Efeu - Die Kulturrundschau

Zynisch und aus Blei gegossen

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29.10.2026. Die FAZ schwelgt in München in der Farbpracht des katalanischen Jugendstils. In der Zeit erklärt Hito Steyerl, was sie unter "Slow Facism" versteht. Ebenfalls in der Zeit erinnert Volker Weidermann an Botho Strauß' maßgebliche Rolle für die Neue Rechte. Jens Meurers Wolf-Biermann-Porträt fällt bei den Filmkritikern durch: Der Film ist formal eine Gurke, meint der Perlentaucher. Und die Agenturen melden, dass Jafar Panahi vom iranischen Regime erneut in Abwesenheit verurteilt wurde.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2026 finden Sie hier

Kunst

Santiago Rusinol: Garten von Aranjuez, Laube II, 1907. Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia. Foto: © Archiba Fotograficoe Museo Nacional Centro de Arte. Reina Sofia

Das ist definitiv die "Schau des Jahres", jubelt Stefan Trinks in der FAZ nach seinem Besuch der Münchner Kunsthalle, die sich unter dem Titel "Barcelona moderna" dem katalanischen Jugendstil widmet. Ein Dutzend Picassos sind hier ebenso zu entdecken wie nachgebaute Interieurs und achtzig in Deutschland nahezu unbekannte Künstler: "Hermen Anglada Camarasas 'Frau aus Granada' ist mit ihrer auf leuchtendes Purpur des Flamencokostüms gesetzten ornamental flachen Blütenpracht mit modernen Verlaufsspuren nach unten, die zugleich die Fransen des Überwurfs bilden, ein direktes Pendant zu Klimt in Wien. Dabei hat Camarasa den österreichischen Jugendstilkünstler wohl gar nicht gekannt - eine spukhafte Fernwirkung in dieser europaweiten Strömung, die nicht selten ist. Kaum zu verkraften ist auch Joaquim Mirs geradezu psychedelisch anmutende Farbwucht japanisierender Meeresbuchten, flammender Sonnenuntergänge und spanischer Landschaften mit Orangenhainen im vorletzten und größten Saal. Diese menschenleeren Zauberreiche, bis zu fünf mal drei Meter mächtig, sind die Entdeckung, da diesen Meister in Deutschland noch kaum jemand kennt."

James Abbott McNeill Whistler, Arrangement in Grey and Black: Portrait of the Painter's Mother, 1871, Musée d'Orsay, Paris, Photocredit: © Musée d'Orsay / RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt

Ein einfacher Zeitgenosse war der amerikanische Maler James McNeill Whistler keineswegs, ein so eigenständiger wie eigensinniger Künstler aber in jedem Fall, erkennt Jörg Restorff (NZZ) in den Ausstellungen "Dandy and Disruptor" im Van-Gogh-Museum in Amsterdam und "Whistler. Loving the Netherlands" in der Mesdag Collection in Den Haag: "Durchaus ungewöhnlich für die westliche Sicht im späten 19. Jahrhundert stellte James McNeill Whistler die japanische Kunst auf eine Stufe mit der griechischen Antike. Die Geschichte des Schönen, erklärte der zukunftsskeptische Künstler, sei bereits vollendet - 'gemeißelt in den Marmor des Parthenon und gestickt auf den Fächer von Hokusai'. In frühen Bildern wie 'Purple and Rose: The Lange Leizen of the Six Marks' (1864) beließ er es noch dabei, fernöstliche Gewänder und Keramiken als exotische Zutaten in traditionell-realistische Interieurs zu verpflanzen. Später jedoch machte er sich japanische Kunstgriffe wie flächige Farbzonen, Asymmetrie oder überraschende Motivanschnitte zu eigen. So wurde er zum Vorbild für Vincent van Gogh, der wie Whistler das Land der Japaner mit der Seele suchte."

