Efeu - Die Kulturrundschau

Das wird es so nicht mehr geben

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26.08.2016. Toni Erdmann geht ins Rennen um die Oscars! artechock schaut unter die undeutsche Oberfläche des Films. Die taz schaut zurück auf die Ära Castorf an der Berliner Volksbühne. SZ und FAZ feiern 200 Jahre "Italienische Reise". Die Welt erklärt Außerirdischen die Seele der Deutschen in der Nationalhymne. Im art-magazin begegnet Jerry Saltz dem "Sterbenden Gallier". Und das Zeitmagazin trauert um Sonia Rykiel.

Film



German Films entsendet Maren Ades "Toni Erdmann" ins Rennen um eine Oscarnominierung in der Kategorie "bester nicht-englischsprachiger Film". Für Rüdiger Suchsland war das schon im Vorfeld abzusehen, wie er auf Artechock schreibt. Was der Sache jedoch keinen Abbruch tut, denn welcher Film wäre sonst in Frage gekommen? Spannend an dem Film findet er dann doch, dass er sich in vielerlei Hinsicht vom deutschen Film abgrenzt, ihm in vielem aber auch entspricht: "Ade erfüllt gewis­ser­maßen das Pflichtprogramm perfekt - sie hat ein bedeu­tungs­volles Thema: Die Familie, eine Vater-Tochter-Beziehung, und die Schlech­tig­keit der Wohl­stands­welt. Dass er von einer Frau stammt, schadet gerade auch nicht. Und er hat Erfolg - das ist sowieso das Kriterium, vor dem in der Film­branche noch die letzten Wider­s­tände einkni­cken. Zugleich macht 'Toni Erdmann' aber unter der Ober­fläche sehr viel anderes anders. Man könnte sogar sagen: Wenn man diesen Film mag, dann kann man eigent­lich die meisten anderen deutsche Filme nicht mögen. Und nur, weil er so anders und so undeutsch ist und trotzdem sehr deutsch, darum kommt er auch inter­na­tional derart blendend an."

Weiteres: Für die SZ hat David Steinitz die Dreharbeiten zu Oliver Stones "Snowden" besucht, der hauptsächlich in den Bavaria Studios von München entstanden ist.

Besprochen werden Jaume Collet-Seras Haifisch-Schocker "The Shallows" (Perlentaucher, Artechock), Leonie Krippendorffs "Looping" (Artechock), das "Ben Hur"-Remake (Zeit), Marie Belhommes "Die fast perfekte Welt der Pauline" (FR) und das Remake von "Elliot, der Drache" (FR).
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Musik

DJ Lena Willikens ist eine stilistische Eklektikerin, schreibt Christian Wertschulte im taz-Porträt: "House trifft auf elektrifizierten Desert Blues aus Nordafrika und endet in einem Rhythm-Noise-Stück, das die finnischen Minimalelektroniker Pan Sonic gemeinsam mit dem gerade verstorbenen Suicide-Sänger Alan Vega aufgenommen haben. ... Willikens erzählt gern von Produzenten und DJs, die sie interessant findet. Nicht, um mit ihrem Netzwerk anzugeben, sondern weil sie weiß, dass Musik am besten funktioniert, wenn unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen, was in der hetero-männlich geprägten DJ-Szene nicht immer der Fall ist." Auf Soundcloud kann man sich diverse Willikens-Set anhören.

Heute vor 175 Jahren schrieb Hoffmann von Fallersleben das "Lied der Deutschen", erinnert Lucas Wiegelmann in der Welt. In einer Ausstellung der Berliner Staatsbibliothek hat er einen Blick auf das Autograf geworfen: "Müsste man einem Außerirdischen erklären, was es mit diesem merkwürdigen Volk in Europas Mitte auf sich hat, man bräuchte ihm nur dieses vergilbte Papierchen in seine wie auch immer gestaltete Extremität drücken: Irgendwo zwischen der schwärmerischen Sentimentalität eines Mädchens und der nüchternen Brutalität eines Eroberers, zwischen Poesiealbum und Schaftstiefeln muss sie ja liegen, die Seele der Deutschen."

