Efeu - Die Kulturrundschau

Irrwitzige Feinheit der Linien

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28.07.2016. In London feiert der Guardian die mysteriösen Fotoporträts William Egglestons und die FAZ entdeckt die abstrakte Malerin Georgiana Houghton. Die Zeit fragt sich nach einem wiederaufgetauchten Hitlerfilm aus Bayreuth, wie sehr der Führer Wielands Neubayreuth beeinflusst hat. Die Filmkritiker loben die hakenschlagende Kompositionsidee von Miguel Gomes' "1001 Nacht". Die NZZ berichtet von der Triennale in Mailand.

Film



Viel Lob gibt es für den ersten Teil von Miguel Gomes' dreiteiligem Projekt "1001 Nacht", der jetzt ins Kino kommt. Er erzählt parallel von der Schließung einer Werft und dem Kampf eines Feuerwehrmanns gegen Wespennester, unterbrochen von Einschüben, in denen sich der Regisseur selbst zu Wort meldet. "Scheherazades Erzählen ist ein Erzählen aus der Not: ihre Geschichten sollen den König von Schlimmem abhalten. Auch Gomes' Erzählungen entspringen einem Mangel, einem doppeltem sogar", schreibt Sebastian Markt im Perlentaucher: "dem Zustand eines Landes, und der ästhetischen Verzweiflung, sich dazu zu verhalten. Es ist, als ob der ins Stocken geratenen Akkumulation, dem in krisenhafter Unterbrechung befindlichen Kreislauf von Geld und Waren eine überbordende Zirkulation von Erzählungen entgegen gehalten werden soll, auf dass sich im Erzählen andere Möglichkeiten erschließen mögen, sich aufeinander zu beziehen."

"Absolut ungewöhnlich", lobt Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel, ist dieses souveräne Statement des Filmkunst-Kinos, "Gomes' traditionell wilder Eklektizismus im Umgang mit Realität und Fiktion, mit dokumentarischen und fantastischen Elementen, auch sein mal altväterlich anmutendes und dann wieder anarchisches Erzählen erreichen hier einen neuen Höhepunkt. Und all das führt, ungeachtet mancher Durststrecke, faszinierend zur verlässlich nächsten hakenschlagenden Kompositionsidee und nächsten verblüffenden Bildmetapher." Weitere Besprechungen auf critic.de und kino-zeit.de.



Viel Freude hat die Filmkritik auch am Episodenfilm "Wiener-Dog", mit dem sich Todd Solondz als der böseste unter den amerikanischen Indie-Regisseuren wieder zurückmeldet. Fritz Göttler staunt in der SZ über die "ganz eigenartige Poesie" von "Hundekot und Mondlicht", an der man sich hier laben kann: Solondz gebe "dem Erzählen seine Unschuld, seine Nutzlosigkeit zurück." In der taz jubelt Toby Ashraf über die "inszenatorische Eigenwilligkeit" des Regisseurs. Diese komme "zuerst auf leisen Sohlen angeschlichen und entfaltet ihren wunderbaren Humor durch filmische Details, Referenzen und köstliche Dialoge." Gut gefällt ihm, dass " Solondz' komische Gratwanderung jede Chance zum Schenkelklopfer bewusst ungenutzt lässt und sich bei aller Verschrobenheit nie gegen die Menschen am Rand richtet." Für ZeitOnline hat sich Andreas Busche mit dem Regisseur getroffen. In der Welt bespricht Felix Zwinzscher den Film.

Hin und weg ist Ekkehard Knoerer von Sanjay Leela Bhansalis auf DVD veröffentlichtem Bollywood-Musical "Bajirao & Mastani": "Der Film wird fiebriger, je länger er dauert", schreibt er in der taz. "Ein Film, bei dem Höhepunkt auf Höhepunkt folgt. Sich davon überwältigen zu lassen, ist ein Glück, das so nur das populäre indische Kino erlaubt." Eine Nummer daraus gibt es auf Youtube:



Weiteres: In der taz empfiehlt Fabian Tietke eine Hommage im Berliner Kino Arsenal an die japanische Schauspielerin Setsuko Hara: In deren "Lächeln bewahrte sich etwas von der jugendlichen Leichtigkeit des japanischen Films der frühen 1930er Jahre". Im Freitag berichtet Tietke außerdem von einer Tagung über die Digitalisierung der deutschen Filmgeschichte.

