Efeu - Die Kulturrundschau

Dekorative Nichtauseinandersetzung

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27.07.2016. In Bayreuth hat Uwe Eric Laufenbergs "Parsifal"-Inszenierung die Kritiker schockiert: Völlig skandal- und islamkritikfrei, buh! Ein intellektuelles Klangabenteuer bescherte Berliner Zeitung und SZ immerhin Dirigent Hartmut Haenchen. Die FR dreht Löckchen auf Ai Weiweis Stinkefinger. Die NZZ tanzt Salsa zu Alexander Abreus Ballade über einen Reisepass.

Bühne


Jungfrauen für alle! "Parsifal" im Paradies. Foto: © Enrico Nawrath

Unter enormem Polizeischutz und Fernbleiben der Polit-Prominenz hat am Montag in Bayreuth die neue "Parsifal"-Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg Premiere gefeiert. Sein Versuch, Wagners letzte Oper als ein Plädoyer für die Überwindung von Religion hin zu einer friedlichen Gesellschaft auf die Bühne zu bringen, hat aber nicht wirklich eine Idee dazu, meint Manuel Brug in der Welt: "Da gerinnt Texttreue, die sich nichts wirklich traut, zum Obladenbildchen. So wie auch schon der 'Wagner in the Jungle'-Karfreitagszauber mit lauter nackten Ex-Blumenmädchen-Evas im Paradies unter der Regenwalddusche. Oder das Detailpuzzeln davor, mit wahlweise Opa Gurnemanz oder der grauhaarigen Kundry im Rollstuhl. Ein diskussionswürdiger Bayreuther 'Parsifal'. Völlig skandal- und islamismuskritikfrei. Sich von herrschender Inszenierungsgesinnungsmode heilsam frei machend - ohne freilich ein völlig überzeugende, klug geschlossene Interpretationslösung zu bieten."

Das beginnt mit der uninspirierten Chorführung, langweiligen Filmen und Orientstereotypen, klagt Wolfgang Behrens auf nachtkritik.de, "und endet bei einem Karfreitagszauber, der eine Paradieskitschpostkarte mit Tropenpflanzen, im Regen tanzenden nackten Jungfrauen und generationenübergreifender Familienfotoaufstellung präsentiert. Man hofft, dass das wenigstens ironisch gemeint sei - aber was soll es ironisieren?"

Noch fassungsloser über die Regie ist FAZ-Kritikerin Eleonore Büning. Der Reflexionsgrad dieses "Parsifal" falle hinter die letzten Inszenierungen am Hause sichtlich zurück: "Diese katastrophale, blauäugig dekorative Nichtauseinandersetzung mit diesem heiklen Stoff, an diesem auratischen Ort, ist ein Skandal. Und: ein klägliches Versagen."

Großes Lob gibt es dann aber doch - für den kurzfristig eingesprungenen Dirigenten Hartmut Haenchen, dessen Leistung von der Kritik durchweg gefeiert wird. Peter Uehling von der Berliner Zeitung legt die Güte dieser Interpretation ausführlich dar. Im Gegensatz zur Inszenierung des Regisseurs (dessen Arbeit er für "unsinnlich, unspielerisch und unkünstlerisch", wenngleich "nicht gedankenarm" hält) bewege sich der Dirigent "im Rahmen einer entschiedenen Lektüre": Er spare "an Emphase, indem er weniger mit der Harmonie als mit straffer metrischer Struktur gestaltet; für Höhepunkte steht ihm dann die Ausdruckskraft eines ritenuto mit neuartiger Gewalt zu Gebote. Wie von selbst wird unter solcher Leitung auch der Orchesterklang klar und frisch, und das ergibt zusammen mit den ungemein präsenten Chören eine Interpretation auf höchstem Niveau."

Auch Reinhard J. Brembeck hat die Musik sichtlich genossen: "Haenchen formuliert ständig Zweifel an der religiösen Grundierung des 'Parsifal'. Sie ist ihm allenfalls Ausgangspunkt für eine Ästhetik, die eine bis dato völlig neue Klangwelt ermöglicht. So haftet bei Haenchen den vielen Chorälen, Jubelgesängen und Ritualmärschen nie der Ruch von säkularisiertem Gottesdienst an. Die emotionale Entschlackung mag so mancher Zuhörer bedauern, sie macht aber auf hinreißende Weise nachvollziehbar, wie sehr Wagner den 'Parsifal' als ein intellektuelles Klangabenteuer konzipiert hat."

Großes Lob für Haenchen auch von Christian Wildhagen in der NZZ: "Es ist nicht das von Dirigenten wie Knappertsbusch und später von Levine und Barenboim tradierte Mischklang-Ideal der Spätromantik, das heute vom amtierenden Musikdirektor Christian Thielemann in Vollendung zelebriert wird, sondern ein erstaunlich filigraner Klang, der näher bei Mendelssohn, Schumann und einem historisch entschlackten Brahms-Stil steht als bei Strauss und Pfitzner. Das verleiht besonders dem dritten Akt eine Zerbrechlichkeit und kristalline Leuchtkraft, die im entrückten 'Karfreitagszauber' nicht zuletzt die unterschwellige Melancholie dieser Weltentsagungsmusik hervortreten lassen." Weitere Besprechungen in taz und Tagesspiegel.
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Kunst

Geste der Solidarisierung? Ai Weiwei jedenfalls hat der Berliner Volksbühne den Finger gezeigt. Das Bild reiht sich ein in Ai Weiweis Stinkefinger-Serie "Study of Perspective" und hat somit künstlerischen Wert, weiß Ulrich Seidler in der FR. Brüskierende Geste und Kunst ergeben auf diese Weise ein hübsches Ebenen-Kuddelmuddel, schreibt er weiter: "Der apolitische Titel soll die vermeintlich unmissverständliche Geste im Handumdrehen wieder aushöhlen. Was wiederum ein politischer Akt ist: Ein dialektischer Fingerzeig, bei dem die Deutungsrichtungen kurzgeschlossen werden, schnell auf Touren kommen und beredt verpuffend durchbrennen. Nochmal einen Schritt zurück: Es ist Ai Weiweis Finger. Und er streckt ihn (angeblich nicht) aus, um jemanden zu beleidigen. Fragt sich, wessen Ehre genau er da (nicht) verletzen möchte. Die des Hauses selbst? Kann ein Haus, selbst ein von Arbeitern finanziertes, eine Ehre haben? Hm."

