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16.02.2026. Die Berlinale ist in vollem Gange: Der Tagesspiegel ärgert sich, dass der Dialog zum Erliegen gekommen ist, Tricia Tuttle verteidigt die politische Unabhängigkeit der Teilnehmenden und alle sind begeistert von Sandra Hüllers Spiel. Das Bochumer Schauspielhaus hat mit Tiago Rodrigues' Stück über die rituelle Ermordung eines Faschisten einen veritablen Theaterskandal, die Kritiker genießen den Aufruhr. Orhan Pamuk freut sich in der SZ über eine gelungene Serienadaption seines Romans "Das Museum der Unschuld".
Um die Berlinale wird im Zuge von WimWenders' Pressekonferenzäußerung, dass Filmemacher nicht das Geschäft von Politikern betreiben sollten (unser Resümee), weiterhin gestritten. In einem Statement verteidigt Festivalleiterin TriciaTuttle die Freiheit von Künstlern, auf eine politische Meinung nicht festgenagelt werden zu wollen und kritisiert die üblichen Social-Media-Protagonisten dafür, in den letzten Tagen ein komplett verzerrtes Bild des Festivals gezeichnet zu haben. Der Vorwurf, die Berlinale sei un- oder gar antipolitisch, hält sie für glatt an der Realität vorbei argumentiert: "In den kommenden zehn Tagen sprechen Filmschaffende ununterbrochen: Sie sprechen durch ihre Filme, sie sprechen über ihre Filme - und manchmal sprechen sie auch über geopolitischeThemen, die mit ihren Werken verbunden sein können oder auch nicht." Die gezeigten Filme "bringen eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven mit. Es gibt Filme über Genozid, über sexuelleGewaltimKrieg, über Korruption, patriarchale Gewalt, Kolonialismus und missbräuchlicheStaatsmacht. Unter den Filmschaffenden hier sind Menschen, die selbst Gewalt und Genozid erfahren haben und die aufgrund ihrer Arbeit oder ihrer politischen Haltung Gefängnis, Exil oder sogar ihr Leben riskieren. Sie kommen nach Berlin und teilen ihre Werke mit großer Courage."
Im Tagesspiegel-Kommentar verzweifelt Andreas Busche über den üblichen Verlauf dieser herbei skandalisierten Kontroverse, die sich gut einfüge ins Klima des gesellschaftlichen Diskurses der letzten Jahre, wo es nur noch um grelleStatements, Lippenbekenntnisse und theatralisch vollzogene Gesprächsabbrüche geht: "Wenders hat ohne Zweifel eine dezidierte Meinung zum Nahostkonflikt, aber er hat sich eben dazu entschieden, diese nicht hinauszuposaunen. Man mag das für feige halten", doch "Tatsache ist auch, dass in den vergangenen Jahren auf der Berlinale in den Diskussionen über die Menschenrechtsverletzungen in Gaza oft die lautesten (undnichtimmerklügsten) Stimmen dominierten. Dass ... Arundhati Roy die Haltung der Festivaljury zum Anlass nahm, ihren Besuch auf der Berlinale wieder abzusagen, passt in das gegenwärtige Bild eines zum Erliegen gekommenen Dialogs. Er wird nur noch über Pressekonferenzen und Verlautbarungen geführt, aber nicht mehr im Gespräch - wofür die Berlinale eigentlich der perfekte Ort wäre."
Bert Rebhandl fragt sich in der FAZ, wie die Berlinale mit dem "nicht lösbaren Dilemma" der eigenen Gratwanderung in Sachen Nahostkonflikt umgehen soll. Derya Türkmen (taz) gibt dem Festival Tipps.