Besprochen werden Stephen Hopkins' Biopic "Race" über den schwarzen Olympiasieger Jesse Owens (NZZ), David Yates' "The Legend of Tarzan" (Perlentaucher, NZZ, SZ), Gianfranco Rosis Berlinale-Gewinner "Seefeuer" (taz, Tagesspiegel, Standard unsere Kritik hier), der von zehn Schweizer Regisseuren umgesetzte Film "Heimatland" (SZ), Pietro Marcellos "Bella E Perduta" (Freitag, unsere Kritik hier), Stefano Sollimas Mafia-Thriller "Suburra" (NZZ) und der Animationsfilm "Pets" (FAZ).
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Bühne

In Bayreuth wurde Frank Castorfs "Rheingold"-Inszenierung wieder aufgenommen. Neu am Dirigentenpult ist in diesem Jahr Marek Janowski, den Wolfgang Schreiber in der SZ in hohen Tönen lobt: Der neue Dirigent könne "die aus magischer Tiefe in die Höhe und Dichte steigende Klangwanderung des 'Rheingold'-Vorspiels souverän ruhig, immens sorgfältig disponieren und sich den folgenden Jux- und Rededuellen zwischen den Rhein-Sexpuppen und dem maßlos gierigen Nibelung Alberich (Albert Dohmen) mit pointensicherer Genauigkeit widmen. Hatte Kirill Petrenko die Klang-Bewegungen in analytischer Schärfe mit präzisem Furor aufgeladen, so interessiert sich Janowski, nur scheinbar milder, für eine Balance von Klang und Bewegung."

Mitte der siebziger Jahre stieß der Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg auf einen kurzen Film von Wolfgang Wagner, Enkel von Richard, der einen privaten Besuch Adolf Hitlers in Bayreuth dokumentierte (mehr dazu hier). Syberberg fotografierte den Film ab, der dann verschwand und jetzt wieder aufgetaucht ist. Das könnte endlich ein Anlass sein, eine alte Idee von Syberberg aufzugreifen, hofft Christine Lemke-Matwey in der Zeit: "Was wäre, wenn der verhinderte Künstler Adolf Hitler durch seinen intimen Kontakt zur Familie Wagner auf die Bayreuther Ästhetik weit mehr Einfluss genommen hätte als bekannt? Wäre dann gerade Wielands Neubayreuth in seiner kargen, entrümpelten Monumentalität nicht die logische Fortschreibung der NS-Ästhetik à la Emil Preetorius? Und mit ihr, mehr oder weniger, das ganze spätere bundesrepublikanische Regietheater? Die Aufarbeitung der Wolfgang- und Wieland-Nachlässe wird Fragen wie diese beantworten. Der wiedergefundene Hitlerfilm hilft, sie zu stellen."

Weiteres: Im FR-Interview mit Ulrich Seidler klagt die Theaterschauspielerin Lisa Jopt über die prekären Bedingungen, unter denen sie und ihre Berufskollegen arbeiten müssen. Für die SZ sprechen Reinhard J. Brembeck und Fritz Göttler mit Thomas Adès, der die neue, in Salzburger gezeigte Opernadaption von Luis Buñuels Film "Der Würgeengel" komponiert hat.

Besprochen werden Branko Šimićs Dokumentarabends "Srebrenica - 'I counted my remaining life in seconds'" am Thalia in Hamburg (Freitag), der neue Bayreuther "Parsifal" (FR, mehr dazu im gestrigen Efeu) und Julia Huebners Bayreuther Inszenierung des "Fliegenden Holländers" für Kinder (FAZ).
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Literatur

In der NZZ verfasst Daniele Muscionico eine kleine, als Porträt getarnte Liebeserklärung an den Autor Dieter Zwicky: "Zwickys Literatur löst nichts ein - doch Einsicht aus. Einsicht zum Beispiel in das Konstrukt Realität. Oder in den vergeblichen Versuch von geglücktem Leben. Das geschriebene Zwicky-Wort ist Anarchophilosophie. Der andere, der Mensch Zwicky, sagt, wenn er nicht schreibt, zum Beispiel zuhanden der Journalistin, die sich das Scheitern verbieten will: 'Ich glaube ja nicht an den richtigen Satz. Ich glaube an den falschen Satz. Dieser ist schön und mustergültig, insofern er vom Bann eines psychischen Zentrums ablenkt und einen über 'die Hügel dort hinten' trägt.' Solche Sätze spricht er nebenbei, sie sind druckfähig; mit ihnen sind der Autor und der Mensch Zwicky beinahe deckungsgleich."

Weiteres: In der FAZ fasst Joseph Croitoru die erhitzten israelischen Debatten darüber zusammen, dass der Radiosender Galei Zahal vor einer Woche in einer Bildungssendung ein Gedicht des palästinensischen Nationaldichters und Israelkritikers Mahmud Darwisch ausgestrahlt hatte.

