Efeu - Die Kulturrundschau

Nichts wirkt künstlich hier

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13.06.2016. In der FAZ erlebt Najem Wali einen Literaturworkshop für Frauen in Basra als eine Welt gellend vor Freude und Freiheit. Die taz geht mit der Künstlerin Gülsün Karamustafa lieber doch nicht ins Hamam. Die SZ erlebt bei einer "Pique Dame" in Amsterdam einen extra schwarzen Sieg der Vernunft. Die Welt betrachtet noch einmal die Bilder von der Berliner Mauer. In der Berliner Zeitung erinnert Wolfgang Müller an das Berliner Nachtleben der achtziger Jahre am Kotti. Im Standard fragt Tex Rubinowitz, warum die Briten eigentlich immer so schreien.

Bühne


Extra schwarz: Tschaikowskys "Pique Dame" an der Niederländischen Nationaloper.

"Vor allem Wladimir Putin wird das gar nicht gefallen", freut sich Manuel Brug in der Welt über Stefan Herheims hervorragende Amsterdamer Inszenierung der "Pique Dame", die der norwegische Regisseur zusammen mit Mariss Jansons auch als Geschichte Tschaikowskys erzählt: "Ein Requiem für einen schwulen Komponisten. Opulent, düster und tragisch. Mit allen Konsequenzen."In der SZ bewundert Reinhard J. Brembeck, wie es den beiden gelingt, die verstörenden Tiefenstrukturen der Oper offenzulegen: "Es siegt die Vernunft. Doch dieser Sieg wird vom Orchester als die größte denkbare Katastrophe in einem Menschenleben kommentiert: Jansons rührt die Klänge noch extra schwarz und fatalistisch an, der religiöse Schlusschoral kann dagegen kaum Trost spenden. Kein Wunder, dass Tschaikowsky nach diesem Pyrrhussieg tot auf der Bühne liegt." Mehr dazu im Tagesspiegel.


Verjüngt und liebevoll demontiert: "Figaro" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Christian Friedländer.

"Nichts wirkt künstlich hier, alles ist echt. Der große Mozart, heruntergebrochen auf das kleine, nackte Leben", ruft Marco Frei in der NZZ voller Begeisterung über David Martons "Figaro"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen unter Matthias Lilienthal: "Die Opernnummern werden fast schon zu Performances oder zu quasiimprovisierten Lesungen, und manche Szenen ähneln Installationen - alles sinnlich und spielfreudig."

Zum Auftakt der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin gab es die von Nicolas Charaux inszenierte Uraufführung von Stefan Hornbachs "Über meine Leiche", in dem das Drama eines krebskranken Mannes auf Slapstick umgestülpt wird. "In puncto Kunst" sei da noch, bemerkt Christine Wahl vom Tagesspiegel, "Luft nach oben". Auch die Regie erweise sich "im szenischen Auspendeln zwischen Tragik und Komik nicht hundertprozentig geschmackssicher." Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung hat das Stück lieber gelesen als gesehen, wie er schreibt. "Die existenzielle Kraft, die einen beim Lesen anspringt, verpufft auf der Bühne."

Weiteres: In der SZ bringt Thomas Hahn Hintergründe zur beim zweiten Anlauf offenbar endgültigen, fristlosen Entlassung von Intendant Sewan Latchinian am Rostocker Volkstheater: "Diese Entlassung ist das Ende eines großen Missverständnisses."

Besprochen werden Francis Poulencs "Dialogues des Carmélites" in Mainz (FR, FAZ), Sebastian Baumgartens Stuttgarter Inszenierung von Gogols "Tote Seelen" (FAZ, Nachtkritik), das Stück "Der nackte Felsen" bei den Ruhrfestspielen (Nachtkritik), Demis Volpis "Salome"-Choreografie nach Oscar Wilde am Staatstheater Stuttgart (NZZ).
Archiv: Bühne

Musik

In der Berliner Zeitung erinnert der Subkulturhistoriker Wolfgang Müller an das Berliner Nachtleben der Achtziger: "Einer dieser Treffpunkte war das Bierlokal Rote Rosen nahe des aktuell skandalisierten Kotti. Auch heute noch wird gegen fünf Uhr der Getränkeausschank für eine Stunde unterbrochen, der Boden gewischt und die WCs gereinigt - und weiter geht's... Dass Kreuzberg durch den extremen Zulauf Vergnügungssüchtiger aus aller Welt aktuell auch eine entsprechende Zunahme von Taschendieben, Kriminellen und - nicht zu vergessen - schamlosen Mieterhöhungen verzeichnet, ist hässlich, und Beweis für boomendes Nachtleben."

