Efeu - Die Kulturrundschau

Nicht Stillstand, sondern Freiheit

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10.08.2016. Die NZZ bewundert in Locarno Osteuropas vitale Filmszene. Der Standard ergründet die Plausibilität von Hieronymus Boschs Monstern. Die SZ blickt in die Gruselkabinette Sibylle Lewitscharoffs. Die FAZ betrachtet die Mode des 17. Jahrhundert. Und in der New Republic huldigt Rachel Kushner dem Revolutionär und Dichter Nanni Balestrini.

Film


Still aus Radu Judes Max-Blecher Verfilmung "Inimi cicatrizate" (Scarred Hearts)

In Locarno wurde Angela Schanelecs Film "Der traumhafte Weg" ausgebuht, während Radu Judes "Scarred Hearts" das Filmfestival berückte. In der NZZ sieht Susanne Ostwald darin Prinzip: "Immer mehr Regisseure loten neue Wege zwischen Fiktion und Dokumentation aus; andere, so wie Schanelec, durchbrechen radikal Chronologie und Stringenz. Und wieder andere erzählen auf vergleichsweise altmodische Art, in zeitlich klar geordneter Abfolge der Szenen, die inhaltlich aufeinander aufbauen. Die solcherart arbeitenden Filmemacher kommen beinahe alle aus Osteuropa und zeigen in Locarno, ihrem nur vermeintlich einfachen Stilprinzip zum Trotz, die auffälligsten Filme. Es ist zu beobachten, dass in den ehemals hinter dem Eisernen Vorhang gelegenen Ländern heute die vitalste Filmszene Europas anzutreffen ist."

In dieser Woche kommt mit "Jason Bourne" der neueste Teil der Agentensaga mit Matt Damon in die Kinos. Als Gradmesser für aktuelle Befindlichkeiten taugen die Filme ganz besonders, meint Bert Rebhandl in der FAZ. Es geht natürlich um die digitale Allgegenwart, aber doch immer auch um physische Bewegung: "Bourne tritt abwechselnd aufs Gas und auf die Bremse, wodurch sich in der visuellen Hervorhebung, mit der Greengrass die Pedale zu einer Art Keyboard für die Füße macht, ein lustiger, alternativer binärer Code ergibt: Anfahren und Ausbremsen ergibt in der Summe nicht Stillstand, sondern Freiheit."

Auf ZeitOnline nimmt Lukas Stern diesen Kinostart zum Anlass, um über das Wesen von Sequels zu philosophieren: "Sequels besetzen nicht nur eine fiktive Welt von Neuem, sie prüfen und klären auch ihren eigenen Bezug zu ihr - eine fast schon philosophische Mission. In der Welt sieht Hanns-Georg Rodek "Jason Bourne" dagegen zum Franchise verkommen: "So nennen die Studios ihre Dauerwürste wie 'Superman' oder 'Batman', von der man jederzeit eine neue Scheibe abschneiden kann, ohne dass jemand echten Hunger darauf hätte."

Weitere Artikel: Im Perlentaucher empfiehlt Lukas Foerster Malcolm D. Lees Ensemblefilm "Barbarshop" als optimistischere Variante zu Spike Lees Southside-Film "Chi-Raq": "Auch die härtesten Jungs werden weich, wenn man ihnen lange genug die Kopfhaut massiert." Auf ZeitOnline wirft Marietta Steinhart außerdem einen ersten Blick in Jonathan Nolans mit Spannung erwartete HBO-Serie "Westworld". Und Nicolas Freund besucht für die SZ Fatih Akins Dreharbeiten zur Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Besteller "Tschick". Dabei gelangen auch ganz neue Einsichten in Akins Berufsauffassung ans Tageslicht: "Das war der erste Film, den ich als Regisseur, nicht als Filmemacher gedreht habe", sagt er. "Ein Regisseur ist ja einer, der Rohre verlegt oder Dächer deckt. Ich habe den Film als Dachdecker gemacht."
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Musik

In der NZZ erklärt der britische Musikjournalist und DJ Bill Brewster, warum ein guter DJ nicht auf die Bühne gehört: "Ein guter DJ hat ein Gefühl dafür, wie der Groove tickt. Er kann quasi den Tanzboden lesen - und im richtigen Moment entscheiden, welche Platte er als Nächstes spielt. So schafft er Atmosphäre. Im besten Fall kommt es zu einem Flow." Und außerdem: "Ich persönlich schaue lieber den Tänzerinnen zu als dem DJ."

Besprochen werden die postum veröffentlichten Memoiren "Fotzenfenderschweine" der Lassie-Singers-Musikerin Almut Klotz (ZeitOnline), ein Konzert des Cellisten Nicolas Altstaedt (Tagesspiegel) und das neue Album "Give A Glimpse Of What Yer Not" der Alternativrocker Dinosaur Jr. (Welt).
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Stichwörter: DJ-Culture, DJs

Bühne

In der taz porträtiert Katrin Bettina Müller die Regisseurin Nicola Hümpel, die im Herbst mit dem Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste ausgezeichnet wird. Für den Tagesspiegel trifft sich Udo Badelt an der Oper Tel Aviv mit dem arabisch-israelischen Schauspieler George Iskandar, der auch in Berlin an der Schaubühne auftritt.
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Kunst

Ausschnit aus Hieronymus Boschs Jüngstem Gericht, um 1500.

