Efeu - Die Kulturrundschau

Die Unentrinnbarkeit der Wirklichkeit

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11.08.2016. Überall Mitmachkunst, aber wo ist ein Werk? Das fragt sich die Welt nach diesem Biennale-Sommer. Die SZ findet eins in London, wo die Tate Modern gerade Georgia O'Keefe ausstellt. Der Tagesspiegel reist mit Michael Grandages Debütfilm "Genius" über Thomas Wolfe in die Zwanziger. Moviepilot widersetzt sich heftig der Achtziger-Jahre-Nostalgie. In der NZZ erklärt der mexikanische Autor Juan Villoro, warum Gewalt für die einen Furcht, für die anderen Flucht aus dem Alltag bedeutet. Der Freitag hört türkische Experimentalmusik. Die Perlentaucher-Debatte über "Wege aus dem Postpost" geht weiter.

Kunst

Projektkunst ist das Ding der Stunde, denkt sich in der Welt Hans-Joachim Müller, der lieber in ein Grillwürstchen beißt als seine "Hoetep-Kräfte" zu beleben. Von der Berlin-Biennale bis zur Zürcher Manifest: Der alte Traum, dass Kunst alles ist und jeder Künstler sein kann, wurde noch nie so handfest ausgefüllt wie in diesem Sommer der Mitmachprojekte, erklärt er in der Welt. "Was dabei aufgegeben wird, ist das Werk, das einzig wirklich Belastbare an der Kunst, in das allein ihre Geschichte, ihre Gegenwart, ihre ästhetische Relevanz, ihre Zeichenhaftigkeit, ihre Bedeutung eingeschrieben sind. Alles, was sie sein kann, erstaunlich, offen, hermetisch, belehrend, schweigsam, verletzlich, verletzend, gefährlich, stammt aus dem, was Form geworden ist. Und dazu ist auch kein Widerspruch, dass es immer aktionistische Kunstformen gegeben hat, von denen ja auch nicht viel geblieben ist. Aber die Aktion selber war Werk und nicht bloßes Mitmach-Entertainment."



Ein Werk kann man derzeit in der Tate Modern begutachten: In einer Ausstellung der Gemälde von Georgia O'Keeffe, die ihre gegenständlichen Malereien aus einer Auseinandersetzung mit der Abstraktion heraus gestaltet hat, schreibt Thomas Steinfeld in der SZ. Fest macht er diesen Punkt insbesondere an O'Keefes späten, von Wüstenerkundungen inspirierten Arbeiten: "So bizarr, wie viele dieser Gegenstände erscheinen, so sehr scheinen sie absolute Form zu sein - wobei es zur Eigenheit dieser Wüstenbilder gehört, dass die einzelnen Objekte darin, ob nun Rinderhorn oder Wildrose, stets gleichermaßen herausgehoben erscheinen. Ein jeder Gegenstand darf hier Bedeutung sein, auch und gerade wenn er aus dem Bild hinausschießt in eine unermessliche Ferne."

Weiteres: ZeitOnline bringt eine Strecke mit Fotografien von Ralf Brueck. Besprochen werden die Ausstellung "A World Not Ours" auf der griechischen Insel Samos (Tagesspiegel) und die Francis-Picabia-Retrospektive im Kunsthaus Zürich (FAZ).
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Film


Jude Law und Guy Pearce in Michael Grandages "Genius"

"Wer die inspirierende Kraft des Kinos liebt, ist in diesem Film zu Hause. Und wer die Literatur liebt, sowieso", schwärmt Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel von "Genius", Michael Grandages Debütfilm über die Freundschaft zwischen dem amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe und seinem Lektor Maxwell Perkins in den zwanziger Jahren. Die in amerikanischen Medien (wie NYTimes, Variety und Hollywood Reporter) überwiegend vernichtende Resonanz erklärt sich der Kritiker mit Empörung darüber, dass hier ein uramerikanischer Stoff vorwiegend von Briten und Australiern verfilmt wurde: "Wie wär's, liebe Kollegen, wenn ihr nicht auf anderen Angelsachsen herumtrampelt, die immerhin erwachsene Filme wagen? Sondern euch eure eigenen Produzenten vornehmt, die das globale Publikum überwiegend mit durchgeknallten Actionhelden, putzigem Plüschtierkram und anämischen Aliens aus der Digitalretorte abspeisen?" Weitere Besprechungen in SZ und FAZ.

