Efeu - Die Kulturrundschau

Kunst verändert nichts

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.06.2016. Der Standard blickt von außen auf die Grenzen Europas. Tagesspiegel und taz kommen ganz verzaubert aus einer märchenhaften "Cendrillon"-Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin. Die NZZ liest Ali Smith. Der Guardian lernt mit Herzog und de Meuron den Betonbunker zu lieben. Critic.de sucht das subversive Moment von Kommissar X.

Kunst


Kader Attia: "Man in Front of the Sea" (2009). Galerie Krinzinger Wien

Nicht nur unter aktuellen Gesichtspunkten funktioniert für Anne Katrin Feßler im Standard die Ausstellung "Where Are We Now?" im Franz Josefs Kai, die den parallelen Verlauf von Globalisierung und Abschottung thematisiert: "Das Foto einer Wärmebildkamera, das die mexikanische Grenze bei Nacht zeigt, gehört zu den bewegenden Arbeiten zum Thema Migration. Stark ist auch Kader Attias an Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer gemahnendes Foto eines Mannes, der von den algerischen Wehranlagen zu den westwärts fahrenden Schiffen blickt. Masha Poluektova hat statistische Daten über die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer in eine berührende Installation übersetzt: Die Zahl der Opfer variiert die Höhe der Sockel, die Bilder von Vermissten - auf Seealgenpapier gedruckt - tragen."

Sehr verärgert kommt Till Briegleb in der SZ von der "entdeckungsarmen" Manifesta in Zürich zurück: Trotz ihres Themas - die Künstler sollten sich von den Berufen ausgewählter Zürcher Gastgeber inspirieren lassen - handelt es sich um "eine nahezu vollständig unpolitische Biennale... Von den versteckten Konflikten einer angespannten Gesellschaft ist eigentlich nur dort etwas zu spüren, wo vorsichtig am Status der reichen Vornehmheit gekratzt wird."

Besprochen werden neue Bildbände aus der afrikanischen Fotoszene (taz), die im Neuen Berliner Kunstverein gezeigten Videoarbeiten von Elizabeth Price und Clemens von Wedemeyer (Tagesspiegel), die Installation "Those that are near. Those that are far" von Walid Raad und dem SITU Studio in der Synagoge Stommeln (SZ) und Gülsün Karamustafas Ausstellung "Chronographia" im Hamburger Bahnhof in Berlin (FAZ, mehr dazu im gestrigen Efeu).
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Film

In einer als Alternative zur Berlinale-Retrospektive dieses Jahres konzipierten Textreihe über das BRD-Kino des Jahres 1966 schreibt Ulrich Mannes auf critic.de über Rudolf Zehetgrubers und Gianfranco Parolinis "Drei gelbe Katzen" aus der seinerzeit populären "Kommissar X"-Reihe, die eine Art deutsche Antwort auf James Bond darstellte: Darin werde "gekämpft und getrickst, kombiniert und räsoniert, es kommt zu halsbrecherischen Kampfszenen, zu atemberaubenden Stunts, zu Explosionen und zu heißen Flirts ... Nur auf Elemente der Verblüffung oder gar Subversion wartet man vergeblich." Entsprechende Sensationen werden einem in diesen Ausschnitten geboten.

Außerdem schreibt Nino Klinger auf critic.de über "Reifezeit" von Sohrab Shahid Saless, den das Berliner Zeughauskino heute Abend im Rahmen seiner großen Werkschau zeigt.

Besprochen werden eine dem britischen Trickfilmstudio Aardman gewidmete Ausstellung im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt (FR, FAZ) und die neue Episode von "Game of Thrones" (ZeitOnline).
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Literatur

In der NZZ liest Renate Wiggershaus Ali Smith' neuen Roman "Beides sein", der Frührenaissance und Gegenwart verbindet und dem sie unter anderem die dialektische Einsicht entnimmt: "Kunst verändert nichts, das aber so, dass sich etwas verändert."

Weiteres: Bereits am Samstag brachte die NZZ Nico Bleutges Dankesrede zur Verleihung des Alfred-Kerr-Preises, in der der Lyriker eine größere Präsenz von Gedichten in den Feuilletons forderte. Lars von Törne vom Tagesspiegel hat die (im wesentlichen ergebnislose Diskussion) im Berliner Abgeordnetenhaus über eine eigenständige Förderung der Comickultur besucht. Frauke Meyer-Gosau resümiert in der SZ das Berliner Poesiefestival. Die FAZ dokumentiert Uwe Tellkamps umfangreiche, bei den "Zauberberg"-Vorlesungen in Augsburg gehaltene Rede. Volker Müller (Berliner Zeitung), Jens Bisky (SZ) und Dietmar Dath (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Hermann Kant in der SZ zum Neunzigsten.