Besprochen werden Xenia Rubinos' "Black Terry Cat" (Tagesspiegel), das Debütalbum "55" der Bacao Rhythm & Steel Band (taz), das erste Deutschlandkonzert der Sängerin Lafawndah (ein "durchweg erstaunlicher Abend", schwärmt Jens Balzer in der Berliner Zeitung), der Auftakt der Musikfestspiele Potsdam mit dem Ensemble Les Ambassadeurs (Tagesspiegel), ein Mahler-Konzert des Ensemble Mini unter Joolz Gale (Tagesspiegel), ein von Dmitrij Kitajenko dirigiertes Konzert (Tagesspiegel) und ein Konzert von Die Heiterkeit (FAZ).

Und Jan Feddersen gratuliert Esther Ofarim in der taz zum 75.
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Kunst


Gülsün Karamustafas "Chronographia". Ausstellungsansicht im Hamburger Bahnhof.

In der taz porträtiert Sophie Jung Gülsün Karamustafa, "eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen aus der Türkei", der der Hamburger Bahnhof in Berlin derzeit eine große Einzelschau widmet. Besonders einprägsam findet Jung, wie Karamustafa in ihrer Arbeit 'Anti Hamam Confessions' die Verknüpfung von Fantasie und Realität in der Türkei aufdeckt: "'Im Hamam', sagt sie darin mit ruhiger Stimme aus dem Off, 'tragen die Frauen seidene Kleider und gemusterte Tücher', und baut mit ihren Worten entlang der kargen Bilder ein orientalistisch-erotisches ­Fantasma vor dem inneren Auge auf (nackte Frauen, Perlmutt-Ornamentik, silberne Wasserschalen, Moschus-Seife), um dann zu gestehen: 'In meinem ganzen Leben war ich nie in einem Hamam.'"

So schrecklich hat Welt-Kritiker Michael Pilz die Berliner Mauer selten gesehen wie in den Bildern, die Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer für ihr Foto-Projekt "Inventarisierung der Macht" im Haus am Kleistpark zusammengetragen haben. Die Fotos wurden 1964 von Grenzschützern selbst gemacht: "Es ist ein Krieg einer Generation gegen sich selbst, der jugendliche Knecht der DDR erschießt den Jugendlichen, der kein Knecht der DDR mehr sein will. 'Hatte es ein Flüchtling geschafft, alle Sperren zu überwinden, stand er am Ende nur noch der Mauer und dem Postenpaar gegenüber. Das musste entscheiden, ob - und wenn ja, wohin - es schoss. Misstrauen, Angst, Stumpfsinn, Sadismus und Fehler, selten wirkliche politische Überzeugung führten zu den Schüssen auf Flüchtlinge.'"

Weitere Artikel: Die neue Cité du Vin in Bordeaux hat Marc Zitzmann in der NZZ nicht sonderlich beeindruckt, Humor und Feinsinn hat er anderswo suchen müssen, aber in der Ausstellung des Künstlers Nicolas Boulard des Fonds régional d'art contemporain Aquitaine auch gefunden: "Ein kleines Juwel an Phantasie und Impertinenz." Für den Tagesspiegel besucht Nicola Kuhn die Manifesta in Zürich (mehr dazu im Efeu vom letzten Samstag). Die FAZ hat Andreas Rossmanns Besprechung der Ausstellung in Essen von Erich Grisars Fotografien aus dem Ruhrpott am Ende der Weimarer Republik (mehr dazu hier) online nachgereicht und für die Netzveröffentlichung hübsch aufbereitet. In der SZ würdigt Willibald Sauerländer Aby Warburg, der vor 150 Jahren geboren wurde.

Besprochen wird eine Ausstellung zu Henri Rousseau im Musée d'Orsay ("ein wunderbarer Parcours", schreibt Helmut Mayer in der FAZ).
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Film

Besprochen wird Constantin Wulffs Kinderpsychiatrie-Dokumentarfilm "Wie die anderen" (SZ).