Im Interview mit Anne Katrin Fessler spricht der Kunsthistoriker Nils Büttner im Standard zum 500. Todestag Hieronymus Boschs über dessen durch und durch plausiblen Monster: "Er hat eine Phantastik gepflegt, die das Unheimliche aus dem uns Vertrauten bezieht. Mit Blick auf seine Fabelwesen und Monster klingt das skurril, aber Bosch hat die Natur - Insekten, Reptilien, Vögel, Fische, Säugetiere - genau studiert und aus ihren Teilen Monster zusammengebaut, die uns als unglaublich plausibel und 'funktionierend' erscheinen. Das Besondere seiner Monster ist, dass sie uns unmittelbar ansprechen und anrühren.

Für die FAZ berichtet Antje Stahl von der Einweihung des neuen nationalen Kunstmuseums in Quebec.

Besprochen werden Cees Nootebooms "Reisen zu Hieronymus Bosch" (FR) und eine Ausstellung von Georgia O'Keeffes Werk in der Tate Modern (FAZ).
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Design

Die Ausstellung "Chic!" des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt verlässt sich ein wenig zu sehr, auf den Seltenheitswert ihrer kostbaren Exponate, bei denen es sich um Wämser und Schuhe aus dem 17. Jahrhundert handelt, bedauert Andrea Diener in der FAZ: "Die Kleidung spielt so deutlich die Hauptrolle, dass die Gesellschaft, das politische und soziologische Klima, in das sie ja eingebettet ist, in den Hintergrund tritt. Warum begannen irgendwann alle, Soldatenröcke zu tragen? Wie teuer war ein Gewand, wer leistete es sich, wer trug es zu welchen Anlässen? Wie viele Stücke besaßen Bürger in der Regel? Wer sind diese Leute auf den Gemälden überhaupt, und welche Rolle spielten sie?" (Bild: Wams, vermutlich Köln, 1610-1620, Hessisches Landesmuseum Darmstadt)

Außerdem: In der taz sinniert Brigitte Werneburg in Stau und Sommerloch über neue Automobillacke.
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Stichwörter: 17. Jahrhundert, Mode

Literatur

Rachel Kushner, Autorin des wilden Siebzigerjahre-Romans "Flammenwerfer", feiert in der New Republic Nanni Balestrini und seinen jetzt erstmals ins Englische übersetzten Roman "Vogliamo Tutto!" von 1971 ("Wir wollen Alles"). Der Roman sei quasi die Fortsetzung von Luchino Viscontis "Rocco und seine Brüder" und echte revolutionäre Literatur, meint Kushner. Er erzählt von jener Zeit, als die Arbeiter in Italiens Norden nicht nur mehr Lohn forderten, sondern ein Leben mit Sinn. Ohne Kampf keine Theorie, lernt sie: "Für Balestrini, der nicht nur ein Kämpfer und Theoretiker war, sondern auch auch Poet und Künstler, ein Schriftsteller durch und durch, wurde der Bericht eine einzigartige künstlerische Leistung und eine neue literarische Form, der berichtende Roman: Balestrini wandte diese Methode auch in späteren Romanen an, in 'Die Unsichtbaren' und 'Sandokan'. Beide erzählen in der ersten Person Geschichten, die auch historische Berichte sind: Im ersteren vom Kampf der autonomen Bewegung 1977, im letzteren von der Camorra und ihre Verheerungen im Süden."

Das Literaturarchiv in Marbach stellt derzeit Sibylle Lewitscharoffs Notizbücher, Skizzen, Collagen und kleinere Papierarbeiten aus, die begleitend zu ihrer Auseinandersetzung mit Dante für ihren kommenden Roman "Das Pfingstwunder" entstanden sind. In diese bildnerischen Arbeiten eingegangen ist auch eine Vorstellung von Dantes Höllenstadt Dis in Verbindung mit der Schoah, erfahren wir von Volker Breidecker in der SZ, der Lewitscharoffs handwerkliches Geschick zwar würdigt, die historische Aufladung aber für schwierig hält: "Ganz können diese Gruselkabinette nicht überzeugen, auch nicht in der Berufung - im Begleitessay des zur Ausstellung erschienenen Marbacher Magazins - auf Primo Levi und andere KZ-Insassen, denen in ihrer Not Dante-Verse in den Sinn kamen. Denn für Levi oder Imre Kertész gab es für die in Auschwitz erlebten Schrecken keine Vergleichsmöglichkeiten: Sie erlebten weder Dantes 'Inferno' noch die 'Hölle' der christlichen Eschatologie, sondern die Hölle selbst. Dantes Verse boten da keinerlei Verständnishilfe, sondern waren Vehikel einer Selbstbehauptung unter extremen Umständen."

Weiteres: In der FAZ sieht Andreas Platthaus Elfriede Jelinek mit ihrer Kritik, der PEN Club hätte kaum auf die Vorgänge in der Türkei reagiert, nicht ganz falsch liegen, vor allem nach einem Blick auf die Homepage der Österreichischen Sektion. In der FAZ porträtiert Gerhard Gnauck den Schriftsteller Jarosław Marek Rymkiewicz, der sich in den vergangenen Jahren zu einer Gallionsfigur der Neuen Rechten in Polen entwickelt hat. Die Presse meldet, dass im Streit um Kafkas Nachlass das Höchste Gericht in Jerusalem entscheiden hat: Es folgt dem Willen Max Brods, der die Schriften der israelischen Nationalbibliothek vermachen wollte - und nicht den Töchtern seiner Sekretärin.

Tim Neshitov (SZ) und Regina Mönch (FAZ) gratulieren der Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Cécile Wajsbrots Roman "Eclipse" (NZZ), Miron Bialoszewskis Gedichte "Wir Seesterne" (NZZ), Tilman Rammstedts Roman "Morgen mehr" (Standard), Ramita Navais "Stadt der Lügen" (taz), Brigitte Glasers "Bühlerhöhe" (FR) und Andreas Maiers "Der Kreis" (FAZ, mehr dazu hier).
Archiv: Literatur