Besprochen werden Charles Lewinskys "Andersen" (SZ) und neue Krimis (FR).
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Architektur


Switch House und Tate Modern. Bild: Hayes Davidson, Herzog & de Meuron

Am Wochenende eröffnet die Tate Modern mit ihrem neuen Anbau von Herzog & de Meuron, für den sich der Guardian gar nicht genug begeistern kann. Heute schwärmt noch einmal Adrain Searle über das Switch House: "Dieser ganze schräge und verwinkelte Beton erinnert an Ken Adams Filmarchitektur für die Bond-Filme oder an Doktor Seltsams Bunker. Man spürt die Luft über einem und die Welt darunter und glaubt, dass etwas Besonderes passieren wird."

Mit größtem Interesse liest Jochen Schmidt in der taz den Katalog zu Gabriela Burkalters Ausstellung "The Playground Project" über den Spielplatz als Ort architektonischer Gestaltung (mehr dazu auch auf ihrer Website). Für die FAZ besucht Antje Stahl das neue, von außen mangels Fenster recht verschlossen wirkende Schaudepot, das Herzog & de Meuron für Vitra in Weil am Rhein konzipiert hat.
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Musik

Für eine große Pitchfork-Reportage hat Marisa Aveling der kubanischen Musikszene einen Besuch abgestattet. Für The Quietus unterhält sich Luke Turner mit Cats Eyes. In der SZ spricht Juliane Liebert mit dem Schlagzeuger Hal Blaine. FAZ-lerin Rose-Maria Gropp gratuliert Gianna Nannini zum Sechzigsten. In der Welt macht sich Richard Kämmerlings mit dem neuen Album "Why Are You OK" der Band of Horses und großer Freude am Eskapismus auf "eine Reise aus dem Alltag hinaus, in die Vergangenheit, die Natur, in einen verborgenen Winkel der eigenen Seele".

Besprochen werden die Wiederveröffentlichung von Holger Czukays Solodebüt aus dem Jahr 1979 (Pitchfork), das neue Album von Raime (Jungle World), ein Auftritt von AnnenMayKantereit (FR) und neue Metal-Veröffentlichungen (The Quietus).
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Bühne


Massenets "Cendrillon" an der Komischen Oper. Foto: Monika Rittershaus

Mit Damiano Michielettos Inszenierung von Jules Massenets in Deutschland ausgesprochen selten gespielter Oper "Le Cendrillon" hat sich die Komische Oper einen echten Kritikerliebling ins Programm geholt. Für die Inszenierung hat der Regisseur die Aschenputtel-Geschichte in eine Ballettschule verlegt und damit gelinge es ihm, "aus dem altbekannten Märchenpersonal echte Menschen zu machen, Charaktere, deren Gefühle den Zuschauer wirklich interessieren", schwärmt Frederik Hanssen im Tagesspiegel: "Eine packende, heutige Deutung, die das Werk ernst nimmt, alle Bewegungen organisch aus dem Geist der Musik entwickelt." Auch Niklaus Hablützel in der taz ist begeistert von diesem "märchenhaft guten" Abend, der ihn umso mehr bedauern lässt, dass Dirigent Henrik Nanasi das Haus bald verlassen wird: "Nanasi lässt nichts aus in diesem geistreichen, präzise in Tempo und Lautstärken abgemessenen Universum musikalischen Könnens. Er nimmt das souveräne Handwerk ernst, das Orchester spielt wunderbar transparent und klar den Reichtum des vergessenen Werkes aus, das bei Wikipedia noch nicht einen Artikel gefunden hat. Nanasi hat es mit seiner genauen und durchdachten Arbeit der Opernwelt zurückgebracht." Für die FAZ bespricht Martin Wilkening die Inszenierung.

Besprochen werden Barrie Koskys "Carmen"-Inszenierung in Frankfurt (Tagesspiegel), David Martons Inszenierung von "Figaros Hochzeit" an den Münchner Kammerspielen (FR), Verdis "Macbeth" von Christian Räth und Simone Young an der Wiener Staatsoper (Standard), Demis Volpis "Salome"-Choreografie in Stuttgart (eine "so bunte wie einfallslose Zeitschinderei", beklagt sich Eva-Elisabeth Fischer in der SZ, Manuel Brug stellt sich in der Welt ungefähr so eine "Sexorgie unter schwäbischen Spießern" vor), Alexej Parims Studie "Paradigmen der russischen Oper" (FAZ), der Abschluss des Holland-Festivals in Amsterdam mit Tschaikowski- und Andriessen-Aufführungen (FAZ) und neue, beim Festival Theaterformen in Braunschweig gezeigte Stücke, darunter insbesondere Toshiki Okadas "God Bless Baseball" (SZ).
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