Efeu - Die Kulturrundschau

Käfer 130 kollidiert

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19.07.2016. In der FAZ sucht Clemens Setz einen neuen Job. SZ und NZZ sagen traurig Servus zum weltweit geschätzten Klangkörper des SWR Sinfonieorchesters. Die NZZ vertreibt sich die Zeit mit dem Betrachten von 500 Maikäfern. Die FAZ beugt sich über die zwei linken Füße Goethes. Christoph Hochhäusler kritisiert in seinem Blog das kleinbürgerliche Missionars-Klischee in Maren Ades "Toni Erdmann". Die Welt feiert den Dandy kongolesischer Art.

Kunst


Hiroshi Sugimoto, Polar Bear, 1976, Courtesy: Gallery Koyanagi © Hiroshi Sugimotobilder

Eine Ausstellung über die Zeit? Die Diskrepanz zwischen echter und gefühlter? Das ist anregender als erwartet, liest man Ursula Seibold-Bultmanns Kritik über die Ausstellung "EchtZEIT" im Kunstmuseum Bonn. "Der deutsche Künstler Jan Schmidt (geb. 1973) hat im Jahr 2002 fünfhundert Maikäfer durchnummeriert', erzählt sie an einem Beispiel in der NZZ, 'und lässt sie in einem 105-minütigen Video einzeln auf die Spitze eines kahlen Astes krabbeln, von wo sie dann jeweils abheben in die grüne Weite der Natur. Jeder Käfer entwickelt sein eigenes Tempo dafür, und bei jedem fragt man sich gespannt, ob er es auch schaffen wird, in die Luft zu kommen. Käfer 119 hat Mühe mit dem Flügelschlag, Käfer 123 verliert beim Start seine Nummer, die Käfer 127 und 129 ruhen nach Ankunft auf der Astspitze erst einmal aus, Käfer 130 kollidiert auf seinem Weg nach oben mit einer kleinen Spinne und so weiter.'"



In der FAZ-Kunstserie über gute Bilder schlechter Künstler (oder wahlweise umgekehrt) nimmt sich Felix Krämer vom Städel Museum Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins Goethe-Porträt vor, das Goethe zwei linke Füße andichtet. Wahrscheinlich wurde der Fuß nachträglich angepappt, räumt Krämer ein: "Nichtsdestotrotz macht der Kontrast von Tischbeins hemmungsloser Schwärmerei für das Dichter-Idol und der eklatanten handwerklichen Schwäche des Gemäldes, die im Widerspruch zu der Überhöhung des Helden steht, die besondere Qualität des 'Goethe in der Campagna' aus."

Weiteres: Im Freitag spricht Gina Bucher mit der Künstlerin Andrea Éva Győri, die für die Manifesta Frauen bei der Masturbation gezeichnet hat.

Besprochen wird die Manet-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (SZ, mehr dazu zuvor in der FAZ).
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Film

Der Konsens, auf den Maren Ades "Toni Erdmann" bei Kritik und Publikum stößt, ist bemerkenswert. In seinem Blog geht der Regisseur Christoph Hochhäusler auf jene Punkte ein, die ihn an diesem dennoch "unbedingt sehenswerten" Film gestört haben: Etwa "die Motivlinie der Eigentlichkeit. Die Unternehmenswelt nimmt wenig überraschend die Rolle des Entfremdeten ein, während das Echte sich natürlich im 'primitiven' und 'ursprünglichen' Rumänien findet und ein wenig noch in den Scherzen des Vaters, die aber nicht umsonst erst über den Umweg der titelgebenden Kunstfigur ganz zu sich kommen. Dieser Gegensatz - die Falschen gegen die Echten - ist ein kleinbürgerliches Missionars-Klischee letztendlich."
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Musik

Mit einem "berührenden, aber niemals falsch pathetischen Abend" hat sich das SWR Sinfonieorchester vor der vom Intendanten Peter Boudgoust verordneten Fusion mit dem zweiten Orchester des Südwestrundfunks von seinem Publikum verabschiedet, schreibt ein ergriffener Michael Stallknecht in der SZ und weist nochmal nachdrücklich darauf hin, was für ein "Desaster" die Verschmelzung beider Orchester darstellt. Zwar lege man auch künftig "Wert auf zeitgenössische Kompositionen und das Engagement für Donaueschingen. Der Untergang eines Symbols der Moderne ist es dennoch. Und für den Sender dürfte sich die Fusion kurzfristig nicht einmal ökonomisch auszahlen. Da man Kündigungen vermeiden wollte, wird das neue Orchester viel zu groß sein. Die anvisierte Plangröße soll über Pensionierungen entstehen, was zu einer schleichenden Überalterung des neuen Orchesters führen dürfte."