Und ein Tipp aus den Mediatheken: Klaus Lemkes schönen Berlin-Kreuzberg-Film "Kein großes Ding" von 2014 kann man derzeit beim ZDF in voller Länge sehen. In der Hauptrolle: Der völlig unvergleichlich nach vorne los quasselnde Experimentalmusiker Thomas Mahmoud - was für eine Entdeckung!
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Stichwörter: Klaus Lemke, Mediatheken

Literatur

In der FAZ berichtet der deutsch-irakische Schriftsteller Najem Wali von einem Prosaworkshop für Frauen, den er in Basra in Zusammenarbeit mit einer deutschen Initiative durchgeführt hat. Dass ihn diese Erfahrung beeindruckt hat, ist fast noch untertrieben: "25 Frauen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Alters übten sich in der Kunst der Enthüllung und zuweilen auch Beichte und praktizierten, auch wenn sie zuweilen unterschiedlicher Meinung waren, dabei Rituale eines friedlichen Zusammenlebens und gegenseitiger Sympathie. Damit waren sie denkbar weit entfernt von jeglichem Extremismus im Handeln oder Denken, akzeptierten einander und schufen eine Welt der Reinheit und Liebe, eine Gegenwelt zu der verrückten, die außerhalb des Workshops herrschte: eine Welt, gellend vor Freude und Freiheit, eine Welt, in welcher der Druck der Gesellschaft, der Religion, der Sippe oder der Armee keinen Platz hatte..."

In einem langen Interview mit der Berliner Zeitung plädiert der Thrillerautor Don Winslow für die Legalisierung von Drogen: "Der Krieg gegen die Drogen hat großen Schaden angerichtet, mehr als die Drogen, gegen die er geführt wird. Eine Trillion Dollar wurde dafür ausgegeben, 2,3 Millionen Menschen sitzen im Gefängnis, dazu die Rassenkonflikte, die Militarisierung der Polizei, die Leben von Generationen von Afroamerikanern und Hispanics wurde zerstört."

Im Standard schreiben Tex Rubinotwitz und Thomas McMullan über London, wohin das österreichische Kulturinstitut die beiden Schriftsteller geladen hatte. Rubinowitz konnte die Stadt überhaupt nicht leiden: "Jemand im Institut meinte, die Stadt sei antsy, ameisig, das bezeichnet aber etwas anderes, das meint kribbelig, elektrisiert, das wäre ja etwas Interessantes, kribbelig ist hier aber gar nichts, auch wenn sich London oder die Londoner so definieren würden, es ist nur gärender Stress hier, und der muss kompensiert werden durch aggressive Lärmfolter."

In der NZZ beschwört Adolf Muschg den Mythos des Gotthard: "Ist er überhaupt ein Berg? Oder ein Pass? Er ist auch ein Wasserschloss - am Gotthard sind die Ströme Europas noch als Wildbäche zu besichtigen. Das ist unser Stolz, zugleich unsere Sorge: Wenn wir uns da mitreißen liessen, wo kämen wir hin?"

Weitere Artikel: Für die FAZ hat Michael Bischoff Hanif Kureishis kürzlich im Guardian veröffentlichten Essay über Selbstzweifel und Schreibpraxis übersetzt. Judith von Sternburg berichtet in der FR von einer Veranstaltung mit Herta Müller beim Frankfurter Festival Literaturm. In der SZ verdreht Volker Breidecker unterdessen genervt die Augen angesichts des großspurigen Mottos "der entgrenzte Text", unter dem das Festival stattfindet. Im Logbuch Suhrkamp schickt Matthias Jügler Post aus Usbekistan.

Der Dichter Jan Wagner gratuliert im Tagesspiegel seinem Kollegen Richard Pietraß zum Siebzigsten. Dazu passend schreibt Sebastian Kleinschmidt in der online nachgereichten Frankfurter Anthologie über Pietraß' Gedicht "Mistkäfer".

Besprochen werden die Wiederveröffentlichung des argentinischen Comicklassikers "Eternauta" von Héctor Germán Oesterheld (Jungle World), Jakob Heins "Kaltes Wasser" (taz), Warlam Schalamows "Wischera" (Tagesspiegel), Jan Snelas Erzählband "Milchgesicht" (Tagesspiegel), Michael Köhlmeiers "Das Mädchen mit dem Fingerhut" (Zeit), Jan Snelas Erzählband "Milchgesicht" (SZ) und neue Kriminalromane, daruner neue von Gianrico Carofiglio (FAZ).
Archiv: Literatur