Efeu - Die Kulturrundschau

Am liebsten schütteln oder ohrfeigen

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30.08.2016. Die taz schärft auf dem Berliner Atonal-Festival ihre Sinne. In der FAZ erzählt der Dirigent John Wilson, wie er Sekunde für Sekunde die alten MGM-Musicals rekonstruiert.  Die SZ vertieft sich in die Lyrik, Mystik und Logik des Ramon Llull. Außerdem plädiert sie gegen eine schweigende Indifferenz im Konzertsaal. Guardian und Variety bringen erste Nachrufe auf Gene Wilder.

Musik

Durchgerüttelt, aber glücklich resümiert Philipp Rhensius in der taz das Festival Berlin Atonal, wo einem vor Industrieruinenkulisse alle Spielarten experimentell-elektronischer Musik "aus der ideologischen Obdachlosigkeit helfen". Was die Besucher vereine, sei "nicht nur das Bedürfnis nach einer anderen Welt, sondern auch das, die Routine der eigenen Sinne durch radikale Musik herauszufordern".

Spannend ist das knappe FAZ-Interview, das Malte Hemmerich mit dem Dirigenten John Wilson geführt hat. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, die verschlampten Partituren der großen, klassischen MGM-Musicals wieder zu rekonstruieren: "Zuerst nehme ich, was noch da ist: Manchmal finde ich den Klavierauszug, manchmal gibt es aber auch überhaupt kein Material mehr. Die alten Aufnahmen helfen mir immer, da kann ich die Besetzung erhören ... Dann schreibe ich auf, was offensichtlich ist: die Gesangsstimme, die ersten Geigen und die Basslinie. Danach wird langsam der Rest gefüllt, was ein sehr langwieriger Prozess ist." Das Ergebnis kann sich hören lassen:



In der SZ will Michael Stallknecht wegen des "Deutsch lernen!"-Zwischenrufs bei einem Auftritt des Tenors Ian Bostridge, den gestern Patrick Bahners in der FAZ publik machte, nicht aus der Fassung geraten: Ein Anzeichen "nationalistischer Enthemmung in den Konzertsälen" sieht er in der Flegelei noch nicht, schließlich sei das Gebot zur Stille im Saal überhaupt erst eine Erfindung des 19. Jahrhunderts: "Wer jede Publikumsäußerung als Ausbruch eines ungebildeten Mobs wertet, sollte sich deshalb überlegen, ob er gerne mit den Folgen leben würde: einem Publikum, das allem mit der gleichen schweigenden Indifferenz folgt. Ein Zuhörer, der sich im Konzert an etwas stört oder im Gegenteil etwas so großartig findet, dass er seinen gelangweilten Nachbarn am liebsten schütteln oder ohrfeigen würde, bekundet damit auch seine Leidenschaft für die Musik."

Weiteres: Elias Kreuzmair annonciert in der taz ein Konzert der Postrock-Band Mogwai in Berlin. Frederik Hanssen resümiert im Tagesspiegel das Klassikfestival Luzern. Nach der Verleihung der MTV Awards und den starken Auftritten von Musikerinnen daselbst, sieht Jan Kedves in der SZ "im Pop das Matriarchat angebrochen". Julia Friese sieht in der Welt die MTV Awards eher im Zeichen des Pos stehen beziehungsweise kreisen.

Besprochen werden das Comeback-Album von Britney Spears (FAZ), der Soundtrack zur Netflix-Serie "Stranger Things" (SpiegelOnline),  ein Konzert des Gustav Mahler Jugendorchesters bei Young Euro Classic in Berlin (Tagesspiegel), Anna Netrebkos recht unoriginelles "Verismo"-Album (Welt)
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Film

Gene Wilder ist tot. Einen ersten ausführlichen Nachruf auf den Schauspieler, Komiker und Star der Mel-Brooks-Filme bringt Variety. Im Guardian schreibt Mazin Sidahmed. Auf Slate kommt Forrest Wickmann eine Szene aus der PBS-Doku "American Masters" in den Sinn: "Asked whether Wilder saw his meeting with Brooks as 'an important meeting,' Wilder breaks out laughing and is unable to stop himself. When the interview asks him 'What's so funny?', he answers by making a comparison. 'When God spoke to Moses the first time,' he explains, it's like 'if you ask him, Was that significant in your life?'"

Besprochen wird Andreas Wilckes gentrifizierungs- und spekulationskritscher Berliner Dokumentarfilm "Die Stadt als Beute" (taz).
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Kunst

In der FAZ-Reihe über schlechte Bilder guter Künstler nimmt sich Isabelle Graw, Herausgeberin der Texte zur Kunst, Marcel Broodthaers "Amuser ou Le plus beau tableau du monde" zur Brust: Das Bild führe die "physisch-materielle Beschaffenheit des malerischen Zeichens (...) derart krude und ungeschickt vor, dass wir über unsere eigenen vitalistischen Projektionen auf dieses Bild nur lachen können."