Anlässlich der in wenigen Tagen startenden Ausstellung "Hito Steyerl. Deine Mudda macht Show" in den Hamburger Deichtorhallen unterhält sich Tobias Timm für die Zeit mit der Künstlerin über KI, Quantenphysik und darüber, was sie in ihrem aktuellen Film "The Island" mit "Slow Facism" meint: "Der alte Faschismus hatte ein relativ zügiges Tempo. Da mussten die Juden und Kommunisten weg, wurden sehr schnell entrechtet, umgebracht. Heute setzt der Faschismus vieles mit legalen Mitteln Schritt für Schritt sehr nachhaltig um, das ist Slow Fascism. Die neuen rechten Regierungen arbeiten sehr viel mit bürokratischen Mitteln, statt zu putschen. Das dauert dann womöglich Jahrzehnte, wie in der Türkei, aber dafür sind diese Regierungen dann sehr stabil." Auch in Deutschland gebe es "einen Rückbau der Zivilgesellschaft. Allerdings findet dieser Rückbau in Deutschland nicht das erste Mal seit 1945 statt, es gab ja schon vor 50 Jahren Berufsverbote, beispielsweise den Radikalenerlass..."

In der Welt freut sich Marcus Woeller, dass der Hamburger Bahnhof in Berlin dank des privat gestifteten Tiemann-Preises Werke der kanadischen Künstlerin Elif Saydam ankaufen konnte. Besprochen werden außerdem die Leonor-Fini-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (FR, mehr hier) und die Leiko-Ikemura-Ausstellung "TransLucent - La forma della luce" in der Galleria dell'Accademia in Venedig (taz).
Archiv: Kunst

Film

Die Agenturen melden, dass Jafar Panahi vom iranischen Regime erneut in Abwesenheit verurteilt wurde - zu fünf Jahren Haft, zwei Jahren Social-Media-Verbot und einer zweijährigen Ausreisesperre. Davon erfahren hat der letztes Jahr mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnete Autorenfilmer erst, als letzte Woche seine Bankkonten gesperrt wurden, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt: "Panahi hatte keine Vorladung zu der Verhandlung erhalten", angeblich weil er sich im Ausland befinde, was aber "nachweislich falsch" sei. Trotz drohender Repressalien war Panahi im März 2026 nach einer ausgedehnten PR-Reise für seinen letzten Film "Ein einfacher Unfall" in sein Heimatland zurückgekehrt. "'Ich bin jemand, der in seinem Land sein muss', hatte Panahi kurz vor seiner Rückkehr dem Branchenblatt Variety gesagt. 'Ich muss dort atmen und dort arbeiten.'"

Wolf Biermann in Köln - Szenenbild aus "Biermann" (Majestic Film / Wolfgang Steche)

Pünktlich zum 90. Geburtstag von Wolf Biermann kommt mit Jens Meurers "Biermann - Warte nicht auf bess're Zeiten" der dazu passende Porträtfilm in die Kinos. Für das, was der Film will und soll, ist er soweit passabel und die ungebrochen vitale Umtriebigkeit ihres Protagonisten macht daraus auch mehr als einen "filmischen Wikipedia-Eintrag", meint Perlentaucher Fabian Tietke. Aber man muss schon großer Biermann-Fan sein oder es zumindest werden wollen, um dafür wirklich ein Ticket lösen zu wollen - alle anderen können auf die ARD-Mediathek warten. Der "Film ist formal eine Gurke. Eine vermutlich unvermeidliche Eigenschaft, denn eine interessantere dokumentarische Form hätte dem 'sichtbaren Egoman', wie Armin Müller-Stahl Biermann kurz vor Schluss nennt, womöglich Konkurrenz gemacht. ... Biermann poltert, säuselt, reflektiert in Meurers Film vor sich hin und der Film liefert brav Bilder dazu ab. Von der Biermann-Show kann man genervt sein oder begeistert, das Zusammenspiel zwischen dem Bildmaterial und den Biermann-Liedern funktioniert erstaunlich gut."

tazlerin Barbara Schweizerhof beschleicht "am Ende das Gefühl einer verpassten Chance", denn "das historische Phänomen, für das Biermanns Name steht, bleibt unterbeleuchtet". Ralf Krämer vermisst im Freitag "die kontroversen Stimmen" etwa von Linken-Politikern, wundert sich letzten Endes aber auch nicht über deren Fehlen: "Dass Johann Scheerer, dessen Label Clouds Hill die Rechte an Biermanns musikalischem Werk besitzt, hier als Co-Produzent mit an Bord ist, nährt den Verdacht, dass 'Biermann' ... auch als Teil einer breiten Marketing-Kampagne angelegt wurde". Der NDR hat eine Stunde mit Biermann gesprochen.