Auf Moviepilot zeigt sich Rajko Burchardt sehr genervt von der Achtziger-Jahre-Nostalgie in Kino und Fernsehen: "Der Achtziger-Jahre-Fleischwolf (...), durch den 'Stranger Things' und Co. alles drehen, was sich nur irgendwie drehen lässt, möchte letztlich mehr Achtziger sein, als es die Achtziger je waren. Wenn die Postmoderne im Kino bedeutete, sich des Vergangenen bewusst zu werden, es so lange auszustellen und zu brechen, bis nichts mehr übrig bleibt, dann haben wir es jetzt wohl mit einer Zeit zu tun, in der die Rückbesinnung nur noch gestattet, das Vergangene zu sein."

Weiteres: Im Freitag berichtet Thomas Groh von Regungen im deutschen Kino, das sich in Filmen wie "Der Bunker", "Wild" und der "Der Samurai" wieder kontuinierlich phantastische und transgressive Stoffe aneignet. In EpdFilm bringt Andreas Busche Hintergründe zum wachsenden Unterhaltungsbranchenkonglomerat Disney, das sich ein Blockbuster-Studio nach dem nächsten einverleibt. Auf critic.de berichtet Frédéric Jaeger vom Filmfestival in Locarno. Für kino-zeit.de sind Beatrice Behn und Sonja Hartl vor Ort.

Besprochen werden Paul Greengrass' "Jason Bourne" (Tagesspiegel, ZeitOnline, critic.de, FR, NZZ), Elfi Mikeschs "Fieber" (kino-zeit.de, Tagesspiegel), Miguel Gomes' sechsstündiger "1001 Nacht" (Welt) und Elke Schiebers Buch "Tangenten", das sich mit der Darstellung der Schoah im DEFA-Kino befasst (Freitag)
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Architektur

Für die taz besichtigt Michael Bartsch die Baustellen der neuen Dresdner Theaterbauten. Für den Tagesspiegel liest Bernhard Schulz neue Bücher über Hitlers Architekten.
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Bühne

Ungefähr vierzig Menschen setzt Tino Seghal beim Wiener Impulstanz-Festival im Leopold-Museum in Bewegung - und bleiben dann plötzlich stehen, lernt Susanne Altmann vom Art Magazin, die plötzlich von einer der "Tänzerinnen" in ein Gespräch verwickelt wird: "Sie müsse in letzter Zeit so oft an ihre 1903 geborene Großmutter denken, beginnt eine ältere Dame ihre Kontaktaufnahme mit mir. Wohin wird das führen, denke ich. Die Oma habe fast ein Jahrhundert gelebt, fährt sie fort, und bis an ihr Lebensende Dankespost von Flüchtlingen aus Siebenbürgen bekommen, die sie 1945 beherbergt habe. Ich verstehe."

SZ-Kritikerin Eva-Elisabeth Fischer ließ sich gern ansprechen: "Man mag es nennen, wie man will, Konzeptkunst, Meta- oder auch Phantomkunst - Sehgal hat die Flüchtigkeit des Tanzes von der Bühne ins Museum und damit vor ein Publikum in Bewegung verlagert. Hat Bewegung und Klang als Kontrapunkt zu den immobilen Exponaten gesetzt." Weitere Berichte vom Impulstanz im Standard.