Besprochen werden Bernard Larrsons Ausstellung "Leaving is Entering - Fotografien 1961 - 1968" im Museum für Fotografie in Berlin (FR), Wolfgang Ulrichs Buch "Siegerkunst" (Tagesspiegel),

Die Jubiläumsausstellung im Museum Ludwig in Köln (FR), Annett Gröschners und Arwed Messmers Fotoband "Inventarisierung der Macht - Die Berliner Mauer aus anderer Sicht" (SZ) und die Ausstellung "Gärten der Welt" im Museum Rietberg in Zürich (SZler Gottfried Knapp schwebt im "puren Glück").
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Bühne

Judith von Sternburg bringt in der FR Updates zur Wiesbaden Biennale. Ihre Kollegin Sylvia Staude sieht dort Romeo Castelluccis "The Parthenon Metopes". Shirin Sojitrawalla zieht in der taz unterdessen Bilanz: Die Biennale, die unter ihrem neuen Intendanten Uwe Eric Laufenberg ihr klassisches Konzept "Neue Stücke aus Europa" zugunsten eines moderneren Konzepts abgelegt hat: Dennoch fahnde sie noch immer "in der europäischen Wirklichkeit beherzt nach den Dramen der Gegenwart."

Besprochen werden neue Bücher über Castorfs Volksbühne (SZ) und eine Aufführung von Otto Nicolais "Il Templario" in Salzburg, der SZler Harald Eggebrecht "eine Engführung der emotionalen Kollisionen und dramatischen Ballungen von so knapper wie explosiver Wucht" attestiert.
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Literatur

Mit einer neuen, von Jordi Savall konzipierten CD-Buch-Kombination kann man den katalanischen Schriftsteller Ramon Llull wiederentdecken, wozu Reinhard J. Brembeck in der SZ unbedingt rät. Allein Lulls "hinreißende Lyrik-Anthologie" gehöre zu den Klassikern. "Andrerseits ist das Multitalent Llull, der sein Leben lang rastlos als selbst ernannter Missionar durch den Mittelmeerraum abenteuerte, aufgrund seiner immer wieder in neuen Versionen vorgelegten 'Ars', die sein philosophisch-theologisches Meisterwerk ist, einer der einflussreichsten Logiker des ausgehenden Mittelalters. Seine Spuren finden sich bei den Jansenisten genauso wie bei Descartes, William Butler Yeats, Paul Auster oder Roberto Bolaño." Zum Weiterstöbern: Ein Llull-Dossier.

Ohne Maxim Biller wäre das Literarische Quartett des ZDF wegen gähnender Langeweile schon längst abgesetzt, ätzt Wolfgang Tischer im Literaturcafé. Von Billers Sottisen und Empfehlungen kann er aber nicht genug bekommen: "Klar, könnte man sagen, dass es in einer Literatursendung über Bücher gehen sollte und nicht um Biller. Aber ohne Biller würden auch die Bücher nicht interessieren. Rückblickend muss man anerkennen, dass Biller die vergangenen Sendungen genutzt hat, um gute Bücher vorzustellen. Er hat den Geheimtipp Bov Bjerg zum Bestseller gemacht und gezeigt, dass das auch nach Heidenreich und Reich-Ranicki noch möglich ist."

Stefan Stirnemann empört sich in der Welt, dass der Beck Verlag Ludwig Reiners "Stilkunst" von 1943 im Programm hält. Stirnemann selbst hat das Vorwort zu Eduard Engels neuaufgelegter und von den Nazis verbotener Schrift "Deutsche Stilkunst" verfasst, auf der Reiners Werk maßgeblich beruht.

Weiteres: Für die NZZ trifft Angela Schader die indische Autorin Shumona Sinha, die in ihrem Roman "Kalkutta" kein geschöntes Bild ihrer Heimatstadt liefere, aber dennoch ein bezauberndes. Auf Tell fühlt Sieglinde Geisel der 99. Seite von Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" auf den Zahn: Den Test besteht das Buch gut: "Ferrante betreibt ein syntaktisches Kammerspiel mit unseren Erwartungen. Sie tut es mit Präzision und Witz." Für die taz war Andreas Fanizadeh in Weimar, wo Juri Andruchowytsch, Akinbode Akinbiyi und David Lordkipanidze mit der Goethe-Medaille geehrt wurden. In einem online nachgereichten FAS-Artikel porträtiert Julia Bähr die Liebesroman-Autorin Nora Roberts. Anna Steinbauer besucht für die SZ das Poetenfest in Erlangen, wo "in auffallend vielen Werken Identität verhandelt, gesucht, in Frage gestellt" wurde. In der FAZ schreibt Andreas Platthaus zum siebzigsten Geburtstag des großen Comiczeichners Jacques Tardi. Und nachgereicht: Am Wochenende erinnerte Johannes Spengler auf Tell an den deutschen Science-Fiction-Autor Kurd Laßwitz, dessen Klassiker "Auf zwei Planeten" vor hundert Jahren erschienen ist.

Besprochen werden Paula Fürstenbergs Debüt "Familie der geflügelten Tiger" (Tagesspiegel), Katja Lange-Müllers Roman "Drehtür" (online nachgereicht von der Zeit), Chico Buarques "Mein deutscher Bruder" (SZ) und Eugen Ruges "Follower" (FAZ).
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