Sandra Hüller als Frau, die vorgibt ein Mann zu sein: "Rose" im Berlinale-Wettbewerb Derweil steht in MarkusSchleinzers österreichischem Wettbewerbsfilm "Rose" SandraHüller ihren Mann: Am Ende des DreißigjährigenKriegs übernimmt sie als Frau, die sich zuvor im Krieg als Mann durchschlug, als vernarbter Soldat die erschlichene Erbschaft eines Gehöfts. "Es gelingt ihr, dabei zugleich das Unwahrscheinliche und das Beredsame ihrer Maskerade sichtbar zu machen, sodass man die Sicht der Dorfbewohner, die sie nach kurzem Misstrauen in ihre Reihen aufnehmen, ebenso nachvollziehen kann wie Roses Angst, im nächsten Augenblick entdeckt zu werden", schreibt Andreas Kilb in der FAZ: "Das Drama fülllt sich wie von selbst mit Themen unserer Gegenwart", der Regisseur "zeigt, wie man einen historischen Stoff mit wenigen Handgriffen zeitgenössisch macht". Fazit? Einen Schauspiel-Bären bitte einmal an Frau Hüller!
Auch Gunda Bartels ist im Tagesspiegel begeistert: "Hüllers Spiel negiert jede kunsthandwerkliche Gemütlichkeit. ... Auch die lakonischen Pointen des zuerst allzu poetisch anmutenden Erzählerinnentextes tun es. ... Das Erzählerinnentremolo und die historische Szenerie schaffen einen atmosphärischen Rahmen für eine sachliche Geschichte, die gestopft voll mit sozialen Abhängigkeiten, unterdrückten Emotionen, Ängsten und Notlagen ist, die Frauen und Niedriggestellte erleiden." Zu sehen ist hier "ein auf stille Weise wuchtiger Film", schreibt auch Tim Caspar Boehme in der taz.
Aus dem Wettbewerb besprochen werden außerdem AlainGomis' "Dao" ("Der knallbunte Bilderreigen aus Singen, Beten, Tanzen und die wilden Kamerafahrten durch Mangowälder und Dorfstraßen ermüden irgendwann", seufzt Nina Apin in der taz, Intellectures), KarimAïnouz' "Rosebush Pruning" (eine ziemlich "schale" Angelegenheit, findet Arabella Wintermayer in der taz), EminAlpers türkisches Familiendrama "Kurtulus" (Intellectures), LeylaBouzids tunesisches Familiendrama "À voix basse" (Intellectures) und GrantGees Wettbewerbsfilm "Everybody Digs Bill Evans" (FD, Intellectures).
Mit regem Interesse verfolgt Bert Rebhandl (FAZ) die indonesischenFilme, die auf der Berlinale zu sehen sind: Diese zeigen, "dass das Kino durchaus ein Faktor in einer Geopolitik von Mittelmächten sein kann. Neben einer digitalen Souveränität gibt es eine audiovisuelle. Das kommerzielle Kino Indiens war für eine Weile auch ein veritables Exportgut und präsentierte sich auch mehrfach mit seinen Stars auf der Berlinale. Indonesien hat seither Riesenschritte aus früheren Kolonisierungen gemacht. Für die deutsche Politik und Wirtschaft sollten also nicht nur Seltene Erden und tropische Naturgüter von Interesse sein, sondern es lohnt sich auch ein Blick darauf, wie sich eine Gesellschaft in Form von Geistergeschichten ein Bild von ihren Konflikten und von ihrer Position in der Welt macht."
Mehr von der Berlinale: Thomas Groh (critic.de), Pavao Vlajcic (hier und dort auf critic.de) und Katrin Doerksen (CrimeMag) resümieren die ersten Festivaltage. Letztere kommt auf den befremdlichen Umstand zu sprechen, dass die Berlinale in diesem Jahr während des Festivals "keine einzige Pressevorführung des Forums" zeigt. Eva-Christina Meier spricht in der taz mit FernandaTovar über ihren in der Berlinale-Generation gezeigten Film "Chicas tristes". Till Kadritzke resümiert im Berlinale-Podcast von critic.de mit Dunja Bialas, Nadine Lange und Luca Schepers über die ersten Festivaltage.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Aus den weiteren Sektionen besprochen werden AnnaRollers "Allegro Pastell" nach dem Roman von LeifRandt (critic.de), AidanZamiris Mockumentary "The Moment" mit Popstar CharlieXCX (FD, Tsp, FR), YusukeIwasakis japanische Horrorkomödie "AnyMart" (critic.de), MohammedHammads Kairo-Thriller "Safe Exit" (taz) sowie DominikLochers und HoneylynJoyAlipios "Enjoy Your Stay" und KilianArmandoFriedrichs "Ich verstehe Ihren Unmut", die sich beide dokumentarisch mit der Reinigungsbranche befassen (Tsp).
