Efeu - Die Kulturrundschau

Wettbewerb mit Numerus clausus

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09.02.2017. FR und SZ begrüßen drei syrische Busse vor der Dresdner Frauenkirche: Kunst kann eben doch provozieren! Anlässlich des Streits um den geplanten Münchner Konzertsaal kritisiert die SZ die unfairen Architekturwettbewerbe. In der FAZ verteidigen die Literaturwissenschaftler Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein und Albrecht Koschorke ihr Fach und ihre höhere Sensibilität. Und: heute abend wird die Berlinale eröffnet. Die Kritiker feiern schon mal mit zahlreichen Artikeln.

Film

Heute beginnt die Berlinale. Bienenfleißig schreiben die Feuilletons - der besseren Übersicht wegen finden Sie die Festivalpresserundschau mit allen Auftakttexten, Empfehlungen, Porträts und Interviews hier in unserem Berlinale-Blog. Für die Orientierung auf den schnellen Blick lohnt sich wie jedes Jahr der große KritikerInnen-Spiegel von critic.de. In unserem Berlinale-Blog berichten ab heute Thekla Dannenberg, Thomas Groh, Anja Seeliger und Katrin Doerksen, die heute die Kostümdesignerin Milena Canonero würdigt, die mit einem Ehrenbären ausgezeichnet wird.

Und damit zurück zum Tagesgeschäft: Insbesondere US-Comedystars wie Alec Baldwin und Melissa McCarthy, die in ihren derben Parodien von Donald Trump und dessen Sprecher Sean Spicer zu Höchstformen auflaufen, bieten die Ausfälle der neuen Rechtspopulisten goldwerte Vorlagen, schreibt Jens-Christian Rabe in der SZ. Dennoch hat er seine Probleme mit dem Format: Anders als die "investigative Comedy" etwa eines Jan Böhmermann führen die Parodien nämlich zu keinem Erkenntisgewinn: Doch es ist "nicht mehr genug, bloß mehr oder weniger gekonnt nachzuäffen, wie sich Trump und Co. so geben. Es ist vielmehr faul und selbstgerecht und am Ende das glatte Gegenteil des ersten kämpferischen Anscheins. Es ist das leichte Lachen, die schnellstmögliche Vermarktung der Fassungslosigkeit. Aber was bleibt übrig, wenn man sich eine zu lange Krawatte um den Hals bindet, eine blonde Perücke aufsetzt und ein paar offensichtlich unverschämte Trump-Phrasen zum Besten gibt? Nichts, was den Irrsinn im fürchterlichen Original nicht auf perverse Art sogar feiert." Ziemlich komisch ist McCarthys Auftritt schlussendlich aber doch:



Besprochen werden Amos Gitais "Rabin - The Last Day" (NZZ), Radu Judes "Scarred Hearts" (taz), Colm McCarthys Zombiefilm "The Girl with all the Gifts" (taz), Juan Antonio Bayonas "A Monster Calls" (NZZ), der zweite Teil der SM-Schmonzette "Fifty Shades of Grey" (Welt) und die neue SF-Serie "Legion" (FAZ).
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Kunst

Foto: Manaf HalbouniFoto: Manaf Halbouni
In Dresden hat der Künstler Manaf Halbouni drei syrische Busse hochkant vor der Frauenkirche aufgestellt. Solche Busse haben die Bewohner von Aleppo für Barrikaden gegen Scharfschützen benutzt. Arno Widmann ist dem in Damaskus geborenen Künstler (der deutsche Großeltern hat und in Dresden studiert hat) in der FR dankbar für diese Kunstaktion, die bei der Einweihung am Dienstag einige lautstarke Protest ausgelöst hatte: "Lange Jahre hieß es, die Zeit der Kunstskandale sei vorüber. Die Gesellschaft sei inzwischen so gelassen geworden, dass niemand mehr sich provozieren lasse. Das ist ein Irrtum. Für die Millionen Besucher von Kunstausstellungen mag das gelten oder doch wenigstens für ein Gutteil von ihnen. Für die Millionen aber, die nicht in Theater oder Kunstausstellungen gehen, bleibt die Kunst selbst schon eine Provokation. ... Auch um den Frieden muss man kämpfen. Es ist gut, dass Dresden einen Oberbürgermeister Dirk Hilbert hat, der diesen Weg geht, statt vor denen zu kuschen, die behaupten, es ginge um Deutschlands Größe und Ehre."

Auch Antonie Rietzschel bewundert in der SZ die Aktion. Immerhin steht der Jahrestag der Bombardierung Dresdens (13. Februar) kurz bevor: "Und dass Dresden die Busse, dieses so radikale und ja, auch wenig subtile, Stück Kunst aufstellt, zeigt ein radikales Umdenken der Stadtoberen beim Gedenken der Bombennacht. Oberbürgermeister Dirk Hilbert zwingt die Dresdner, sich nicht der Realität zu verweigern. ... Sie sollen beim Gang durch die Altstadt an die Konflikte und das Leid in der Welt erinnert werden."