Außerdem: Im Gespräch mit der Berliner Zeitung macht Ulrich Matthes seinem Unmut über die AfD Luft.
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Musik

Mit der "Anthology of Turkish Experimental Music" wird die bislang kaum beleuchtete Geschichte der türkischen Experimentalmusik ins Gedächtnis gerufen, freut sich Philipp Rhensius im Freitag: Auch in Istanbul gab es frühe elektronische Experimente, die an Science Fiction erinnern, stellt der Rezensent entzückt fest und verweist mit Nachdruck auf die politische Komponente dieser Klangästhetik: Deren subversiver Charakter stecke "in dem, was nicht zu hören ist. Keines der Stücke enthält folkloristische Elemente, die für kulturelle Eigenheiten stehen könnten. Das hat enormes utopisches Potenzial. Weil Musik, die auf nichts Eindeutiges verweist, Platz zum Denken lässt. Und weil in der Abstraktion die Universalien hervortreten, von der die Anthologie erzählt: Spannung und Auflösung, die Dialektik des Daseins, die Unentrinnbarkeit der Wirklichkeit und nicht zuletzt: Freiheit. Experimentelle Musik ermöglicht Räume, um sich von Identitäten zu befreien."

Weiteres: Für The Quietus spricht Riot-Grrrl-Pionierin Kathleen Hanna über die Platten, die sie am meisten beeinflusst haben.

Besprochen werden das gemeinsame Album "Der Holland Job" von Haftbefehl und Xatar (Tagesspiegel), ein Konzert von Michael Kiwanuka (FR), ein Chopin-Abend mit Maurizio Pollini (FR) und der Dokumentarfilm "El Viaje", in dem Ärzte-Bassist Rodrigo Gonzales die musikalischen Kulturen Chiles erkundet (SZ).
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Literatur

Christiane Kiesow antwortet auf Charlotte Kraffts Perlentaucher-Essay über "Wege aus dem Postpost", der die Ich-Bezogenheit der jüngsten deutschen Literatur geißelte, und verteidigt unter anderem den von Krafft attackierten Open-Mike-Wettbewerb: "Könnte es nicht auch als Souveränität gedeutet werden, dass die Jury des Open Mike nicht auf die anhaltende Kritik aus dem Feuilleton reagiert, sondern konsequent ihre eigenen Qualitäts-Kriterien vertritt? Man stelle sich vor, wie das wohl wäre, wenn die Presse nicht nur ihre eigenen Themen bestimmte sondern auch noch, was in der Literatur relevant zu sein hat."

In Mexiko ist Gewalt an der Tagesordnung und für viele Menschen erfahrenes Leid. In Juan Villoros neuem Roman "Das dritte Leben" durchleben Touristen in einem Luxushotel Gewalt als inszenierten Nervenkitzel, mit gespielten Entführungen und giftigen Spinnen. Im Interview mit der NZZ erklärt Villoro: "'Das dritte Leben' ist auch ein Roman über die Globalisierung. Das Hotel wurde von einem britischen Warenhaus aufgekauft. Der Hauptaktionär ist Nordamerikaner, und die Besucher kommen aus allen Ländern der Welt. Den Europäern dient die Dritte Welt dazu, sie von ihrer Langeweile zu befreien. Sie fliehen vor der Normalität, vor der Routine, um vorübergehend am Limit zu leben. Länder wie Mexiko sind ein attraktives Resort der Rückständigkeit. Dinge, die in der Schweiz unerträglich wären, erscheinen dort stimulierend exotisch. Es ist eine Fluchtmöglichkeit mit Rückfahrkarte."

Außerdem: Auf Tell denkt Sieglinde Geisel über Segen und Fluch des Adjektivs nach.

Besprochen werden die durchgearbeitete Buchausgabe von Tilman Rammstedts ursprünglich in täglicher Lieferung im Netz entstandenen Romans "Morgen mehr" (Freitag, SZ), Hanna Diyābs "Von Aleppo nach Paris" (Freitag), Sylvie Schenks "Schnell, Dein Leben" (Tagesspiegel), John Meade Falkners "Moonfleet" (FR), Jo Nesbøs "Blood on Snow" (FR), Winshluss' blasphemische Bibel-Comicinterpretation "In God We Trust" (Tagesspiegel), die englische Ausgabe des Skripts zur Londoner Theaterforsetzung von "Harry Potter" (SZ) und Bov Bjergs "Die Modernisierung meiner Mutter" (FAZ, mehr dazu hier). Mehr aus dem literarischen Leben im Netz auf unserem Metablog LIt21.
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