Schnelle Updates vom Festival über den Tag: Artechockübermittelt Kurzkritiken. Hier alle Berlinale-Audios vom Deutschlandradio. Das Cargo-Team schreibt SMS vom Festival. Der Kritikerspiegel von critic.de füllt sich zusehends.
Abseits der Berlinale wird BorisLojkines "Souleymanes Geschichte" besprochen (SZ).
"Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten". Foto: Armin Smailovic.
Es ist ordentlich was los am Bochumer Schauspielhaus: Mateja Koleznik inszeniert "Catarina oder Von der Schöhnheit, Faschisten zu töten" von Tiago Rodrigues, ein Stück über eine Familie, die Jahr für Jahr einen Faschisten entführt, ein Festmahl veranstaltet und den Gefangenen als feierlichen Abschluss erschießt. Hubert Spiegel sieht für die FAZ also einen Abend mit Sprengkraft, wie die Publikumsreaktion auf den Monolog des von Ole Lagerpusch gespielten Faschisten beweist: "In Bochum musste die Dramaturgin Angela Obst das erregte Publikum nach etwa fünfzehn Minuten bitten, die Bühne als geschützten Raum zu respektieren und keine der per Mobiltelefon gemachten Videoaufnahmen von Ole Lagerpuschs Monolog ins Netz zu stellen. Tosender Beifall auch jener, die es noch zwei Minuten zuvor als angemessen und geradezu zwingend empfunden hatten, im Theatersessel kämpferisch gegen Rechtsextreme Stellung zu beziehen, obwohl vermutlich gar keine Rechtsextremen anwesend waren. Ein grandioser Theaterabend also. Jetzt könnte man reden über Repräsentanz und Katharsis, die Rhetorik der Extremisten jeglicher Couleur, die Anziehungskräfte des Autoritären und die Ästhetiken des Widerstands."
Nachtkritiker Martin Krumbholz findet harte Worte dafür, dass das Bochumer Publikum nicht in der Lage war, den Monolog als Teil der Rolle zu erkennen und zu Protest ansetzte: "Was für eine Blamage! Teile des Bochumer Publikums, das man fast für eins der theateraffinsten der Republik gehalten hätte, sind offenbar zu doof, man muss es einmal so krass sagen, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden; dabei offenbaren sie die stupende Selbstgerechtigkeit eines Milieus, das die eigene Meinung von vornherein für über jeden Zweifel erhaben hält. (…) Die Leute glaubten, geschickt verdeckte Inhalte zu enttarnen und wurden wütend. Vermutlich wird das Schauspielhaus der zweiten Vorstellung eine Triggerwarnung voranstellen. Es scheint unverzichtbar. Das Fiasko am Premierenabend jedoch wird in die Bochumer Theatergeschichte eingehen, auf andere Art als geplant."
Weiteres: Die NZZ druckt Harald Martensteins Rede auf Milo Raus "Prozess gegen Deutschland"-Veranstaltung - für Martenstein ist darin nicht die AfD demokratiefeindlich, sondern diejenigen, die ein Verbotsverfahren anstreben.
Besprochen werden: "Automatenbüffet" von Anna Gmeyner am Münchner Residenztheater, inszeniert von Elsa-Sophie Jach (SZ, Nachtkritik), Nikolai Rimski-Korsakows Oper "Schneeflöckchen" am Staatstheater Wiesbaden, inszeniert von Maxim Didenko (FR), Rebekka Kricheldorfs "Die Insel", Regie führt Schirin Khodadadian am Hessischen Landestheater Marburg (Nachtkritik) und CharlesGounods Oper "Faust", inszeniert von Lotte de Beer an der Bayerischen Staatsoper in München (Welt).