Besprochen werden Frank Oceans "Blonde" (Pitchfork), das Berliner Beginner-Konzert (Berliner Zeitung) und Britney Spears Comeback-Album "Glory", dem Julian Dörr in der SZ die "Kunst des frittierten Gesangs" attestiert.
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Bühne

Neben dem Maxim Gorki Theater ist in diesem Jahr die Berliner Volksbühne in der Umfrage von Theater heute zum Theater des Jahres gekürt worden. "Es ist die erste Auszeichnung für die Volksbühne nach 1993, damals war Frank Castorf erst kurz im Amt", weiß Katrin Bettina Müller in der taz und nimmt die Auszeichnung zum Anlass für einen ersten Nachruf auf die Ära Castorf am Haus. "Was mit sei­ner Volks­büh­ne enden wird, ist das Ar­bei­ten aus einer Ost-West-Span­nung her­aus, die in den Jah­ren sei­nes An­tritts eine heiße Glut war, ein Be­cken voll Er­nied­rig­ter und Be­lei­dig­ter, von den Ver­lie­rern der Wende zuerst, aber bald auch von vie­len an­de­ren auf Seite ge­scho­be­nen und ver­ges­se­nen Stim­men ... Die­ses Hin­ein­hor­chen mit deut­schen Ohren in einen Echo­raum der Ge­schich­te, in dem die Verheerungen von Fa­schis­mus, Na­tio­na­lis­mus, Kom­mu­nis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus widerhallen, wurde zu sei­ner Pas­si­on und Castorf zu ihrem Spe­zia­lis­ten. Das wird es so nicht mehr geben."

Weiteres: Auf Nachtkritik schreibt Georg Kasch zum Stand der Dinge im Umgang des Theaters mit Behinderungen. Ebenfalls auf Nachtkritik bringt Hakan Silahsizoglu ein Update zur Lage des Theaters in der Türkei nach den Ereignissen im Juli.
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Archiv: Bühne

Literatur

In der SZ erinnert Gustav Seibt an die Veröffentlichung von Goethes "Italienischer Reise" vor 200 Jahren. Das Jubiläum ist auch in Italien großes Thema, berichtet Seibts SZ-Kollege Thomas Steinfeld: Gut 20 Radiofeatures über Goethe war es RAI in diesem Jahr schon wert. Joseph Hanimann (SZ) und Niklas Bender (FAZ) schreiben zum Tod des französischen Schriftstellers Michel Butor. In der NZZ flaniert Jörg Plath mit der Schriftstellerin Joanna Bator durch die polnische Provinzstadt Walbrzych, der sie in ihren Romanen zu "weltliterarischem Rang" verholfen hat.

Besprochen werden Rebecca Wests bereits 1918 publizierte, jetzt auch auf Deutsch vorliegende Roman "Die Rückkehr" (Tagesspiegel), Güner Yasemin Balcıs "Das Mädchen und der Gotteskrieger" (taz) und Donald Ray Pollocks "Die himmlische Tafel" (ZeitOnline).
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Kunst

(Bild: "Der sterbende Gallier", Anthony Majanlahti / Capitoline Museum, Rome)

Das art-magazin übersetzt einen Artikel aus dem New York Magazine, in dem der Kunstkritiker Jerry Saltz über seine Begegnung mit dem "Sterbenden Gallier" schreibt: "Im 'Sterbenden Gallier' sehe ich eine Seele, die sich den gegenwärtigen physischen und profunden Mysterien ausliefert. Jemand, der zum Objekt wird, 'nicht da ist', sich dessen bewusst wird, verloren ist und dem Tod ins Angesicht schaut. Der Hoffnung beraubt, bleibt nur der ewige Moment. Dies ist nicht das große Drama eines Mannes, der sich mächtig zu inneren Crescendos gegen den Tod aufrafft, sondern Pathos, Schmerz, Trauer ohne Tageslicht, jemand, der allem beraubt wurde. Hier geschieht nichts heldenhaftes, kein letzter Funke Rache oder römische Selbstaufopferung, nichts kommt hier gegen den Tod an. Stattdessen sehen wir bei der Begegnung mit der Skulptur dem Tod ins Auge."

Weiteres: In der NZZ spricht Samuel Herzog mit dem designierten Direktor des Kunstmuseums Basel, Josef Helfenstein, über dessen Zukunftspläne für das Haus.

Besprochen werden eine Ausstellung über spanische Kunst von 1939 bis 1953 im Museum Reina Sofía in Madrid (Tagesspiegel), die Ausstellung "Inszeniert - Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst" in der Kunsthalle München (FAZ) und neue Bücher über den Gartenkünstler Lancelot Brown (FAZ).
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Design

Im ZeitMagazin erinnert Estelle Marandon an die eben verstorbene Modedesignerin Sonia Rykiel: Sie hatte "eine genauso unverkennbare Silhouette wie die von Karl Lagerfeld. Und eine nicht minder starke Handschrift. Ihre bunt gestreiften Pullover kennen vermutlich selbst die größten Modelaien. Denn Sonia Rykiel hat den Strick auf den Laufsteg gebracht. ... Ihr erstes Stück wurde sofort ein Klassiker: ein kurzer, fein gestrickter und eng anliegender Pullover mit langen Ärmeln. Eine absolute Sensation, in einer Zeit, in der Pullover meist unförmig gestrickt und insofern eher Männersache waren."
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Stichwörter: Mode, Sonia Rykiel