Weiteres: Das Jüdische Museum in Frankfurt erhält Moritz Daniel Oppenheims Bild "Moses und die Gesetzestafeln" als Dauerleihgabe, berichtet Claus-Jürgen Göpfert in der FR.

Besprochen wird Stefan Hankes Porträtreihe "KZ überlebt" im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg (FAZ).
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Film

In der NZZ gibt sich Björn Hayer ganz der Nostalgie hin und erzählt vom "Glanz und Untergang des Autokinos", dieses Ortes, an dem man einst "gemeinsam allein" sein konnte, "für sich und doch Teil eines visuellen Ganzen, in das man eintaucht, wenn man sich denn nicht von andrem ablenken lässt. Doch gerade diese Möglichkeit macht das reizvolle Spiel dieser Topografie aus. Sie ist ein Ort des stillen Voyeurismus, des Beobachtens und Gesehenwerdens, ein Ort der Nähe und Distanz gleichermaßen."

Weitere Artikel: Rolf Leonhard berichtet in der taz vom Filmfestival in Odessa. Die Bavaria in München will sich für das digitale Zeitalter neu aufstellen, berichtet Thomas Magenheim-Hörmann in der FR. Für die SZ spricht Roswitha Budeus-Budde mit Hayfa Al Mansour über deren Film "Das Mädchen Wadjda".

Besprochen wird der erste Teil von Miguel Gomes' "1001 Nacht", den Silvia Hallensleben von der taz für einen "beglückenden Höhepunkt des europäischen Kinos" hält (mehr zu dem Film hier), und Gianfranco Rosis Berlinale-Gewinner "Seefeuer" über die Situation der Flüchtlinge in Lampedusa (SZ, FAZ, mehr dazu in unserer Kritik).
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Musik

Knut Henkel lässt sich in der NZZ von der Salsa des kubanischen Trompeters Alexander Abreu und dessen zwölfköpfiger Band D'Primera mitreißen: "Die Salsa-Ballade greift die Bedeutung des Reisepasses, fehlende Perspektiven und die Zensur auf. 'Der Pass ist eben die Eintrittskarte in die große Welt, die uns Kubanern seit ein paar Jahren neue Optionen eröffnet', erklärt Abreu."

Weiteres: Franziska Buhre spricht für die taz mit dem Jazz-Saxophonisten Mats Gustafsson. In der SZ porträtiert Andrian Kreye den Jazz-Schlagzeuger Antonio Sánchez, der sich für den fiebrigen "Birdman"-Soundtrack verantwortlich zeichnete und jetzt auf Tour kommt.
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Stichwörter: Salsa

Literatur

In der NZZ stellt Thekla Dannenberg die kenianische Autorin Yvonne Owur vor, die mit ihrem Roman "Der Ort, an dem die Reise endet" zu "einer der wichtigsten Stimmen Kenyas [wurde]. Sie gehört zu jenen Autoren, die selbstverständlich in Englisch schreiben. 'Ich bin mit Englisch aufgewachsen. Das war mein Zugang zur Welt und zur Literatur. Es ist meine Sprache. Sie gehört mir, und ich gestalte sie.' Zwar berichtet Owuor voller Sympathie und Enthusiasmus vom Kollektiv Jalabani, das Ngugis Erzählungen in alle Sprachen Afrikas übersetzt, doch der Kampf um Anerkennung regionaler Sprachen, für die der auf Kikuyu schreibende Ngugi wa Thiong'o noch ins Gefängnis ging, ist nicht der ihre. Englisch ist für sie auch das Gegenmittel zum Partikularismus."

Weiteres: In Bad Säckingen erhält der Dichter Joseph Victor von Scheffel endlich "ein schnuckeliges, pfiffiges Literaturmuseum im zitronengelben, manchmal schon fast zu lustigen Pop-Design", meldet Martin Halter in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Michael Blatters und Valentin Groebners Essay über "Wilhelm Tell" (NZZ), Mohsin Hamids Essayband "Es war einmal in einem anderen Leben" (NZZ), Marie Malcovatis Debüt "Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte" (FR), Juan Gabriel Vásquez' "Die Reputation" (FAZ) und eine Neuausgabe von Apuleius' "Amor und Psyche" (SZ). Mehr auf Lit21, unserem literarischen Metablog.
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Architektur



Angeregt durch eine Ausstellung in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn bewundert NZZ-Kritikerin Bettina Maria Brosowksy Hermann von Pückler-Muskaus Gartenkunst und erkennt darin ein politisches Weltmodell. "Pücklers politischer Blick sieht in der harmonischen Dynamik eines Parks auch das künstlerische Modell einer sich erneuernden Gesellschaft. Es sind jedoch vorrangig sein eigener Lebensentwurf, seine kosmopolitische wie pantheistische Weltsicht, die Pückler gleichnishaft in die Landschaft setzt."
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