Efeu - Die Kulturrundschau

Schöne Irritationspotenziale

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13.09.2016. Revolte beim Berliner Staatsballett: Dort ist man höchst unzufrieden mit der neuen Co-Leiterin Sasha Waltz. Kaleidoskopische Kunst oder unverständliches Blah - das ist die Frage bei der von Maria Lind kuratierte Gwangju Biennale in Südkorea. Der Tagesanzeiger freut sich über viele Dirigentinnen und Komponistinnen beim Luzern Festival. Der Guardian fragt, warum die Ars Electronica in 29 Jahren nur einmal eine Künstlerin mit dem Goldenen Nica ausgezeichnet hat. Die NZZ staunt über die Visionen des Blauen Reiters. Die SZ grübelt über Baumarkt-Ästhetik und Pop.

Bühne

Das Fußvolk hat die Nase voll: Erst an der Volksbühne und jetzt auch beim Berliner Staatsballett, wo sich die Tänzer vehement, mit Banderolen und Internetpetition, gegen die überhastete Installierung der neuen Doppelspitze wehren. Die vergangene Woche verkündete Entscheidung, das Haus ab 2019 von Sasha Waltz co-leiten zu lassen, wird von der Compagnie "rigoros" abgelehnt, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel und legt die Position der Tänzer dar: "Zwar respektiere man die Arbeit von Sasha Waltz, als Tanztheater-Choreografin sei sie für den Job jedoch völlig ungeeignet, da diese Form des Bühnentanzes anderes Qualitäten erfordere als die des klassischen Balletts. Allein ihre Ernennung würde den Ruf des Staatsballetts als weltweit anerkannte klassische Ballettcompagnie beschädigen. Die Tatsache, dass ihr designierter Co-Intendant Öhman als derzeitiger Ballettchef am Königlichen Opernhaus Stockholm aus der klassischen Sparte kommt, genügt dem Ensemble offenbar nicht."

In der Welt hat Manuel Brug viel Sympathie für den Protest: "Denn es ist ein eklatantes Votum gegen jede Art von Kontinuität. Und nur diese würde das Staatsballett weiterbringen. ... So wird diese Kompanie niemals bedeutend werden. Und daran sind einfach und allein die beratungsresistenten Politiker schuld." Waltz ist eigentlich eine gute Entscheidung, meint Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung, man hätte sie nur mit mehr Diplomatie vermitteln müssen.

Foto zu Foto zu "Denial" ©Esra Rotthoff
Mit Yael Ronens "Denial" eröffnet das gerade als "Theater des Jahres" ausgezeichnete Maxim Gorki Theater in Berlin seine Saison. Darin erzählen fünf Schauspieler von ihren fiktional aufbereiteten Lebens- und Migrationsgeschichten. Mounia Meiborg von der SZ gewinnt diesem "Spiel mit dem vermeintlich 'Authentischen'" einige "schöne Irritationspotenziale" ab. "Andererseits ist im Selfie-Zeitalter der Seelenstriptease schlicht auch karrierefördernd. ... Yael Ronen macht wieder einmal ihrem Ruf als Gruppentherapeutin alle Ehre. Diesmal ist es mehr Therapie als Theater." FAZlerin Irene Bazinger winkt ab: Ein "betulich abschnurrendes Histörchen-Programm" und "mittelprächtige Comedy" gebe es hier zu sehen. "Psychoanalyse [geht] anders - und ist vor allem weniger brav." Georg Kasch lobt in der nachtkritik einmal mehr die "fantastischen Schauspieler" am Gorki.

Besprochen werden Milo Raus "Empire" an der Berliner Schaubühne (SZ, mehr dazu hier) und eine Mindener "Walküre" in der Regie von Gerd Heinz (FAZ).
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Film

Das ZeitMagazin bringt einen kleinen Auszug aus Helmut Dietls Fragment gebliebener Autobiografie "A bisserl was geht immer".
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Kunst


Li Jinghu, White Clouds, Gwangju Biennale

Die von Maria Lind kuratierte Gwangju Biennale in Südkorea führt bei den Kritikerinnen zu höchst unterschiedlichen Einschätzungen. Taz-Kritikerin Julia Gwendolyn Schneider schätzt gerade das "Kaleidoskopische", von dem die Kuratorin auch im Katalog spricht: Hier stehe die Kunst noch für sich und werde keinem Thema untergeordnet. Zu sehen gebe es entsprechend "aussagekräftige Arbeiten". Ganz im Gegenteil, moniert eine ziemlich ungehaltene Sabine Vogel in der FAZ: Sie sieht in Überschriften wie "What does Art do?" und dem Gerede von der Kunst als "Seismograph und Spürhund" für den Kuratorenbetrieb typisch gewordene Bläh-Floskeln, denen dann herbeiassoziierte Kunst zur Seite gestellt wird: Viele Werke sind "kaum verständlich, die oft vielteiligen Installationen räumlich nicht klar voneinander getrennt, und 'kaleidoskopisch' ist eine Umschreibung für inhaltlich völlig unverbundene Arrangements."