Besprochen werden Alex Alice' SF-Comic "Das Schloss in den Sternen" (Tagesspiegel), Marc Auges Ethnologie des Alltags (NZZ), Markus Liskes "Glücksschweine" (Tagesspiegel), Juan Villoros "Das dritte Leben" (SZ) und Christoph Scheurings "Zeichen der Zeit" (FAZ). Mehr auf Lit21, unserem literarischen Metablog.
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Architektur

In der NZZ berichtet Roman Hollenstein von der 21. Triennale in Mailand, die er etwas verzettelt, aber in den einzelnen Ausstellungen durchaus der Zukunft zugeneigt findet: "Bunt und phantasievoll sind die Exponate in der mit 'Sempering' betitelten Schau im Museo delle Culture (Mudec), das 2014 auf dem ehemaligen Ansaldo-Gelände unweit der Porta Genova von David Chipperfield realisiert wurde. Ausgehend von Gottfried Sempers Theorien, werden hier Prozesse und Muster, die Bauten und Designobjekte prägen, nach acht Gesichtspunkten geordnet. Dadurch sieht man, wie neue Technologien das Verbinden leichter Strukturen oder das Schichten schwerer, das Falten dünner und das Giessen weicher Materialien auf ganz neue Weise möglich machen und gleichzeitig Bezüge zu formalen Traditionen offenlegen."

Besprochen wird eine Ausstellung über Shoppingmalls im Architekturmuseum der TU München (Welt).
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Musik

Erstmals seit den 80er Jahren werden wieder Vinylpressen gebaut, berichtet Christian Latz in der taz. Im BR2-Radiofeature befasst sich Roderich Fabian mit dem psychedelischen Popjahr 1966, als die Drogen das Ruder übernahmen. Besprochen wird Jacob Colliers Auftritt beim Montreux Jazz Festival (Freitag).
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Stichwörter: 1966, 80er

Kunst


Untitled, c1975 (Marcia Hare in Memphis Tennessee). Foto: © Eggleston Artistic Trust

Der Fotograf William Eggleston wollte immer, dass seine Porträts für sich stehen, auch wenn man über die abgebildete Person nichts weiß. Doch so indifferent war er den Porträtierten gegenüber gar nicht, meint Laura Cumming im Guardian. Und das zeigt sich nicht nur, weil die National Portrait Gallery in London in ihrer Ausstellung von Egglestons Porträts erstmals die Namen von einigen der Porträtierten hinzugefügt hat: "Look closely at one of the best-known photographs in this show, of a red-haired girl in a flowered dress lying on a cloud of grass, and you may begin to see all its technical complexities. The grass is out of focus, in fact almost nothing is in focus except the shaft of vision from her eyes to ours, and back to her hand holding a rival camera. The beads on her dress, glowing like redcurrants, recede into mist. It is such an ecstatic image that you can't help wondering if the girl meant something special to Eggleston." (Eine weitere Besprechung gibt es in der Zeit).


Georgiana Houghton, Spirit Drawings

Bestaunenswert ist die derzeit in der Courtauld Gallery in London ausgestellte Kunst von Georgiana Houghton, findet Julia Voss in der FAZ: Die Künstlerin ist eine schwer in die Kunstgeschichte eingliederbare Querschlägerin, da sie im 19. Jahrhundert lange vor den Initiatoren der abstrakten Malerei ungegenständlich gemalt hat: Ihresgleichen finde man unter ihren Zeitgenossen nicht, dennoch "blieb Houghton ihrem Weg treu. Je genauer man die Bilder betrachtet, desto mehr staunt man über die irrwitzige Feinheit der Linien, die sich sonst nur in der indischen Miniaturmalerei findet. Houghtons Werke verfügen über eine Tiefenschichtung, die hinter jedem wogenden Strich einen weiteren auftauchen lässt, wie in einem Magnetsturm. Diese Meisterschaft steigerte sie von Bild zu Bild, und sie war stolz darauf. In ihrer Ausstellung von 1871 ließ sie Lupen für die Besucher auslegen."

In einem online nachgereichten Zeit-Artikel begräbt Larissa Kikol die Street-Art, nachdem es die ikonografische Ästhetik dieser subversiven Kunstbewegung mittlerweile sogar schon in die Versandkataloge geschafft hat und zur Lifestyle-Facette verkommen ist: "Das Geheimnis des großen Erfolgs der Street-Art liegt auch darin begründet, dass die sich wiederholende, leicht verständliche und durchaus freundliche Bildsprache von Achtjährigen genauso wie von erwachsenen Kunstlaien oder interessierten Kunstkäufern verstanden wird. ... So wird Urban Art zur perfekten Familienkunst." Enttäuschtes Fazit: "Die absolut netteste Kunstrichtung, die es seit Langem gibt."

"Immer schön, wenn Kunst die Fronten verwirrt", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel, die auch nicht recht schlau aus Ai Weiweis der Berliner Volksbühne entgegen gestreckten Mittelfinger wird, worüber sich gestern auch schon Ulrich Seidler den Kopf zerbrach.

Besprochen werden die Ausstellung "Wolfsburg Unlimited" im Kunstmuseum Wolfsburg (Art) und die Schau "My Truth" der Transgender-Sängerin Anohni, früher Sänger der Band Antony and the Johnsons, in der Kunsthalle Bielefeld (Art).
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