Efeu - Die Kulturrundschau

Die Grenzen des Schmerzes

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18.11.2016. Die SZ bejubelt die Rettung der Thomas-Mann-Villa in Los Angeles durch die Bundesregierung. James Lee Burke erklärt im Tagesspiegel: Donald Trump ist nun das Problem der Republikaner. Die Jungle World überlegt, wie Barack Obamas Präsidentschaft den Rock'n'Roll verändert hat. In der Zeit erklärt Marina Abramović, dass sie von östlichen Männern und nicht von westlichen Teenagerinnen inspiriert wurde. Und alle orakeln, was ein Kultursenator Klaus Lederer für die Zukunft der Volksbühne bedeuten könnte.

Kunst



Für die NZZ hat Gabriele Detterer die Sequenz aus Wandarbeiten besichtigt, die der amerikanische Künstler und Begründer der Concept-Art Lawrence Weiner für Kunsthaus Bregenz geschaffenen hat: "'Wherewithal. Was es braucht', titelt die Ausstellung und verweist sowohl auf Nötiges generell wie kontextbezogen auf Ideen, materielle Stofflichkeit in gleichsam schwerelose Ästhetik überzuführen. Das hierzu 'Nötige' liefern sprachliche Zeichen. Diese treten in Gestalt von Wortbildern in einen Dialog mit dem von Peter Zumthor entworfenen kubischen Ausstellungshaus. Doch die Schriftzeichen führen über Gebautes hinaus in die Urmaterie des gebirgigen Bregenzer Umlandes, den Stein eben. Und noch viel weiter." (Foto: Markus Tretter)

Die Zeit hat Susanne Mayers Gespräch mit Marina Abramović online nachgereicht. Auf Gender-Aspekte ihrer drastischen Performances angesprochen und ob sie in den darin verhandelten Körpererfahrungen eine Nähe zum selbstverletzenden Verhalten heutiger depressiver junger Frauen sehe, entgegnet sie: "Jugoslawien lag ja an dieser Grenze zwischen Ost und West, und ich schaute nach Osten. In der asiatischen Kultur unterziehen sich vor allem Männer den unglaublichsten Ritualen. Schneiden und Piercing führen zu großem Schmerz, der helfen soll, die Angst vor dem Schmerz zu überwinden und den Körper so zu einer neuen Bewusstheit zu bringen. Das interessierte mich damals, mehr als alles Gerede über Frau und Mann. Ich wollte die Grenzen des Schmerzes austesten. Es ging um Transformation, meine Frage war: Wie kann ich mich verändern und wie andere? Das war mein großes Ding. Und schwierig, weil die westliche Kultur so beschränkt ist."

Besprochen wird die Ausstellung "Spectaculaire Second Empire" im Musée d'Orsay in Paris (FAZ).
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Bühne

Klaus Lederer wird Berlins Kultursenator - und die Stadt ist in Sachen Volksbühne in heller Aufregung (siehe auch den gestrigen Efeu). Zumal, da Lederer im Inforadio-Gespräch durchscheinen lässt, dass man für Chris Dercons Fähigkeiten vielleicht auch anderweitig Verwendung finden könne. In der SZ bieten Peter Laudenbach und Gerhard Matzig einen ersten Überblick zur Situation: Sie wissen nicht nur, dass in der Verwaltung zusehends Unmut herrsche über Dercons mangelnde Planungstransparenz. Dass beispielsweise Francis Kéré in München gerade den Entwurf für eine mobile Bühne präsentiert hat, die im Flughafen Tempelhof Anwendung finden solle, habe Berlin aus der Zeitung erfahren. Und: "Angesichts der deutlichen Vorbehalte in den Regierungsfraktionen wie in der Belegschaft der Volksbühne kursieren in der Politik bereits Planspiele, wie man Dercon möglichst elegant auf einen anderen Posten schieben könnte - etwa indem man seinen Vertrag so ändert, dass er ausschließlich für die Bespielung des Hangars am früheren Flughafen Tempelhof, nicht aber für die Volksbühne zuständig wäre."

So leicht lässt sich der designierte Intendant allerdings nicht abschieben. Im Tagesspiegel-Interview mit Nicola Kuhn gibt er sich gelassen hartnäckig. Ein Exil im Flughafenhangar kommt für ihn nicht in Frage: "Es gibt keinen Plan B. Ich denke nur über meinen Plan A nach. Seit dem 24. März 2015 ist mein Konzept in der Stadt bekannt, auch wenn einige Menschen mit politischen Ambitionen behaupten, dass es so etwas nicht gebe." Und dann war da noch Armin Petras, der in Stuttgart aufhört und in ersten Spekulationen als möglicher Volksbühnen-Intendant genannt wird. Im Welt-Gespräch mit Jan Küveler dementiert er allerdings "Es gibt keinerlei Gespräche mit politisch Verantwortlichen in Berlin."