Wassily Kandinsky, Murnau - Obermarkt mit Gebirge, 1908, Öl auf Karton, Privatsammlung

"Die Schau ist ein Klassiker, wie man ihn in diesem Haus erwartet", lobt Maria Becker die große Ausstellung von Kandinsky, Marc und dem "Blauen Reiter" in der Fondation Beyeler. Ein ganzer Raum ist dem Almanach gewidmet, in dem die Maler die Kunst der Zukunft skizzierten: "Ein faszinierendes Selbstporträt von Arnold Schönberg, das der malende Komponist 1910 geschaffen und 'Vision' genannt hat, hängt neben der Reproduktion eines Gemäldes von Henri Rousseau, das einen Hühnerhof zeigt. Dass Kandinsky in seinem Beitrag im 'Blauen Reiter' die Bilder einander zuordnet, hat einen Grund, der sich nur in der Anschauung erschließt: Beide sind Visionen. Schönberg stellt das Aufscheinen der Inspiration im eigenen Gesicht dar; Rousseau ein magisches Geviert ländlicher Ruhe."

Weitere Artikel: Im Interview mit der NZZ stellt Dieter Meier seine kommende Kunstaktion vor. Der Tagesspiegel bringt ein Special zur Berlin Art Week, die morgen beginnt. Unter anderem spricht Nicola Kuhn mit Udo Kittelmann von der Nationalgalerie und Julius Heinrichs besucht zwei Sammlungen im Salon Dahlmann, die sich mit dem Verbleib des Aktivismus von 1968 befassen. In der FR berichtet Sandra Danicke von der Abschlussveranstaltung der Ausstellung "Das imaginäre Museum" im MMK2 in Frankfurt.

Besprochen wird die Ausstellung "Barock - nur schöner Schein?" in den Reiss-Engelhorn-Museen in Manheim (FAZ).
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Literatur

Tazlerin Annika Glunz berichtet vom Internationalen Literaturfestival in Berlin. Die Buchbloggerin hat Besprechungen in Blogs zur Longlist des Deutschen Buchpreises zusammengestellt.

Besprochen werden Julia Kissinas Roman "Elephantinas Moskauer Jahre" (NZZ), Gerhard Falkners "Apollokalypse" (ZeitOnline), Chinua Achebes "Einer von uns" (Tagesspiegel), Sibylle Lewitscharoffs "Das Pfingstwunder" (SZ), Ferenc Barnás' "Ein anderer Tod" (SZ) und Bodo Kirchhoffs Longlist-Novelle "Widerfahrnis" (FAZ). Mehr aus dem literarischen Leben in unserem Metablog Lit21.
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Musik

SZ-Kritiker Karl Bruckmaier erlebt beim Dorfspaziergang im Bayerischen eine originelle Epiphanie: In der dörflich-privatistischen Baumarkt-Idyll-Ästhetik tritt ihm nämlich ein aus geschmacksaufgeklärteren Kreisen bekanntes Prinzip entgegen. "Schon einmal gab es eine Glücksemanzipation, die wir heute Pop nennen, deren Erscheinungsform, deren Bestandteile von den Geschmackseliten und den etablierten Bildungsstätten geleugnet, ja diffamiert wurden - weil diese nicht in der Lage waren, sie überhaupt zu erkennen. ... Pop war und ist einfach ein Baukastensystem, aus dem jede und jeder in einem immerwährenden Feldversuch an einem nie wirklich fixierten Ausdruck der eigenen Persönlichkeit herumbosseln kann. Und dies gilt heute auch für das System Baumarkt: Ein riesiger Materialienspeicher an Schund und Hochwertigem, der einen surrealen Überfluss der Möglichkeiten symbolisiert."

Im Tagesanzeiger freut sich Susanne Kübler, dass so viele Dirigentinnen zum Lucerne-Festival eingeladen waren und so viele Komponistinnen aufgeführt wurden: "Allerdings traf man sie vor allem in der Moderne-Reihe, im Late-Night-Konzert, am 'Erlebnistag'. Im glamourösen Kernbereich des Festivals dagegen dominierte auch dieses Jahr der 'PrimoUomo': Von den 29 Sinfoniekonzerten wurden nur gerade vier von Frauen dirigiert." Ganz schlecht sieht es dagegen bei der Ars Electronica aus, was die Gleichberechtigung der Geschlechter angeht. Das, meldet der Guardian, hat die Künstlerin Heather Dewey-Hagborg entdeckt, nachdem sie im letzten Jahr in der Kategorie Hybrid Arts nominiert war: "The prize's online archive showed that throughout its 29-year history, 9 out of 10 Golden Nica have been awarded to men."

Weiteres: Auf The Quietus bietet Mollie Zhang einen Überblick über die Undergroundszene von Teheran. Auf Pitchfork spricht Alex Frank mit M.I.A.

Besprochen werden die Ausstellung im Victoria & Albert Museum über die späten Pop-60s (taz), das Konzert von Radiohead beim Lollapalooza-Festival in Berlin (Tagesspiegel, SZ), ein Konzert von King Crimson (taz, Tagesspiegel, Berliner Zeitung), der Saisonauftakt des Deutschen Symphonie-Orchesters unter dem neuen Chefdirigenten Jakub Hrůša (Tagesspiegel), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters (FR), der Auftakt der Weltmusikreihe in Frankfurt (FR), ein Konzert von Thurston Moore (The Quietus), ein Konzert von Igor Levit unter Christian Thielemann (SZ), die Ausstellung "Luther, Bach - und die Juden" im Bachhaus Eisenach (SZ) und ein Konzert der Newcomer Helgen (FAZ).
Archiv: Musik