Der Tänzerinnen-Brunnen aus dem Garten des Kolbe-Museums wird nun wohl endlich an die Erben des jüdischen Unternehmers Heinrich Stahl zurückkehren, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Nachdem abschließend geklärt war, dass der Enkel Werner Stahl vor 25 Jahren nicht im Namen der ganzen Familie bei der Überlassung des Brunnens gesprochen hatte, unterbreitete das Museum nun allen Erben im September ein Restitutionsangebot. Bis Mitte Februar mussten sich die Nachfahren dazu äußern. Mit der jetzigen Annahme nunmehr beider Familienzweige könnte die Affäre um den Tänzerinnen-Brunnen doch noch zu einem guten Ende kommen, die bereits einen Schatten auf das Museum geworfen hat, das sich eigentlich um die Aufarbeitung des Raubfalls bemüht hatte. Die im April 2025 eröffnete Rechercheausstellung zur Geschichte des Brunnens soll deshalb weiterhin im Untergeschoss zu sehen sein, wie das Museum betont."
Weiteres: Die Künstlerin Henrike Naumann ist mit nur 41 Jahren gestorben, meldetMonopol. Vor wenigen Monaten war sie noch ausgewählt worden, um gemeinsam mit Sung Tieu den deutschen Pavillon für die diesjährige Kunstbiennale zu gestalten. Barbara Barkhausen stellt in der NZZ die Melbourner Künstlerin Helen Wilding vor. Philipp Meier wirft ebenfalls für die NZZ schon einmal einen Blick ins Kunsthaus Zürich, wo ab Herbst eine große Giacometti-Schau stattfinden soll.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Wolfgang Leber: Zeiterleben." in der Galerie Sandau (Berliner Zeitung) und "Shadows Might Dance" mit Fotos von Jessica Backhaus im Foto Forum Frankfurt (FR).
Boris Pofalla staunt in der Welt über das neue niederländische Fotomuseum in Rotterdam - und über die Geschwindigkeit der Errichtung, die in Deutschland wohl nicht möglich wäre.
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis", sagt OrhanPamuk im SZ-Gespräch zur Netflix-Serienadaption seines Romans "Das Museum der Unschuld". Vor ein paar Jahren hat sich der Schriftsteller noch erfolgreich aus einem Hollywood-Vertrag herausgeklagt, weil das damalige Studio seine Vorlage zu stark verändert habe. Die behutsamen Änderungen der Netflix-Serie haben indessen seinen Segen: "Sie hat einen Punkt umgesetzt, für den türkische Feministinnen das Buch zu Recht kritisiert haben. Und, das muss ich so sagen, ich bin in vielerlei Hinsicht leider ein Mann aus dem Mittleren Osten - und wir gehen oft unmöglich mit Frauen um. Der Roman erzählt aus männlicher Perspektive, wie eine Frau kleingehalten wird. Im Film sehen wir zwar immer noch die Geschichte des obsessiven Kemal, aber Füsun ist als Figur viel lebendiger. Ich bin dankbar, dass mit ZeynepGünay eine extrem talentierte Frau Regie geführt hat. Sie hat mich und den Film vor meinen eigenen blinden Flecken gerettet."
Weiteres: Die FAZ hat Larissa Kunerts Porträt des Schriftstellers AlexanderEstis online nachgereicht. Der SchriftstellerHansPlatzgumermacht sich in einem Standard-Essay Gedanken über Hoffnung in düsteren Zeiten. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Roger Abrahams daran, wie der SchriftstellerHarryMulisch einmal FidelCastro beim Sport zusah.
Besprochen werden unter anderem DimitréDinevs "Zeit der Mutigen" (online nachgereicht von der FAZ), DavidHugendicks Essay "Jetzt sag doch endlich was" über das Stottern (Standard) und neue Hörbücher, darunter SafaeelKhannoussis Debütroman "Oroppa" (FAZ).
Dávid Gajdos spricht in der NZZ mit György Kurtág, der am 19. Februar hundert Jahre alt wird. Eleonore Büning sendet ebenfalls in der NZZ Geburtstagsgrüße. Michael Pilz erinnert in der Welt an den in Vergessenheit geratenen Protestsong "Cuba Sí, Nixon No" von Simon & Garfunkel. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Dirigenten EliahuInbal zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden FrankSchäfers Band-Biografie über Motörhead (NZZ), ein Konzert von BiffyClyro in Offenbach (FR), ein Konzert der WienerPhilharmoniker unter AndrisNelsons (Standard), das neue Album der Leipziger Indieband KapaTult (taz), das neue Album des Jazztrompeters NilsWülker (SZ) und CharliXCX' neues Album "Wuthering Heights" (Standard).
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