Weiteres: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit der Filmemacherin Alauda Ruiz de Azúa, die selbst zwar nicht an Gott glaubt, aber in ihrem Film "Glaube" von einer jungen Frau erzählt, die sich durch den Gang ins Kloster emanzipiert (FAZ-Kritikerin Lara Torp verließ das Kino "mit einem faden Beigeschmack"). Amrai Coen und Eva Wolfangel chatten für die Zeit mit dem KI-Datensatz Tilly Norwood, der von seinen Schöpfern als Hollywood-Schauspielerin lanciert wird.

Besprochen werden Tina Romeros queere Horrorkomödie "Queens of the Dead" (Perlentaucher), Ulrike Ottingers queere Horrorkomödie "Die Blutgräfin" mit Isabelle Huppert (FD, mehr dazu bereits hier), Taika Waititis Verfilmung von Kazuo Ishiguros Roman "Klara und die Sonne" ("Das Märchenhafte macht das Abgründige spürbarer", schreibt Philipp Rhensius in der taz), Lee Chang-dongs "Possible Love" (Zeit, mehr dazu bereits hier), Elegance Brattons "By Any Means" (SZ) und eine Netflix-Dokuserie über den 2023 verstorbenen "Friends"-Schauspieler Matthew Perry (NZZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Meurer, Jens, Biermann, Wolf

Literatur

Buch in der Debatte

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In der Zeit will Volker Weidermann es nicht hinnehmen, dass sein Kollege Ijoma Mangold Botho Strauß kürzlich als "den größten deutschsprachigen Dichter unserer Zeit" gefeiert, von dessen maßgeblicher Rolle für die Neue Rechte aber geschwiegen hat. Und dies zumal in einem Jahr, in dem die AfD neue politische Erfolge einfährt. In seinem neuen Buch sorgt sich Strauß auch um die deutsche Literatur in Zeiten der Einwanderung und raunt von einem "neuen Geheimen Deutschland", das sich "dem Wiedererstarken, dem Aufleben der eigenen Muttersprache" widmen solle. "Weiß er es nicht? Will er es nicht wissen? Es gibt dieses neue Deutschland längst. ... Die neue deutsche Nationalliteratur wird lange schon geschrieben. Von Terézia Mora. Saša Stanišić. Katja Petrowskaja. Nino Haratischwili. Barbi Marković. Shida Bazyar. Maxim Biller. Herta Müller. Sie alle oder ihre Eltern wurden, wie so viele, viele andere, jenseits der Grenzen des deutschen Sprachraums geboren. ... Sie sind - durch eine Art Schubumkehr der Geschichte - symbolisch die Kinder und Enkel jener Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Bücher vor hundert Jahren hierzulande verbrannt wurden. ... Als jenes Regierungsprogramm in die Tat umgesetzt wurde, das viele zuvor für Spinnerei oder nicht-ganz-ernst-gemeint hielten."

Ebenfalls in der Zeit will die Schriftstellerin Simone Buchholz es nicht hinnehmen, dass Krimis in letzter Zeit - in den Zehnerjahren war solcherlei eher verpönt - wieder wahre "Schlachtplatten" auftischen und sich an Blut, Gewalt und Brutalität ergötzen. Diese "neuerliche Verrohung in der Kriminalliteratur" könnte einen "ganz schlichten Hintergrund" haben, vermutet sie: "die allgemeine Verrohung in der Gesellschaft. Der neoliberale Spätkapitalismus, jener durchdigitalisierte Raubtiermarkt, kann Rücksicht, Solidarität und Mitgefühl nicht gebrauchen. ... Vielleicht ist es aber auch einfach der um sich greifende Gehirnabbau, eine Art De-Zivilisation hin zur Grobschlächtigkeit, was das Publikum nach immer mehr und immer härterer Gewalt lechzen lässt." Was dem entgegensetzen? Vielleicht ja "aktiv liebevolles Handeln", schlägt Buchholz vor: "Im Krimi zeigt sich die Liebe auf vielfältige Arten, und vor dem dunklen Hintergrund der Gewalt leuchtet sie besonders hell. ... Ohne Liebe ist die Erzählung vom Verbrechen grau, zynisch und aus Blei gegossen."

