens". Lilla Puskás sichtet für die SZ mexikanisches Gegenwartskino, das immer wieder auf das Motiv der zerrissenen Familie zu sprechen kommt. Die letzte Sommer-Berlinale hat vor 40 Jahren stattgefunden, erinnert sich Claudia Lenssen traurig im Tagesspiegel. Im Tagesspiegel berichtet Ralf Schönball von Plänen, der derzeit noch am Potsdamer Platz befindlichen Deutschen Kinemathek sowie der Berlinale ein neues Domizil neben dem Martin-Gropius-Bau zu errichten. "Rechnet sich der deutsche Film", fragt sich währenddessen Jörg Taszman im halbstündigen Feature auf Deutschlandradio Kultur.

Besprochen werden Radu Judes "Scarred Hearts" (Tagesspiegel), Maysaloun Hamouds "In Between" (FR), Pierre Deschamps' Dokumentarfilm "Noma" über das gleichnamige Restaurant in Kopenhagen (Welt), eine dem Hollywoodpioniert Carl Laemmle gewidmete Ausstellung in Stuttgart (Welt), Alexandra Leclères "Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste" (FAZ) und neue Filmbücher, darunter der Begleitband zur Science-Fiction-Retrospektive der Berlinale (FAZ), durch deren Programm Daniel Kothenschulte in der FR führt.
Archiv: Film