Wehmütig sagt auch Georg Rudiger in der NZZ Servus zu dem Orchester, das in Freiburg sein letztes Konzert gab: "Es sollte kein weinerlicher Abschied werden, sondern eine letzte selbstbewusste Präsentation dieses weltweit geschätzten Klangkörpers, der vor allem im Bereich der neuen Musik Maßstäbe gesetzt hat."

Weiteres: Elisabeth Richter berichtet in der NZZ über das vierzigste "Rencontres musicales" in Evian. Besprochen werden Peter Zinovieffs "Electronic Calendar - The EMS Tapes" (NZZ) sowie neue Alben von Róisín Murphy (taz), Jake Bugg (FR) und Badbadnotgood (Pitchfork) sowie Konzerte von Rihanna (FR, FAZ) und Marius Müller-Westernhagen (FAZ).
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Archiv: Musik

Literatur

Im Interview mit der FAZ denkt der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz angesichts seiner Finanzlage über Konsequenzen nach: "Ich muss nicht aufhören zu schreiben. Das ist ja ein Hobby, eine Leidenschaft, und es gibt keinen Grund, ihr nicht zu folgen. Aber eine Frage, die ich mir wirklich gerade stelle, betrifft das Veröffentlichen und Geldverdienen mit dem Schreiben und ob das noch länger so gehen kann. Mir scheint, es geht eher nicht mehr so lange. Es sei denn, ich nehme irgendwelche Stipendien an, aber das möchte ich nicht."

Besprochen werden Bilal Tanweers Debütroman "Die Welt hört nicht auf" über ein Bombenattentat in Karachi (NZZ), Warlam Schalamows "Wischera. Antiroman" (ZeitOnline), Goran Vojnovics "Vaters Land" (online nachgereicht von der FR), Mojgan Ataollahis "Ein leichter Tod" (Tagesspiegel), Bernhard Aichners Krimi "Interview mit einem Mörder" (Welt), Irmgard Keuns wiederveröffentlichter Roman "Kind aller Länder" (Tagesspiegel), Hildegard Baumgarts Biografie über Bettine und Achim von Arnim (Tagesspiegel) und eine Ausstellung über die Beatniks im Centre Pompidou (taz). Mehr aus dem literarischen Leben in unserem fortlaufend aktualisierten Metablog Lit21.
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Bühne

In der taz blickt Annette Walter auf die langsam zu Ende gehende erste Saison an den Münchner Kammerspielen unter Matthias Lilienthal zurück. Das Haus wirke jetzt "jünger, fragmentarischer, subversiver. ... Seine Kritiker wird das nicht besänftigen, sie eint die Sehnsucht nach Vertrautem: konventionelles Sprechtheater und Bühnenprotagonisten, mit denen man mitfühlen kann, am besten möglichst nahe am Originaltext. Dieselben Kritiker verkennen leider, dass München in Sachen Pop mittlerweile den Anschluss an Köln, Berlin und Hamburg verloren hat und ein kontroverses, von jungen Leuten besuchtes Theater deshalb wichtig ist für die Stadt."

Rundum zufrieden kehrt Hans-Klaus Jungheinrich vom Festival "Rossini in Wildbad" nach Hause: Was für ein "Belcanto-Mekka", jubelt er in FR, "wer erinnert sich noch an die Kassandras, die vor einem halben Jahrhundert den Tod der Gesangskunst an alle Wände malten?"

Besprochen werden der Abschluss des Berliner Foreign-Affairs-Festivals mit Forced Entertainment (taz, Tagesspiegel) und eine beim Mannheimer Mozartsommer gezeigte "Idomeneo"-Inszenierung (FAZ).
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Design


Daniele Tamagni, Lalhande The Young; Fotografie, Brazzaville 2007 © Daniele Tamagni/Schwules Museum

Anlässlich einer Ausstellung im Berliner Schwulen-Museum denkt Tilman Krause in der Welt über den Dandy in der Zeit der Internetplattformen, Blogs und Chatcommunitys nach und stellt fest: "Die überzeugendsten Dandys leben jetzt im Kongo. ... Im Hauptberuf arbeiten sie als Müllkutscher, Taxichauffeure oder Handwerker im urbanen Dschungel von Brazzaville. Aber am Wochenende, da drehen sie richtig auf, feiern Schönheitswettbewerbe, machen Musik, frei nach dem Vorbild des schwarzen Urdandys Miles Davis, und tanzen. Sie haben eben begriffen: Dandy sein ist nur eine von den sozialen Rollen, die der moderne Mensch sich anzueignen hat. Worauf es ankommt, ist heute eben nicht mehr, ein geschlossenes Ich zu haben und zu kultivieren, sei es als Dandy, Bürger, Bohemien oder Proletarier, sondern sich als Rollenspieler zu bewegen."
Archiv: Design
Stichwörter: Dandy, Kongo