Schwenk nach München: Benjamin von Blomberg, Chefdramaturg der zuletzt arg in der Kritik gestandenen Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal, sieht das Haus als Opfer von Meinungs- und "Stimmungsmache", wie er im FAZ-Gespräch mit Jörg Seewald mehrfach unterstreicht. Er hofft, "dass wir durch die unsachliche Berichterstattung nicht auch noch ein Zuschauerproblem bekommen."

Weiteres: Sandra Luzina (Tagesspiegel) und Astrid Kaminski (taz) berichten vom Burkina-Faso-Festival "Schlaflose Nächte" am Berliner HAU. In der SZ berichtet Mounia Meiborg von einem Theaterfestival in Beirut.

Besprochen werden ein Auftritt der Dresden Frankfurt Dance Company im Bockenheimer Depot in Frankfurt (FR), Marc Adams Linzer Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" (Standard) und Roland Geyers "Macbeth"-Inszenierung am Theater an der Wien mit Placido Domingo (FAZler Reinhard Klager stöhnt angesichts des "handwerklichen Unvermögens des dilettierenden Intendanten").
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Literatur

Die Thomas-Mann-Villa in Los Angeles ist nach Ankauf durch die Bundesregierung vor dem amerikanischen Immobilienmarkt gerettet, jubeln Peter Richter und Andrian Kreye in der SZ nicht zuletzt auch deshalb, da überhaupt erst die SZ auf den drohenden Verkauf und möglichen Abriss des Gebäudes hingewiesen hatte. Auch über die künftige Verwendung des (allerdings noch sanierungsbedürftigen) Staatsankaufs wissen die beiden zu berichten: "Es sollen Künstler und Wissenschaftler über Residenzprogramme an den San Remo Drive kommen und dort auf ihre amerikanischen Zeitgenossen treffen. Die ganz großen Fragen sollen sie dann verhandeln. Wie erhalten wir die Demokratie? Welche Rolle spielen Nation und Markt? Wo beginnt der transatlantische Graben, und wo hört er auf?"

James Lee Burke lebt zwar in den Südstaaten, zählt aber nicht zu den Trump-Unterstützern, erklärt er im Gespräch, das Christian Schröder mit dem Krimischriftsteller für den Tagesspiegel geführt hat. Verloren sieht er sein Land trotz des Wahlergebnisses immer noch nicht: "Die Leute müssen sich daran erinnern, dass dies noch immer das Land von Thomas Jefferson und Abraham Lincoln ist. Es gibt hier Rassisten, aber die USA sind kein rassistisches Land. Eine numerische Mehrheit hat Clinton gewählt. Der Typ mit der seltsamen Frisur ist nun das Problem der Republikaner. Sie werden viel Spaß mit ihm haben. Es ist, als würde man einen Betrunkenen mit einer Kettensäge zum Geburtstag der eigenen Tochter einladen."

Weiteres: Auf Hundertvierzehn bringt Teresa Präuer Notizen zur Rezeption des Werks der kürzlich verstorbenen Ilse Aichinger. In der FAZ berichtet der Schriftsteller Matthias Göritz von seinem Besuch auf der Buchmesse in Istanbul.

Besprochen werden Franz Doblers "Ein Schlag ins Gesicht" (taz), André Pilz' "Der anatolische Panther" (Freitag) und Katharina Hagenas "Das Geräusch des Lichts" (SZ).
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Stichwörter: Thomas Mann

Film




Nur allerwärmstens empfehlen kann Heike Hupertz auf der FAZ-Medienseite Dominik Grafs morgen im Ersten ausgestrahlten Fernsehthriller "Zielfahnder - Flucht in die Karpaten": "Gründlich recherchiert, meisterlich verfilmt, hoch spannend, führt der Film (...) sämtlichen Euro-Krimiquatsch ad absurdum."

Weiteres: Im Filmdienst porträtiert Kathrin Häger den Schauspieler Adam Driver, der zurzeit in Jim Jarmuschs "Paterson" zu sehen ist (Rezensionen in Artechock, Standard und Zeit).