Weitere Artikel: In der NZZ schreibt Maria Becker zum 120. Geburtstag der Künstlervereinigung Zürich, die dringend eine Wiederbelebung nötig hat. Für die Zeit empfiehlt Hanno Rauterberg den Maler Sebastian Schrader, der gerade in der Galerie Reiter ausstellt und der dem auf dem Markt gerade nicht so hippen Genre der figürlichen Malerei treu bleibt.

Besprochen werden eine Ausstellung der amerikanischen Videokünstlerin Rachel Rose im Kunsthaus Bregenz (Standard), die Ausstellung "Artige Kunst" im Museum in Bochum (NZZ), Annie Leibovitz' Ausstellung "Women" im Zürcher EWZ-Unterwerk Selnau (NZZ), die Willy-Fleckhaus-Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (von der Zeit online nachgereicht) und eine Ausstellung zum virtuellen Raum im Haus der elektronischen Künste in Basel (von der Zeit online nachgereicht).
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Bühne

In der NZZ unterhält sich Lilo Weber mit Martin Schläpfer über dessen Choreografie "Ein deutsches Requiem".

Besprochen werden Verena Billingers und Sebastian Schulz' Choreografie "we dance for you" im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt (FR), der Tanzabend "New Steps - Bolero" am Mannheimer Nationaltheater (FR),

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Stichwörter: Requiem

Architektur

Der Streit zwischen dem Architekten Stephan Braunfels und dem Freistaat Bayern um den Bau des Münchner Konzertsaals, zu dessen Wettbewerb Braunfels nicht zugelassen wurde, ist für SZ-Kritiker Gerhard Matzig auch Zeichen einer Krise in der Gestaltung dieser Wettbewerbe: "Durchgeführt wurde in München zum Bau des Konzertsaals das, was Experten als 'Planungswettbewerb innerhalb des Vergabeverfahrens der VgV' bezeichnen, wobei die VgV die Vergabeverordnung ist, also die 'Verordnung über die Vergabe öffentlicher Aufträge'. Das alles hört sich schon schlimm genug an. Gemeint ist eine Konkurrenz bereits namhafter Büros, an der sich im Gegensatz zu offenen Verfahren nicht alle Architekten beteiligen dürfen. Es ist ein Wettbewerb mit Numerus clausus, wobei die Beschränkung dazu führen kann, unliebsame Kandidaten gezielt vor der Tür zu lassen."

Glas als Baumaterial ist schön, aber Transparenz schafft auch Probleme, erklärt Adrian Lobe an konkreten Beispielen in der NZZ: "Vor einigen Wochen wurde im Netz ein Video viral, das ein Paar in einem Hotel beim Geschlechtsverkehr zeigte. Die belustigten Büromitarbeiter hatten das Paar durch die Glasfront gefilmt. Der Nachbar wird zum Voyeur, wenn die Wohnungen wie ein Panoptikum anmuten: Der Außenstehende hat wie ein Wächter alle Wohnzellen im Blick, jede Handlung ist sichtbar, jeder Bewohner gläsern."
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Literatur

In der FAZ zeigen sich die Literaturwissenschaftler Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein und Albrecht Koschorke recht gelassen, was Martin Doerrys Abwatschung ihres Fachs im aktuellen Spiegel betrifft (mehr dazu im gestrigen Efeu): "Da finden wir endlich einmal Beachtung, und es geht gründlich schief." Dass heutige Studenten der Germanistik ihren Goethe noch nicht von der Schule her intus haben und im Anschluss an ihr Studium oft in anderen Arbeitsfeldern tätig werden, damit müsse man sich eben arrangieren, schreiben die Autoren und insistieren auf die "Vielfalt an kulturellen Kompetenzen", die die Germanistik vermittelt. Diese könnten "den Blick für Fiktionalisierungen und ihre strategischen Einsätze öffnen, auf die wir nicht nur in der Kunst, sondern vielleicht verstärkt auch in der politischen Wirklichkeit treffen.  ... [Germanistikabsolventen sind] mit einer höheren Sensibilität für Sprache, menschliche und kulturelle Komplexitäten ausgestattet. Warum sollten so ausgebildete Germanisten also nicht auch in die Werbung gehen, und das nicht einmal mit deprimierenden Berufsaussichten?"

Weiteres: Ulrike Baureithel hat für den Tagesspiegel eine Brecht-Konferenz besucht. Judith von Sternburg schreibt in der FR zum Abschluss von Ulrike Draesners Frankfurter Poetikvorlesung. Philipp Theisohn (NZZ) und Joseph Hanimann (SZ) schreiben zum Tod des Literaturtheoretikers Tzvetan Todorov.

Besprochen werden Ivo Andrićs "Wesire und Konsuln" (NZZ), Chris Kraus' "I Love Dick" (online nachgereicht von der Zeit), Laurent Binets Krimi "Die siebte Sprachfunktion" (online nachgereicht von der Zeit), Franz Maciejewskis "Ich, Bertha Pappenheim" (FR), Zeina Abiracheds Comic "Piano Oriental" (Tagesspiegel), Anna Kims "Die große Heimkehr" (FAZ) und Sylvie Schenks "Schnell, Dein Leben" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unsereraktuellen Bücherschau.
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Musik

Für die Berliner Zeitung plaudert Steven Geyer mit der Punkband NoFX. In der Spex resümiert Laura Aha die Berliner Club Transmediale.
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