Besprochen werden unter anderem Gregor Sanders "Troja, später Nachmittag" (FR), Rebecca Solnits "Höllenparadies" (FR), Gustav Ernsts "Arbeiterkino" (Standard), Alex Schulmans "Jetzt beginnt das Leben" (NZZ),  Susan Chois "Leuchtzeichen" (FAZ), eine Neuübersetzung von Daphne du Mauriers Krimi-Klassiker "Rebecca" (Zeit) und Sebastian Haffners "Die Tochter" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

Szene aus "The Mothers of Kherson", Nationaloper Warschau. Foto: Krzysztof Bieliński

Die Oper "The Mothers of Kherson" des ukrainischen Komponisten Maxim Kolomiiets mag aktivistisch sein, fantastisch ist sie in jedem Fall, freut sich Isolde Sellin, die für die Zeit bei der Uraufführung des ukrainischen Heldinnenepos, dirigiert von Keri-Lynn Wilson, an der Nationaloper Warschau war: "Die Ouvertüre setzt ein und mit ihr der Krieg im Schnelldurchlauf. In einem grauen Luftschutzbunker halten sich Menschen die Ohren zu, tragen Verletzte und Tote auf Bahren von einer Seite auf die andere. Der erste Akt beginnt mit der Melodie eines ukrainischen Wiegenlieds. 'Schlaf, mein kleiner Hase, es gibt nichts zu fürchten', singt Kateryna ihrer Tochter Lilia vor, die sie sogleich unterbricht: Sie sei kein Kind mehr, und ihre Mutter sei peinlich. Eltern nerven eben auch im Krieg. Die Bedrohung im besetzten Cherson aber ist allgegenwärtig. Die Russen patrouillieren in Uniform über die Bühne, Bilder und Videos zerstörter Häuser werden eingeblendet. Olha (Małgorzata Walewska) beweint ergreifend die Nachtigall vor ihrem Fenster, die von einem russischen Soldaten vertrieben wurde. Die Musik des Abends ist eingängig, so eingängig, dass man nicht unbedingt darauf käme, sie könnte von 2026 sein."

Besprochen werden außerdem Milo Raus Inszenierung von Richard Wagners "Fliegendem Holländer" an der Deutschen Oper Berlin (Zeit, mehr hier), Vincent Huguets Inszenierung des "Siegfrieds" unter dem Dirigat von Daniel Harding an der Oper in Rom (FAZ), Paul Georg Dittrichs Inszenierung der "Tosca" am Theater Heidelberg (FR) und Sabrina Sadowskas Inszenierung "Hans Christian A." am Theater Chemnitz (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Oliver Polak erzählt in der SZ von seiner Reise nach Los Angeles, wo er sich die Indierockhelden Weezer angesehen hat und damit eine Band, die wie viele daran leidet, früh in der Karriere einen ganz großen Wurf gelandet zu haben, der wie ein Schatten auf dem folgenden Werk liegt, in diesem Fall: das "blaue Album" von 1994 (hier in voller Länge live). Zumindest bis jetzt, denn mit dem bereits im August veröffentlichten "goldenen Album" ist der Band vielleicht sogar das "beste Rockalbum des bisherigen Jahrtausends gelungen. Jeder Song ein Treffer, eine Melodie, ein Hit. Weinende Gitarren, Beach-Boys-artige Harmonien und Gesänge, verzerrte Riffs, selbstironische Texte über Außenseiter, Garagenmusik und Schüchternheit. Alles klingt laut und trotzdem hübsch, ein bisschen Kiss, die Pet Shop Boys, Pavement, Dinosaur Jr. und viel Weezer. Jeder Song besticht durch Schönheit und Gitarrenwände. Der ganz klare geheime Hit des Albums: das ganze Album. Weezer besingen es als 'This Is the L.A. Sound', auch Titel des letzten Tracks, mit den gedoppelten Thin-Lizzy-Gitarrensoli und dem Beach-Boys-Kanongesang am Ende."



Weitere Artikel: Maxi Broecking porträtiert in der taz den US-Jazztrompeter Rob Mazurek, der am 31. Oktober gemeinsam mit dem Schlagzeuger Chad Tayler als Chicago Underground Duo beim Jazzfest Berlin auftreten wird. Im Tagesspiegel gratuliert Christiane Peitz der Elbphilharmonie zum zehnjährigen Bestehen. Besprochen werden ein von Daniele Gatti dirigiertes Frankfurter Konzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit dem Violinisten Augustin Hadelich (FR) und das Album "Domino Days" von Endless Wellness (Standard).
Archiv: Musik
Stichwörter: Weezer, Indierock
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