Außerdem besprochen werden Ewan McGregors gleichnamige Verfilmung von Philipp Roths Roman "Amerikanisches Idyll" (Artechock, SZ, der Tages-Anzeiger führt außerdem ein Interview mit McGregor), die Kinoversion von Omer Fasts Installation "Continuity" (Perlentaucher), der Fantasyfilm "Fantastic Beasts" nach einem Originaldrehbuch von J. K. Rowling (NZZ, Standard), die Flüchtlingsdokumentation "Les Sauteurs" (Tagesspiegel, mehr im gestrigen Efeu), die Biopics "Florence Foster Jenkins" und "Die Florence Foster Jenkins Story" (Welt), Vincent Perez' Verfilmung von Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" (Tagesspiegel) und Kevin James' Netflix-Komödie "Die wahren Memoiren eines internationalen Killers" (Perlentaucher).
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Musik

Ach, diese Obamas... Elegant, charmant, politisch korrekt und popkulturell stets auf der Höhe. Schwersten, allerschwersten Herzens verabschiedet sich der Poplinke Klaus Walter in der Jungle World von der Ära Barack Obama, die auch im Zeichen zahlreicher Konzerte schwarzer Musiker im Weißen Haus stand, womit es sich unter dem angry white man Trump gegessen haben dürfte. Warum hat diese Allianz aus Pop und Politik eigentlich nichts gebracht, fragt sich Walter. "Die Popmusik, oder, ame­rikanisch gesprochen, der Rock'n'Roll, ist vom Modus der Rebellion und Subversion in den Modus der Affirmation gewechselt, der Affirmation eines Wertekanons, nach dem kein Mensch wegen seiner Hautfarbe, ­seines Geschlechts und seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden darf. ... Massiven Widerstand gegen die angebliche PC-Diktatur angeblicher liberaler Eliten gibt es schon lange, in Donald Trump hat jene 'weiße Mehrheit, die sich wie eine verfolgte Minderheit fühlt', nun die Figur gefunden, die diffuse Stimmungen und Energien bündelt und politisch kanalisiert."

Keine Experimente! Taz-Schwermetall-Experte Frank Schäfer ist recht angetan davon, wie Metallica die letzten Jahre des orientierungslosen Herumeierns beiseite schieben und die verdiente Spätphase der Selbst-Epigonalisierung zünden. Auf dem neuen Album ist endlich wieder alles auf goldene 80er getrimmt - was gut ist: Denn "wenn sich in Politik und Gesellschaft, in Bad und WC der 80er-Jahre-Katastrophismus zurückmeldet, wenn also alles den Bach runterzugehen scheint, dann ist Gitarrist und Sänger James Hetfield immer noch der richtige Mann, der einem diesen Befund glaubwürdig ins Gesicht zu bellen vermag." Nur ärgerlich, dass die Band sich nicht beschränken kann: Die 77 Minuten Spielzeiten umfassen auch eine "knappe halbe Stunde Streichmasse." Andreas Hartmann bezeugt im Tagesspiegel ein "würdiges Alterswerk". Und für Karl Fluch (Standard) steht immerhin fest: "Das neue Metallica-Album ist das beste seit dem letzten". In der SZ berichtet Thorsten Groß von seinem Treffen mit der Band in Berlin. Das Album selbst hält er immerhin für "einen überaus gelungenen Verwaltungsakt."

Weiteres: Christian Schröder schreibt im Tagesspiegel zum Tod von Mose Allison. Für die Jungle World hat Jonas Engelmann einen Nachruf auf Leonhard Cohen verfasst, dessen Manager in der New York Times nun dessen Todesursache öffentlich gemacht hat: Der Musiker "starb in seinem Schlaf, nachdem er zuvor in der Nacht auf den 7. November gestürzt war. Der Tod kam plötzlich, unerwartet und friedlich."

Besprochen werden das neue Album "We got it from here" von A Tribe Called Quest, das die Kritiker völlig umhaut ("die Raps kommen aus dem Hirn und nicht aus der Hose, die Basslines sind Sex für die Ohren" schwärmt Karl Fluch im Standard, und in Pitchfork sekundiert Kris Ex: "Man kann gar nicht oft genug sagen, wie gut sich diese Platte anhört und anfühlt"), das Album "Fatal schwach" von den Friends of Gas (taz), ein Justin-Bieber-Konzert (FR, Tages-Anzeiger) und diverse neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Nouvelle Vague (ZeitOnline).
Archiv: Musik